Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über „Sucht mich das Glück am falschen Ort?“

Pfarrer Niklaus Peter

31.08.2008 Fraumünster in Zürich, Schweiz

FRAUMÜNSTER – PREDIGTEN

„Sucht mich das Glück am falschen Ort?“

1 Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! 2 Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden, und mit dem Mass, mit dem ihr messt, wird euch zugemessen werden. 3 Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, den Balken in deinem Auge aber nimmst du nicht wahr? 4 Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen, und dabei ist in deinem Auge der Balken? 5 Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge. Dann wirst du klar genug sehen, um den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen.

Matthäusevangelium 7.1-5

Liebe Gemeinde

„Findet mich das Glück?“ – so lautet eine der Fragen des Schweizer Künstlerduos Fischli/Weiss, eine zweite: „Warum weiss ich immer alles besser?“, eine dritte: „Hätte aus mir etwas anderes werden können?“, und eine vierte und fünfte lauten: „Hilft hartnäckiges Wünschen?“ und „Soll ich mein eigenes Wohlbefinden ins Zentrum meiner Aktivitäten stellen?“… Und nun könnte ich fortfahren, diese hinterlistig-witzigen, oftmals schrägen und doch irgendwie klugen Fragen des bekannten Künstler-Gespanns vorzutragen.

Insgesamt 405 Fragen waren es, alle von Hand geschrieben, photographiert und mit einem Diaprojektor an die Wand geworfen – eine Installation im Schweizer Pavillon an der Biennale des Jahres 2003 in Venedig. Nun sind Kunstwerke nie eindeutig, man kann diese Fragen nicht alle auf einen Nenner bringen… Aber was mich angesprochen und ins Nachdenken gebracht hat, war dies: Immer dieses kleine Ich, das fragt, das mit sich beschäftigt ist, dem tausend Fragen durch den Kopf gehen, kluge und auch weniger kluge: „Kann man mich mit Musik beruhigen?“, „Kennt mich mein Auto?“, „Ist das Leben ein seltsames Höhlensystem?“, „Soll ich Russland überfallen?“ Das erheitert und ermuntert auf eine freundliche Weise zum Nachdenken, weil wir uns manchmal in diesen kauzigen Fragern wiedererkennen. Eben dieses kleine, ständig mit sich beschäftigte Frager-Ich.

Manchmal schärft bei Fischli/Weiss eine kleine Umstellung, eine Veränderung der normalen Frage den Sinn und unsere Wahrnehmung. So heisst die zuerst zitierte Frage eben nicht: „Finde ich Glück?“ Sondern: „Findet mich das Glück?“ Und irgendwie verstärkt sich in dieser schrulligen Zuspitzung das Komische der Ich-Zentriertheit: Nun ist das Glück also auf der Suche nach mir! Wird es mich auch finden? Und so lautet die letzte, urkomisch-bängliche Frage im später publizierten Büchlein: „Sucht mich das Glück am falschen Ort?“

 

Was hat das, liebe Gemeinde, mit unserer bekannten, zum Sprichwort gewordenen Bibelstelle vom Splitter im Auge des andern und vom Balken im eigenen Auge zu tun? Verlieren wir den Ernst dieses Bergpredigt-Wortes – in dem es ja ums Richten geht - aus den Augen, wenn wir es mit diesen verspielten, sinnigen und unsinnigen Künstlerfragen zusammenstellen? Ich glaube nicht, im Gegenteil.

Denn in Jesu Predigt kommen sehr viele Fragen vor, und seine Bergpredigt setzt nicht mit verbiesterten Mahnungen ein, sondern mit den Seligpreisungen: „Selig sind die Armen im Geist, ihnen gehört das Himmelreich, selig die Trauernden, sie werden getröstet werden!“ Ganz im Stil der alttestamentlichen Weisheit wird jemand glücklich, ja selig gepriesen – nur eben überraschend auch hier die Wahrnehmung, die Wahrnehmungsveränderung. Nicht einfach: Glücklich der Fromme und Erfolgreiche – sondern: Glücklich gepriesen werden jene, die von sich, von ihrer Suche nach Erfolg und Glück und Reichtum sich lösen können; glücklich jene, denen etwas von der erneuerten Menschlichkeit, von der Jesus spricht, aufgegangen ist; jene, die ihr Vertrauen nicht auf Gewalt setzen; jene, die Frieden stiften – statt von andern Frieden zu erwarten…

 

