Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 25, 31-46

Pfarrer Uwe Lorenzen (ev)

16.11.2014 in der Evangelischen Kirche in Klarenthal und im SR2 Kulturradio

Rundfunkgottesdienst am Volkstrauertag

© privat

Liebe Gemeinde hier in der Kirche, liebe Hörerinnen und Hörer von SR2 Kulturradio:

Dies ist kein Tag zum Wegschauen. Dies ist kein Tag, um nicht hinzusehen, was einmal war.

Das eben verlesene Bild vom Weltgericht aus dem Matthäusevangelium [Mt 25, 31-46] hat es uns vor Augen gemalt: Bei der Versammlung der gesamten Menschheit vor Gott können sich weder die zur Linken noch die zur Rechten vor ihrer eigenen Geschichte wegdrehen. Denn der Weltenrichter schaut mit jedem Einzelnen auf sein Leben, auf sein eigenes Tun und Lassen.

Ja, aber wann haben wir dich, Herr, denn je hungrig gesehen und ohne Unterkunft und krank und frierend und haben dir geholfen?“, so fragt jeder zuvor erstaunt.

Und dann werden einem jeden die Augen geöffnet und man erkennt, wann das war und bei wem das war. „Was ihr diesen meinen geringsten Schwestern und Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan“, spricht der auf dem Thron sitzende Weltenherrscher.

Alles kommt noch einmal zur Sprache, wenn Gott gemeinsam mit dir auf dein Leben schaut, davon will dieses Bild vom Weltgericht erzählen. Und unser eigenes, ganz persönliches Zusammenzucken ist dabei von Matthäus gewollt. Er legt es darauf an, jeden zur alles entscheidenden Frage zu führen. Nämlich zu der Frage: Und wie wird einst mein Leben beurteilt? Nach welchem Maßstab wird bei diesem Blick zurück das Gute und Böse bei mir bewertet?

Die Antwort lässt uns durchatmen, denn weder das Gelingen meines Lebensentwurfs noch mein Scheitern an moralischen Ansprüchen, weder mein erworbenes Wissen noch meine körperliche Verfassung, ja noch nicht einmal meine Kirchenzugehörigkeit wird beurteilt, sondern vor Gott gilt ein ganz anderer Maßstab. Es ist der Maßstab einfachster Menschlichkeit, nach dem gefragt wird: Hast du Hungernde und Durstige versorgt? Hast du Fremde aufgenommen, Frierende bekleidet, Kranke und Gefangene besucht?

Der Weltenrichter fragt nach ganz alltäglichen Dingen, zu denen letztlich nicht allzu viel gehört. Keine Höchstleistungen sind gefordert, nichts wofür meine Begabung und meine Kraft nicht ausreichen würden. Ich sehe es regelrecht vor mir, wie die Menschen beim Weltgericht über dieses „einfache“ Richtmaß staunen.

Interessant ist, dass im Bild des Matthäus dabei überhaupt keine Plus- oder Minus-Rechnung aufgemacht wird. Da wird nicht beispielsweise drei Mal „Hungernde speisen“ gegen zwei Mal „Fremde abweisen“ verrechnet. Oder zwei Mal „Kranke nicht besuchen“ gegen drei Mal „Armen Gutes tun“ aufgerechnet. Nein, hier geschieht kein gegenseitiges Abwiegen der barmherzigen Werke gegen die hartherzigen Unterlassungen, sondern das, was getan wurde an Menschlichkeit aus Barmherzigkeit, das zählt. Es wird nicht geschmälert durch die Gegenrechnung des Auslassens, des Nicht-getan-Habens.

Denn hier wird nicht nach menschlicher Weise gerichtet. Das letzte Wort über unser Leben sprechen nicht andere Menschen und nicht mal wir selbst. Dieses letzte Wort spricht Gott allein und es wird ein Gnadenwort sein, das glaube ich aus tiefstem Herzen.

Denn auch wenn Matthäus in seinem endzeitlichen Bild die Menschheit in Gut und Böse aufteilt und die einen zum ewigen Leben und die anderen zur ewigen Strafe verurteilt wissen will, so lese ich in den Gleichnissen Jesu und in vielen anderen Stellen des Neuen Testaments von einem ganz anderen Ausgang. Dort lese ich von einem liebenden und vergebenden und eben nicht von einem rachsüchtigen Gott.

