Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Philipper 3, 7-14 und Lukas 10, 38-42

Domkapitular Klaus Pfeffer (rk)

12.05.2012 im Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern von der Hl. Elisabeth, Essen-Werden, Haus Schuir

Feier der Ordensjubilarinnen und des Hauspriesters

Zur zugehörigen Gemeinde gelangen Sie hier.

 

Lesung aus dem Philipperbrief 3, 7-14

Was mir früher ein Gewinn war, das habe ich um Christi Willen als Verlust erkannt. Ja noch mehr: ich sehe alles als Verlust an, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles übertrifft. Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte es für Unrat, um Christus zu gewinnen und in ihm zu sein. Nicht meine eigene Gerechtigkeit suche ich, die aus dem Gesetz hervorgeht, sondern jene, die durch den Glauben an Christus kommt, die Gerechtigkeit, die Gott aufgrund des Glaubens schenkt. Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinen Leiden; sein Tod soll mich prägen. So hoffe ich, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen. Nicht dass ich es schon erreicht hätte oder dass ich schon vollendet wäre. Aber ich strebe danach, es zu ergreifen, weil auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin. Brüder, ich bilde mir nicht ein, dass ich es schon ergriffen hätte. Eines aber tue ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist. Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung, die Gott uns in Christus Jesus schenkt.

Aus dem Lukasevangelium 10, 38-42

In jener Zeit kam Jesus in ein Dorf. Eine Frau namens Marta nahm ihn freundlich auf. Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu. Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen, für ihn zu sorgen. Sie kam zu ihm und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die ganze Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen! Der Herr antwortete: Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden.

Liebe Schwestern und Brüder!

Das Bessere soll Maria nicht genommen werden. Das Bessere, so möchte ich dieses Wort auch auf uns übertragen, liebe Schwestern und Brüder, das Bessere soll uns nicht genommen werden! Was für eine Verheißung! Das Bessere wird uns nicht genommen!

Dabei leben wir in Kirchen-Zeiten, in denen uns sehr viel genommen wird: Unsere Kirche wird kleiner. Die Zahl der Kirchenmitglieder sinkt; wir verlieren Geld, Einfluß, Ansehen. Unsere Gemeinden verlieren Seelsorgerinnen und Seelsorger; Kirchengebäude können wir nicht halten. Ordensgemeinschaften finden kaum noch Nachwuchs, müssen sich zurückziehen, Zukunftspläne aufgeben. Es wird uns vieles genommen.

Sie, liebe Ordensschwestern, die Sie 65, 60 und 50 Jahre Ihrem Orden treu geblieben sind, und Sie, lieber Mitbruder, der Sie nun schon 60 Jahre als Priester ihren Dienst tun, werden das vielleicht im Rückblick auf Ihre persönliche Lebens-, Kirchen- und Ordensgeschichte manchmal besonders schmerzhaft empfinden. Sie haben ja noch ganz andere Zeiten erlebt, in denen Christsein etwas Selbstverständliches war, in denen die Zukunft der Kirche und Ihrer Ordensgemeinschaft völlig sicher schien. Ich weiß von manchen älteren Priestern, wie sehr sie darunter leiden, wenn sie in ihren Gemeinden keinen Nachfolger mehr sehen, der ihr Werk fortsetzt. Und, Sie liebe Schwestern, wissen sehr genau, was es bedeutet, keinen Ordens-Nachwuchs mehr zu haben. Bei aller Freude über diesen Tag spüren wir das doch auch: Es gibt in Ihrer Gemeinschaft keine jungen Frauen mehr, die den Weg gehen wollen, den Sie gegangen sind und immer noch gehen. Es wird uns wirklich viel genommen.

Viele wollen das nicht wahrhaben. Sie tun so, als ginge alles weiter wie bisher. Sie steigern sich in Aktivität, wollen irgendwie alles aufrecht erhalten. Und wenn das nicht geht, dann wandelt sich die Aktivität in Protest und Klage, in Wut und Resignation. Die Spannungen sind überall in unserer Kirche zu spüren. Verständlich: Wir Menschen tun uns schwer damit, wenn uns viel genommen wird.

