Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 25,31-46

Johannes Wachowski

16.11.2003 in Wernsbach

Volkstrauertag

Volkstrauertag

Liebe Gemeinde,

„Und denn, denn stehste vor Gott, dem Vater, stehste, der allens jeweckt hat, vor dem stehste denn, und der fragt dir, ins Jesichte: Willem Voigt, wat haste jemacht mit deine‘ Leben. Und da muß ick sagen: Fußmatten, muß ick sagen, die hab ick jeflochten im Jefängnis. Und dann sind se alledruif rumjetrampelt muß ick sagen. Und zum Schluß haste jeröchelt und jewürgt um det bisken Luft, und denn war et aus. Det sachste vor Gott, Mensch.
Aber der sacht zu dir: Jeh weck, sacht er! Ausweisung! Sacht er. Dafür hab ick dir det Leben nicht jeschenkt! Sacht er. Det biste mir schuldig. Wo is et? Wat haste mit jemacht?“

Mit diesen Worte zieht sich der gescheiterte Schuster Wilhelm Voigt in Carl Zuckmayers Stück „Der Hauptmann von Köpenick“ vor Gott. Mit diesen Worten baut der Schuster Wilhelm Voigt eine Gerichtsszene auf. Er fragt sich als Ankläger selbst, was sein Leben ausmacht und wertvoll gemacht hat. Er fragt: „Willem Voigt, wat haste jemacht mit deine‘ Leben?“ Und traurig muß er sich eingestehen, wenn er auch die Rolle seines eigenen Verteidigers übernimmt: „Fußmatten, die hab ick jeflochten im Jefängnis.“ Und dann schlüpft er sogar in die Rolle Gottes und richtet sich in dieser Rolle selbst und sagt. „Jeh weck, sacht er! Ausweisung! Sacht er. Dafür hab ick dir det Leben nicht jeschenkt! Sacht er. Det biste mir schuldig.“

Liebe Gemeinde,
wenn wir heute an die Opfer der Kriege und der Gewalt denken, dann werden die Worte des traurigen Schusters in seinem Selbstgericht noch eindrücklicher. Wenn man die Stimmen der Soldaten und Zivilbevölkerung mit diesen Worten hört, die vielleicht sagten: „Wat haste jemacht? Jeschossen haste. Den Franzosen haste erledigt, der mit dir noch Weihnachten jejeiert hat. Einfach tot jeschossen haste ihn.“ Oder: „Wat haste jemacht? Gehorcht haste, obwohl de wusstest, das det sinnlos is.“ Oder: Wat haste jemacht? Geteilt haste alles mit Deine Nachbarn und dann ham se nen Volltreffer gekricht.“ Oder: Wat haste jemacht? Lieben wollteste se alle, aber de Zeit war grausam.“

Wenn man die Stimmen, derer wir heute gedenken, so hört, klingen sie wie die Töne verlorener Menschen. Der Sinn ihres Lebens und Sterbens wird in diesen Tönen radikal in Zweifel gezogen. Mit diesen Tönen erscheint die Welt sinnlos und leer. Kein Heil, keine Gnade, kein Freispruch scheint auf dem Leben zu liegen.
Das Leben wird auch ausweglos traurig, wenn wir auch noch die letzen Worte des Schusters Wilhelm Voigt hören, in den er sich die Stimme Gottes leiht und zu sich sagt: „Jeh weck, sacht er! Ausweisung! Sacht er. Dafür hab ick dir det Leben nicht jeschenkt! Sacht er. Det biste mir schuldig.“

Liebe Gemeinde,
ähnliche Töne sind auch im heutigen Evangelium zu vernehmen. Das irritiert, weil das Evangelium doch eine gute, befreiende, tröstende und hoffnungsfrohe Botschaft sein soll.
Im heutigen Evangelium macht Jesus aber, wie der Schuster Willem Voigt, eine Gerichtsszene. Das müßte uns eigentlich nichts ausmachen. Denn Gerichtsszenen begegnen uns täglich im Fernsehen. Dort wird Recht gesprochen im Streit um ein Haus, um Geld, um Liebe und vieles mehr. Ein Sender der etwas auch sich hält, hat auch eine Gerichtsshow. Und so gibt es den Fernsehrichter der Gerichtstag spielt und sein Urteil auf der Grundlage der geltenden gesetzlichen Vorschriften spielerisch fällt. Alles also im Grunde bekannt, aber die Gerichtsszene, die Jesus macht, geht ans Herz, so wie beim Schuster Willem: „Wat haste jemacht in deine Leben?“ Das ist es aus mit dem kleinen Fernsehspiel, da wird es ernst fürs eigene Leben: : „Wat haste jemacht in deine Leben?“
Jesus erzählt von einer Gerichtsszene, in der alle Völker versammelt werden. Der Richter sitzt auf einem Thron und scheidet die versammelte Schar nach rechts und links. Die gesegneten Schafe stellt er zu rechten, denn er weiß, wat se jemacht haben in ihre Leben. Er sagte: „Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.“ „Det habt ihr jemacht in eure Leben.“

