Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Römer 8,18-23

Ernst Eichler (ev)

14.11.2010 in der Matthäuskirche in Dormagen

Volkstrauertag

Wir haben eine Hoffnung

Liebe Gemeinde (L.G.), der zumeist trübe und dunkle Monat November eignet sich geradezu für Gedenktage, wie wir ihn heute be­gehen: Volkstrauertag. Es ist ein stiller Tag, alles Laute ist untersagt, und wir gedenken all derer, die ohne es zu wollen in die Maschinerie der Kriege, der Verbrechen und des Terrors geraten sind und ihr zum Opfer fielen. Ich denke, sie sind uns immerzu Mahnung und Verpflichtung, uns mit aller Kraft und allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln für Frieden und Verständi­gung einzusetzen.

Besonders damals nach dem zweiten Weltkrieg, mit seinen unzähligen Opfern an Soldaten und auch Zivilisten, hieß es: „Nie wieder Krieg!“ Und wir sind dankbar, dass wir in unserm Land nun schon so lange Frieden haben.                Aber anderer­seits sind wir doch oftmals sprach- und fassungslos, wenn wir von immer neuen kriegerischen Konflikten in der Welt hören oder lesen. So tief und fest ist der Mensch verstrickt und gefangen von der Macht des Bösen, wie immer  man das definieren mag. Und auch wir – du und ich – sind irgendwie darin verwoben. Da helfen keine Appelle und schönen Reden; es bleibt dabei und wir sehen es allenthalben: wir sind erlösungsbedürftig, wir brauchen einen starken Befreier, der uns heraushilft aus diesem Gefängnis.

Besonders die Worte unserer Bibel führen uns diese Zusammenhänge an vielen Stellen vor Augen. Der Dichter Manfred Hausmann hat mal gesagt: „Es gibt auf der ganzen Welt kein Buch und kein sonstiges Dokument, das so vorurteils­los, wahrhaftig und tiefgründig vom Wesen des Menschen und von seiner Stellung in der Schöp­fung berichtet wie die Bibel. Sie weiß von der Schuld, Verstrickt­heit und von der Verlorenheit des Menschen, von seinen Ängsten und von seinem Jammer weit mehr als alle Dichter und Denker der Erde. Sie weiß um sein Grauen vor der Rätselhaftig­keit des Todes, vor dieser unausweichbaren Stunde, der er mit jedem Tag näher kommt.“

L.G., das alles schwingt mit in dem heutigen Gedenktag. Es hat ja keinen Zweck, es zu verdrängen, sich abzulenken, es einfach zu ignorieren. Wir als Christen sollten vielmehr noch tiefer einsteigen in Gottes Wort, ob es uns vielleicht einen Weg weist aus dem Dunkel, aus den Rätseln unseres Lebens. –  So zeigt uns z.B. der Apostel Paulus in seinem Römerbrief, zu welcher Sicht er unter der Leitung des Heiligen Geistes gelangt ist; das ist unser heutiger Predigttext. Er schreibt im achten Kapitel:

18) Ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlich­keit, die an uns offenbart werden soll. 19) Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. 20) Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat – doch auf Hoffnung;      21) denn auch die Schöp­fung wird frei werden von der Knecht­schaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. 22) Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet. 23) Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes. 24) Denn wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht? 25) Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld.

L.G., hier merken wir also, wie der Apostel Paulus zwar auch diese Verlorenheit der Menschen im Blick hat – er steckt ja selber mit drin, ist ja selbst mit betroffen, und das nicht zu knapp. Wir machen uns ja kaum eine Vorstel­lung von den äußeren Strapazen und Bedroh­ungen, und auch von den inneren Kämpfen, die er durchzumachen hatte auf seinen Missions­reisen. Er weiß etwas davon, dass nichts Bestand hat, dass alles vergeht, dass wir nichts festhalten können. Und darüber hinaus ist seiner Meinung nach sogar die ganze Schöp­fung, also alle Kreatur, alles, was geschaffen ist, mit in diese Verloren­heit eingebunden – er spricht hier von der „Knechtschaft der Vergäng­lich­keit“, unter der alles steht. In Vers 22 schreibt er ja: Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet.  –   Ob Paulus hier wirklich an Tiere und Pflanzen, an Berge und Meere gedacht hat – ich weiß es nicht. Und auch die Bibel­ausleger sind da unterschied­licher Meinung. Es bleibt jedem selbst überlas­sen, dieses Schrift­wort für sich zu deuten. Schließlich soll ja auch seinerzeit Franz von Assisi den Vögeln gepredigt haben. Und bei uns in D. – und sicher auch anderswo – gibt es z.B. einen Tierfriedhof, wo man seinen vierbeinigen oder gefiederten Freunden eine würdige letzte Ruhestätte geben kann. –

