Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 25,40

Pfarrer Peter Gergel

18.11.2001 in Groß-Bieberau zum Volkstrauertag

„Was ihr (an)getan habt, diesen meinen Geringsten, das habt ihr mir (an)getan!“

Es ist Sonntag - auch in Sibirien.
Ein kalter und nasser Tag.
Babuschka, das alte Mütterchen, steigt mühsam die Treppen zur Kirche hinauf.
Der Gottesdienst hat schon begonnen.
Der mehrstimmige Männerchor erfüllt den Raum mit heiligen Liedern.
Das Angenehme an der orthodoxen Kirche ist die Tatsache, dass die Menschen kommen und gehen können, wann immer sie wollen - denkt die Alte.
Da schaut keiner hin, wenn die Gottesdienstbesucher, während der dreistündigen Liturgie, kommen oder gehen.
Auch nicht bei Babuschka, die sich zur Altar- bilderwand vordrängt, vorbei an Bettlern und Behinderten, um ihr Gebetsanliegen dem Popen vorzutragen.
„Vater!“ sagt sie „beten Sie für meinen verstorbenen Mann und meinen verschwundenen Sohn, dass sie ihre Ruhe haben mögen, wo immer ihre Seelen sein sollten“

Sie schiebt dem Geistlichen einen zerknitterten Geldschein zu.
Es ist ein beachtlicher Teil ihrer Rente, die sie als Witwe und Ehrenmutter wieder einmal mit Verspätung erhalten hatte.
Sie zündet zwei Kerzen an und verschwindet anschließend in der großen Menschenmenge, die auf dem Flohmarkt vor der Kirche ihre Habseligkeiten anbietet. Es ist kalt - dennoch drängen sich auch an diesem Morgen viele Menschen zwischen den ärmlichen und bunten Haufen, die in unregelmäßigen Abständen den Lehmboden bedecken.
Babuschka hat ein schlechtes Gewissen:
An diesem Sonntag will auch sie etwas verkaufen; sie bringt einen Teil ihres Lebens, ihrer Vergangenheit auf den Markt:
In Tüchern eingehüllt, in der Innentasche ihres
groben Gewandes trägt sie Erinnerungsstücke ihrer Verstorbenen.
Es sind Ehrenauszeichnungen für brave, tapfere Soldaten, die ihr Leben für die Befreiung ihres Landes eingesetzt hatten.
Ihr Mann wurde vor über 50 Jahren irgendwo in den Karpaten als vermisst gemeldet.
Vorher noch wurde er als großer Held des Volkes ausgezeichnet und durfte kurz zu Besuch.
Seine Einheit hatte einen wichtigen Sieg errungen.
Ihr Sohn war auch dabei. Er war keine 20 Jahre alt.
Als er aus dem Krieg nach Hause kam, schmückten mehrere Ehrenzeichen seine verschlissene Soldatenkleidung.
Nach 10 Jahren verschwand er für immer im Gulag von Magadan, im gefürchteten Arbeitslager, weil er sich gegen die Ungerechtigkeit des schnauzbärtigen Georgiers aufgelehnt hatte.

An diesem Sonntag muss sie ihr Heiligstes zum Verkauf anbieten.
Ein Teil Ihres Lebens: Die Orden, Ehrenauszeichnungen ihrer Männer, die dem Krieg und den Wirren danach zu Opfer gefallen waren!
Sie hatte erfahren, dass diese Erinnerungstücke im Ausland gut verkauft werden.
Babuschka ist traurig! An diesem Sonntag stirbt erneut ein Teil ihrer verletzten Seele.
Mit den Enden ihre Kopftuches wischt sie sich die Tränen ab.
Und dann fährt sie erneut mit der Hand über die roten Sterne, die durch den Regen und die Kälte erblassen.

Am gleichen Tag, irgendwo in Deutschland:
Sonntagvormittag.
Ein kalter, verregneter Novembertag:
Eine ältere, gepflegte Frau, sitzt zu Hause in der warmen Wohnung.
Für alles ist auch heute gesorgt: Frühstück mit Kuchen und wohl duftendem Kaffee und zu Mittag gibt’s Essen auf Rädern, dann ein Besuch in der Nachbarschaft.
Im Fernsehen wird ein Gottesdienst zum Volkstrauertag übertragen.
Die Frau holt ihr Gesangbuch hervor, schlägt es auf, sucht das Lied: „Befiehl du deine Wege“.
Sie weiß, die Anfangsbuchstaben der zwölf Verse ergeben den Titel des Kirchenliedes, das Paul Gerhard mitten im Dreißigjährigen Krieg gedichtet hat.
Im Gesangbuch - ein Bild ihres verstorbenen Mannes. So, wie Sie in Erinnerung hat:
In seiner Uniform als Gebirgsjäger.
Ein schöner Mann, denkt sie. Aber das Glück war von kurzer Dauer.
Auch er war mit fliegenden Fahnen zusammen mit anderen an die Front gezogen.
Und nicht mehr zurückgekehrt!
Auch er hatte den versprechenden und verlockenden Reden Glauben geschenkt.

