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Predigt zu Johannes 1,1-4+14

Pfarrer Jurmann

21.04.2002 in Murrhardt-Fornsbach

Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.
Dasselbe war am Anfang bei Gott.
Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht. Was auch gemacht ist,
in allem war Er das Leben.
Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit,
die Herrlichkeit des eingeborenen Sohnes vom Vater voller Gnade und Wahrheit.

Johannes 1, 1-4+14

Jetzt haben wir wahrscheinlich alle dieselbe Frage, liebe Gemeinde: Wer ist es, der hier spricht? Wer ist jener "spielende Liebling"?
Laufen diese Verse auch alle auf einen besonderen Namen zu (wie in der Schriftlesung Joh 1,1ff)? doch auf welchen?
Es sind doch Worte aus dem Alten Testament, aus dem Buch der Sprüche Salomos! Andrerseits klingt vieles ähnlich wie bei Johannes zu Beginn seines Evangeliums:
Das Wort, das von Anbeginn bei Gott war und mitbeteiligt an der Schöpfung. Dann die heitere Stimmung - hier das Spielen und seine Lust haben, dort der Jubel über eine zuvor nie geschaute Herrlichkeit. Schließlich das klare und entscheidende Ziel - hier: "Wer mich findet, der findet das Leben", dort: "In Ihm war das Leben."

Ja, wer ist es, der nach unsrem Predigttext "eingesetzt ist von Ewigkeit her"?? Das ist ja doch eine ganz starke Aussage!

Heute vor vier Wochen stand ich in der einstigen Hauptkirche der orthodoxen Christenheit. Sie ist das bedeutendste Bauwerk der byzantinischen Kunst, aus der Zeit von Kaiser Konstantin dem Großen (1. Bau 360 n.Chr. vollendet).
Sie heißt aber nicht Christus-Kirche, obwohl Konstantin in jener Vision ja die entscheidende Wende seines Lebens erfuhr, als ihm das Christus-Zeichen erschien und er die Stimme hörte: "In diesem Zeichen wirst du siegen..." (vgl. J. Vogt, Constantin der Große, 1949, S.166f).
Sie heißt auch nicht Heilig-Kreuz-Kirche, obwohl Konstantins fromme Mutter Helena in jenen Jahren in Palästina das Kreuz Christi aufgefunden haben soll (s.o. S.254f).
Sondern sie heißt "Hagia Sophia", auf deutsch: "Heilige Weisheit", also "Kirche-zur-Heiligen-Weisheit", und sie steht, wie Sie ja alle wissen, im heutigen Istanbul.
Sie ist es, die "Weisheit", die sich hier im Buch der Sprüche so eindrücklich vorstellt und die so eindringlich ruft: "Hört auf mich! Wer mich findet, der findet das Leben. Wer mich aber verfehlt, zerstört sein Leben!"

Sie stellt sich vor wie eine Person, als eine "Offenbarungsgestalt" für den unsichtbaren Gott.
So wie Er sich durch das Wort von Propheten und Aposteln bezeugt und sich im Alten Testament durch Mose und im Neuen Testament durch Jesus Christus besonders deutlich offenbart hat, so bekennt der biblische Glaube:
Auch die Weisheit ist eine Form, in der sich Gott offenbart. Natürlich nicht irgendeine Aller-Welts-Weisheit, sondern die Weisheit, die nach Gottes Art ist (sozus. "Bein von seinem Bein und Fleisch von seinem Fleisch..." 1.Mose 2,23). Und so können wir der Predigt heute die Überschrift geben: "Von der Weisheit, die nach Gottes Art ist".

Erstens: Was erfahren wir durch sie von Gott?

Unser Predigttext beginnt wie eine TV-Serie über die "Wunder der Erde". Immer wieder muss das Kamerateam stehen bleiben. Es schaut und staunt, es dreht und filmt - das Meer, die Quellen, die Flüsse, die Hügel, die Berge, die grünen Fluren, die braunen Ackerschollen, die leuchtenden Sterne, die mächtigen Wolken und für den Spezial-Drehort am Grund des Ozeans muss das Team sogar ein Tiefseeboot besteigen.

Am Ende seiner Dreharbeiten aber kann das ganze Team nicht anders als ausrufen: "Herr, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet..." (Psalm 104,24)
Und nachdem wir den Film gesehen oder eigentlich unsren Predigttext gehört haben, werden wir nochmals an unser Psalmgebet von vorhin erinnert:
"Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen, der du zeigst deine Hoheit am Himmel" - aber nicht nur dort bei Sonne, Mond und Sternen, sondern auch im Lied und Spiel "aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge".