Und dann spricht er den Richterspruch: „Was ihr getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch getan.“ Und schließlich wendet sich der Richter auf dem Thron denen zu, die auf der linken Seite stehen und spricht: „Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer...Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan. Und sie werden hinausgehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.“

Liebe Gemeinde,
diese Geschichte hat einen unbarmherzigen Ton. Sie klingt noch trauriger als die Selbstanklage des Schusters Willem. Sie klingt deshalb noch viel schärfer und erbarmungsloser, weil hier Gott selbst als der harte Richter geschildert wird. Hier spricht Gott selbst die Worte: „Jeh weck, sacht er! Ausweisung! Sacht er. Dafür hab ick dir det Leben nicht jeschenkt! Det biste mir schuldig. Was de an mener jeringsten Brüder jetan hast, det haste mir jetan.“

Aber liebe Gemeinde!
Der gnädige Gott, der geduldig und von großer Güte ist, der jedem einzelnen verlorenen Schaf nachgeht, der wie der barmherziger Vater den verlorenen Sohn wieder in seine Arme schließt, der die Welt sosehr geliebt hat, das er seinen eigenen Sohn dahin gab, damit alle, die an ihn glauben nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben, der Schöpfer des Himmels und der Erde, der alle Menschen nach seinem Bild geschaffen hat, der kann doch nicht so gnadenlos sein, wie es Jesus in seiner Geschichte erzählt?

Wo liegt hier der Ausweg? Wie kommen wir heraus aus dem Gericht, indem Gott sagt, das wir etwas schuldig geblieben sind, was wir nie mehr wieder gut machen können? Wenn das gelten würde, dann wären wir in einer heillosen Welt, weil fast alle Völker in Kriegen, durch Ungerechtigkeit und Gewalt in eine riesige Schuldgeschichte verstrickt sind. Soll denn allen Menschen nur das Wort gelten, das der Schuster im Namen Gottes zu sich selbst spricht? „Je weck!“

Wenn wir nur auf Jesu Geschichte blicken, dann kommen wir in Glaubensnöte, die uns an die Nöte Martin Luthers erinnern. Wir waren mit den Präparanden und Konfirmanden am Freitag im Lutherfilm. In dem Film werden zwei Szenen gezeigt, in den Luther sich selbst vors Gericht zieht und rasend wird, daß er dauern Gott etwas schuldig ist. In einer kleinen Mönchszelle weint er jämmerlich, redet und rechtet mich sich und Gott, schlägt gegen die Wände und wirft sich zu Boden. Sein Beichtvater Staupitz kann ihn ein wenig trösten, wenn er sagt: „Schau auf Christus. Martin! Das ist Dein Erlöster.“ Und Luther blickt auf Christus, in dem er sich der Heiligen Schrift zuwendet. Dort findet er Christus. Und das wollen wir ihm heute gleich tun.

Wenden wir uns also an die Heilige Schrift, liebe Gemeinde!
Da fällt zuerst auf, daß Jesus die Geschichte als letzte Geschichte vor dem Bericht über sein Leiden und Sterben erzählt. Also hören wir diese beiden Geschichten zusammen, die vom Weltgericht und die von Jesu Leiden und Sterben.
In der Geschichte vom Leiden und Sterben Jesu, wird Jesus verleumdet, gedemütigt, gefoltert und stirbt den Tod eines Verbrechers am Kreuz. Und so könnten wir fragen: „Wat haste jemacht, Jesus, mit deine Leben?“ Aber in der Geschichte von Jesu Leiden und Sterben passiert mehr. Der Gekreuzigte selbst bittet für die Menschen, die ihn nicht gekleidet, nicht versorgt und nicht für ihn eingetreten sind, als man Gericht über ihn hielt und Gewalt antat. Am Kreuz spricht er die Worte: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht was sie tun!“
Und das ist das erste Hoffnungszeichen, das wir bekommen, wenn wir uns an die Schrift wenden. Auch in den ausweglosen, verlorenen und trostlosen Zeit, ist noch einer da, der beim Vater für uns bittet und eintritt. So wird es keine noch so trostlose und hoffnungslose Zeit für uns geben, in der nicht Christus selbst auch ein Licht vor Gott für uns entzündet. In diesem Licht sind wir dann keine armselig, in der Dunkelheit verlorenen Menschen mehr, die nur Schuld auf sich laden, sondern der Schein des Osterfestes und der Vergebung legt sich gnädig und barmherzig auf unser Angesicht.

