Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zum Ewigkeitssonntag

Pfarrerin Anne-Christina Wegner (ev)

16.11.2014 in u. a. Laucha

Das Ende seines Lebens ist absehbar: Der Tod läuft hinter ihm her, seit das Todesurteil über ihn ausgesprochen wurde: Du wirst sterben, auf schmerzhafte, würdezehrende Weise! So hatte sie es ihm gesagt. Ihn packt Panik. Er rennt davon. Allein ist er nicht, ein Junge geht mit. Der Junge will ihn nicht verlassen in seiner Not. Treu bleibt der Junge an seiner Seite, dient ihm, begleitet ihn. Namenlos ist der Begleiter, einfach einer, der mit ihm geht. Bis der Mann das nicht mehr will: „Bleib zurück, ich gehe allein weg, weg für immer. Ich kann nicht mehr!“ Wenn einer die innere Wüste betritt, endet die Macht der Begleiter. Der Junge kann ihn nicht halten und kann ihm nicht in seine Wüste folgen. So ist der Mann mit sich allein, einen Tag, zwei Tage irrt er durch die Wüste. Dann gibt er sich auf. Er legt sich unter einem Ginsterbusch nieder, um zu sterben: „Gott, mach ein Ende mit mir, ich will nicht mehr, ich sehe keinen Sinn mehr in meinem Leben.“ Er schläft ein.

Und wacht auf, weil dort einer ist, ein Bote Gottes, der ihn an der Schulter berührt, ihn weckt und anredet: „Steh auf, iss, Dein Weg ist noch lange nicht zu Ende.“ Seine Wüste verwandelt sich in einen Tisch, Brot ist da und Wasser. Er isst, er trinkt, er legt sich wieder hin. So schnell kann er nicht rausfinden aus seiner Angst, seiner Erschöpfung. So schnell kann er den schmerzhaften Tod nicht vergessen, der hinter ihm her ist. Er legt sich hin und schläft wieder ein. Und wieder kommt der Bote, wieder rührt er ihn an: „Komm, Dein Weg ist noch nicht zu Ende, steh auf, iß, trink!“ Er richtet sich auf, er sieht, wie sogar die Wüste lebt: Wie dort der Busch ist, der ihm Schatten gibt, eine Gnade, die er vorher nie wahrnahm, sieht die Schönheit, die ihn auch jetzt umgibt, sieht Brot und Wasser, ihm geschenkt zur Stärkung für seinen Weg. Er steht auf, er ißt, er trinkt. Er wird seinen Weg bis zum Ende gehen. Gott ist mit ihm auf dem Weg.