Doch zurück zu unserm Text: Paulus erinnert weiter daran, dass wir Christen doch Gottes Geist haben – übrigens einen Geist der Freiheit, keinen überheblichen, sondern einen kindlichen Geist – wie der Apostel einige Verse vorher schreibt – durch den wir zu Gott rufen dürfen: „Abba, lieber Vater!“. Diesen Heiligen Geist bezeichnet der Apostel als unser Angeld, als Unterpfand unserer Erlösung sozusagen. – 

Dennoch, oder gerade deshalb sehnen wir uns nun nach der künftigen Herrlichkeit, die Jesus uns versprochen hat. Er hatte ja beim Abschied von seinen Jüngern gesagt: Ich will euch wieder­sehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen. (Joh.16,22) Und nun fragen die Christen – damals und bis heute: Wann ist es endlich soweit? Die Jahre – ja sogar die Jahrhunderte und Jahrtausende – vergehen, und nichts geschieht. Wir warten immer noch sehnsüchtig darauf, dass sich das erfüllt, dass Jesus endlich wiederkommt und alle Plage und Angst ein Ende hat.

Es ist deshalb ja kein Wunder, l.G., wenn die Atheisten immer wieder höhnisch sich regen, etwa der Biologe Richard Dawkins mit seinen beiden Büchern „Der Gotteswahn“ und „Die Schöpfungslüge“, die beide zu Bestsellern wurden. Oder da sind diese Werbe­sprüche letztens, wo auf großen Doppelstockbussen, geschrieben stand: „Es gibt ( mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott. Ein erfülltes Leben braucht keinen Glauben.“ – – Ich denke, eine schlimme Provokation ist das für uns, und eine große Anfechtung.

Doch andererseits frage ich mich: Ist das wirklich so? Sind denn diejenigen, die nicht an Gott glauben, die seine Existenz sogar leugnen, sind die unbeschwerter und glücklicher im Leben?

Ich denke da z.B an ein Interview mit dem bekannten Literaturkritiker Reich-Ranitzki. Das stand mal, glaub ich, in der Zeitung „Die Welt“. Ich muss dazusagen: Ich habe dieses Interview nicht selber gelesen, sondern davon gehört bei einer Tagung. Reich-Ranitzki ist ja auch einer von diesen Zynikern, der sagt: „Hören Sie auf mit der Religion; es ist alles Blödsinn, alles Illusion. Es gibt keinen Gott, keine Seele, das ist alles Unsinn“,  usw. – 

Und dann hat der Interviewer ihn gefragt: „wie fühlen Sie sich denn jetzt, in Ihrem Alter?“ Und Reich-Ranitzki hat geantwortet, mit einer großen Offenheit: „Ich sage Ihnen, es ist furcht­bar, es ist ein Massaker. Ich bin jetzt 88 Jahre alt, und ich sehe das Nichts immer näher auf mich zukommen; es ist schrecklich. Sie können sich nicht vorstellen, wie grausam das ist“.

L.G., diesem Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins an das Nichts, dem haben wir Christen etwas entgegenzusetzen, das schöner und besser ja nicht sein kann: das Wort Gottes, wie es hier der Apostel Paulus uns sagt: Ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. D.h.also: Es geht zwar auch für uns durch Leid und Schmerz, durch Ängste und Zweifel und Anfechtungen, aber eben doch zur Herrlichkeit!

Auch das Gedenken an all die Toten der Kriege und Gewalttaten, heute am Volkstrauertag, wird überstrahlt von dieser Hoffnung, die wir haben; einer Hoffnung, die nicht trügerisch ist, die auch nicht aus ist auf endlose Verlängerung unseres jetzigen irdischen Lebens, sondern die Gottes Herrlichkeit herbeisehnt; wie es auch im 2. Petrusbrief heißt: Wir erwarten einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtig­keit wohnt. (2.Petr.3,13)

Darauf ist unsere Hoffnung gerichtet, darauf warten wir sehnsüchtig, das ist unser Gebet. So hat es auch der Liederdichter formuliert in dem Lied, das wir vorhin gesungen haben: „Ach dass die Hilf aus Zion käme! Ach dass dein Geist, so wie dein Wort verspricht, dein Volk aus dem Gefängnis nähme! O würd es doch nur bald vor Abend licht! Ach reiß, o Herr den Himmel bald entzwei und komm herab zur Hilf und mach uns frei!“ (EG 241,5).

Und nun möchte ich, l.G., Eure Aufmerksamkeit noch auf einen anderen wichtigen Aspekt len­ken: Wir leben hier in unserm Land ja gottlob in Ruhe und Frieden und können ohne Verfolgung und Angst unseren Glauben leben. Und die schlim­men Zustände, unter denen Christen in anderen Ländern zu leiden haben – besonders unter muslimischer Herrschaft – die sind für uns kaum vorstellbar. Da werden sie vielfach unterdrückt, ihre Kinder dürfen nicht zur Schule gehen, man bedroht sie, zündet ihre Häuser an, nimmt ihnen die Existenzgrundlage, und und und -. Es bleibt ihnen oft nichts anderes als die Flucht, in eine ungewisse Zukunft.