Ja, ist nicht jedes Neugeborene schon ein solches Wunder, das auf Gott selbst weist und bezeugt, dass er seine Lust hat an den Menschenkindern und Freude am Leben!?
Wie kann sich ein Kind doch ganz dem Eindruck von etwas Schönem und Großartigen hingeben! Wie kann es staunen und womöglich ein Lied erfinden und hin- und herspringen und tanzen - sind das nicht Regungen eines ganz natürlichen Frommseins? und haben sie nicht schon oft eine merkwürdig bezwingende Wirkung gehabt, selbst auf Nörgler und Zweifler?

So sollte man nochmals staunen können, heißt es dann, und wieder einmal so kindlich-gläubig singen: "Weißt du, wieviel Sternlein stehen an dem weiten Himmelszelt?" Und auch fest an die Fortsetzung glauben: "Gott der Herr hat sie gezählet, daß ihm auch nicht eines fehlet", und den umarmenden, liebkosenden Schluss nicht vergessen, der nicht nur dem "Liebling auf Gottes Schoß" gilt:
"Gott im Himmel hat an allen / seine Lust, sein Wohlgefallen, kennt auch dich und hat dich lieb..." (EG 511)
Wenn unsre erste Frage also war: Was erfahren wir denn durch die Weisheit von Gott? dann lautet die Antwort:
Es sind "seine Werke" nicht nur "so groß und viel", er hat sie auch nicht nur "alle weise geordnet". Sondern dass in allen seinen Werken auch seine hemmungslose Liebe durchbricht das ist es, was uns auch die Offenbarungsgestalt der Weisheit wissen läßt.

Ist es also nicht verständlich, dass der erste christliche Kaiser des Abendlands die damals größte, höchste und kunstvollste Kirche zur Ehre einer solchen herrlichen Weisheit erbauen ließ und sie "Heilige Weisheit" nannte - "Hagia Sophia"?

Zweitens: Wie vermittelt sich denn eine Weisheit, die nach Gottes Art ist?

Wie tun's denn wir Menschen?
Da ist ein Lehrer, ein Dozent, ein Professor. er hat studiert und zuhause eine Menge Bücher. Der liest viel und bereitet sich vor mit großem Eifer. Dann spricht er, und die Schüler oder Studenten müssen still sitzen, zuhören und am besten gleich mitschreiben, z. B. was Martin Heidegger über das Dasein des Menschen sagt:
"Das Dasein ist in seiner Vertrautheit mit der Bedeutsamkeit die ontische Bedingung der Möglichkeit der Entdeckbarkeit von Seiendem, das in der Seinsart der Bewandtnis (Zuhandenheit) in einer Welt begegnet und sich so in seinem an-sich bekunden kann" (Sein und Zeit, Halle 1927, S.87). So etwa wird Weisheit unter Menschen vermittelt. Nicht immer so trostlos wie bei Heidegger. Aber es kann ja auch noch schlimmer kommen!

Zu manchen Zeiten wird unter Menschen das, was für alle gelten soll, auch mit Gewalt eingetrichtert. Da erscheint die Weisheit in Uniform und unter Androhung von Strafen; und wer solche Weisheit nicht gleich kapiert, der muss im Gefängnis nachsitzen oder in anderen tödlichen Einrichtungen.
Die Weisheit von totalitären Staaten und von fundamentalistischen Kreisen vermittelt immer Angst und Schrecken und will jedes eigenständige Denken ausrotten.

Wie vermittelt sich nun die Weisheit unsres Gottes? Antwort des Predigttextes: Indem sie spricht -
"Ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit, ich spielte auf seinem Erdkreis und (ich) hatte meine Lust an den Menschenkindern!"
Da heißt's also "Brüderchen und Schwesterchen, komm tanz mit mir, beide Hände reich ich dir. Einmal hin, einmal her, rund herum, das ist nicht schwer!"

Gottes Weisheit kommt spielerisch auf uns zu. Sie reicht uns beide Hände und tanzt mit uns, und wir müssen uns bewegen geistig bewegen! - und wissen vielleicht schon bald nicht mehr, wo uns der Kopf steht - wie wäre doch ein solcher Wirbeltanz mit der wahren Weisheit Gottes jedem Fundamentalisten zu wünschen, nicht nur den fernen islamischen ... !

Die Weisheit Gottes hat eine wahre Lust an den Menschenkindern. Sie umspielt sie, ja, "macht sie an", damit sie mitmachen, gemeinsam, Arm in Arm, beim großen "Jubilate Deo: Singt und tanzt und jubelt laut vor Freude!" (NL 786)

Wenn wir dem wundersamen Spielangebot der Weisheit Gottes nachgeben, erfahren wir auch wieder sein Wesen: Seine unbändige Liebe zu allen seinen Schöpfungswerken - fast möchte ich fragen: Wann haben Sie zum letzten mal gespielt?