Und die Schrift gibt uns noch ein zweites Zeichen: Jesus selbst fühlt sich am Kreuz von Gott verlassen und ruft aus: „Eli, Eli, lama asabtani? Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Und bei diesen Worte könnten wir an den armen Schuster Willem denken, der alleine in der Welt steht, sich vor Gericht zieht und kein anderes Urteil sprechen kann als das der Gottesverlassenheit.
Aber schauen wir auf Christus, wie es der Beichtvater Luthers dem verzweifelten Mönch immer wieder geraten hat. Dann sehen wir, daß Gott seinen Sohn auch in der Stunde der Verlassenheit und des Todes nicht allein läßt. Er geht mit ihm diesen äußerten Weg, vom Tod zum Leben. Jesus Christus geht als erster einen Weg, der ganz anders ist als der Weg der Menschen. Sie laufen den Weg vom Leben zum Tode. Jesus Christus geht den Weg vom Tod zum Leben. Und an diesem Weg haben wir Anteil durch die Taufe. Daran erinnern wir uns immer zu Beginn eines jeden Gottesdienstes mit den Worten. Wir erinnern uns, daß wir niemals ganz Gottverlassen oder eindeutig auf eine Seite des Gerichtes gestellt sind. Denn wir hören die Worte: „Der barmherzige Gott hat sich unser erbarmt. Jesus Christus ist für uns gestorben. Durch ihn vergibt uns Gott und macht uns zu seinen Kindern. Wer glaubt und getauft wird, der wird selig werden. Das verleihe Gott uns allen.“
Es gilt also für uns Gottes Gnade, seine Barmherzigkeit und seine Vergebung. In Jesus Christus hat er uns vergeben. Diese Vergebung brauchen wir, wie das tägliche Brot. Denn nur wenn es eine Vergebung in der Welt gibt, können Menschen neu anfangen und können sich neu orientieren. Nur wenn es eine Vergebung in der Welt gibt, wird die Welt nicht zur völligen heillosen und verlorenen Welt angesichts von Krieg und Gewalt.
Und jetzt könnten wir wieder auf den Schuster Willem schauen und sagen: „Willem Voigt, frag nich, wat haste jetan. Erinner dich, wat Christus für dich jetan hat!“ Und dann würde der Schuster weniger hart mit sich ins Gericht gehen. Vielleicht würde er sogar sagen, daß Christus bei ihm im Gefängnis war, wenn er so seine Frage umformulieren würde. Denn vor Gott zählt nicht, was man auf seinem Berufsweg oder auf den Abwegen gemacht hat. Es zählt was Christus für uns gemacht hat. Daran soll unsere Erinnerung hängen. An Christi Leben für uns. Es gilt auch, wenn wir fehlen und einmal nicht im Geringsten Bruder Jesus Christus erkennen. Gottes Gnade läßt uns nicht einfach fallen, wenn wir gefehlt haben.
Wir wollen uns an den Weg Jesu Christi vom Tod zum Leben erinnern. Hunderte von Novembermonaten erinnern wir uns gerade am Volkstrauertag an diesen Weg.

Liebe Gemeinde,
das soll nun nicht heißen, daß wir darauf vertrauen sollen, daß uns immer automatisch vergeben würde und wir lockeren Schrittes an unseren Brüdern und Schwestern im Vertrauen auf diese billige Gnade vorbeilaufen könnten. Das erzählt ja schon die Geschichte des anderen Martin, nach dem Martin Luther benannt wurde. Der Heilige St.Martin hatte ja nachdem er wie selbstverständlich einem armen, frierenden Bettler einen Teil seines Mantels gab einen Traum. So träumte er eines nachts, daß er in den Himmel blickte. Er sah die Engel in leuchtenden Gewändern. Mitten unter den Engeln stand Jesus. Und Jesus war bekleidet mit einem halben Mantel. „Det hat der Martin jemacht, an einem seiner jeringsten Brüder! Nen halben Mantel!“

Liebe Gemeinde,
nehmen wir also die Geschichte Jesu von den Schafen und Böcken zur rechten und linken des Richters ernst. Lassen wir uns aber nicht von ihr erschrecken und fragen wir uns nicht zuerst „Wat haste jemacht in deinem Leben?“ Fragen wir immer zuerst: „Was hat Christus für dich gemacht?“ Und wenn wir diese Frage stellen, dann soll uns das Bild des Gekreuzigten vor Augen sein und das Bild von Jesu mitten unter den Engeln, bekleidet mit einem halben Mantel.

Amen.