Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Traupredigt zu Philipper 2,2

Pfarrer Johannes Höflinger (ev)

07.06.2014 in der Stadtkirche in Uhingen

Trauung

1 + 1 = 1

Lieber Matthias, liebe Manuela.

Ihr habt Euch als Trauspruch einen Vers aus dem Philipperbrief ausgewählt,

Philipper 2, 2.

Er heißt:

Macht meine Freude dadurch vollkommen,

dass ihr eines Sinnes seid.

Einander in Liebe verbunden,

einmütig und einträchtig.

Dieser eine Satz enthält drei Mal das Zahlwort eins.

eines Sinnes, einmütig und einträchtig.

Euer Trauspruch fordert zu einer einfachen Rechnung auf:

1+1=1

Gut, das Ergebnis ist überraschend. Rein mathematisch.

Wenn wir 1+1 zusammenzählen kommt immer 2 heraus.

Euer Trauspruch behauptet kühn, es ist auch ein anderes Ergebnis möglich.

Wenn man eins und eins zusammenzählt, und nicht gerade einen Mathetest schreibt, kann man auch zu einem anderen Ergebnis kommen. Soll zu einem anderen Ergebnis kommen.

Macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eins und eins zusammenzählt und dabei eine Eins herauskommt.

Wir werden noch ein bisschen herumrechnen, Lösungsweg suchen, damit wir auf dieses Ergebnis kommen und nebenbei ein paar Lösungswege für die Aufgabe einer Ehe herausfinden.

Lieber Matthias, liebe Manuela,

Ihr sagt von Euch:

„Wir machen gemeinsame Sache.

Wir wollen unser Leben noch mehr gemeinsam angehen.

Wir haben es erlebt und gespürt, diese Eins. Dieses Einssein.

Wir haben gemerkt, das geht,

dass wir gleicher Meinung sind,

dasselbe wir wollen,

dass uns ein gemeinsamer Glaube trägt.

Dass wir zwei eine gefühlte Eins sind.“

Und Ihr habt auch schon gemerkt, dass 1+1 manchmal 2 ergibt.

2 Köpfe, 2 Meinungen, 2 Geschmäcker, 2 Empfindungen.

2 - mathematisch und gefühlt.

Dann ward Ihr irritiert, frustriert, ziemlich enttäuscht.

Weil Ihr doch 1 sein wollt.

Ja, Ihr habt vielleicht sogar gedacht, wir sind uns doch in dieser Sache 1:

einer Meinung, einer Auffassung.

Wir empfinden dasselbe.

Und dann stellt sich heraus, das stimmt ja gar nicht.

Ihr seid in dieser Sache völlig unterschiedlich unterwegs.

Erstaunt fragt Ihr dann: Wie kann der andere in dieser Sache etwas anderes wollen oder meinen oder glauben oder fühlen als ich? Ich dachte es sei alles klar?

Das sind Situationen, in denen 1+1 zwei ergibt.

Und dann?

Dann muss man die Rechnung von vorn beginnen, noch einmal von vorne anfangen, vielleicht einen anderen Lösungsweg suchen.

Mir sind verschiedene Möglichkeiten eingefallen, um auf eine Eins zu kommen.

Allen ist gemeinsam, man muss die Einser kleiner machen.

Die Einser kleiner machen: z.B. auf die Hälfte kürzen.

0,5 und 0,5 gibt eine glatte 1.

Oder 0,4 und 0, 6 ergeben auch eine 1.

Oder Dreiviertel und ein Viertel ergeben ein Ganzes.

Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, um auf eine Eins zu kommen.

Viele Möglichkeiten, um sich eins zu werden in einer Sache,

um eine gemeinsame Entscheidung zu finden,

um auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen.

In den wenigsten Fällen kann die eine Eins ganz bleiben. Denn dann muss die andere auf null zurückgehen. Aber auch das ist ein Lösungsweg. Manchmal.

Ihr kommt umso leichter auf das gewünschte Ergebnis, je mehr Lösungswege Ihr ausprobiert und praktiziert, um auf eine Eins zu kommen.

Die Hochzeitsvorbereitungen hatten dafür ja schon eine Menge Übungsaufgaben bereitgestellt.

Macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid

Einander in Liebe verbunden, einmütig und einträchtig.

Eines Sinnes, einmütig, einträchtig, das muss man wollen.

Das ergibt sich nicht einfach so, wenn man sich nur genug liebt.

Dafür braucht es mehr als große Gefühle.

Ich will es einmal Haltung nennen.

Wir brauchen Haltung, wenn wir Einheit erreichen wollen.

Haltung.

Fair zu sein ist eine Haltung, kein Gefühl.

Oder gerecht sein oder treu sein, ist eine Haltung, kein Gefühl.

Selbstkritisch oder ehrlich sein, das ist eine Haltung, kein Gefühl.

