Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Philipper 2,5-11

Prädikant Hans-Jürgen Sünner (ev.)

20.03.2016 ev. Kirche, Stolberg-Zweifall

Paulus hat in seinem Brief an die Gemeinde in der nordgriechischen Stadt Philippi, den er wohl aus Rom als Gefängnisinsasse geschrieben hat, sehr grundsätzliche Mahnungen niedergelegt. Er selbst hat ja diese Gemeinde etwa acht Jahre zuvor gegründet. Er hat von der Zerrissenheit der Gemeinde erfahren und erinnert sie in seinem Brief nachdrücklich mit eindringlichen Worten und eindrucksvollen Formulierungen daran, worauf es ankommt: ein Leben in Geiste des Herrn Christus in Liebe, Gemeinsamkeit in Glauben und Handeln, in Barmherzigkeit gegen Bedürftige. So sagt er unter anderem: Tut nichts aus Eigennutz oder eitler Ruhmsucht, sondern achtet in Demut einer den anderen höher als sich selbst. Ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern ein jeder auch auf das der anderen.

Wahrhaftig, das sind hohe Anforderungen; das weiß der Apostel natürlich, aber er weiß es auch recht nachdrücklich zu untermauern, was er von den Philippern erwartet, ja, was man eigentlich überhaupt von der Gemeinde Christi erwarten muss.

Sicherlich ist dies nicht die Haltung der „Angstmacher für Deutschland“, der AfD, die zum Schusswaffengebrauch gegen Hilfesuchende raten; sicher nicht die der „Pöbelnden Einheimischen  gegen Ideale des Abendlandes“, der PegIdA, die alles Fremde anspeien, nicht bedenkend, dass zweifellos der Islam mittlerweile zu Deutschland gehört, aber mehr noch das Christentum und seine Traditionen zum Orient, dem sie entstammen.

Blick auf die Nöte und Bedürfnisse der anderen, christliche Gesinnung, abendländische Tradition von Toleranz und Hilfsbereitschaft? Alles Fehlanzeige bei den Angstmachern und den Pöblern!

Paulus rät seinen Glaubensgenossen eine andere Einstellung an; davon spricht er im zweiten Kapitel seines Philipperbriefes besonders eindrücklich, wenn er sagt:

Habt die Gesinnung in euch,die auch in Christus Jesus war!

Also: Die Gemeinde soll im Blick auf den Heiland denken, fühlen und handeln, seine Gesinnung, seine Haltung sollen ihr Maßstab sein; und wie sieht diese Gesinnung aus?

Die Antwort auf diese Frage haben wir uns eben als Glaubensbekenntnis schon einmal  vorgesprochen; und über dieses Bekenntnis, das ja zugleich ein hymnischer Lobpreis des Gottessohnes ist, lade ich Sie und euch ein mit mir nachzuden-ken und dabei zu versuchen Paulus zu verstehen.

Der Hymnus hat zwei Strophen. Ich verlese zunächst die erste Strophe, und zwar in meiner eigenen Übersetzung, die ich noch einmal selbst angefertigt habe, da es mir um größtmögliche Genauigkeit geht. Paulus schreibt:

(6)Dieser, der in Gottesgestalt war, hielt es nicht für einen Raub zu sein gleich Gott,

(7)sondern er gab sich preis, indem er Knechtsgestalt annahm und gleich Menschen wurde;

und, der Erscheinung nach erkannt als Mensch,

(8)erniedrigte er sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tode, ja zum Kreuzestode.

Wir hören es: Gleich zu Beginn des hymnischen Berichts über Jesu Gesinnung wird etwas so Ungeheuerliches behauptet, dass es zu allen Zeiten fast unglaublich erschien und auch meist ungeglaubt blieb: Jesus ist von Gottesgestalt, er ist nicht nur Gott ähnlich, also Bild Gottes, wie es die Schöpfungsgeschichte vom Menschen verkündet, nein, er ist gottgestaltig, Gott gleich, mit den hier verwendeten griechischen Wörtern „theomorph“, also selbst göttlich. Schwer zu fassen, kaum zu verstehen und in der Bibel immer neu umschrieben; etwa so: Er ist Gottes einziger Sohn, er ist schon immer existierendes Gotteswort, griechisch lógos; oder : Das Wort war Gott, wurde Fleisch und wohnte unter uns – so drückt es das Johannesevangelium aus -; belassen wir es bei diesen Anläufen, das Mysterium zu beschrei-ben. Paulus fasst sich hier ja auch ganz kurz; ihm kommt es auf etwas anderes an. Dieser Gottgestaltige setzte sich freiwillig ab von dem, was er war und darstellte; er hielt seine Gottgleich-heit, sein Gottwesen nicht für einen Raub, den er mit aller Gewalt hätte für sich behalten müsen, für ein gefundenes Fressen sozusagen; nein, er gab das auf, er gab sich selbst auf und nahm Knechtsgestalt an. Er wandelte sich vom herrschenden Gott zum dienstgeplagten Menschen, gab auf, was ihn auszeichnete. Vom himmlischen Thron des göttlichen Weltenherrschers stürzte er sich hinab ins Notquartier des Futtertroges in Bethlehem, in die Situation des unterwegs Geborenen, mit dem dann auch noch seine Eltern auf die Flucht gehen mussten, um den mordenden Horden des Landesherrn Herodes lebend zu entkommen.

