Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 19,1-10

Pfarrer Dr. Udo Huß

15.10.2005 in Oehrenstock

Gehalten zum Fest der Kirchweihe

Gehalten zum Fest der Kirchweihe

Liebe Gemeinde,

Wo Kirche ist, da werden die Menschen fröhlich. Der Satz ruft sicher Widerspruch hervor. Kirche, das ist doch etwas Bierernstes. Da geht es doch um Dinge, die man nicht auf die leichte Schulter nehmen kann. In der Kirche, manche erinnern sich vielleicht an ihre Konfirmandenzeit, da musst du stillesitzen und andächtig zuhören. Sonst schimpft die Frau mit dem komischen Hut, die Sonntag für Sonntag hinter den Konfirmanden sitzt und mit lauten Tremolo singt, dass man sich das Lachen einfach nicht verkneifen kann. So oder so ähnlich ging und geht es nur zu oft in der Kirche zu.

Wenn Du solche oder ähnliche Erfahrungen gemacht hast, dann solltest Du vielleicht einmal ins Neue Testament sehen - und staunen. Immer wieder wird uns da erzählt von Menschen, die Jesus begegnen und durch diese Begegnung fröhlich werden. Ärger, ernste Mienen, verkniffene Gesichter, knirschende Zähne gibt es eigentlich nur bei den Leuten, die sich ausschließen aus dieser Gemeinschaft, die Jesus mit Menschen hält, in der Gott selbst mitten in dieser Welt da ist und die Menschen fröhlich macht.

Wir haben sie gehört, diese Geschichte von dem kleinen, reichen Mann Zachäus, dem zu Recht Unbeliebten, dem Ausgestoßenen: er nahm ihn auf mit Freuden, hören wir. Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, heißt es dann. Was kaputt war, wird wieder heil, Freude zieht ein in das Haus, in dem der Ungeist des unrechtmäßig erworbenen Reichtums schaltet und waltet - und keine Freude aufkommen lässt. Nun ist Zachäus freudig erregt und in seiner Freude wird er selbst zum Freudenspender: Sieh doch, die Hälfte meines Besitzes gebe ich den Armen.

Wo finden wir heute eine solche Freude? Freude, die eine radikale Wandlung, die Umkehr bei einem Menschen hervorruft? Die zeigt, was das oft missbrauchte Wort Buße eigentlich ist: eine ganz freudige Sache. Hier geschieht es, durch Jesus, den Handwerker aus Nazaret, durch den Menschen, der dem Anderen als Freund begegnet, der den Anderen nicht abstempelt: das ist ein Betrüger, das ist einer, der mit unseren Feinden zusammenarbeitet, das ist ein Lügner, ein Gauner, ein Dieb. Es geschieht durch Jesus, der den Anderen nicht hochnotpeinlich ins Gebet nimmt: nun gib mal zu, was du alles ergaunert, erschlichen, erpresst hast! Und geh dann mal brav in dich! Gib alles wieder heraus! Und dann zahl noch eine saftige Strafe!

Nichts von alledem sagt und tut Jesus, der Handwerker aus Nazaret. Ich muss heute bei dir einkehren, sagt er. Ich will, ich muss dein Gast sein. Jesus stellt sich in aller Öffentlichkeit vor, neben und hinter diesen Mann Zachäus, zweifelsohne einer, der einiges auf dem Kerbholz hat, ein Gauner, ein korrupter Beamter, die es auch heute zuhauf gibt. Alle erheben sich über ihn, keiner will etwas mit ihm zu tun haben. Zu diesem Menschen geht Jesus. Und er wird fröhlich in der Gemeinschaft mit Jesus. Sie essen und trinken zusammen, und dabei werden sie fröhlich. Nicht nur in dem Sinne, dass es laut und lustig zugeht, das sicher auch. Aber diese Fröhlichkeit macht Zachäus zu einem anderen Menschen. Er fängt an, anders zu denken, anders zu handeln. Alles wird neu.

