Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 25,35-40

Pastor Rainer Claus (ev.-luth.)

15.11.2009 in der Heppenser Kirche

Volkstrauertag 2009

Reise nach Altlibehne

„Man kann die Menschen aus der Heimat vertreiben,

aber nicht die Heimat aus den Menschen.“

Erich Kästner

 

Die Rapsfelder leuchten gelb in der Sonne und eine leichte Brise streicht über das Feld. Ein Bollerwagen rumpelt über den steinigen Weg, der am Bahnhof vorbei Richtung Westen führt. Kornblumen blühen am Wegesrand. Der kleine Herbert im Wagen wird kräftig durchgeschüttelt. Sein großer Bruder zieht ihn den Weg hoch und er muss sich mächtig anstrengen.

Es könnte ein sommerlicher Ausflug sein. Der 14 –jährige  Werner unterwegs durch die Felder und Wiesen seiner Heimat. So wie Jungs es gerne tun, wenn die Sonne lacht und das Leben blüht.

Es ist kein Ausflug, es ist ein Abschied.

Die Mutter dreht sich noch einmal um. Der Blick geht über die Felder zurück zu dem Heimatdorf, Altlibehne in Pommern.

Sie bleibt einen Augenblick stehen und sagt zu ihren Kindern:

„Guckt euch das noch einmal an. Das werdet ihr nie wiedersehen.“

Ein Satz der sich tief eingebrannt hat, bei dem 14 jährigen Werner.

„Das werdet ihr nie wiedersehen“

Er zieht den Bollerwagen, sein Bruder sitzt mitten in den Habseligkeiten der Familie. Ein paar Decken, etwas Kleidung. Viel ist nicht geblieben. Das Haus ist zerstört. Die Geschwister gehen an der Hand der Mutter.

Werner ist 14 Jahre alt und der Älteste. Er zieht den Wagen und trägt auf einmal große Verantwortung. Sein Vater ist verschwunden. Er wird ihn nie wiedersehen. Als die russischen Truppen kamen, nahmen sie ihn mit, zusammen mit dem Vieh des Dorfes wurde er weggetrieben.

Die Familie muss weg, einfach nur Richtung Westen. Wohin auch immer? Es gibt kein Ziel, keine Verwandten. Nur weg von hier. Weg von Erschießung und Plünderung, Vergewaltigung und Todesangst. Mit 14 Jahren ist die Kindheit ganz schnell zu Ende gegangen.

„Guckt euch das noch einmal an. Die Felder von Altlibehne.

Das werdet ihr nie wiedersehen“.

 

 

 

Sie hat nicht Recht behalten die Mutter. Der 14 – jährige Werner, der damals flüchten musste, ist heute 78 Jahre alt.  Und er ist mein Schwiegervater. Noch einmal wollte er seine alte Heimat sehen. Den Ort seiner Kindheit besuchen.

In den Herbstferien bin ich mit ihm dorthin gefahren. Mich interessierte seine Geschichte, die ja nun auch ein Teil meiner Familiengeschichte geworden ist. Und außerdem war ich noch nie in Pommern.

Eine Ferienwohnung in der Ückermark wird gebucht, die Koffer werden gepackt. Mit Schwiegereltern und meiner Frau fahre ich nach Pommern. Eine Reise in die Vergangenheit.

Doch wie finden wir den richtigen Weg. Mein Autoatlas ist veraltet und ich liebäugle schon lange mit einem Navigationsgerät.  Also fahre ich Satteliten gesteuert in die Vergangenheit. Ein Stimme weist mir den Weg: „an der nächsten Kreuzung links abbiegen“ oder auch „sie haben ihr Ziel erreicht“

Im Display wird angezeigt, wie viele Satelliten wir gerade über uns haben.

Ich bin begeistert, aber Silvia meine Frau sagt nur: „typisches Männerspielzeug“

Auf der Fahrt habe ich viel Zeit nachzudenken, mein Schwiegervater erzählt immer wieder Erinnerungen. Und dazwischen das Navigationsgerät, das mir den Weg weist.

Und für mich wird genau das zu dem Symbol dieser Reise: Orientierung. Wo geht´s lang? Den Weg finden.

Ein Navi sagt mir metergenau wo ich lang fahren soll.

Mein Schwiegervater hatte als 14 jähriger keinen Navi.

Es ging einfach Richtung Westen. Oft querfeldein. Kein Ziel vor Augen. Keine Familie oder Verwandte drüben als Anlaufstelle.

 Einfach weg. 1945. Es gab keine Zeitung, kein Radio, kein Strom.

Keine Möglichkeit sich zu orientieren. Der Krieg zu Ende? Aber was war los in Deutschland, in der Welt?

Es gab keine Informationen. Keine Orientierung.

Das Ziel war ganz einfach: Überleben. Irgendwohin, wo das Leben nicht bedroht war. Etwas zu essen finden, ein Dach über dem Kopf haben.

Das Grauen hinter sich lassen.

Heute am Volkstrauertag erinnern wir uns an eine Zeit,  in der die ganze Welt sich neu orientieren musste. Vor 70 Jahren begann ein Krieg, an dessen Ende nicht nur ganze Städte in Schutt und Asche lagen. Auch Ideologien, Weltanschauungen und Überzeugungen waren zusammengestürzt. Was ist richtig und gut? Wer ist Feind oder Freund? Ein Volk auf der Suche nach einem Weg aus den Trümmern und keine Stimme die sagt: an dieser Kreuzung bitte links oder rechts abbiegen. Oder doch lieber einfach geradeaus?

Volkstrauertag ist ein Tag der Orientierung. Wir erinnern uns an das was gewesen ist, damit wir auch in Zukunft falsche Wege vermeiden.

