Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Philipper 1,21-26

Pfarrer Dr. Klaus Douglass


In einer deutschen Wochenzeitung las ich vor einiger Zeit den Leserbrief eines Vaters, der sich erbittert über eine Religionslehrerin beschwerte, die mit ihren Schülern über den Tod geredet hatte. Im Laufe des Unterrichts war seitens eines Schülers der Satz gefallen: „Nach dem Tod ist es viel schöner, denn dann sind wir bei Gott.“ Die Lehrerin hatte diesem Satz nicht widersprochen. Der Vater, der den Leserbrief schrieb, war deswegen so erbost, weil er sagte: Damit impft man den Kindern eine lebensfeindliche Grundhaltung ein, ja man motiviert sie vielleicht sogar zum Selbstmord.

Vielleicht ist das so etwas wie die Quadratur des Zirkels: Den Menschen einerseits die Angst vor dem Tod zu nehmen, ja mehr noch, ihnen klar zu machen, dass es ein Grundausdruck unseres christlichen Glaubens ist, dass das Leben mit dem Tod nicht aufhört, sondern im Gegenteil: Dass es dann erst richtig losgeht, dass dann erst die Zeit der Ernte kommt, ein Zustand nicht mehr des Glaubens, sondern des Schauens, ein Zustand der Erfüllung, der keine Sehnsucht mehr kennt.

Doch wie vermittelt man das den Menschen farbenfroh und kräftig, damit endlich diese namenlose und schlimme Angst vor dem Tod aufhört, wie vermittelt man das den Menschen, ohne ihnen nun auf der anderen Seite die Lust an diesem Leben zu nehmen? Die Aussage „Drüben ist alles viel schöner!“ kann einem die Angst vor der letzten großen Reise nehmen, es kann einem aber auch eine verbotene Lust dazu machen, es kann einem die Motivation rauben, das Diesseits so intensiv wie möglich auszuschöpfen und so gut es geht zu nutzen.

Was hätte jener Leserbriefschreiber wohl zu folgenden Sätzen des Paulus gesagt: “Christus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn... Ich habe Lust, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre; aber es ist nötiger, im Fleisch zu bleiben um euretwillen. „? Das klingt nicht gerade nach einem Menschen, der in das Leben verliebt ist. „Wenn's nach mir ginge, würde ich ja gerne sterben, aber na gut - weil ihr's seid!“ Es klingt so, als hätte Paulus den ganzen Kampf und all die Schwierigkeiten dieses Lebens einigermaßen satt. Und wenn wir dann noch wissen, dass er diesen Brief im Gefängnis geschrieben hat, den eventuellen Tod vor Augen, dann vervollständigt sich das Bild. Ist es also das: Kann er deshalb sagen „Sterben ist mein Gewinn“, weil er dieses Leben satt hat?

Die Menschen, die ich kennen gelernt habe, die sterben wollten, sprachen in der Regel nicht ein „Ja“ zum Tod, sondern ein „Nein“ zu der Art von Leben, das sie lebten. Bei einigen dieser Menschen konnte ich das nachvollziehen, weil sie nur noch wenig hatten, was ihr Leben wirklich lebenswert machte. Bei anderen dachte ich: „Gib nicht so schnell auf!“ Und es fiel mir nicht im Traum ein, hier Paulus zu zitieren: „Sterben ist mein Gewinn“. Sehr viel näher lag mir da ein Wort Nietzsches, der angesichts der allzu starken Himmelsorientierung mancher Christen ausrief: „Brüder, bleibt der Erde treu!“. Oder auch Dietrich Bonhoeffer, ein vielleicht unverdächtigerer Gewährsmann, der sinngemäß einmal geschrieben hat, er könne nicht verstehen, wie man im Arm seiner Frau nach dem Himmel Sehsucht haben könne. Für ihn war das geradezu ein Verbrechen gegenüber der Liebe!

Paulus sagt im Grunde gar nichts anderes als Nietzsche und Bonhoeffer, aber er betont es anders. Er macht keinen Abstrich daran, dass seinem Glauben zufolge der Himmel der schönere Ort ist als die Erde. Das ist eigentlich Bestandteil unseres Glaubens und unserer Hoffnung: Die Lust, die Sehnsucht, einmal ganz und gar bei Christus zu sein. Aber, sagt Paulus, bei aller Freude am Glauben und an der Hoffnung - das darf nicht auf Kosten der Liebe geschehen. Der Himmel mag zwar der schönere Ort sein, aber die Erde, und davon ist Paulus nicht minder überzeugt, die Erde ist der Ort, an den Gott ihn bis auf Widerruf gestellt hat, der Ort, den er in guten Tagen zu genießen und an schlechten Tagen auszuhalten hat. Die Erde ist der Ort, in den ich mich hineinzulieben und - wenn die Tage gut sind - durchaus auch hineinzuverlieben habe.

