Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über „Were you there when they crucified my lord ….?“

Superintendent Helmut Aßmann (ev.)

22.03.2009 in Hildesheim

Gospelkirche

Liebe Schwestern und Brüder,

were you there when they crucified my lord – das ist das Lied, das wir eben gehört haben. Warst Du dabei, als sie meinen Herrn gekreuzigt, als sie ihn an den Stamm genagelt, als sie ihm in die Seite gestochen haben, als die Sonne ihren Glanz verlor, als sie ihn ins Grab gelegt haben? Warst du dabei?

Nein, niemand von uns war dabei. Ist ja auch schon fast 2000 Jahre her. Wir leben in einer anderen Zeit, einer anderen Kultur, einer anderen Welt. Wir alle haben davon gelesen, es auf unzähligen Bildern gesehen, vielleicht in vielen Predigten davon gehört, manchen Film darüber angeschaut. Aber dabei waren wir nicht. Das Kreuz von Golgatha gehört für uns zur Weltgeschichte wie die Eroberungen Alexanders des Großen, der 30jährige Krieg oder die Erfindung der Luftpumpe.

Aber wenn wir dabei gewesen wären, was dann?

Gehen wir zurück. Jerusalem im Jahr 30 n.Chr, 7.April. Das ist das wahrscheinlichste Datum der Hinrichtung. Nach der üblichen fürchterlichen Misshandlung der Verurteilten wird auch Jesus mit dem Kreuz vor die Stadt auf den Hinrichtungsplatz geführt und dort angeheftet, auf welche Weise genau, ist nicht restlos geklärt. Aber die Beharrlichkeit, mit der die bildende Kunst von Anfang an das Nageln an das Kreuz durch die Zeiten getragen hat, weist darauf hin, daß es wirklich so war. Viel Blut, Gestank und Hitze. Alles andere als ein heroisches Ereignis. Kaum jemand von den Gefährten und Jüngern dabei, wie es scheint. Im Neuen Testament werden nur ein paar Personen, meistens Frauen, erwähnt, die von fern zusehen.

Was sehen sie? Die, die dabei gewesen sind? Sie sehen einen Mann in den besten Jahren elend zugrunde gehen. Einen Menschen von der Art, wie es sie so beklagenswert selten gibt. Demütig und furchtlos zugleich. Empfindsam und stark, ohne daß das einen Widerspruch bedeuten müßte. Ganz gewiß niemand, der sich irgendeines Kapitalverbrechens schuldig gemacht hat, es sei denn, man hielte ihm entgegen, er habe die ganze Hohlheit der arrivierten Machtspiele aufgedeckt, aber dann nicht mitgespielt und sei deswegen für diese Welt untragbar.

Die, die dabei waren, müssen mitansehen, wie eine weitere Hoffnung auf Besserung unseres menschlichen Umgangs umgebracht wird – wieder ein Hoffnungsträger weniger. Physisch umgebracht, so banal und erbärmlich, wie das bei solchen Vorkommnissen zuzugehen pflegt. Sie müssen zur Kenntnis nehmen, wie es wieder ein Guter nicht geschafft hat. Wie aufs Neue die Erwartung, die Menschheit könne etwas lernen, sich bessern, zu neuen Ufern aufbrechen, nicht in Erfüllung geht. Einer, der als Held und Heilsbringer angefangen hat, endet als Märtyrer. Um den sich die Welt neu zu ordnen schien, der geht zum Teufel, wie alle anderen auch. So war es vor Jesus, so ist es nach Jesus, so wird es bleiben. Die Blutspur der Opfer ist lang.

Und: die dabei waren, müssen erfahren, wie auch in ihnen etwas zerbricht, nicht mehr zu reparieren, nicht mehr zu kitten ist. Auch in ihnen geht etwas zugrunde. Was hatten sie nicht alles erhofft, erlebt, erfahren, mit ihren eigenen Augen gesehen und ihren eigenen Sinnen wahrgenommen! Wenn die tiefste Sehnsucht enttäuscht wird, bleibt nicht nur ein Schmerz zurück. Es wird eine Wunde geschlagen, an der man ein Leben lang leidet, weil sie niemals richtig vernarbt. Johannes, die beiden Marias, Salome und wer sonst noch dabei ist, als all das passiert, sind Zeugen einer Niederlage: die Mächte des Bösen haben den Sieg behalten, auch dieses Mal. Der, den sie für Gottes Auserwählten gehalten hatte, für den Sohn Gottes, hat verloren. Gottes letzter Trumpf hat nicht gestochen. Die Finsternis legt sich sogar über die Sonne, mitten am Tag, bis um etwa 15.00 Uhr, wie von den Evangelisten berichtet wird. Die Akte Jesus von Nazareth ist geschlossen.

 

Hier gilt es anzuhalten. Ostern ist noch weit weg.