Eine solche Fröhlichkeit, die alles neu werden lässt, die den Menschen zum Guten wandelt, trifft man in unseren Kirchen allerdings sehr selten. Man hat eher den Eindruck, hier treffen sich die Murrenden, die tuscheln und zischen: bei einem Sünder ist er eingekehrt.

Gerade ein Gottesdienst zum Kirchweihfest verleitet ja sehr schnell dazu, darüber zu schimpfen und zu murren, was draußen als Kirmes gefeiert wird. Immer wieder habe ich Leute erlebt, die den Zeigefinger erhoben haben, um zu betonen: das ist die Kirchweihe, das ist ein kirchliches Fest - und die machen ein Besäufnis daraus.

Doch wie wichtig ist uns die Kirchweihe als kirchliches Fest? Gerade die Leute mit den erhobenen Zeigefingern habe ich auch selten in einem Kirmesgottesdienst gesehen.

Vielleicht tun einige Erinnerungen an die Vergangenheit gut. Als diese Kirche 1740 geweiht wurde, hatte die Menschen in Oehrenstock endlich eine eigene Kirche, einen eigenen Pfarrer. Die Gemeinde hatte das Pfarrhaus gekauft, um Kirche und Pfarrer im Dorf zu haben. Den Menschen lebten es damals sehr bescheiden, sie konnten sich nur notdürftig ernähren, die kleinste Münze mussten sie doppelt und dreifach umdrehen. Und doch setzten sie es durch, dass eine Kirche ins Dorf kam. Sie waren voll Freude darüber, dass der Herr, der als Handwerker Jesus zu den Menschen kommt, sie nicht aufgibt, dass sie ihm wichtig sind. Sie nahmen freudig wahr, dass da einer ist, der sie nicht niederdrückt, wie die selbsternannten Herren dieser Welt. Auch wenn diese in seinem Namen immer wieder zu braven Untertanen „erziehen“ wollten. Es ist ein pikanter Zufall, dass in dem Jahr, als hier in Oehrenstock die Kirche geweiht wurde, 1740 also, Fürst Heinrich I. von Schwarzburg-Sondershausen die Herrschaft antrat, der im ganzen Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation dafür berüchtigt war, dass er Pfarr- und Lehrerstellen an den Meistbietenden verschacherte und alles Geld, das geflossen war, wanderte in die eigene Tasche. Er galt als einer der reichsten Männer seiner Zeit - und hinterließ bei seinem Tod ein völlig verarmtes Land. Da hatte kein Gastmahl stattgefunden, bei dem alles neu wurde. Da war keine Fröhlichkeit, eher ein Totentanz.

Die Kirchweihe in Oehrenstock dagegen war sicher ein Freudenfest für die Menschen, ein Freudenfest der Gemeinde Christi, die sich eine eigene Kirche gebaut hatte. Sie war Freude über den, der auch im größten Leid Freude schenkt, der die Erniedrigten erhöht, der dem Versager eine Chance gibt. Sie war Freude über den, der bei Zachäus eingekehrt ist und so alles neu gemacht hat. Sie war Freude darüber, dass er sich immer wieder neu aufmacht, gerade auch zu den Korrupten, um ihnen die Chance zum Neuanfang zu geben, auch wenn die wenigsten diese Chance nutzen. Man braucht nur an Fürst Heinrich I. und seine Gelage zu denken.

Jetzt kommt es darauf an, was wir aus dieser Vergangenheit machen. Begibst Du Dich gleichgültig in den Trubel hinein? Stellst Du Dich murrend ins Abseits, im hohen Gefühl, ein besserer Christ, ein besserer Mensch zu sein? Oder bist Du bereit, bei Festen oder im Alltag, den zu erkennen und anzunehmen, der alles neu macht? Bist Du bereit, Dich mit der Freude beschenken zu lassen, die Menschen, den Einzelnen, die Gemeinschaft verwandeln und erneuern kann? Wo Jesus ist, da werden Menschen fröhlich - und wo Menschen fröhlich werden, da ist Kirche.