Wie wärs mit einem Ergänzungs-Spiel, selbst zusammengestellt aus dem Buch der Sprüche?
"Gerechtigkeit erhöht ein Volk - aber die Sünde ist der Leute Verderben" (14,14)
"Sprich nicht: Ich will Böses vergelten - harre des Herrn, der wird dir helfen" (20,22)
Spielen ist ja mehr, als sich eine erholsame Aus-Zeit zu gönnen. So verstand es z.B. der Philosoph Aristoteles (+322 v. Chr.), wenn er in seiner Weisheit lehrte, der Mensch könne nicht ununterbrochen arbeiten, sondern er brauche auch das Spiel, und zwar so wie man Arznei braucht, zur rechten Zeit und in der richtigen Dosierung!

Aber unser guter Friedrich Schiller (+ 1805) verstand doch noch mehr von der spielerischen Weisheit Gottes, als er einmal über die Erziehung des Menschen schrieb:
"Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt!" (aus dem 15. Brief über die ästhetische Erziehung des Menschen 1795).

Wir spüren sehr wohl, was da unausgesprochen mitspielt, welche gewaltige Dimension des Menschseins da hereinspielt - nämlich die Freiheit!
Gottes Weisheit kommt deswegen so galant spielerisch auf uns zu, damit wir niemals das Gefühl haben müssen, hier werde uns etwas eingetrichtert, hier werde uns eine einheitliche Denkuniform verpasst hier werde die Freiheit des Denkens und des Forschens, die Freiheit des Glaubens und des Gewissens, kurz: die Freiheit der Person in Ketten gelegt. Und indem ich die ersten Artikel unsres Grundgesetzes (2-4) ins Spiel bringe, wird auch deutlich, wie beides Hand in Hand geht:
Die Liebe Gottes zu allen Menschenkindem und die Weisheit, die uns von Gott her so umspielt, dass wir das Wahre und Gute für alle Menschen erkennen können. So kommen wir zur dritten und letzten Frage:

Drittens: Wozu vermittelt Gott seine Weisheit?

Die Antwort bedarf nicht mehr vieler Worte. Die Weisheit selbst ruft in unsrem Textabschnitt:
"Hört auf mich und werdet weise! Wohl dem Menschen" - im Neuen Testament heißt dasselbe Wort "selig" - also: "Selig der Mensch, der mir gehorcht, daß er wache an meiner Tür täglich, daß er hüte die Pfosten meiner Tore!"

Also ein anderes Bild - nicht mehr Spiel und Tanz, sondern Szenenwechsel! - eine heiße Sehnsucht, etwas von Gottes Weisheit zu erhaschen:
Vor ihrer Türe stehen, durchs Schlüsselloch spicken, an den Türpfosten horchen, ob ein Laut von drinnen herausdringt und dann sozus. aus dem Häuschen sein, wenn die Tür aufgeht und uns die Weisheit selbst, die herrliche Offenbarungsgestalt Gottes (und wirklich "Bein von seinem Bein und Fleisch von seinem Fleisch" 1.Mose 2,23!) entgegentritt - ist da nicht eine Stimme, die ruft: "Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich eingeht, der wird selig werden und wird ein- und ausgehen und das Leben und volles Genüge haben" (Joh 10,99)

Ja, es ist eine Heils-Gestalt, eine Heilands-Gestalt, die da mitten auf der Erde ihr Haus gebaut hat: "Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns" (Joh 1,14/Schriftlesung). Denn unmittelbar nach unsrem Predigtabschnitt wird erzählt, wie die Weisheit ihr Haus baut und ein Fest zubereitet, wie sie ihre Boten aussendet und ausrufen lässt:
"Kommt, eßt von meinem Brot und trinkt von meinem Wein!" (9,1ff) Und wieder ist es nur ein kleiner Schritt zu jener anderen Heilsgestalt im neuen Bund, von dem merkwürdig ähnliche Geschichten erzählt werden und zu dessen Fest sie "kommen werden von Osten und von Westen, von Norden und von Süden und mit ihm zu Tische sitzen" (Lukas 13,28), um miteinander fröhlich zu sein und zu essen vom Brot des Lebens und zu trinken vom Kelch des Heils...

In unsrem heutigen Predigttext wird also nicht um der Lust oder um des Spielens willen von Gott und seiner Weisheit erzählt. Sondern solche Redefiguren dienen dazu, uns die eine besondere Heilsgestalt Gottes liebenswert und wichtig zu machen.
Auch diese Verse aus dem Buch der Sprüche sind Worte, die uns nachdrücklich zu einer Entscheidung über Leben und Tod rufen, und alles schöne Reden vom Tanzen und Spielen zielt auf nichts anderes als aufs Hören und Tun, also auf Nachfolge.

Dies erfordert von einem jeden eine ganz persönliche Wachsamkeit und ein wirkliches Bemühen.
Der Lohn ist "das Wohlgefallen des Herrn" (V.35), und damit ist das ganze umfassende Heilsgut Gottes gemeint, wie Jesus es nennt: "Leben und volles Genüge" oder ganz schlicht und einfach: "..kennt auch dich und hat dich lieb!"

Amen