Ihr braucht Haltung, wenn Ihr Einheit wollt.

Wenn Ihr eines Sinnes, einmütig, einträchtig leben wollt.

Denn Haltung kommt vor dem Gefühl. Haltung ist tiefer verwurzelt.

Sie setzt wächst aus einer Überzeugung heraus.

Haltung lässt uns noch etwas tun, wo das Gefühl ausfällt oder ins Gegenteil gekippt ist.

Zwei Beispiele:

Wenn der andere sich unmöglich benimmt, wenn ich ihn am liebsten hinter den Mond schießen würde, oder

wenn ich mich nach einer Meinungsverschiedenheit am liebsten schmollend, verletzt zurückziehen würde,

wenn meine Gefühle weg sind oder mich meine Wut vom anderen wegtreibt,

dann merke ich, ob in mir eine Haltung ist. Die Haltung:

wir haben uns vorgenommen, egal was ist, wir wollen wieder zusammenzukommen.

Wir brauchen so eine Haltung, wenn wir die Einheit wollen

Eine Haltung, die tiefer ist, als unsere augenblicklichen Gefühle.

Es braucht mehr als ein Gefühl, um der Aufforderung Eures Trauspruches nachzukommen.

Macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid

Einander in Liebe verbunden, einmütig und einträchtig.

Für unser Gefühl, ist eine solche Aufgabe zu groß.

Von unserem Gefühl her, sind uns die großen biblischen Worte von der Liebe unfassbar.

Wie soll man seinen Feind lieben,

wie soll man Böses nicht mit Bösem vergelten,

wie soll man jeden Christen annehmen wie Christus uns angenommen hat,

wie soll man nicht aufhören barmherzig zu sein oder 7mal 77 vergeben,

wie soll man jene segnen, die einem fluchen,

wie soll man dienen, ohne sich als letzten Dreck zu fühlen,

wie soll man die linke Wange hinhalten, nachdem man geschlagen wurde,

wie sollen wir einander in Liebe verbunden bleiben, einmütig und einträchtig?

Mit unseren wechselnden Gefühlen, mit unserer Tagesform, sind wir da schnell am Ende.

Merken, es geht nicht.

Wir kommen über die Reichweite unserer spontanen Gefühle hinaus, wenn wir eine Haltung dazu gefunden haben, eine Haltung, die in der Tiefe einer Überzeugung wurzelt.

Ich will noch einen Schritt weitergehen und fragen: wie finden wir zu solcher Haltung, die über Gefühle noch hinausgeht?

Fast im Anschluss an an Euren Trautext zitiert Paulus ein Christuslied.

Vielleicht war dies damals modern. Vielleicht war es schon ein etwas älterer Choral.

Es beginnt mit:

Er war in allem Gott gleich und doch hielt er daran nicht fest, zu sein wie Gott.

Er gab es auf und wurde einem Sklaven gleich. Er wurde ein Mensch in dieser Welt.

Und Paulus leitet dieses Lied ein mit der Aufforderung: Seid gesinnt wie Jesus Christus auch gesinnt war.

Es geht um Gesinnung. Es geht in diesem Lied um eine bestimmte Haltung. Bei Jesus. Bei Euch. Bei uns. Haltung gewinnen.

Ich finde, es geht so:

Jemand macht sie uns vor, zeigt sie uns bei sich, und wir machen sie nach.

So nehmen wir Haltung an. Mit dem Rückgrat und mit dem Herzen.

Schaut das nächste Mal hin, wenn jemand zu Euch sagt:

„Kopf hoch! nimm die Schultern zurück! Mensch, mach dich nicht so kein. Versteck dich nicht! Zeig Dich! Stell dich mit beiden Beinen fest auf den Boden.“

Schaut mal hin. Schaut, was er oder sie dabei macht.

In den meisten Fällen macht er Euch die Haltung vor. Nimmt seinen Kopf hoch, zieht die Schultern zurück, stellt sich breit hin.“ Das geht ganz automatisch.

Wir lernen Haltung, indem wir Haltung nachmachen.

Das gilt für unsere Körperhaltung und für unsere seelischen Einstellungen.

Auch dafür brauchen wir jemand, der uns Haltungen vormacht. Haltungen vorlebt.

Darum zitiert Paulus dieses Lied über Jesus. Um seine Haltung zu zeigen.

Und er fordert uns auf zum Nachmachen.

Seid gesinnt wie Jesus auch war.

Lieber Matthias, liebe Manuela,

mit solch einer Haltung werdet ihr immer wieder auf den Weg zurückfinden, die Einheit miteinander zu suchen.

Mit solcher Haltung werdet Ihr immer wieder solange herumrechnen, bis 1+1 eine 1 ergeben.

Und dann ist auch die Freude wieder da.

Macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid

Einander in Liebe verbunden, einmütig und einträchtig.

AMEN