 

 

Was ist gut und was ist böse? Gibt es Gerechtigkeit?

Am Ender aller Zeiten wird Gott Gericht halten. So erzählt es der heutige Predigttext. Da gibt es Gerechte und Ungerechte, Himmel und Hölle. Ein eindrucksvolles Bild, das der Predigttext malt und  viele Künstler des Mittelalters haben das große Weltgericht ausgemalt. Was Menschen damals im Mittelalter eine Höllenangst gemacht hat, ist heute für den modernen Menschen kein Thema mehr.

Gott hält Gericht?

Heute am Volkstrauertag wird daraus eine Frage nach Orientierung.  

Wir Menschen haben die Fähigkeit diese Welt zur Hölle zu machen. Besonders in den Kriegen des vergangenen Jahrhunderts sind die Menschen durch ein Inferno an Leid gegangen. Ganze Völker haben die Orientierung verloren, haben sich verrannt in menschenverachtenden Ideologien. Dabei ist die Ansage für uns Menschen ganz einfach.

Gott sagt: 

ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich bei euch aufgenommen; 36 ich war nackt und ihr habt mir etwas anzuziehen gegeben; ich war krank und ihr habt mich versorgt; ich war im Gefängnis und ihr habt mich besucht. 37 Dann werden die, die den Willen Gottes getan haben, fragen: Herr, wann sahen wir dich jemals hungrig und gaben dir zu essen? Oder durstig und gaben dir zu trinken? 38 Wann kamst du als Fremder zu uns und wir nahmen dich auf, oder nackt und wir gaben dir etwas anzuziehen? 39 Wann warst du krank oder im Gefängnis und wir besuchten dich? 40 Dann wird der König antworten: Ich versichere euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder oder für eine meiner geringsten Schwestern getan habt, das habt ihr für mich getan.

 

So einfach lässt sich der Himmel beschreiben: wo wir die Not des anderen sehen und Gottes Anlitz in ihm erkennen, da ist Himmel. Du bist vom selben Stern, wie ich. Weil dich die gleiche Stimme lenkt und du am gleichen Faden hängst.

 

 

 

 

Gott hält Gericht, so beschreibt es der Predigttext.

Das ist kein Text der mir Angst macht.

Gott ist keiner, der hinrichtet.

Ich denke beim Gericht Gottes eher an Herrichten und Einrichten.

Wenn Gäste kommen, wird der Tisch hergerichtet. Alles wird an seinen Platz gestellt, geordnet.

Was umgekippt ist,  wird aufgerichtet. Die Falten und Knicke werden aus der Tischdecke gestrichen.

Wenn Gott Gericht hält, denn stelle ich mir vor, dass er etwas herrichtet. Ordnung schafft, wo wir Chaos verursacht haben.

Wenn Gott Gericht hält, dann stelle ich mir, dass er eine Wohnung für uns einrichtet. Jedes Möbelstück bekommt seinen Platz. Wir haben alles verrückt und durcheinander gebracht. Im Streit das Tischtuch zerrissen und die Stühle umgeworfen. Gott richtet es wieder ein. Das Verrückte findet seinen Platz.

 

 

Es ist ein sonniger Tag als mein Schwiegervater nach Altlibehne kommt.

Das Dorf, das er als 14-jähriger verlassen hat, liegt beschaulich in der Sonne. Es besteht eigentlich nur aus einer Straße mit kleinen Häuschen. Es sieht ein wenig aus, als sei die Zeit stehen geblieben. Beschaulich, ruhig und sonnig.

„Dort stand mein Elternhaus und dahinten die Ställe, die sehen noch so aus wie damals“ sagt mein Schwiegervater und die Augen blitzen. Ich merke, dass er gerade zurückgekehrt ist, in die Bilderwelt vergangener Tage. Man kann Menschen aus der Heimat vertreiben, aber nicht die Heimat aus den Menschen, schon gar nicht wenn es die Zeit der Kindheit war.

Das Schloss steht noch da. Es ist ein prächtiger Gutshofs und die Kinder haben es damals immer Schloss  genannt . Als Kind durfte mein Schwiegervater dort nicht hinein.

Als wir durch den Ort laufen, dauert es keine zwei Minuten und ein Auto hält neben uns. Ein Mann begrüßt uns freundlich in gebrochenem Deutsch und lädt uns ein zu einer Tasse Kaffee ins Schloss ein. Es ist der Ortsvorstehen und Verwalter des Ortes. Ein 35jähriger freundlicher polnischer Mann, der meinen Schwiegervater empfängt wie einen erwarteten Gast. Der Tisch wird hergerichtet. Und ich merke, hier wird gerade etwas zurechtgerückt. Es gibt eine Führung durch den Gutshof und am Ende sagt der Bürgermeister: „Kommen Sie doch wieder, dann kocht meine Frau etwas Gutes zu essen und wir laden sie ein…“

Ein 78 jähriger Mann rückt seine Erinnerungen zurecht. Das Grauen von damals, das Unrecht und das Leid darf nicht weggewischt werden. Es ist wichtig sich zu erinnern, es waren verrückte Zeiten.

Heute hat er Kinder, Enkel und Urenkel. Er hat ein ganzes gelebtes Leben auf das er blicken kann. Er hat sein Leben eingerichtet und die Erfahrungen von damals haben einen Platz gefunden.

Wer sich orientieren will, muss das Ganze in den Blick nehmen. Das ganze Leben, die ganze Geschichte.

Mein Navigationsgerät sagt mir nur an der nächsten Kreuzung, wo es lang geht.

Im Leben brauche ich Worte, die mir Wege weisen und das Ganze in den Blick nehmen:

Was ihr für einen meiner geringsten Brüder oder für eine meiner geringsten Schwestern getan habt, das habt ihr für mich getan.

Amen