Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zu Amos 8,1-3

Pfarrer Stephan Schaar (ev.-ref.)

11.11.2001 in der Ev. Kirchengemeinde Perleberg zum Volkstrauertag

Friede sei mit euch von dem, der da ist und der da war und der da kommt. AMEN

Liebe Schwestern und Brüder!

Mit dem heutigen Sonntag beginnt die diesjährige Friedensdekade. So steht es jedenfalls im kirchlichen Taschenkalender, als Merkposten zunächst.

Irgendwann wird jede regelmäßige Veranstaltung zur Routine, zur Tradition. Man fragt nicht mehr danach, warum das eigentlich stattfindet. Man gewöhnt sich schlicht daran, daß es so ist. Oder man schafft sie eines Tages wieder ab, weil es niemandem mehr einleuchtet, daran festzuhalten. - Warum beten für den Frieden, wenn zwei Generationen in Deutschland Krieg nicht mehr aus eigenem Erleben kennen?!

Plötzlich ist alles anders. Angebahnt hatte es sich zwar schon seit längerem; aber noch immer war es möglich, sich den Krieg gedanklich vom Leibe zu halten, trotz Bosnien, Kosovo und Mazedonien. Irgendwie war da noch immer unbestreitbar die Wiederherstellung des Friedens als Aufgabe deutscher Soldaten zu erkennen.

Und nun sollen sie doch kämpfen. Verteidigen sollen sie nicht die Freiheit oder Gesundheit ihrer Landsleute, sondern eine Ordnung dieser Welt. Es geht gegen den Terrorismus, wird gesagt, und viele stimmen zu. Andere warnen: Wieder geht es um Interessen; die Großen haben sich verbündet gegen ein kleines Land, der Westen gegen den Orient. Über Zahlen kann man streiten, aber nicht leugnen läßt sich, daß auch in diesem Krieg unschuldige Menschen leiden müssen.

Krieg kostet Menschen das Leben. Und nun auf einmal nicht nur irgendwelche Fremde im fernen Asien, sondern auch Landsleute, die es zu ihrem Beruf gemacht haben, das Töten zu lernen, die davon leben, daß sie zu sterben bereit sind. Und schon lange verhallt sind die mahnenden Stimmen, die nach dem Zweiten Weltkrieg zu hören waren. Ich will nur weniges davon in Erinnerung rufen:

Du, Pfarrer auf der Kanzel. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst den Mord segnen und den Krieg heilig sprechen, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!
.....

Du, Mann auf dem Dorf und Mann in der Stadt. Wenn sie morgen kommen und dir den Gestellungsbefehl bringen, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!
...

Mütter in allen Erdteilen, Mütter in der Welt, wenn sie morgen befehlen, ihr sollt Kinder gebären, Krankenschwestern für Kriegslazarette und neue Soldaten für neue Schlachten, Mütter in der Welt, dann gibt es nur eins: Sagt NEIN!

Liebe Geschwister, die ausgemalten Konsequenzen erreichen kaum noch unsere Köpfe und Herzen. Neuen Generationen fehlt die am eigenen Leib gemachte Erfahrung, daß es im Krieg auf allen Seiten nur Opfer gibt. Als erstes bleibt die Wahrheit auf der Strecke, das erleben wir in diesen Tagen, da nur gefilterte Nachrichten bis zu uns dringen, um den kritischen Einwand so klein wie möglich zu halten.

Ja, es scheint, dieses Land ist wieder reif für einen Krieg, für die Lektion, wieder selbst aktiv schuldig zu werden am Tode Tausender, wieder Tote beklagen zu müssen aus den eigenen Familien und Freundeskreisen.

Der Prophet Amos lebte auch in so einer Zeit, die er für reif hielt, einer neuer Katastrophe entgegenzugehen, auf die die Verantwortlichen zielstrebig hinarbeiteten. Im achten Kapitel dieses kleinen Büchleins lesen wir:

Noch etwas ließ der Herr, der mächtige Gott, mich sehen: einen Erntekorb voll mit reifem Obst. Er fragte mich: "Amos, was siehst du?" Ich antwortete: "Einen Korb voll mit reifem Obst."

Da sagte der Herr: "Ja, reif ist mein Volk - zum Gericht! Ohne Erbarmen will ich alles abernten. Dann werden die Sängerinnen im Königspalast Klagelieder anstimmen. An allen Orten liegen Leichen herum, niemand begräbt sie, überall Totenstille." Das sagt der Herr, der mächtige Gott.

Liebe Gemeinde, wörtlich übersetzt, bedeutet das griechische Wort "Krise" Entscheidung. In einer solchen Situation befand sich damals das Volk Israel, und in einer solchen Zeit leben gegenwärtig auch wir. Entscheidungen müssen getroffen werden - nächste Woche im Bundestag zum Beispiel.

