Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Römer 8,18-25

Pfarrer Dr. Matthias Dannenmann (ev)

14.11.2010 in der Petruskirche in Gerlingen

Volkstrauertag

Liebe Gemeinde,

heute am Volkstrauertag werden wir wieder schmerzlich daran erinnert, wie viele Wunden die Weltkriege nicht nur in unserem Land, sondern in vielen anderen Ländern der Erde geschlagen haben.
Viele Millionen Menschen sind durch Kriegshandlungen an der Front, durch schlimme Verletzungen bei Bombenangriffen in der Heimat oder auf der Flucht ums Leben gekommen.

Auch heute noch trauern manche von uns über den Verlust von Familienangehörigen, von Freunden und Nachbarn. Die Klage über die Vertreibung aus der Heimat und den Verlust jeglichen Besitzes ist in vielen Familien immer noch nicht verstummt.
Wir denken heute aber auch an die Opfer der Bürgerkriege unserer Tage, an die Opfer von Anschlägen und politischer Verfolgung. Wir denken an die gefallenen Soldaten in Afghanistan, an Verwundete und an deren Angehörige. Wir denken an die dortige notleidende einheimische Bevölkerung.
Alle diese grausamen Kriege wurden und werden von uns Menschen verschuldet. Menschen sind dafür verantwortlich niemand sonst!

Und doch dennoch klagen wir, wenn ein schweres Unglück über uns herein-bricht, nicht zuerst uns selbst, sondern Gott an:
Dann fragen wir: Wie kann Gott das zulassen, warum greift er nicht ein?
Müsste aber Gott nicht viel eher der uns Menschen Anklagende sein?
Müsste er nicht fragen: Warum machen es sich die Menschen gegenseitig so schwer und schlagen sich die Köpfe ein? Warum leben sie nicht in Frieden beieinander?
Warum vergessen wir in unserem täglichen Leben immer wieder Gott, den Schöpfer dieser Welt?
Warum leben wir nicht mit der Botschaft Jesu Christi, sondern zuerst nach unseren eigenen Vorstellungen und Zielen?

Hören wir auf den Predigtext für diesen Sonntag, Römerbrief Kapitel 8, die Verse 18 bis 25:
Denn ich bin überzeugt, schreibt der Apostel Paulus, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden.
Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den , der sie unterworfen hat – doch auf Hoffnung; denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.
Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes.
Denn wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man nicht sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man nicht sieht? Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld. Amen
(Soweit der Apostel Paulus in seinem Brief an die christliche Gemeinde in Rom.)

Liebe Gemeinde,  „Die Schöpfung wird frei werden“, schreibt der Apostel Paulus, „frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der Freiheit der Kinder Gottes.“ Aber noch ist die Schöpfung der Vergänglichkeit unterworfen, noch herrscht die Angst.
In unserer Welt wird viel geseufzt. Wir sind unzufrieden mit ihrem Zustand unserer Welt.
Wir klagen über das Elend und die Not unter den Menschen.
Millionen von Menschen sind täglich auf der Flucht – im Sudan, im Kongo und in Zentralafrika.
Täglich sterben Zig-Tausende Kinder an Hunger und Durst.
Die Überschwemmungskatastrophe in Pakistan zerstörte fruchtbares Land von der Größe Italiens.
In die Irre Geleitete reißen als Selbstmordattentäter ahnungslose Menschen in den Tod.
Verrückte Menschen schießen wahllos um sich und richten verheerende Massaker an.
Angesichts solcher Grausamkeiten resignieren viele Menschen und sagen:
„Damit muss man sich abfinden. Da kann man sowieso nichts machen.“

Aber nicht nur wir Menschen seufzen, klagen an und resignieren.
Die ganze Schöpfung seufzt, stöhnt und ängstigt sich bis zum heutigen Tag, schreibt der Apostel.
So lernen wir heute, dass der Mensch und die nichtmenschliche Kreatur un-trennbar zusammen gehören, auch in ihren Ängsten und in ihrer Sehnsucht nach Erlösung.
Es rächt sich bitter, wenn wir Menschen alle andere Kreatur zu bloßem Material herabwürdigen und wir uns nur um unsere eigenen Sehnsüchte und Wünsche kümmern.
Ja, wir haben dunkle Schatten über Gottes gute Schöpfung geworfen. Und nun merken wir zu unserem Entsetzen, dass diese Schatten noch dunkler auf uns zurück fallen. 

Vor wenigen Monaten erlebten wir, wie die zerstörte Ölplattform im Golf von Mexiko viele Millionen Barrel Öl ins Meer fließen ließ und ein Fischsterben riesigen Ausmaßes verursachte. Das Meer und die Strände wurden verseucht und die Arbeit und Existenz Tausender Menschen gefährdet.
Allmählich fangen wir alle an zu begreifen, dass sich rächt, was wir der Schöpfung antun.