Ich glaube, wir werden im Gericht uns selbst begegnen, mit all unseren Licht- und Schattenseiten, … ja und vielleicht wird es auch ein Schämen sein, aber wir werden auch erfahren, „dass wir geliebter sind, als wir wissen“.1

Das heißt für jeden Einzelnen von uns, schon jetzt auf diesen vergebenden Blick Gottes zu hoffen, wenn er mit uns zusammen auf unsere Geschichte schaut. Auf unsere ganz persönliche Geschichte, aber auch darüber hinaus: auf die Geschichte, in die die Generationen unserer Mütter und Väter, unserer Großmütter und Großväter verwickelt waren, die Geschichte, die sie durchlebt und durchlitten haben oder in denen sie vielleicht sogar selbst Leid über andere gebracht haben. Folgen wir diesem Blick für einen Moment mit der Musik unserer Organistin. (Es folgt ein Adagio von J.S. Bach)

Auch das Erinnern des Ersten Weltkrieges, dessen Beginn sich in diesem Jahr zum hundertsten Mal gejährt hat, und das Nachdenken über das damit verbundene Grauen der Jahre 1914-18 hat bei vielen von uns den Blick auf ganz individuelle Geschichten gelenkt, die hinter den Namen auf den Gedenktafeln stehen. Ein Blick, der sich nicht mehr nur auf die Soldatenschicksale in den Stellungskriegen beschränkt hat, sondern der oft weiter ging und zum Beispiel auch die Not und das Leiden der Zivilbevölkerung wahrgenommen hat.

Mir persönlich war es beispielsweise bis jetzt neu, dass während des Ersten Weltkrieges doppelt so viele Menschen an Hunger gestorben sind als später durch die Bombenangriffe des Zweiten Weltkrieges. Schon 1914 versuchte die staatliche Propaganda dies zu verdecken. An der „Heimatfront“2 sollte man heldenhaft geduldig hungernd dem Vaterland dienen. Aber im Rückblick starb auch dort niemand einen „Heldentod“, sondern nur seinen eigenen „Menschentod“. „Helden“ findet man im Blick auf diese Geschichte nur dort, wo Menschen menschlich waren: Wo sie Essen teilten, Flüchtlingen Obdach gegeben haben, Kranke pflegten, Wunden verbunden haben und schließlich – als alles endlich vorbei war – einander das Grausame zu vergeben versuchten.

Gerade hier in Klarenthal, einem Grenzort, in dem am Volkstrauertag deutsche und französische Fahnenträger nebeneinander an den Gedenksteinen stehen, kann man die guten Früchte dieser nachbarschaftlichen Vergebungsbereitschaft heute sehen. Europa ist gebaut auf diesem Willen, einander Schuld zu vergeben und dennoch die Geschichte mit wachen Augen zu betrachten.

Darum ist heute nicht nur ein Tag, um sich über den erreichten Frieden und die Versöhnungsarbeit zu freuen und dabei an die Opfer von Krieg und Vertreibung zu erinnern. Sondern heute ist auch ein Tag, um hinzuschauen, was zurzeit geschieht: Wie viel Hoffnungen auf einen arabischen Frühling sind untergegangen im Hass und religiösen Wahn? Wie viel neues Leid unter der Zivilbevölkerung geschieht in neuen und alten Krisenherden und zwingt erneut Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen.

Nach Zahlen der Vereinten Nationen erleben gerade über 50 Millionen Menschen das Schicksal, ein Flüchtling zu sein:3 so viele wie seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr. Ein kleiner Prozentsatz dieser Flüchtlinge erreicht das Mittelmeer, aber weil es von dort aus keinen legalen Weg der Weiterreise gibt, können wir nun die Opfer nicht mehr zählen, die mit den Flüchtlingsschiffen über das Meer kommend ertrunken sind.

Wir drehen uns sehr leicht weg vor den Gesichtern derer, die hinter den Zäunen der Auffanglager eine Zukunft ohne Hunger und Gewalt suchen. Die Kriegsflüchtlinge, die nur noch weg wollen, die endlich neu anfangen wollen, die im Frieden leben wollen, sie stehen für mich auch im Bild des Matthäus.

Nein, es darf kein Wegschauen geben. Da draußen und mitten unter uns sind Menschen, die unsere Menschlichkeit brauchen. Das könnte ganz einfach passieren, indem wir fremdenfeindlichen Worten in unserer Umgebung widersprechen. Indem wir uns umschauen, wo Flüchtlinge in unseren Dörfern und Städten untergekommen sind und was sie brauchen. Aber auch, indem wir nicht aufhören, unbequeme Fragen zu stellen, auf die wir alle miteinander in Europa endlich Antworten finden müssen. Nicht aus Furcht vor dem apokalyptischen Bild eines Weltgerichtes, sondern weil das Wissen um Vergebung dazu befreit, miteinander Gerechtigkeit und Frieden zu suchen …und zu finden!

[Kanzelgruß]

1 Ich vertrete hier somit die sog. „Allversöhnungslehre“ des Origenes, die sich unter anderem auf die Gleichnisse Jesu und auf Bibelstellen wie Römer 11,32 oder 1Kor 13 stützt. Der Absatz schließt mit einem Zitat von Helmut Gollwitzer aus: Krummes Holz – aufrechter Gang, 1970, S. 382.

2 Tatsächlich ist dieser Begriff keine Neuschöpfung der Nationalsozialisten, sondern bereits 1914-18 in Gebrauch.

3 Quelle: UNHCR.