Und dabei wird es nicht darum gehen dürfen, ob eine politische Koalition, die angetreten ist, um allfällige Reformen im sozialen Bereich, beim Umweltschutz, bei Bürgerrechten und der Zuwanderungsfrage endlich umzusetzen, ob eine solche Partnerschaft den Dissens in der Friedensfrage überlebt. Vielmehr geht es schlicht und grob um die Frage, ob deutsche Staatsbürger in fremden Ländern auf Verlangen töten sollen oder nicht.

Auch im Alten Israel hatte man sich der "uneingeschränkten Solidarität" verpflichtet, dann jedoch bemerkt, daß daraus ein Sog entsteht, der immer mehr Ressourcen auffrißt. Der Freikauf von Kriegshandlungen wurde so teuer, daß man sich nach anderen Bündnispartnern umsah. Doch dieses Taktieren zwischen den verfeindeten Großmächten gab lediglich den Vorwand für einen Angriff, unter dem das Land bei weitem mehr zu leiden hatte als unter den Abgaben in Friedenszeiten.

Ich sehe unser Land im Moment an einer ähnlichen Schwelle stehen. Große Worte sind gesagt, und man möchte nicht als Maulheld dastehen unter den Großen dieser Erde. Wir sind schließlich auch Wehr und Waffen...

Gott schaut sich das nach Amos' Worten nicht kommentarlos mit an. Der Prophet sieht einen Korb mit reifem, wenn nicht gar fauligem Obst. Reif ist das Land nicht zur Ernte, zum Verzehren dessen, was man im Schweiße seines Angesichts erworben hat, sondern zum Gericht. Was da gewachsen ist, kann sich sehen lassen auf den ersten Blick, in Wirklichkeit aber ist es ungenießbar.

Wir sind, wie es scheint, zehn Jahre nach der Auflösung der Sowjetunion und dem vermeintlichen Ende der Block-Konfrontation weiter von Frieden entfernt als in den Jahren, da die wechselseitige Furcht vor dem atomaren Erstschlag der feindlichen Supermacht das Zerstörungspotential gegenseitig in Schach hielt. Die Schranken sind niedriger geworden, man kann es wieder wagen, im begrenzten Umfang Krieg zu führen.

Um es klar und deutlich zu sagen: Die Taliban sind offenkundig ein Schreckensregime, und die Terroristenbande um Bin Laden muß mit allen Mitteln bekämpft werden, die einem Rechtsstaat im Umgang mit Kriminellen zu Gebote stehen.

Aber ebenso unmißverständlich sollte auch - in kirchlichen Kreisen zumal - formuliert werden: Es gibt keinen gerechten Krieg, und schon gar nicht darf es hingenommen werden, daß getötete Zivilisten als "Kollateralschäden" verharmlost werden!

Worum geht es eigentlich bei diesem Feldzug? Um die Bestrafung der Verantwortlichen für die Attentate vom 11. September? - Nicht einmal der US-Militärminister rechnet sicher mit der Ergreifung der Al-Qaida-Spitzenleute.

Geht es etwa doch um Rache? Geht es - entgegen allen anderslautenden Bekundungen - um eine Art Kreuzzug der modernen christlichen Welt gegen die rückständige Welt des Islam? Welche Werte werden hier mit welchen Mitteln verteidigt?

Die Friedensbewegung der 80er Jahre hatte zur Überwindung von Gewalt und Militarismus das Konzept der zivilen Verteidigung entwickelt. Basierend auf den Erfahrungen des Widerstands gegen die Nazi-Eroberer in Frankreich, den Niederlanden, Norwegen und Dänemark ging man davon aus, daß man ein Land zwar besetzen, nicht aber wirklich von ihm Besitz ergreifen kann ohne die bereitwillige Mitwirkung der Landesbewohner. Auch bei der militärischen Beendigung des "Prager Frühlings" stießen die Eindringlinge auf den entschlossenen passiven Widerstand der Tschechen. Mit friedlichen Mitteln suchten die zu verteidigen, was sie an Freiheit und Würde errungen hatten.

Gewiß: dieser ungleiche Kampf ging zugunsten der Sowjetunion und ihrer Verbündeten aus, und auch Nazi-Deutschland mußte militärisch überwunden werden, weil die Kräfte des Widerstands im Inneren zu schwach blieben. Dennoch: Mit Gewalt und Blutvergießen läßt sich zwar Willkür durchsetzen, aber dem Recht, der Demokratie und der Freiheit kann man nur durch Überzeugung zum Durchbruch verhelfen.

Um die Menschen für den Krieg zu motivieren, werden gern abstrakte Werte wie "Ehre" oder "Nationalstolz" bemüht - dieselben Werte übrigens, mit denen auch ohne Kriegshandlungen Emotionen geschürt werden gegen Ausländer, Fremde, Minderheiten.