Liebe Gemeinde,

Elia heißt der Mann, dessen Weg die Bibel so geheimnisvoll erzählt. Elia rennt bis heute vor seinem eigenen Tod davon und will sich in die Arme eines schnellen Todes flüchten. Er ist nicht allein, aber er kann die Angst vor einem absehbaren, schmerzhaften, womöglich entwürdigenden Tod nicht aushalten, davor flüchtet er sich in seine ureigene Wüste. Das darf er, so, wie jeder von uns. Wir gehen mit ihm, versuchen, ihm zu folgen auf dem Weg, den so mancher vor uns gegangen ist. Wir verstehen die Angst, wie wir die eigene Angst und die Angst unserer Angehörigen, die auf den Tod zugingen, verstehen: Angst vor Schmerzen, Angst vor entwürdigenden Situationen, Angst davor, nicht mehr ich selbst zu sein. Wir gehen mit Elia, wir erkennen uns selber in dem Jungen wieder, den er nicht mitgehen lässt, der außen vor bleibt. Hilflos stehen wir neben ihm. Das ist schwer erträglich, diese Hilflosigkeit. Lieber würden wir mitleiden, als nur sehen zu können, wie sich der Mensch, dem wir so eng verbunden sind, verliert in seiner Angst, in seinem Schmerz, wie er von uns weggeht und wir können nichts tun. Wir würden gern etwas tun. Ihm Schmerzen ersparen, das Leid beenden. Elia sagt: Du kannst das nicht, ich muss diesen Weg jetzt gehen, Du kannst mir nichts von meinem Weg abnehmen. Du bleibst zurück, ich danke Dir für Deine Treue. Aber diese Strecke muss ich allein gehen. Elia geht, bis er nicht mehr kann, er flieht vor seinem absehbaren Tod, bis er aufgibt und sich nur noch in die Arme eines schnellen Todes werfen will. Den aber will er von Gott: Gott, nimm mein Leben von mir! Ein Gebet, hart, klar, ein deutlicher Wunsch. Gott, nimm Du mein Leben! Er gibt sich in die Hand Gottes mit seinem Todeswunsch. Er hätte auch den Jungen bitten können: „Komm, mach ein schnelles Ende mit mir, erspare mir den schmerzhaften Tod, sei Gottes Werkzeug!“ So, wie es jetzt sich viele wünschen: „Es muss doch möglich sein, dass jemand uns das Leben nimmt, wann wir das wollen, dass er uns zum Sterben hilft!“ Hat Sie schon mal jemand so gebeten? Mir blieb es bis jetzt erspart. So eine Bitte, von jemandem, dessen Leiden uns den Qualen der Hilflosigkeit aussetzt, sie ist furchtbar: Ich will ja etwas tun für diesen Menschen, ich sehne mich danach, etwas zu tun – kann ich diese Bitte abschlagen? Anderseits: Wie soll ich damit leben, verkürzt zu haben, was an Zeit noch blieb? Wie soll ich mit der Erleichterung leben, nicht mehr mit ansehen zu müssen, wie dieser Mensch immer weiter weggeht? Eine furchtbare, eine verständliche Bitte. Sollen doch die Ärzte das für mich übernehmen!? Ärzte sind Anwälte des Lebens, verpflichtet, alles für das Leben zu tun. Und da, wo das Leben absehbar ist, noch die letzten Stunden erträglich zu machen, die Chance zu geben, zu Ende zu leben. Auch dem, der nicht mehr will. Es ist furchtbar, sie zu verpflichten, Anwälte des Todes zu sein. So furchtbar, wie sie zu Abtreibungen zu zwingen. Sicher, sie können sich daran gewöhnen, zum Sterben zu helfen, der Mensch gewöhnt sich an viel. In den Niederlanden, wo Sterbehilfe schon länger geregelt ist, ist sie inzwischen auf psychisch Kranke und kranke Babys ausgeweitet: Ein 6 Tage alter Junge wurde von seinem Vater zum Tod freigegeben, weil der Vater sich nicht denken konnte, dass der Junge mit seiner Behinderung hätte leben wollen. Er hatte einen offenen Rücken. Nun ist er tot, er wird dazu nie etwas sagen können. Die Grenzen werden weit. Der Medizinethiker Theo Boer, ein Verfechter der Sterbehilfe, wird immer skeptischer. Er arbeitet dort in der Kontrollkommission und sagt: "Man sieht zwischen den Zeilen, dass der Patient um aktive Sterbehilfe bittet, weil er denkt, ich bin eine Last für meine Verwandtschaft." Alte Menschen fragen: Ist es verantwortlich, dass ich noch leben will, wo doch mein Tod absehbar ist? Wen sollen sie fragen, an wen sich wenden? An wen wenden wir uns mit unserer Hilflosigkeit, unserer Angst, unseren Fragen und unserem Wunsch, das Richtige zu tun? Gehen wir wieder zu Elia, der sich hingelegt hat, um zu sterben und noch einmal betet: „Gott, lass mich sterben!“ Er schläft, erschöpft, todmüde. Der Bruder des Todes ist der Schlaf, heißt es. Ein Segen für alle todmüden Seelen, ein Gottesgeschenk. So schlief meine Mutter in der letzten Woche ihrer Krankheit, so schlief mein Vater in seiner letzten Zeit: Immer ein Stück weiter weg, aber noch da. Es war eine Zeit, in der ich Abschied nahm, Stück für Stück. Noch einmal würden sich diese Augen öffnen, wir würden noch einander ansehen und hören. Ein Segen für mich, ein Segen für die Schlafenden. Elia schläft und er findet eine Antwort auf sein Gebet. Ein Engel rührt ihn an. Ein Lebensengel mit Nahrung, kein menschlicher Todesengel mit Giftcocktail. Brot und Wasser reicht er, Stärkung für die letzte Etappe. Brot und Wein teilen wir auch mit Sterbenden, als Stärkung für den Weg, der vor ihnen liegt. Wir wissen dabei nicht, wieviel Zeit noch bleibt, weder ihre Zeit noch unsere Zeit überblicken wir. Die hat allein Gott in der Hand, der sich uns Brot und Wein schenkt. Wir sind durch dieses heilige Mahl mit ihnen verbunden für die Zeit, die wir hier noch haben. Brot und Wein stärken und verbinden uns miteinander, die, deren Ende absehbar ist, stärkt das Abendmahl für ihren Weg, uns stärkt es, die Hilflosigkeit anzunehmen und auszuhalten. Uns alle verbindet es über die Grenze der Zeit hinweg: Die vor uns gegangen sind, sie sind an der anderen Seite des Tisches, dort, wohin auch wir gehen, wenn unser Weg sich vollendet hat. Amen.