Jede Kreatur seufzt und stöhnt, wenn man sie um ihr Wesen, ihr Dasein, betrügt und sie dazu missbraucht, nur noch Mittel zum Zweck, nur noch wesenloses Material zu sein, das man ohne weiteres gegen etwas anderes meint austauschen zu können.
Damit vertauschen und verwechseln wir Schöpfer und Geschöpf. Wir maßen uns eine Hoheit über die Erde an, die allein Gott zusteht.
Wir sind im Begriff das Rad der Weltgeschichte an den Anfang der Entstehung der Erde zurück zu drehen, wie es in den ersten Versen der Bibel heißt: „Und die Erde war wüst und leer, sie war ein Tohuwabohu.“
 „Denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht“, kommentiert Mephistopheles in Goethes Faust hämisch das Auf und Ab auf der Erde.

Die Menschen wollen heute auf ihre Kosten kommen. Das Leben muss Spaß machen, denken Viele. Die Schule, der Beruf, das tägliche Leben muss Spaß machen. Abwechslung ist gefragt, ständig soll Neues erlebt werden. Alles andere ist Stillstand.
Die Wertvorstellungen für unser Leben sind durcheinander geraten.
Wir sind schon längst nicht mehr darin einig, dass jeder Mensch ein Recht auf Leben hat – auch derjenige, der zum Sozialprodukt nichts beitragen kann, weil er behindert, krank oder gebrechlich ist.

Und die Frage nach Gott? Was willst du Gott, dass ich tue? Welchen Weg, lieber Gott, willst du mich führen? Wo werden diese Fragen noch gestellt?
Und die Verkündigung der Botschaft Jesu Christi? Wo wird sie gehört, erlebt und erfahren?
Der christliche Glaube gehört in unserer westlichen Welt zunehmend der Vergangenheit an. Beliebige exotische Glaubenslehren und Zaubereien faszinieren heute mehr.

Der bekannte Physiker und Atomforscher Werner Heisenberg sagte vor über 50 Jahren in prophetischer Sicht voraus:
„Die Welt von heute gleicht einem wundervollen Ozeandampfer. Die kompli-ziertesten Maschinen funktionieren gut, die Passagiere tanzen zur Bordmusik, in den Küchen wird ausgezeichnet gebraten und gekocht, alle sind vergnügt. Das Ganze ist großartig. Nur der Anker fehlt und der Kompass geht nicht. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann das Schiff an einem Eisberg zerschellen wird.“

Um so erstaunlicher ist, liebe Gemeinde, dass sich Gott in dieser Situation nicht voller Abscheu von uns Menschen abwendet.
Er sinnt auch nicht auf Rache oder Strafe. Nein, zu unserer Überraschung schreibt der Apostel: „Ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die uns offenbart werden soll.“
Er hofft auf die „herrliche Freiheit der Kinder Gottes.“ Die gesamte Schöpfung wird zu dieser Freiheit befreit werden.

Das heißt – und das ist das Neue, das für uns Überwältigende und Überraschende - wir dürfen und sollen die ganze Welt von Jesus Christus her sehen.
Wir dürfen nicht so tun, als sei Jesus Christus nicht zu uns Menschen gekommen.
Wir verkennen die Situation völlig, wenn wir meinen, Jesus Christus wäre lediglich ein Mensch wie wir gewesen – hilflos, machtlos, ängstlich.
Wir verstehen die Weltgeschichte nicht, wenn wir der Ansicht sind, dass Jesus in der Vergangenheit lebte – ohne Auswirkung auf unser heutiges Leben.
Wer so denkt, bewegt sich in einem alten Weltbild!
Jesus Christus brachte uns ein neues Weltbild.
Mit ihm werden wir Menschen mit Hoffnung, Zuversicht und Geduld ausgestattet.
Jesus Christus war und ist unser Retter und Erlöser! Dieses neue Weltbild vermittelt unserem Leben Sinn, gibt ihm Ziel, Inhalt und Halt. Nicht sinnloses Chaos wird am Ende stehen, sondern Leben in Erfüllung und Freude.

Aus dieser Überzeugung heraus können wir kraftvoll, zuversichtlich und mutig unser Leben heute und jeden Tag neu gestalten.
Auf dem Boden dieser Gewissheit können wir zwischen den uns ärgernden Missständen unterscheiden.
Einige widrige Umstände können wir durch unsere Bemühungen beseitigen. Andere haben eine tiefere Ursache, an die wir nicht herankommen. Das sind Missstände, die nur Jesus Christus selbst heilen wird.

Eindrucksvoll schreibt Johannes in seiner Offenbarung: „Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde. Gott wird bei den Menschen wohnen. Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein:“
Gott wird alle Tränen abwischen.
Wir Menschen müssen und können nicht alle Tränen trocknen und alle Leiden der Welt lindern.
Unsere Anstrengungen zur Verbesserung der Welt bleiben Stückwerk. Das erfahren wir immer wieder.
Nur Gott allein ist in der Lage seine Schöpfung von der Knechtschaft des Leidens zu befreien. Sie wird frei werden von der Diktatur der Vergänglichkeit. „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit“, beten wir im Vaterunser.