Wer das Gefühl hat, ohnehin zu den Vernachlässigten und Chancenlosen zu gehören, meint möglicherweise, durch das Wagnis eines Krieges nur gewinnen zu können, weil man eh' nichts zu verlieren hat. Wenn das Land Millionen von Arbeitslosen aufweist, die lieber eine Waffe in die Hand nehmen als untätig und unbeachtet zu bleiben - dann ist es anscheinend schon wieder reif für das Abenteuer eines Krieges, dessen erfolgreicher Ausgang allerdings genau die Ursachen der Massenarbeitslosigkeit zementiert und das Elend der Armen verschlimmern dürfte.

Reif für den Frieden, reif für den zivilen Ungehorsam ist dagegen nur die Gesellschaft, deren Mitglieder sich dessen bewußt sind, daß Entscheidendes auf dem Spiel steht, dessen Verlust sich unmittelbar negativ auf sie auswirkt.

Was ist das für ein Obstkorb, den der Prophet Amos sieht? Es sind die Früchte einer verfehlten Politik, die dazu geführt hat, daß die Reichen reicher und die Armen immer mehr und immer ärmer werden. Im kleinen Maßstab unseres Landes ist das in dieser Deutlichkeit vielleicht nicht zu sehen. Aber im Blick auf den Globus ist augenfällig, daß die Schere sich immer weiter öffnet: wenige Menschen beanspruchen Energie und Nahrung für sich und überlassen den Rest ihrem ungewissen Schicksal.

Ist es da wirklich ein Wunder, wenn radikale Phantasien geäußert werden und lautstarke Zustimmung erfahren?!
Und ist es wirklich nur die behauptete "Notwehr"-Situation, die die reichen Länder gemeinsam in einen Krieg führt gegen eine Handvoll fanatischer Außenseiter?!

Wenn unsere Freiheit angegriffen wurde - warum müssen wir sie dann noch mehr einschränken, statt daß sie ausgeweitet wird, damit immer mehr Menschen daran Geschmack finden und bereit sind, für sie einzutreten?

Wenn unser Recht bedroht ist - warum wird es dann ausgehöhlt, so daß die Angreifer sich im Grunde bestätigt fühlen können?
Wenn unsere Demokratie verteidigt werden muß - warum werden dann Soldaten aufgeboten, die doch nur zerstören werden, statt daß unser Land mit allen Kräften darum ringt, die Bürger davon zu überzeugen, daß wir in einer schwierigen, mit Mängeln behafteten aber doch bislang nicht überbotenen Staatsform leben?!

Es gibt keinen Weg zum Frieden als den Frieden selbst.

Und es gibt kein Gericht Gottes ohne seine Gerechtigkeit.

Die Vision des Amos malt uns keine kosmische Katastrophe vor Augen, sondern die absehbaren Folgen unseres eigenen Tuns - Tote, soweit das Auge reicht.

Was Gott davon hält, hat er uns wissen lassen: In Jesus Christus hat er die Welt gerichtet in Gerechtigkeit. Er ist den Weg des Friedens und der Gewaltlosigkeit gegangen - bis zum bitteren Ende am Kreuz.
Und doch glauben wir - zumindest sagen wir das - daß auf diese Weise das Reich Gottes nahe zu uns herbeigekommen ist. Und wir bekennen - wenigstens mit unseren Lippen -, daß wir als seine Jünger Jesus nachfolgen wollen auf diesem Weg des Gewaltverzichts und der Vergebung.
Der Apostel Paulus mahnt die Christen seiner Zeit: Macht euch nicht dem Schema dieser Welt gleich; denn diese Welt wird vergehen.
Was anderes ist das als die Wiederholung der Amos'schen Gerichtsvision: Die Welt, die auf Gewalt setzt, wird durch Gewalt umkommen.

Aber wir sind - obwohl mitten in dieser Welt - nicht von dieser Welt. Unser Koordinatensystem ist ein anderes. Die Mitte bildet der "Friedefürst", dessen Geburt wir in wenigen Wochen wieder feiern wollen.

In dieser Werteordnung ist notgedrungen auch Raum für die Bestrafung von Verbrechern, für Gegengewalt zum Schutz der Schwachen vor der Willkür Starker. Aber dies ist nichts anderes als ein wirklich allerletztes Mittel, wenn wir uns sonst keinen Rat mehr wissen. Wo wir dazu greifen, da geschieht dies in Anerkennung der Schuld, die wir so auf uns nehmen, weil auch das Untätigsein uns nicht davor bewahren würde, schuldig zu werden.

Und wo wir den Weg des Friedens und der Versöhnung verlassen, da kann das nicht sein ohne die Bitte um Gottes Erbarmen, um seine Vergebung für unsere Ungeduld und unser Unvermögen, seinen Willen anders und besser - eben friedlich und gewaltlos - umzusetzen. Es kann nicht anders sein, als daß wir gleichzeitig bitten: HILF UNS, HERR, UMZUKEHREN, ZURÜCKZUKEHREN AUF DEN WEG DEINES FRIEDENS.

Amen