Sie erinnert sich an die langen Winterabende, an denen sie auf eine Nachricht von ihrem Mann gewartet hatte, an die vielen Gebete, in denen sie um Bewahrung und Schutz gebetet hatte.
Sie erinnert sich an den Tag, an dem sie die Mitteilung über den Tod ihres Mannes erhalten hatte:

Mit dabei war auch das Buch, das genau so bekannt wie die Bibel werden sollte - und auf der Innenseite des Buches die Widmung und Beileidsbekundung des Kompanieführers.
Sie hatte das Buch zwar aufbewahrt, aber nie darin gelesen. Dafür hatte sie keine Lust.

Sie hatte ihren eigenen Kampf!
Sie spürte, dass der Krieg immer die Kleinen trifft, die gar nicht entscheiden können, ob sie mitmachen wollen oder nicht.
An diesem Sonntag wird sie wieder daran erinnert, obwohl es schon lange her ist. Über 50 Jahre.
Und dennoch kann sie es nicht vergessen!
Trauer erfüllt ihr Herz.
Nicht nur weil heute Volkstrauertag ist.
Trauer wird immer allein erfahren und ertragen!

So wie es keine Kollektivschuld gibt, kann auch nicht von einer Kollektivtrauer die Rede sein.
Viel zu persönlich und subjektiv wird der Tod eines lieben Menschen erfahren.
Auch wenn die Toten irgendwo übereinander in einem Massengrab liegen.
Die Trauer erfüllt immer das ganze Herz eines Menschen.
Die alte Frau leidet immer noch unter diesem Verlust.
Nach vielen Jahren hatte sie den jungen Pfarrer ihrer Gemeinde gefragt, ob er denn an der Universität gelernte hätte, was aus denen würde, die im Krieg gefallen sind, deren Namen keiner kennt?!
Der junge Pfarrer, der ihr Sohn hätte sein können, war noch nie so gefragt worden.
Natürlich gab es, früher mehr als heute, mancherlei und tröstliche Auskunft für die Trauernden.
Aber die alte Frau hatte konkretes Interesse.
Und darauf zu antworten, hatte er nicht gelernt.

Der junge Theologe versuchte, sicher nur stammelnd, von der christlichen Auferstehungshoffnung zu sprechen.
Die Bilder und Vorstellungen der Bibel dürften dabei eine Rolle gespielt haben.
Aber die stabile Verzweiflung, in der diese Frau lebte, war stärker.
Sie sagte Ihr Glaubensbekenntnis:
„Wir leben in unseren Kindern weiter; aber wir haben keine Kinder gehabt.“
Und leise setzte sie hinzu:
„Und in vielen Ländern kommen unschuldige Kinder in sinnlosen Kriegen um!“

Was konnte der junge Pfarrer anders tun, als mit ihr zu trauern?
Gewiss:
Ihr Glaubensbekenntnis war nicht christlich!
Vielleicht hatte es etwas mit der Lebenserfahrung einer einfachen Frau zu tun.
Es war der verzweifelte Versuch, etwas zu verstehen und anzunehmen, das sich doch allem Verstehen und erst recht aller Zustimmung entzieht.
Und es mündete in Schweigen und Einsamkeit!

Selbstverständlich hat die alte Frau solange sie noch allein laufen konnte den sonntäglichen Gottesdienst besucht.
Gab es dort eine Botschaft, die in ihre Trauer hinabreichte, die ihr zu einem neuen, lebendigen Glaubensbekenntnis verhalf?

Vielleicht hat ihr Paulus weitergeholfen.
Dort wo er in seiner Angst und mit seiner Hoffnung anfängt.
Kaum irgendwo ist er uns Menschen so nah, wie in diesen Versen.
Indem er sich seines Glaubens vergewissert, lädt er uns ein, den Weg mit ihm zu gehen, unsere Bedenken, unsere Zweifel zu äußeren, abzuwägen, was Gott uns zumutet.
Wie kommt Paulus aber dazu, nicht elegisch gestimmt zu bleiben, sondern mit einer unglaublichen, geradezu jugendlichen Hoffnung zu behaupten:
„Unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit.“
Was weiß er, was wir nicht wissen?