Denn das, was wir festhalten, was wir nicht loslassen wollen, das scheint in unseren Augen das Normale und Selbstverständliche zu sein. Das ist ja schon im persönlichen Leben so: Wir halten es für selbstverständlich, bei Kräften zu sein, gesund zu sein, alles zu schaffen, wie wir es seit Jugendzeiten gewohnt sind. Wir meinen, einen Anspruch darauf zu haben, dass das Leben immer nach Plan läuft, und zwar so, wie wir es uns vorstellen. Es fällt schwer, durch Krankheit an Grenzen zu kommen, älter zu werden, und nach und nach die eigenen Lebensmöglichkeiten loslassen zu müssen. Sie alle werden das kennen.

Im Blick auf unsere Kirche ist das nicht anders: Die meisten wollen, dass alles irgendwie bleibt, wie es ist. Kaum jemand kann sich unsere Kirche völlig anders vorstellen, als sie hier und heute ist: Kleiner, ärmer, demütiger. Dabei brauchen wir ja nur einen Blick in die Weltkirche zu werfen: In anderen Ländern und Kontinenten sieht die Kirche völlig anders aus – und doch ist sie die eine Kirche. Das Loslassen von den eigenen Vorstellungen und Gewohnheiten ist unglaublich schwer. Wir Menschen tun alles, um uns dagegen zu wehren.

Dabei ist die Botschaft des Evangeliums eine Ermutigung zum Loslassen: Lass los, sagt Jesus im übertragenen Sinn zu Marta. Lass deine Anstrengung los, deine Aktivität, dein Machen-Müssen. Marta strengt sich unglaublich an. Sie hat Erwartungen und Ansprüche im Kopf, von denen sie meint, sie erfüllen zu müssen: Machen und Tun, Sorgen und Sichern. Sie macht sich tausend Gedanken, wie sie für Jesus sorgen kann, was sie für ihn tun müsste – und sie merkt gar nicht, dass es darauf überhaupt nicht ankommt. Schlimmer noch: Sie nimmt gar nicht wahr, dass sie vor lauter Machen und Tun, Sorgen und Grübeln gar nicht in Kontakt kommt mit Jesus. Sie verpasst das wirklich Wichtige und Notwendige: Einfach nur bei Jesus zu sein, mit ihm in Beziehung zu treten.

Das ist das einzig Notwendige: Mit Christus zu sein; wie Maria sich vor ihm niederlassen, sich seiner Gegenwart aussetzen, IHM zuhören, IHN im wahrsten Sinn des Wortes „machen“ lassen. Das ist es, was Maria – und uns - nicht genommen werden kann: Die Nähe Jesu Christi; die Erfahrung seiner Gegenwart; die Gewissheit, dass er da ist und dass er die Geschicke unseres Lebens, dieser Welt und auch unserer Kirche lenkt. Wir müssen gar nicht so viel tun, wir müssen nichts „retten“, nichts „sichern“ – Wir dürfen vielmehr seiner Gegenwart vertrauen, uns selbst und unser Leben IHM wirklich anvertrauen und überlassen. Das verändert so manche Perspektive, das verleiht eine andere Lebens-Haltung, die weniger von Anstrengung und Druck geprägt ist, sondern viel mehr von Leichtigkeit und Gelassenheit.

Mich begleitet seit vielen Jahren ein beeindruckendes Wort des evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer, den ich sehr verehre. In den Jahren des Kirchenkampfes während des Nationalsozialimus hat er sich in seiner Kirche sehr dagegen gewehrt, in irgendeiner Weise mit der Diktatur zu kooperieren. Er wollte keinerlei Kompromisse mit einem menschenverachtenden System – um keinen Preis der Welt. Viele seiner Mitchristen sahen das anders. Sie hatten Angst, alles zu verlieren. Darum wollten sie mit den Nazis zumindest soweit Kompromisse schließen, um dadurch einen gewissen Bestand Ihrer Gemeinden und Einrichtungen doch noch zu sichern. Gegen dieses Retten- und Sichern-Wollen wehrte sich Bonhoeffer. Ihm war etwas anderes wichtiger als die Rettung des kirchlichen Bestandes. Darum schrieb er:

Wer uns furchtsam und bedenklich machen will mit der Rede, wir sollten doch wenigstens den jetzigen Bestand noch hindurchretten, genug sei uns doch schon zerschlagen, genommen und verschlossen, dem müssen wir entgegnen, dass wir uns von diesem Bestand an sich aber auch gar nichts versprechen. Was Gott zerschlagen will, das wollen wir uns gern zerschlagen lassen. Wir haben nichts hindurchzuretten. Wir haben unser Herz nicht an Einrichtungen und Institutionen gehängt, auch nicht an unsere eigenen. Die Werkerei, die sich an den sogenannten kirchlichen Bestand hängt, ist ebenso gottlos wie jede andere und muss uns um den Siegespreis bringen. Wir vertrauen aber fest darauf, dass Gott sein Wort und uns mit ihm hindurchretten wird auf seine wunderbare Weise. Das ist der einzige Bestand, auf dem wir zu bestehen gedenken.“1

Wir leben heute in anderen Zeiten, als Bonhoeffer sie erlebte. Unser „kirchlicher Bestand“ ist nicht durch irgendwelche gefährlichen Kirchenfeinde bedroht. Wir erleben einfach, dass sich unsere Gesellschaft verändert hat. Sie ist offener, freier und pluraler geworden – und das verändert zwangsläufig auch unsere Kirche. Wir sind keine Volkskirche mehr wie vor Jahrzehnten – das ist in einer freien und pluralen Gesellschaft auch gar nicht mehr möglich. Kirche lebt künftig nur noch von überzeugten und überzeugenden Christen – und das werden deutlich weniger sein als heute und in der Vergangenheit. Das bedeutet auch einen großen Verlust von gewohntem „kirchlichen Bestand“. Aber – das lerne ich von Bonhoeffer – ein solcher Verlust birgt eine große Chance. Wir können neu begreifen lernen, was wirklich wichtig ist, was unser wahres und einziges Fundament als Christen ist: Der Glaube, dass es Gott gibt, dass er sich in Jesus Christus gezeigt hat und immer noch zeigt - und dass er uns in unserem Leben auf wunderbare Weise begleitet und führt. Auch wenn unser Leben oft ganz anderes verläuft, als wir es gerne hätten – so dürfen wir uns doch in all dem getragen und begleitet wissen.

Liebe Jubilarinnen, lieber Jubilar,

Sie blicken heute auf ein reiches und kostbares Lebenswerk zurück. Wir haben viel Grund, mit Ihnen dankbar zu sein. Gott hat durch Sie Großes bewirkt, worauf Sie stolz sein dürfen. Natürlich ist vieles davon vergänglich, hat keinen Bestand – denn nichts, was wir Menschen auf dieser Erde tun, währt ewig. Alles Irdische hat seine Zeit. Es ist unendlich kostbar für diese Zeit, in der Sie und ich leben und wirken. Aber festhalten können wir nichts davon.

Was bleibt, ist etwas anderes. Worauf es im Leben wirklich ankommt, und was auch für all unser kirchliches Tun entscheidend ist, das hat Paulus im Philipperbrief wunderschön zusammengefasst: „Was hinter mir liegt, das vergesse ich“, sagt er. Was wir getan und vollbracht haben, das dürfen wir hinter uns lassen. Entscheidend ist, nach etwas anderem Ausschau zu halten: „Ich strecke mich nach dem aus, was vor mir ist!“ Und was Paulus damit meint: „Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung!“

Dieser Christus und die ganze Kraft und Macht, die aus seiner Auferstehung erwächst – das wird uns nicht genommen. Das ist es, was Kraft gibt im Auf und Ab der Lebensgeschichte, in den Irrungen und Wirrungen, in den Verlusten und Abschieden, in den Ungewissheiten und Ängsten. Das ist, um mit Bonhoeffer zu sprechen, der einzige Bestand, der uns gegeben ist, der uns bleibt und auf dem wir als Christen einzig allein bestehen!

1 Dietrich Bonhoeffer Werke, Band 15, S. 59.