Und ich gehe noch weiter, vielleicht treibe ich die ganze Sache auf die Spitze, wenn ich sage: Wo Christus nicht ist, da ist Fröhlichkeit gar nicht möglich. Das mag nun doch etwas vermessen klingen. Eine solche Behauptung wäre freilich Unsinn, wenn man sie so verstehen wollte, dass in der Kneipe nur noch geistliche Gespräche geführt werden sollen, dass der Stammtisch zur Kanzel umfunktioniert werden soll. Das beileibe nicht, auch wenn so manches Stammtischgespräch in eine Predigt ausartet und manche Predigt eher an Stammtischgeschwätz gemahnt: nichts deutet darauf hin, dass Jesus bei Zachäus oder bei dem anderen Zöllner, bei Levi-Matthäus, oder auf der Hochzeit in Kana gepredigt hätte. Jesus hat sich mit den Menschen an einen Tisch gesetzt, er hat mit ihnen gegessen und getrunken, zuweilen auch, wie die Hochzeit in Kana ausweist, auch in großen Mengen. Doch er ist den Menschen nicht mit penetranten Moralpredigten auf den Geist gegangen. Seine Anwesenheit, seine Zuwendung zum Menschen, die Ahnung, es geht auch anders im Umgang miteinander ist entscheidend, nicht die Rede über ihn, die ihn zu einem guten, aber eher langweiligen Mann der Vergangenheit macht. Was seine Gegenwart bewirkt, hast Du bei Zachäus gesehen, auf jeder Seite des Neuen Testamentes kannst Du es erfahren: neues Leben erwacht, Wasser wird in Wein verwandelt, der Erpresser Zachäus wird zum Wohltäter. Dort, wo Jesus ist und Menschen fröhlich macht, entsteht Neues, da wird die kranke Welt heil. Ich kenne einige Theaterstücke, von Hendrik Ibsen, von Bertolt Brecht, da stehen Feste im Mittelpunkt: am Anfang steht da eine heile Welt, doch die Fassade bröckelt immer mehr, eine kranke Gesellschaft kommt zum Vorschein, Hass, Betrug, Verrat, Erpressung. Und diese Krankheit, zeigen uns die Stückschreiber, ist unheilbar. Entweder endet alles in einer großen Katastrophe oder man kleistert alles notdürftig zu und das Unheil schwelt weiter. Wo Jesus hinkommt, da ist die unheile Welt offenkundig, da sind die Ausgestoßenen, die Kranken, die Toten. Doch Jesus macht die kranke Welt heil - und die Menschen werden fröhlich. Neues, Unerwartetes geschieht. Fröhlichkeit, die von Jesus hervorgerufen wird, macht offen für das Unerwartete, für die Umwertung aller Werte, stiftet neue Beziehungen unter den Menschen. Das ist etwas ganz Anderes als die Fröhlichkeit in unserer Spaßgesellschaft. Etwas ganz Anderes als ein Rausch, der eine Weile ablenkt von dem, was Dich bedrückt - und der Jammer ist dann um so lauter, wenn Du auf den Boden der Tatsachen zurückgeworfen wirst. Erst wenn ich von einer Feier komme und sagen kann: ich habe etwas Neues entdeckt, ich habe etwas Neues erfahren, etwas, das ich nicht mehr missen möchte, dann erst ist die Fröhlichkeit echt, dann erst hat sich die Sache gelohnt.

Wo Jesus, der Christus, ist, werden die Menschen fröhlich. Darum können Menschen fröhlich werden, wo Kirche ist. Weil Barrieren zwischen Menschen niedergerissen werden. Weil Du nicht mehr auf Dich selbst schauen brauchst, ängstlich, weil Du auf keinen Fall anecken willst. Du brauchst nur Ausschau halten nach Jesus, dem Christus. Er will keine finsteren Mienen, keine triefende Moral, keine miese Stimmung. Er schenkt Dir Freude, freudige Gemeinschaft mit allen Menschen. Er macht auch Dich frei, seine Freude allen Menschen zu schenken - über Kirchenmauern, über alle Grenzen hinweg.

Amen.