Jesus spricht in der Bergpredigt zu seinen Jüngerinnen und Jüngern, zu denen, die einen existenziellen Weg mit ihm mitgehen, und deshalb spricht er im weiteren Verlauf der Bergpredigt vom „Salz der Erde“, danach von der „neuen Gerechtigkeit“, von der Vergebung – ja von der Feindesliebe! Dabei handelt es sich nicht um eine Weichlichkeit, um ein Ausweichen vor Konflikten und Auseinandersetzungen. Denn es geht um „Entfeindung“, um den Prozess, wie ich andere Menschen sehe, sie als Feinde behandle und ihnen vielleicht gar keine Chance lasse, Freunde zu werden. Danach folgen Worte übers Beten, über den Umgang mit dem Besitz – und jetzt eben – im Abschlusskapitel der Bergpredigt, diese Stelle vom Richten, auf die dann gleich die Goldene Regel und das Bild vom engen Tor folgen werden. Das hat seinen tiefen Sinn.

Denn wenn jemand als Jünger sich von dieser Erneuerung hat ergreifen lassen, wenn ein Mensch statt auf Konfrontation auf Versöhnung zielt, wenn er diese Erneuerungsmöglichkeiten der Welt und der Menschheit von Gott her plötzlich realisiert und erlebt hat – dann schärft sich sein Auge. Er sieht plötzlich den ganzen Schrecken, die Brutalität der Welt, die man sonst übersieht, nicht wahrnimmt, nicht wahrhaben will. Er sieht auch die Kleinlichkeit, das Bösartige, das Gemeine, das in uns Menschen stecken kann – er sieht es jetzt besser und schärfer als zuvor. – Aber eben: er sieht es vor allem an den anderen! Und das ist das Problem der Jünger, das ist unser Problem, das ist das Problem aller Erneuerungsbewegungen, wenn sie es denn ernst meinen: Dieser klare Blick auf die menschliche Unzulänglichkeit, auf die kleinen Betrügereien und grosse Schweinereien, auf die entsetzliche Ungerechtigkeit. Ein klarer Blick, aus dem dann aber oft eine Härte im Verurteilen, im Abqualifizieren der anderen entsteht – eine Gefahr, die in der ganzen Christentumsgeschichte immer wieder auftaucht: Die harte und saure und oft selbstgerechte Moral – die sich vor allem gegen andere richtet.

Und deshalb spricht Jesus jetzt vom Richten, vom Aburteilen anderer. Aber wichtig ist nun, wie man das hören soll: nämlich nicht als eine Moral höherer Stufe, in grösserer, fast unerreichbarer Klarheit. Sondern als Wahrnehmungsübung, fast als eine Fischli/Weiss’sche Frageübung: Siehst du nicht, dass du bei aller Erneuerung, bei allem Wunsch und aller Sehnsucht und aller Anstrengung ein Mensch bleibst, der von sich selbst schlecht abstrahieren kann, der sich selbst im Wege steht, sich selbst immer zuerst der Nächste ist?

 

Dietrich Bonhoeffer, der - anders als wir, auch in einer anderen Zeit freilich - entschieden, kämpferisch und mutig in der Nachfolge Christi stand und sein Leben dafür einsetzte –, er stellt sich genau diese Frage. In seiner eindrücklichen „Rechenschaft nach Zehn Jahren“ von 1943, kurz vor seiner Verhaftung, beschreibt er sein Entsetzen über den Opportunismus und die Dummheit vieler seiner Landsleute. Dann notiert er: „Die Gefahr, uns in Menschenverachtung hineintreiben zu lassen, ist sehr gross.“ Aber, wer einen Menschen verachte, fährt er fort, der gebe ihn auf, gebe die Chance auf, ihn verändern zu können - und dann betont Bonhoeffer, dass nichts von dem, was wir im anderen verachten, uns selbst ganz fremd sei. Man müsse mehr darauf schauen, was Menschen erleiden, nicht, was sie sagen und tun. „Das einzig fruchtbare Verhältnis zu den Menschen“ so schliesst er, „ist Liebe, d.h. der Wille, mit ihnen Gemeinschaft zu halten. Gott selbst hat die Menschen nicht verachtet, sondern ist Mensch geworden um der Menschen willen.“

Was mich so beeindruckt an diesem Bonhoeffer-Text: Nicht richten, nicht aburteilen heisst hier nicht Gleichgültigkeit, heisst nicht das Unrecht, die Dummheit zu akzeptieren, sich damit zu arrangieren – Bonhoeffers Reaktion ist nicht eine milde und wurstige Form des „Leben und Lebenlassen“, es ist keine gleichgültige, indifferente Toleranz. Die Masstäbe sind klar und unerschüttert, aber gleichzeitig beobachtet er an sich die Gefahr, hart und verachtend zu werden und damit genau in den Hauptfehler seiner Feinde zu fallen… Und doch hat er ein Korrektiv, und aus diesem gewinnt er nun einen neuen Massstab: Gott ist Mensch geworden, damit wir menschlich werden. Er gewinnt also einen Masstab an Jesus Christus.