Nach dem Termin dieses Sturzes zählen wir bis heute die Jahre der Weltgeschichte. Ist uns das immer so bewusst? Wir datieren unsere Jahre nach dem Termin des Absturzes Jesu Christi von den Höhen des Himmels, des Liebes- und Lebensraumes Gottes, in die Tiefen der Erde, des Hass- und Mordgetümmels der Menschen. Gewiss, am Palmsonn-tag – wir haben es eben im Evangelium gehört – jubeln die Menschen ihm noch einmal zu. Aber auch da kommt er ja nur auf einem Esel; und ein paar Tage später wird er vor Gericht stehen.

Bewährt sich so die Gottheit, sich pervertierend zur Sklaven-existenz? Wieso erniedrigt sich die Gottheit so im Verzicht auf alles, was sie ausgemacht hat – das tut ein Gottessohn, Gottes-geist, Gotteswort, eine Gottesgestalt? Hier steht man, wenn man zum Staunen fähig ist, wirklich da in ungläubigem Staunen.

Und Paulus gelingt es, in seinem hymnischen Reden noch eins draufzusetzen; auch das unhimmlisch-irdische Getümmel hat durchaus, was den Gegensatz zum göttlichen Wesen angeht, noch Steigerungsmöglichkeiten: Jesus Christus wurde gehorsam bis zum Kreuzestode. Das sagt sich leicht und ist doch eigentlich unfassbar. Er wurde gehorsam - ja, wem denn wohl? Dem Willen Gottes des Vaters! Gott also wollte seine Sohnes qualvollen Tod! Ich kenne keinen, der erklären kann, warum Gott von seinem gehorsamen Sohn so Ungeheures verlangte wie das ehrlose, qualvolle irdische Sklavenmartersterben am Pfahl. Unerklärlich und doch wahr: Göttliche Liebe opfert das Gött-liche für die Menschen, den denkbar bittersten Kelch mutet Gott ausgerechnet seinem Sohn zu. Das verstehe und ergründe, wer will – wir werden wohl weiter in Staunen verharren müssen.

„Ungläubiges Staunen“ ist der Titel eines Bestsellers, in dem ein Moslem seine Erfahrungen und Eindrücke vom Christentum, vor allem seinen Kunstwerken und Ritualen, aber auch von Persönlichkeiten, beschreibt. Solches Staunen kann uns wahrlich auch überkommen bei dem, was Paulus über den Abstieg Jesu Christi berichtet, aber „ungläubig“ muss es deswegen nicht sein. Ganz im Gegenteil: Um Glauben, nicht Unglauben geht es hier wie überall, wo die Rede ist von Jesu Weg durch Höhen und Tiefen, seinem Weg eben für uns Menschen.

 

Ich verlese nun die zweite Strophe des Hymnus, den wir eben gesprochen haben, wieder in eigener Übersetzung:

(9)Darum auch hat Gott ihn erhöht und hat ihm gewährt den Namen über jeden Namen,

(10)damit im Namen Jesu jedes Knie sich beuge

von Himmlischen, Irdischen und Unterirdischen

(11)und jede Zunge bekenne: „Herr ist Christus Jesus“, zur Ehre Gottes des Vaters.

Unvermittelt, überraschend eingeleitet mit Darum schildert die zweite Strophe des Hymnus die Fortsetzung des Christus-dramas. Wir merken: Wie im Glaubensbekenntnis, das wir sonst im Gottesdienst sprechen, ist der Weg zunächst nach unten gegangen: „Gekreuzigt, gestorben und begraben.“ Dann ist da noch gesagt: „Hinabgestiegen in das Reich des Todes.“ Damit wird Bezug genommen auf die Vorstellung, ,dass Jesus zwischen Karfreitag und Ostern noch ins Totenreich hinabgestiegen ist und dort zuallererst seine Herrschaft angetreten hat. In der östlichen Kirche ist sehr beliebt die Abbildung, wie der Herr die Höllentore niederreißt  und den Verstorbenen, zuvörderst Adam und Eva, die Hand zur Auferstehung reicht. Solche Bilder sind in den Kirchen Osteuropas und des Orients stets überschrieben mit dem Titel Anástasis, „Auferstehung“. Davon spricht, wie gesagt, Paulus hier nicht ausdrücklich, wenn auch zwei Sätze danach von „Unterirdischen“ die Rede ist.

