Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zum Volkstrauertag über Matthäus 5,9

Pfarrer Johannes Schultheiß (ev)

16.11.2014 in der Christuskirche in Bad Heilbrunn

Selig sind die Friedfertigen;1 denn sie werden Gottes Kinder heißen.

Matthäus 5,9

Liebe Gemeinde,

wir haben einen Tag der Arbeit, einen Tag der Wiedervereinigung, einen Welttierschutztag und Weltspartag, einen Muttertag und einen Volkstrauertag. Beim Frühstücksgespräch mit Jugendleitern nach unserer Kirchenübernachtung ist mir heute Morgen erst richtig bewusst geworden, wie fremdartig dieser staatliche Feiertag für unsere Jugend ist.

Volkstrauertag – ein Volk trauert. Tatsächlich? Trauern wir Deutsche heute wirklich? Auf der einen Seite hat fast jede deutsche Familie mindestens ein Familienmitglied in den beiden Weltkriegen verloren. Auf der anderen Seite wären die meisten Opfer mittlerweile auch eines natürlichen Todes gestorben.

Der Name Kriegsgedenktag oder besser Friedensmahntag erscheint mir treffender für das, was heute landauf, landab an den Kriegsdenkmälern geschieht: Der Bürgermeister oder ein Pfarrer hält eine Rede, ein Gebet wird gesprochen, ein Kranz wird niedergelegt und dazu feierliche Musik.

Jüngst wurde die Debatte darüber, was wir da tun wieder entfacht durch die Diskussion über die Böller. Kriegsspielwaffen sind keine geeigneten Mittel um dem Frieden zu gedenken, sagten die einen wohl zu recht. Die anderen schossen zurück und verwiesen auf das Brauchtum und die Tradition.

Gesegnet scheint mir unser Land zu sein, dass sich solche Debatten leisten kann. Unsere Kriege, nein besser: die großen Kriege der dt. Nation waren in der Tat schrecklich: über 60 Millionen Tote gab es im 1. und 2. Weltkrieg. Menschen wurden bestialisch erschossen, vergast, verbrannt oder sind verhungert.

Und doch liegt der Ausbruch des 1. WK mittlerweile 100 Jahre zurück. Und die Menschen, die den zweiten Weltkrieg bewusst erlebt haben, werden immer weniger. Gerade deshalb ist es für uns eine wichtige Aufgabe nicht zu vergessen, zu mahnen und für den Frieden zu werben. Und deshalb bin ich jedes Jahr wieder dankbar für unseren Volkstrauertag, der vielleicht verstaubt daher kommt und der wohl mal umbenannt werden müsste, der aber dennoch eine wichtige Funktion erfüllt.

Wie eine Ehe, so ist auch Frieden nicht selbstverständlich, sondern eine bleibende Aufgabe. Am Frieden muss täglich gearbeitet werden. In den letzten Monaten ist uns das hier und dort bewusst geworden. Der Konflikt in der Ukraine war vor einem Jahr nicht absehbar. Den Namen „Islamischer Staat“ verbinden wir erst seit diesem Jahr mit einer mächtigen Terrororganisation. Altbekannt ist uns der Krisenherd Afghanistan. In Vergessenheit geraten sind viele andere kriegerische Konflikte. Aktuell werden weltweit über 30 gezählt. Wer weiß schon, dass bereits seit 1948 in Myanmar Bürgerkrieg herrscht. Hat mit uns ja auch nichts zu tun oder? Anderseits wohnt seit zwei Jahren eine Flüchtende von dort bei uns in Bad Heilbrunn!

Auch 25 Jahre nach dem Ende des kalten Krieges wird es nicht unbedingt friedlicher in unserer Welt. Die Bundeswehr hat immer mehr zu tun. Von Mienenräumen in Kambodscha, über den Kampf gegen die Piraterie in Somalia bis hin zur Luftraumüberwachung im Baltikum reichen die 18 laufenden Auslandseinsätze. Und letzte Woche warnte Gorbatschow gar vor einem neuen kalten Krieg.

Deshalb also dieser Tag heute, auch wenn sich viele Deutsche fragen, was hat der Volkstrauertag mit ihrem Leben zu tun. Die Weltkriege liegen lange zurück. Der Hindukusch oder das nigerianische Hinterland sind weit weg.