Liebe zur Erde und Freude auf den Himmel - das bricht bei Paulus nicht auseinander, sondern gehört zusammen wie die zwei Seiten einer Münze. Beides resultiert bei Paulus aus dem Satz, der wie eine Überschrift über dem ganzen Text steht: „Christus ist mein Leben!“ Christus ist mein Leben - wenn das so ist, dann ist mein Glaube groß genug, dass ich Sterben für meinen Gewinn ansehen kann. Wenn Christus mein Leben ist, dann ist aber gleichzeitig auch meine Liebe groß genug, dass ich mich nicht einer morbiden Todessehnsucht hingebe, sondern mich rückhaltlos in diese Welt hineinliebe, bis es nicht mehr geht und Christus mich abruft. Gerade weil Christus sein Leben ist, möchte Paulus „Frucht bringen“ für Jesus. Man kann aber keine Frucht bringen für Jesus, wenn man nicht der Erde treu bleibt.

Frucht bringen, das war das Lebensziel des Paulus. Dass andere Menschen durch ihn Mut gewinnen, sich an Jesus zu wenden, mit Jesus im Gebet zu reden, bei Jesus zu bleiben! Bei Paulus geht beides Hand in Hand: Ein großer Glaube und eine große Liebe. Sein Glaube ist groß, aber er wird nicht so groß, dass er die Liebe abhängt. Und so redet er zwar von der Schönheit des Himmels, aber während er so redet, registriert er plötzlich selbst, dass sein Satz „Sterben ist mein Gewinn“ sehr egoistisch und selbstsüchtig gedacht ist. So kippt die Argumentation bei Paulus plötzlich um und spitzt sich zu einer geradezu prophetischen Sicht zu. Plötzlich bricht er durch zur Gewissheit: Ich sitze hier zwar im Gefängnis und habe evtl. den Tod vor Augen, aber ich werde leben und nicht sterben - damit Euer Glaube gestärkt wird. Ich erinnere mich an einen Menschen, der bereits vom Tode gezeichnet, fest davon überzeugt war, Gott würde ihn retten, weil die anderen ihn noch bräuchten - doch er starb. Man muss aufpassen mit Prophetien - vor allem, wenn sie allzu sehr unseren Wünschen entsprechen. Natürlich haben wir einen Gott, der uns aus buchstäblich allem herausholen kann. Wir müssen aber aufpassen, wo der Wunsch zum Vater des frommen Gedanken wird. Bei Paulus ist es so gekommen, wie er es gesehen hat: Er wurde tatsächlich nach einiger Zeit entlassen und kehrte zu seinen geliebten Philippern zurück und zusammen rühmten sie Gott. Doch Paulus war auf diesen Wunsch nicht fixiert, und er versuchte, auch die Philipper dazu zu bringen, dass sie sich dafür öffneten, dass Gottes Wille geschieht, egal wie er aussieht, und dass sie diesen Willen Gottes nicht nur „gottergeben“ hinnehmen, sondern dass sie ihn bejahen, wie er auch aussieht.

Ich gestehe, dass ich persönlich alledem nicht einmal entfernt nahe komme und auch niemanden kenne, der dem irgendwie nahe kommt. Ich erinnere mich an ein Gespräch, das ich mit einem fast neunzigjährigen Christen, einem tiefgläubigen Mann, der in seinem Leben viel für Christus bewirkt hat, geführt habe, der fast sein ganzes Leben lang im Dienst an Jesus verbracht hatte. Der sagte mir: „Glaub' nur nicht, dass ich - bloß, weil ich alt bin - mich auf das Sterben freue“. Damals dachte ich: Wenn nicht einmal du, wer denn dann? Ich war damals beruhigt und beunruhigt zugleich. Ich war beruhigt, weil ich merkte, dass man sehr wohl an Jesus Christus glauben und dennoch Angst vor dem Todes haben kann. Ich war beruhigt, weil ich selbst auch nicht die geringste Lust verspüre, zu sterben. Ich war allerdings auch beunruhigt, weil ich mich fragte, woher es kommt, dass selbst Menschen, die ihr Leben doch ein ganzes Stück auf Jesus ausgerichtet haben, ihm letztendlich doch so wenig vertrauen, wenn es hart auf hart kommt.

Als ich vor einiger Zeit ein Buch las, in dem der über achtzigjährige Heinz Zahrnt in Rückblick auf sein Leben sich auch mit der Frage des Todes auseinandersetzt, habe ich großen Trost erfahren. Heinz Zahrnt ist einer der großen alten Männer der evangelischen Theologie in Deutschland. Sehr umstritten, vielen nicht fromm genug, aber ich mag ihn. Ich möchte Ihnen gerne eine längere Passage aus diesem Buch vorlesen, weil es mich wirklich tief bewegt hat. Und gerade, weil es nicht so vollmundig oder gar pausbäckig daherkommt und in ihm sich eher eine stille Zuversicht Bahn bricht als eine laut tönende, ist mir das, was der Verfasser schreibt, sehr, sehr nahe. Das Buch trägt bereits den erfreulich bescheidenen Titel: „Mutmaßungen über Gott“. Immerhin ist es ein großer christlicher Denker, der hier offen zugibt, dass ihn der Gedanke, dass er auf absehbare Zeit sterben wird, beunruhigt: „Ich denke nicht ständig, aber mittlerweile doch täglich an den Tod. Man kann heute häufig die Meinung hören, der moderne Mensch fürchte sich nur noch vor dem Sterben, aber nicht mehr vor dem Tod. Ich bezweifle dies. Mein Sterben hoffe ich doch einigermaßen zu bestehen, wenn ich einen guten Arzt und zuhause sterben darf, ohne meiner Frau damit zu viel zuzumuten. Wie aber will ich dem Tod begegnen, von dem ich nicht einmal weiß, wer oder was er ist?

