Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 6,36–42

Ferenc Herzig (ev.-luth.), Wissenschaftlicher Assistent

28.06.2015 in Sankt Salvator in Gera

Gottesdienst

Die Auferstehung der Barmherzigkeit

Predigttext Lk 6,36–42

 

Jesus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.

Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch wieder messen.

Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen?

Der Jünger steht nicht über dem Meister; wenn er vollkommen ist, so ist er wie sein Meister.

Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr?

Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und sieh dann zu, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst!

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Liebe Gemeinde,

plötzlich ist es da, das Unsagbare und das Unsägliche. Das kenne ich aus den Nachrichten. Ich weiß: Das findet in Afrika statt. Sehr weit weg von mir.

Und plötzlich sind in Leipzig, auf der Wiese vor der Thomaskirche, frische Gräber gegraben worden. Von Lebenden. Für Tote. Symbolische Gräber. Von Menschen für Menschen. Von Menschen, die Jura studieren oder Frisuren zaubern, die belegte Brötchen verkaufen oder kaputte Knie operieren. Für Menschen, die ihre Namen verloren haben. Deswegen stehen die Namen nicht auf den Kreuzen. Dort steht „Grenzen töten“ und: „Den Flüchtlingen“. Auf einem Kreuz steht „Barmherzigkeit“. Erde zu Erde. Asche zu Asche. Staub zum Staube.
Da liegt sie begraben. Die Barmherzigkeit. Mitten in Leipzig. Mitten unter uns. Die Erde ist noch frisch, und ich glaube: am dritten Tage wird sie auferstehen von den Toten.

Seid barmherzig, wie auch Euer Vater barmherzig ist.

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Die Gräber in Leipzig, auf der Wiese vor der Thomaskirche, sind symbolische Gräber.

Das Mittelmeer ist wirklich ein Grab. Ein Massengrab. Und ich? Was habe ich zu schaffen mit diesem Grab? Ich. Nur ich.

Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und sieh dann zu, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst!

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Ich? Ich stehe ratlos vor diesen Gräbern. Seit Jahren verzweifle ich, wenn ich die Zeitung aufschlage: 23.000 Menschen sind seit dem Jahr 2000 um ihr Leben gekommen. Sie waren geflohen aus der Diktatur, geflohen vor Vergewaltigung und vor Hunger. Auf der Flucht vor dem Tod sind sie im Mittelmeer ertrunken. Sind gestorben am Grenzzaun zum gelobten Land. Sterben immer noch an der europäischen Mauer.

Ich bin ratlos und ich bin machtlos. Und entschuldige mich manchmal vor mir selbst: Denn ich weiß nicht, was ich tun soll. Und ich tue auch nichts. Gut, manchmal teile ich auf facebook einen Artikel, der auf das Leid der Flüchtlinge hinweist. Das fühlt sich für einen kurzen Moment gut an, manchen meiner Freunde gefällt das, manche teilen diese Artikel weiter. Aber ich tue nichts. Ich kenne keine Flüchtlinge. Ich war noch nie in einem Flüchtlingsheim. Ich habe noch nie versucht, einem afghanischen Jungen Deutsch beizubringen oder mit einem syrischen Mädchen Fußball zu spielen.

Ich tue zwar nichts, aber ich weiß schon, wer etwas tun sollte: Die Politiker. Die Diktatoren Afrikas sind schuld, sie quälen ihre Schutzbefohlenen. Die Schlepper sind schuld, sie verdienen am Leid der Verzweifelten. Die europäische Politik ist schuld, sie zerstört die Schlepperbote, anstatt die Flüchtlinge auf dem Meer zu retten. Unser Außenministerium ist schuld, es kümmert sich nicht um Einreisevisa für Flüchtlinge aus Eritrea. Und ich tue nichts, aber ich weiß Bescheid und teile Artikel auf facebook.

Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt.

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Ich sehe diese symbolischen Gräber und ahne, ich kann etwas tun. Menschen tun ja schon etwas. Rütteln mich wach, daß ich barmherzig werde, wie unser Vater barmherzig ist. Daß ich gebe, und mir gegeben wird. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß. An Barmherzigkeit.

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Ich sehe diese symbolischen Gräber, sehe, wie sich 5.000 Menschen aufmachen zu einem „Marsch der Entschlossenen“, und vor dem Deutschen Bundestag in Berlin die Wiese aufgraben, mit hunderten von symbolischen Gräbern. Und die Aktion weitet sich aus auf ganz Deutschland. Menschen in Leipzig und in Hildesheim, in Köln und in Jena machen sich auf, nehmen kleine Schaufeln in die Hand und die Zustände der europäischen Politik nicht mehr hin. Sie zeigen das Unsagbare, und Unsägliche, sie machen es öffentlich und holen es aus den Nachrichten in unsere Mitte. Sie eröffnen den Flüchtlingen eine Chance, ihr Trauma zu bewältigen. Und sie erinnern uns an unsere Angst. Vor 70 Jahren gab es bei uns Millionen Flüchtlinge. Und es könnte sie wieder geben.

Die Entschlossenen wollen etwas ändern, und sie ändern etwas: Sie richten den Blick auf das Leid. Das rührt mein Herz. Sie fangen an zu schaufeln und schütten symbolische Gräber auf: Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß. An Barmherzigkeit. Mitten in Deutschland. Mitten unter uns. Die Erde ist noch frisch, und ich glaube: am dritten Tage wird die Barmherzigkeit auferstehen von den Toten. Und auffahren in den Himmel. Zu richten die Leben und die Toten.

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Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.