Für unsere Industrie sind die Krisenherde nicht so weit weg. Und damit meine ich jetzt keine wirtschaftlichen Einbußen, weil ein Absatzmarkt wegfällt, sondern den guten Umsatz, den die deutsche Waffenindustrie und ihre Zulieferer erzielen. Es ist kein Geheimnis, dass Deutschland bei der Produktion von Kleinwaffen ganz vorne mit dabei ist. Kleinwaffen, also Pistolen und Gewehre, sind die Waffen, denen weltweit die meisten Menschen zum Opfer fallen. Verkauft wurden diese Waffen im letzten Jahrzehnt mit Genehmigung der dt. Regierung fast überall. Deutschland verdient also gut am Sterben anderswo.

Wir sind keine Waffenproduzenten. Die kommen leider eher selten zum Gottesdienst. Aber die Frage, ob Deutschland Waffen an die Kurden liefern soll, hat uns doch alle beschäftigt. Ich muss gestehen, da bin ich ganz froh, dass ich kein Politiker bin und dieses Dilemma lösen muss.

Die IS-Terroristen können mit Gesprächen nicht in ihrem grausamen Tun gestoppt werden. Deutsche Soldaten wollte man auch nicht in einen so schwierigen Krieg schicken. Also liefert Deutschland Waffen an die Kurden. Waffen liefern, das können wir ja.

Diese Situation ist ein echtes Dilemma. Hier rächt sich, dass die Völkergemeinschaft nicht schon viel früher am Frieden gearbeitet hat. Frieden bleibt nicht einfach. Nein, er muss jeden Tag neu gesucht werden, jeden Tag muss am Frieden gearbeitet werden. Das gilt für die Völkergemeinschaft, die mit der Friedenspolitik immer wieder viel zu spät beginnt, nämlich dann, wenn der Frieden verloren ist. Die Wirtschaftsbeziehungen stellen für das politische Handeln weltweit das wichtigste Gut dar, aber eigentlich ist es der Friede, der bei allem politischen Handeln im Vordergrund stehen sollte. Der Friede muss viel mehr gesucht werden in unserer Welt.

Wo ist der Friede? Frieden fängt da an, wo wir uns füreinander interessieren, wo wir Fragen, wie leben die Menschen anderswo? Gibt es ausreichend Trinkwasser in Afrika? Welche Folgen hat die Klimaerwärmung für die ärmeren Länder? Wie lebten, die Tiere, die wir essen? Wie geht es unserem Planeten?

Frieden fängt da an, wo wir uns von den schlechten Nachrichten nicht lähmen lassen, sondern selbst als Friedenstaube aktiv werden.

Und Frieden fängt nicht erst am Hindukusch, und auch nicht erst vor unserer Haustür, sondern schon in unserem Herzen an. Frieden beginnt nicht mit dem Einsatz von UN-Blauhelmen, sondern mit alltäglichen Kleinigkeiten.

Überspitzt zeigt das folgende Geschichte:

Hans hat heute Nacht nicht so gut schlafen. Als er seinen Nachbarn auf der Straße sieht, schaut er ihn nur grimmig an. Der Nachbar ärgert sich, weil er für die schlechte Laune von Hans nichts kann und fährt mit seinem Auto bewusst durch eine Pfütze, die Lisa auf dem Weg zur Schule nass spritzt. Lisa verkratzt darauf das nächste Auto mit ihrem Schlüssel. Das Auto war noch ganz neu und gehört General Huber, der gerade überlegt, ob er in den Konflikt der Nachbarländer militärisch eingreifen soll. Angriff ist die beste Verteidigung denkt er sich, beim Blick auf sein Auto und empfiehlt dem Präsidenten die Entsendung von Soldaten.

Was wäre wohl, wenn Hans trotz der schlechten Nacht seinen Nachbarn mit einem Lächeln einen guten Morgen gewünscht hätte? Es hätte damit vielleicht eine Kettenreaktion an Freundlichkeiten statt an Gemeinheiten losgetreten.

Und auch wenn wir jetzt immer noch der Meinung sind, dass wir auf der Insel der Friedlichen leben, dann ist der heute Tag vielleicht sogar noch wichtiger, um uns bewusst zu machen, wie hoch dieses Gut namens Friedens ist und wie leicht es immer wieder verspielt wird und wurde.

„Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“ AMEN