Wir dürfen einem neuen Weltbild vertrauen, wenn wir uns selbst und unsere Welt mit den Augen Jesu Christi sehen.
Wir werden durch ihn zu erlösten und befreiten Menschen, die die wunderbare Erfahrung der Vergebung durch Christus erleben.
Wir dürfen Menschen der Hoffnung sein – das sei denen besonders gesagt, die meinen, unser christlicher Glaube könne nichts verändern. Christlicher Glaube könne nur den Schmerz und das Leiden betäuben, ähnlich wie Morphium. Aber die Ursachen der Schmerzen können durch den Glauben nicht beseitigt werden.

Liebe Gemeinde, die größte Heilkraft ist unser Glaube an Jesus Christus.
Die Liebe Gottes zu uns ist so grenzenlos und ohne Vorbehalte, dass diese Liebe seinen Sohn Jesus Christus in den Tod für uns führte: Christus für uns gestorben! Das ist der rettende Ruf über unser Leben.
Und diese Liebe hat in der Auferstehung Jesu Christi ihren Sieg gefunden: „Ich habe die Welt besiegt,“ sagt Jesus.
Er weiß, dass wir in dieser Welt immer wieder von Ängsten erfasst werden.
Er weiß, dass wir dazu neigen, uns um alles nur Mögliche zu sorgen.
Er weiß, wie sehr uns die Einsamkeit bedrücken kann: „In der Welt habt ihr Angst“, sagt er.
Ein Leben ohne Angst, ohne Sorgen, Schmerzen und Leid verspricht er uns nicht.
Aber sein Ruf: „Ich habe die Welt besiegt“, möchte uns darauf aufmerksam machen, dass es jemanden gibt, mit dem wir unsere Ängste, Sorgen und Schmerzen teilen dürfen; der uns auch in Zeiten hilft, in denen wir kein Licht im Tunnel sehen, der uns manches Schwere in unserem Leben nicht allein tragen lässt.
Er will unser Lebensanker sein Bei  ihm dürfen wir immer wieder neuen Halt und neue Orientierung finden.

Der französische Biologe Luc Montagnier, einer der bedeutendsten Wissen-schaftler unser Zeit, der unter anderem das Aids-Virus entdeckt hat, wurde gefragt: „Was ist mit einem Leben nach dem Tod?“ Seine Antwort: „Gibt es nicht. Viele Menschen glauben, wenn sie sterben, kämen sie in eine Phantasiewelt. Nein, wer stirbt, ist tot. Dann ist es aus, nichts mehr, vorbei.“
Frage: „Woher wissen Sie das?“ Antwort Montagnier: „Ich weiß es, weil es logisch ist.“
„Gott wird abwischen alle Tränen von unseren Augen“, ist die Verheißung, die dagegen steht.
Was haben diese Worte vielen, nach Hilfe schreienden Menschen geholfen!
Unzähligen gefolterten, geschmähten und auf dem Sterbebett sich quälenden Christen hat diese Vision Trost und Hoffnung geschenkt!

Ich glaube fest an diese wunderbare Verheißung, liebe Gemeinde.
Wir sind umgeben von so viel Unvollkommenheit, von Hässlichem und Bösem.
Auch das Schöne, das wir erleben, ist unvollkommen, immer viel zu kurz und nie erlösend.
Aber unser Gott ist ein Gott der Zukunft, des Lebens, der Kraft, der Vollständigkeit, der Liebe, der Freude und der Freundlichkeit. Wir versuchen mit unseren Worten, ihn zu beschreiben und merken dabei, wie schlecht wir das können, weil wir so unvollkommen sind.

Das Unbegreifliche und das für Herrn Montagnier Unlogische ist längst geschehen: Dieser allmächtige Gott ist in der Person von Jesus Christus zu uns gekommen. Christus ist unser einziger und alleiniger Weg zu Gott!

Sicherlich sind Sie auch schon einmal in eine fremde Stadt gekommen, wo Sie niemanden kannten. Sie sind da ganz allein auf sich gestellt. Da kommt schnell ein banges Gefühl auf: Werde ich mich hier gut zurecht finden? Alles ist fremd, die Sprache, die Währung, die Verkehrsverhältnisse – da kann es einem mulmig werden.
Wenn Sie aber in dieser großen Stadt einen einzigen Freund haben, einen Menschen, der Sie kennt, dann ist alles anders.
Er wird Sie am Flughafen oder am Bahnhof erwarten; er weiß, wie man ein Taxi bestellt und Geld wechselt.
Durch diesen einen Menschen ist Ihnen die ganze Stadt nicht mehr fremd.

Auch die zukünftige Welt Gottes ist uns fremd und vielen macht diese Unge-wissheit Angst: Was wird auf mich zukommen? Wie wird das alles sein?
Aber wenn wir dort einen Freund haben, einen, dem wir vertrauen können, unseren Herrn Jesus Christus, den wir kennen und der uns kennt, dann wird uns diese neue Welt nicht fremd sein. Sie wird uns eine neue Heimat sein, in der wir in der Geborgenheit und im Frieden Jesu Christi leben dürfen. Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne, in Jesus Christus. Amen.