Die 'totale Verhältnislosigkeit' hat Eberhard Jüngel den Tod genannt. Ich habe dies immer für die bestmögliche Definition gehalten (..) Die totale Verhältnislosigkeit ist in eins ein unvorstellbarer Zustand und eine unerträgliche Vorstellung. In jedem Fall steht sie im äußersten Gegensatz zu meinem Verlangen nach Identität und Bleiben. (...) Die Frau, die ich liebe, lachend und liebend mit andern - ohne mich. Die Kinder, ganz auf sich selbst gestellt und längst schon mit den eigenen Kindern beschäftigt - ohne mich. Die Freunde, die Nachbarn, die Kollegen, aber auch das Haus, in dem ich wohne, die Straße, durch die ich gehe, die Amsel morgens auf der Terrasse und der Mond nachts Über dem Meer - alles ohne mich. Der Gedanke dünkt schier unerträglich...

Gegen den Tod nicht aufbegehren, sondern sich widerstandslos in ihn zu schicken, kann einen Mangel an bewusstem Leben bedeuten.

Vielleicht gibt es überhaupt keinen ehrlicheren Mut als den, sich die Angst vor dem Tod nicht zu verdecken, sondern sie sich einzugestehen und bewusst auf sich zu nehmen. Dass es mir immer wieder nicht gelingen will, den Tod als eine 'natürliche Sache' und darum ohne Angst hinzunehmen, deckt die Wahrheit über mich auf: wer ich bin und woraus ich 'letzten Endes' existiere. Meine Angst vor dem Tod ist der Sold, den ich für meinen Unglauben zu zahlen habe.

Der Tod macht endgültig offenbar, dass das Leben unverfügbar ist, und wird so zum Ernstfall des Glaubens. Wenn mir die Weit untergeht, wenn mir die Stützen brechen, mit denen ich mein Leben lebenslang gegen die Vergänglichkeit zu sichern versucht habe, wenn ich mich zu keinem Menschen, nicht einmal zu dem mir allernächsten verhalten kann und kein Mensch sich mehr zu mir - dann stellt sich die Vertrauensfrage für mich in letzter Zuspitzung: Worauf ist da noch Verlass? (..) Der christliche Glaube gibt auf die im Angesicht des Todes gestellte Vertrauensfrage die Antwort: In dem Augenblick, in dem der Mensch aufhört, sich zu sich selbst und zur Welt verhalten zu können, verhält sich Gott weiterhin zu ihm. Das ist es, was der Glaube 'ewiges Leben' nennt. Diese Wahrheit des Glaubens will verbürgt sein. Die Bürgschaft bietet mir der Name Jesus aus Nazareth.

Der Glaube an das ewige Leben folgt mit innerer Logik aus dem Glauben an den von Jesus erfahrenen und verkündigten Gott und bedeutet seine in die Unendlichkeit ausgezogene Perspektive - den von Gott selbst durchgehaltenen Bezug zum Menschen bis in den Tod hinein. Wohin der Tod auch kommt, dort ist immer schon Gott, und wo Gott ist, herrscht das Leben. Der Tod ist kein hoffnungsloser Fall. Ich bleibe auch im Tod in Gottes Liebe geborgen. Damit bleibt mein Leben zwar eine Einbahnstraße auf den Tod zu, aber es ist jetzt keine Sackgasse mehr. Zwar setzt der Tod nach wie vor einen Punkt hinter mein Leben, aber Gott macht daraus einen Doppelpunkt. Am Sterbebett lautet das letzte Wort des Arztes „Exitus“ - die christliche Beerdigungsliturgie nimmt dieses Wort auf und verwandelt es in den Psalmvers „ Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in die Ewigkeit“ (121,8). So wird der Tod aus dem Exitus zum Transitus, aus dem Ausgang zu einem Durchgang und Übergang. Ich bleibe, aber Gott bleibt mir auch im Tode, und damit habe ich eine 'ewige Bleibe'.“

Soweit der Text von Heinz Zahrnt. Das ist in seiner Nüchternheit ein gewisses Kontrastprogramm zu Paulus, wie ich zugebe. Aber der Kontrast ist doch nicht so groß, als dass man nicht die Parallelen entdecken könnte: Die große Liebe zu Jesus, das bei Paulus eher volltönende und bei Zahrnt eher leise Vertrauen zu dem Gott, der nicht unseren Tod, sondern unser Leben möchte, und schließlich aber auch die Treue zur Erde, die Friedrich Nietzsche und Dietrich Bonhoeffer so wichtig war. Liebe zu Jesus, Vertrauen zu Gott und Treue zur Erde - ich denke, das ist eine gute Kombination. Dazu segne uns der allmächtige und barmherzige Gott.