 

Vor allem: Ostern ist nicht die Beseitigung, Außerkraftsetzung oder Annullierung des Karfreitags. Es ist nicht die Aufhebung des Kreuzes, sondern dessen Offenbarung. Wer am Kreuz verharrt, sich dem Blick in dieses Dunkel nicht verschließt, muß eines feststellen: Gott wird die Welt nicht erlösen, indem er das Böse mit Gewalt beseitigt.

Er wird das nicht tun.

Und alle, die versucht haben, es in seinem Namen besser zu machen, haben nichts als Unheil und Schande unter die Menschheit gebracht. Nein, Gott wird diese Welt nicht mit Gewalt erlösen – er wird lieber sterben als das tun. Wir glauben an einen Gott, der – in unseren Verstehensformen und Lebensgewohnheiten ausgedrückt – eine Niederlage erlitten hat. Einen Gott, der den Tod an sich heranzulassen wagt, ihn nicht scheut. Eines der Bekenntnisse übrigens, bei denen wir mit den Muslimen einfach nicht zusammenkommen. In der Mitte unserer Glaubensbilder stehen ein Ort des Schreckens und ein Ereignis schmählichster Verlassenheit. Wir glauben, daß Gott sich mit dem eingelassen hat, was überhaupt nicht zu ihm gehört, daß er sich an einen Ort begeben hat, wo die Götter üblicherweise fliehen, daß er sich mit dem verbindet, was zutiefst und schmerzlich unsere, aber nicht seine Sache ist.

Das Lied, das wir gesungen haben, fordert uns auf, in unseren Gedanken zurückzugehen an diesen Ort, in diese Situation und in ihr zu fassen, was wir nur so schwer glauben können, handgreiflich, sinnlich: Gott ist nicht jenseits des Todes zu finden, sondern im Tod. Er ist nicht jenseits des Leides zu ergreifen, sondern im Leid. Er wartet nicht jenseits des Dunkels, sondern in ihm. Er steht nicht abseits der Schuld, sondern in ihr.

Und nun kommt das eigentliche Wunder. Das freilich sehen wir erst Ostern, nicht schon am Karfreitag. Aber es geschieht am Karfreitag. Dieses Wunder ist eine Umkehrung, eine vollständige Verwandlung der sichtbaren und der unsichtbaren Welt. Die Umkehrung lautet: nicht Gott ist im Tod, sondern der Tod ist nun in Gott. Das eigentliche Geheimnis des Kreuzes Christi ist dies: es ist ein ewiges Ereignis. Es ist nicht nur ein schrecklicher Vorgang, dessen Überwindung wir Ostern feiern – das stimmt in erster Näherung auch.

Es gibt aber darüberhinaus etwas Unglaubliches festzuhalten: das Kreuz Jesu ist in Gott ewig geworden. Es ist sozusagen im Unsichtbaren immer aufgerichtet. Und zwar nicht als ewiges Gericht, sondern als ewige Gnade. Nicht als ewiger Vorwurf, sondern als ewige Erlösung. Denn dort hat Gott den Tod in sich aufgenommen. Er hat dem Leiden bei sich ein Zuhause gegeben. Er hat der Sünde einen Ort verschafft, an dem sie bei ihm sein kann, ohne den Sünder zu zerstören. In der ewigen Welt gibt es ein Scheitern, das in Gott hineinführt und nicht in das Nichts. Es gibt eine Vernichtung, die in der Ewigkeit aufgehoben und geheilt ist.

Das bedeutet ungeheuer viel. – Paulus schreibt in seinem Brief an die Kolosser an einer Stelle, daß, so drückt er sich aus, an den Leiden Christi noch etwas fehlt … Eine merkwürdige Aussage, die man auf den ersten Zugang gar nicht richtig einordnen kann. Auch ich bin mit dieser Aussage nicht fertig, aber ich glaube, dahinter verbirgt sich eine erstaunliche Überzeugung: in all dem Leid, das wir um uns herum sehen, dokumentiert sich eben nicht die Abwesenheit des liebenden Gottes, sondern im Gegenteil, seine Anwesenheit. Gott ist genau dort am klarsten zugegen, wo wir seine Ferne beklagen. All dieses Leid, das eine irgendwie aus den Fugen geratene Welt sich selber zufügt, ist gehalten und ausgehalten in der ewigen Liebe Gottes. Das ist schwer zu glauben. Das ist auch schwer zu vollziehen, wenn man selber Opfer ist, betroffen von schwerem Schicksal und getrieben von den bösen Mächten, die einen verfolgen. Und ich bete auch zu Gott, daß mir meine großen theologischen Worte nicht um die Ohren gehauen werden, wenn es denn an mich geht. Aber ich glaube: weil die Liebe Gottes eben lieber stirbt, als sich ihre Herrschaft mit Gewalt zu nehmen, ist sie darum auch um die her, die getroffen werden.

Der gekreuzigte Christus ist so etwas wie das Wasserzeichen einer leidenden Welt. Nehmen sie dieses Bild mit und halten sie nach ihm Ausschau. Sie werden ihn sehen, ganz bestimmt.

Amen.


 


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