Die Bilder, in der er seine Auferstehungshoffnung kleidet, sind wie ein Traum, so schön, so leicht, so selbstverständlich.
Von unserem Leib spricht er als von einer Hütte, die abgebrochen wird. Alle Vergänglichkeit, alle Vorläufigkeit ist darin beschrieben.
Aber dann ist da ein anderer Bau von Gott selbst erbaut, der ewigen Bestand hat, ein neuer Leib, unser Leib, den Gott für uns bereithält.
Unsere Zukunft bei Gott.
Zu ihm werden wir alle kommen und bei ihm werden wir das Leben und die Fülle haben.

Selig, wer so glauben kann!

Wir tun uns schwer mit solchem Glauben.
Auch die traurige Witwe.
Gegen den Tod anzupredigen, im Angesicht tausender Soldatengräber geht wohl nur, wenn wir
etwas von der Macht der Auferstehung in unserem Alltag spüren, wenn uns Gottes Geist sensibel macht für sein Wirken in der Welt und an uns.
Wenn wir anfangen, danach zu fragen, verstehen wir, dass „Auferstehung“ nicht einfach „Wieder-lebendig-Sein“, sondern „Verwandlung“ bedeutet.
Eine Verwandlung, in die unsere Welt einbezogen wird.

Um diese Verwandlung der Welt zu ermöglichen,
benötigen wir keine zaghaften Seelen, sondern mutige Kämpfer Gottes, Menschen, mit frohen und mutigen Herzen, mit einem starken Glauben, die über die Wirren der Zeit hinaus Hoffnung und Zuversicht ausstrahlen.
Wir benötigen Menschen - Frauen und Männer - , die Vertrauen erwecken und bereit sind, der Liebe wegen Opfer zu bringen.
Menschen, die fähig sind, Phantasien zu entwickeln, die mehr als nur ihr eigenes Wohl vor Augen haben, Menschen, die das Leben, sei es geboren oder ungeboren, schützen, wachsen und gedeihen lassen!
In allen Gemeinde sind Menschen gefragt, die das Wagnis mit der Wahrheit eingehen und durch diese überzeugen wollen!
Wir benötigen - so unwahrscheinlich es klingt - Träumer von einer anderen Welt, damit sie den Wettlauf gegen die schleichende Angst und das mangelnde Vertrauen gewinnen.
Es sind Träumer, die den Mut haben, gegen die Resignation, mit der ständig wachsenden Trägheit, aus der die alles vernichtende Gleichgültigkeit hervorgeht, zu hoffen.
Die Zukunft liegt wesentlich in Gottes, aber auch in unserer Hand.
Welche Gestalt sie annehmen wird, hängt daher von unserer Bereitschaft ab, entschlossen und verantwortungsbewusst zu handeln.
Dass wir dies nicht ohne die Hilfe Gottes schaffen können, sollten wir nicht vergessen.

Aber wir dürfen auch träumen!
Auch den Traum von einer versöhnten Welt.
Einen Traum, der wahr werden kann, will ich Ihnen schildern:
Die ältere, gepflegte Frau erfährt am Ende des
Gottesdienstes zum Volkstrauertag, dass hier in Deutschland die Aktion gestartet wird „Witwen helfen Witwen“.
Kriegswitwen wollen die Not der anderen Kriegswitwen lindern!
Versöhnung durch die gemeinsame Trauer über das Grab des unbekannten Soldaten hinweg.

Die ältere Frau zögert nicht. Sie hilft mit.
Am nächsten Tag überweist sie den ersten Betrag.

Und Babuschka, das Mütterchen, im kalten, verregneten Sibirien kommt nicht aus dem Staunen.
Hilfe aus dem fremden Land.
Sie muss die Ehrenauszeichnungen ihrer Männer nicht mehr verkaufen. Die wollte eh keiner haben.

An einem verschneiten Sonntagmorgen macht sie sich erneut auf den Weg zur Kirche. Vorbei an Bettlern in verschlissenen Uniformen.
Sie drückt dem Popen erneut einen zerknitterten Geldschein in die Hand und sagt: „Vater, beten Sie heute für die Seelen der verstorbenen Soldaten, die am Rande des Dorfes begraben liegen, ich kann ihre Namen nicht lesen, es ist eine fremden Sprache. Ich glaube, es sind deutsche Namen!“

Der Geistliche schaut sie mit großen Augen an, dann sagt er: „Mütterchen, ich will es tun! Geh in Frieden!“

Der achtstimmige Männerchor setzt ein und singt: „Kyrie eleison! Herr erbarme dich!“

Amen