Mit dem Mass, mit dem ihr messt, werdet ihr gemessen werden, sagt Jesus, und das heisst doch: Es gibt Masstäbe, es gibt Gerechtigkeit, es gibt Liebe. Aber wenn wir uns zuerst auf die Verzerrungen der eigenen Wahrnehmung, auf die Balken in unseren Augen, auf unsere Selbstgerechtigkeiten konzentrieren, dann verändert sich vielleicht auch unser Blick für den Nächsten. Dann fällt alle Härte, alle Verachtung weg, dann konzentrieren wir uns plötzlich darauf, wie Prozesse der Entzerrung, Prozesse der Entfeindung, Prozesse der Entdummung laufen, bei uns, vielleicht auch bei anderen. Dann kann etwas Grosses in Gang kommen, genau das, was die Seligpreisungen am Anfang so eindrücklich proklamieren: Glücklich ist, wer aus diesen Gestalten der Liebe leben kann, aus der Barmherzigkeit, aus der Friedfertigkeit, aus der Gerechtigkeit.

Die Klarheit des Bildes spricht für sich: Jedes kleine Problem bei anderen sehen wir, das Haar in der Suppe, den Splitter im Auge des anderen, nicht aber den Balken im eigenen Auge. Und sogleich fallen uns sicherlich Beispiele ein aus der Politik, auch aus dem privaten Leben: Die hochmoralische Reaktion der Amerikaner wegen Georgien – und vergessen ist dabei die eigene Lüge, die den Vorwand für den Irakkrieg bildete, und die Missachtung des Völkerrechts. Nur eben: Auch dieses Beispiel ist nochmals ein Beispiel, wo wir bei Dritten und Vierten Rechtsbrüche beobachten – und unsere eigenen Ungerechtigkeiten nicht wahrnehmen.

Nun ist damit aber nicht gesagt, dass Kritik unstatthaft und unnötig sei – im Gegenteil, denn der Abschnitt schliesst mit dem Rat: Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge. Dann wirst du klar genug sehen, um den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen. Wohlwollende, aufbauende, klärende Kritik, nach gelungener Selbstkritik, das ist in jeder Beziehung, in jeder Gesellschaft, in aller Politik notwendig – ja darauf bauen Demokratie und Parlamentarismus. Aber alle Glaubwürdigkeit und alle Kraft hängen daran, ob man die Erneuerung zuerst einmal an sich selbst hat wirken lassen.

 

Bonhoeffers klärende Beobachtung lautete: „Das einzig fruchtbare Verhältnis zu den Menschen ist Liebe“, und diese Perspektive hatte er nicht aus sich selbst, sondern aus seinem Glauben gewonnen: „Gott selbst hat die Menschen nicht verachtet, sondern ist Mensch geworden um der Menschen willen.“ Gott selbst hat vorweg mit seiner Liebe diesen Grund für die Erneuerung bereitet.

Wenn das der Grund ist, auf dem wir bauen, dann ist mindestens jene kuriose Frage von Fischli/Weiss „Findet mich das Glück?“ gar nicht so kurios: Irgendwie hat diese Frage dann über alle spassigen Lockerungseffekte hinaus sogar sehr viel für sich: Findet mich das Glück? und vielleicht muss man nur ergänzen: …oder habe ich mich zu sehr versteckt und verbohrt? Ist es vielleicht schon ganz in der Nähe - …nur ich bin noch so mit mir selbst und meiner Selbstgerechtigkeit beschäftigt, dass ich es gar nicht wahrnehme und einlasse?

Viele Gleichnisse, die Jesus erzählt hat: etwa jenes vom „Schatz im Acker“ oder von der „kostbaren Perle“ oder vom „hochverschuldeten Knecht und seinen Schuldnern“, alle wollen sie uns die glückliche Nähe Gottes verständlich machen, und oft mit ähnlich künstlerischen Mitteln wie unser Künstler-Duo: Überraschung, Witz, Übertreibung, ja manchmal sogar die Groteske.

Finden Sie nicht auch, dass wir generell ein neues Verhältnis zu solchen Formen der Lebenskunst finden sollten? Lassen sich mich deshalb mit einer letzten Fischli/Weiss-Frage schliessen. Sie hat in ihrer ganzen Schrägheit die Kraft eines Blitzlichtes: „Ist meine Dummheit ein warmer Mantel?“

Amen.