Doch zunächst geht es dem Apostel um die Erhöhung des Gottessohnes, Erhöhung aus der tiefsten Tiefe der Todesnacht zur höchsten Höhe des Himmelslichtes, von Knechtschaft in Todesfesseln zu Macht und Ehre seines Namens über alle anderen. Gott der Allmächtige erhebt den Göttlichen zu der Stellung, die ihm zusteht, in den Rang, den alle Lebewesen, ausnahmslos alle, anerkennen müssen, kniefällig anbetend, wie es dem Göttlichen gebührt, seien sie nun Bewohner des Gpttesreiches, also etwa Engel, Bewohner des irdischen Bereiches, also Weltmenschen, oder Bewohner des Totenreiches, das man sich unter der Erde vorstellte; dort hat ja Jesus – wir haben's erwähnt – bei seiner Niederfahrt zuerst  seine Herrschaft angetreten.

Ergebnis: Jesus, der Schmerzensmann, ist Herr über alle und alles geworden. Das wird dann so offen zutage liegen, dass es jeder für sich, für alle,für alles - offen und für alle hörbar -  bekennen muss. Und das ist Gottes Werk, Gottes Gnadenhandeln an uns Menschen durch seinen Sohn. Deshalb schließt Paulus seinen Hymnus mit den Worten: Zur Ehre Gottes des Vaters.

Welch ein Drama! Und wir Menschen mittendrin! Ob wir's wissen oder icht, ob wir's wollen oder nicht, wir sind Teilnehmer am Drama der Menschheit schlechthin, einem Drama, dessen letzter gewaltiger Akt, die Errichtung des Reiches Gottes auf der Erde durch Christus, noch bevorsteht.

Der Hauptakteur in diesem Drama ist Jesus Christus und – wie sagte doch Paulus zu Beginn? - dessen Gesinnung soll auch in uns, der Christengemeinde, sein, die Gesinnung des göttlichen Menschen, der seine Göttlichkeit aufgab, in die Menschlichkeit hinabstieg, diesen Abstieg bis in fürchterliche Quälerei und Tod fortsetzte; dem es also nicht um sich und sein Wohlergehen in göttlicher Seligkeit ging, sondern um Gehorsam gegen Gott im Dienst für die Menschen mit den letzten fürchterlichen Konsequenzen.

Kann das unsere Gesinnung sein? Können wir das? Jedenfalls wissen wir, wie dieser Jesus gesonnen war, dieser Jesus, dem Gott die Herrschaft gibt über uns und die Welt, ihn zu seiner Rechten platziert und ihm das Gericht überlässt über alles Leben über, auf und unter der Erde. Wir sind selbst dazu eingeladen zu glauben, dass  nur durch diesen und mit diesem herabgestiegenen und aufgefahrenen Herrn die rechte Einstellung zur Geschichte Gottes mit uns Menschen gewonnen werden kann.

Schlagen wir uns also auf die richtige Seite, auf die Seite dessen,dem allein die Zukunft gehört, des für immer über alles erhöhten Jesus Christus!

Mit ihm werden wir die sein, denen die Zukunft gehört, jetzt und in Ewigkeit;

und das wird das Heil sein für alle.

So des Paulus Überzeugung. Sie kann Haltungen zu vielem, ja das Leben insgesamt beeinflussen und verändern, letztlich Heilung bringen für die vielen Übel und Krankheiten, die immer noch unser Leben und die Weltgeschichte verseuchen.

Wie kommen wir zu solch heilsamer, heilbringender  Christus-gesinnung, was wäre da vielleicht zu tun?

Sind wir nicht überfordert, wird's nicht riskant? Klar ist doch wohl: Heilung ist zu erwarten nicht von dem, was ankommt, sondern nur von dem, worauf es ankommt.

Ich sag' also mal so:

Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Heilige Schrift und fragen Sie Ihren Pfarrer, Ihre Pfarrerin oder andere vertrauenswürdige und gesprächsfähige Mitchristen.

Dazu ermutige und befähige uns Gottes Geist, der uns bewahren wird in Jesus Christus. 

Amen