Für diese Christen in der Bedrängnis hat die Aussage unseres Textes heute noch ein ganz anderes Gewicht. Sie wissen wirklich etwas von dem Leiden, von dem Paulus hier schreibt; sie werden tagtäglich damit konfrontiert. Sie sehnen sich noch ganz anders und viel intensiver nach der endgültigen Erlösung; und ihre Geduld wird auf eine harte Probe gestellt.

Ich habe davon gelesen, dass gerade heute, am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres, durch die Ev. Allianz ein welt­weiter Gebetstag für die verfolgten Christen angesetzt wurde. Die Hilfsorganisation „Open Doors“ stellt in diesem Jahr vier Länder besonders heraus:

Erstens: Nigeria; dazu heißt es in der Verlaut­barung: „Das bevölkerungsreichste Land Afrikas ist ein religiös geteiltes Land. Im Süden können Christen ihren Glauben frei leben. Doch in den nördlichen Bundesstaaten gilt das islami­sche Recht. Bei Massakern im umkämpften Bundesstaat Plateau z.B. ermordeten musli­mische Extremisten hunderte Christen, darunter auch Kinder, und brannten Kirchen und Häuser nieder.“

Zweitens: Nordkorea; es ist tief geprägt von einem Personenkult. Die Bürger müssen dem Machthaber huldigen. Die Christen leben ihren Glauben nur heimlich, im Untergrund. Zehntau­sende Christen sind derzeit in Straflagern einge­sperrt. Die Weitergabe des Evangeliums oder den Besitz einer Bibel haben viele Christen schon mit dem Leben bezahlt. Seit acht Jahren steht Nordkorea auf Platz eins des Open Doors-Weltverfolgungsindex.

Drittens: Iran; In dieser islamischen Republik werden besonders Christen muslimischer Her­kunft hart verfolgt. Ihr „Abfall“ vom Islam ist ein Verbrechen. Es kommt zu Verhaftungs­wellen von ehemaligen Muslimen. Der Iran belegt Platz zwei des Weltverfolgungsindex. Doch trotz dieser Verfolgung kommen weiterhin Muslime zum Glauben an Jesus.

Und viertens: Ägypten; In diesem beliebten Urlaubsland ist ebenfalls der Islam Staats­reli­gion. Christen fühlen sich als Minderheit wie Bürger zweiter Klasse. Immer wieder werden z.B. junge Christinnen entführt, vergewaltigt und mit einem Muslim zwangsverheiratet. Christen muslimischer Herkunft fliehen oft vor Familien­mitgliedern, die sie verfolgen. Denn nach der Scharia – die in Ägypten Grundlage des Rechts ist – steht auf den Glaubenswechsel eines Muslims die Todesstrafe.

L.G., auf diese Zustände möchte ich aufmerk­sam machen heute. Das sind harte Tatsachen, an denen wir nicht vorübergehen sollten. Ich sage das nicht etwa, um Zorn oder Hass zu schüren, sondern wir sind aufgerufen, für diese verfolg­ten Christen, unsere Schwestern und Brüder in der Welt, immer wieder die Hände zu falten und Gott inständig um sein Eingreifen, um Hilfe und Beistand zu bitten. Gebete können den Arm Gottes bewegen!

Und darüberhinaus wird das auch unseren bedrängten Schwestern und Brüdern Mut und Hoffnung geben. Wenn sie wissen, dass andere Christen  in der Welt für sie beten, werden sie gestärkt, im Glauben fest zu bleiben und auf alle Gewaltakte mit der friedlichen Botschaft des Evangeliums zu antworten. Andererseits sollten wir natürlich ihnen auch mit unserem Opfer beistehen. Der Apostel schreibt ja mal in einem anderen Brief: Tut Gutes an Jedermann, beson­ders aber an den Glaubensgeschwistern (Gal.6,10).

So lasst uns also die Hoffnung festhalten, l.G., unverbrüchlich und in Geduld. Jeder Tag bringt uns näher zu dieser Herrlichkeit, die Gott für uns bereithält. Wir haben zwar nichts weiter als das Wort unserer Bibel. Doch das genügt, das ist gültig in alle Ewigkeit. Und darin steht, dass unser auferstandener Herr Jesus Christus gesagt hat: Ich lebe und ihr sollt auch leben. (Joh.14,19). Und:  Gott wird einmal abwischen alle Tränen von unseren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein. (Offb.7,17).                Das ist unsere Hoffnung und unser Glaube.

Amen