Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 17,11-19

Kirchenratspräsident Pfr. PD Dr. Lukas Kundert

26.06.2006 im Basler Münster

Missionsfest

Missionsfest

Das Predigtwort für heute steht im Lukasevangelium, im 17. Kapitel, Verse 11 bis 19:

11 Und es begab sich, als er nach Jerusalem wanderte,
dass er durch Samarien und Galiläa hin zog.
12 Und als er in ein Dorf kam,
begegneten ihm zehn aussätzige Männer;
die standen von ferne
13 und erhoben ihre Stimme und sprachen:
Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser! 
14 Und als er sie sah, sprach er zu ihnen:
Geht hin und zeigt euch den Priestern!
Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein.

15 Einer aber unter ihnen, als er sah, dass er gesund geworden war,
kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme
16 und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm.
Und das war ein Samariter.
17 Jesus aber antwortete und sprach:
Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber die neun?
18 Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte,
um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde?
19 Und er sprach zu ihm: Steh auf, geh hin;
dein Glaube hat dich gerettet.

Herr, öffne meine Lippen,
dass mein Mund Deinen Ruhm verkünde!
Amen.


Liebe Gemeinde
Lepra – eine hässliche  Krankheit.
Noch heute ist sie nicht besiegt,
immer noch zerfrisst sie Menschen bei lebendigem Leib,
macht sie hässlich – obwohl sie inzwischen heilbar ist.
Aussatz zerstört Leben.
Unsere Kirche unterhält mit der lokalen Wirtschaft ein eigenes Leprahilfswerk.
Seit vielen Jahren versuchen wir gemeinsam zu helfen,
dass Leprakranke nicht alleine gelassen werden.

AIDS wird oft mit Aussatz verglichen,
die Lepra der Moderne, doch AIDS ist nicht heilbar,
und wir sehen es in der Regel den Menschen auch nicht an,
wenn sie das HIV-Virus in sich tragen.
Das unterscheidet AIDS vom Aussatz der Zeit Jesu.
Dieses heimtückische Virus,
Es kann Jahre schlummern und plötzlich ausbrechen,
zerstört den Menschen aus dem Innern heraus,
rafft vielerorts eine ganze Generation dahin.
Es bedient sich dem Innigsten das es gibt,
der Liebe, um sich zu übertragen.

Mission 21 beschäftigt das schon seit Jahren,
doch ganz besonders in diesem Jahr:
es ist das Thema der diesjährigen Abgeordnetenversammlung.

Es gibt Länder, da wächst eine ganze Generation von Kindern bei Grosseltern auf,
weil die eigenen Eltern an AIDS gestorben sind.
Eine ganze Generation ist dem Virus zum Opfer gefallen,
die ganze mittlere Generation fehlt,

Was sagt uns dazu das Wort für heute?
Zehn Aussätzige kommen zu Jesus,
werden von ihm zum Priester gesandt
und werden rein.
Es heisst nicht, dass sie gesund wurden,
es heisst, dass sie rein wurden.
Rein sein ist auch etwas anderes als gesund sein.

Reinheit,
kultische Reinheit,
hat aber auch nichts damit zu tun,
womit für das Waschmittel Ariel vor Jahren noch geworben wurde:
Ariel wäscht nicht nur sauber, sondern rein!
Reinheit religiös und kultisch hat nichts mit Sauberkeit zu tun.
Unrein bedeutet deswegen auch nicht schmutzig,
rein und unrein meinen auch hier etwas Anderes.

Man kann das erkennen aus einer Stelle im Talmud,
an der in der jüdischen Tradition die alttestamentlichen Reinheitsvorschriften behandelt werden,
nach der das Berühren der Heiligen Schrift, der Tora, unrein mache.
Ist denn die Tora, die Heilige Schrift, ein schmutziges Buch?
Nein, natürlich nicht.
Und es macht auch nicht schmutzig.
Wieso macht dann das Berühren der Schrift unrein?
Die Antwort lautet: Weil ich die Schrift, wenn ich sie berühre, auch einmal wieder loslassen muss.
Das Berühren der Schrift macht unrein, weil ich sie wieder loslassen muss.

Was hat das mit Reinheit zu tun?
Gerne wollte ich mit der Bibel durch das Leben schreiten,
von ihr mein Leben bestimmen lassen in allem was ich tu.
In Israel, wenn man an Simchat Tora –
dem Fest von der Freude am göttlichen Gesetz –
durch die Gassen Jerusalems zieht und in eine Synagoge späht,
da kann man sehen,
wie die Frommen die Torarollen umarmen und mit ihnen durch den Raum tanzen,
als handelte es sich bei ihnen um ihre Braut.

Gerne wollte man mit der Bibel durch das Leben tanzen,
wollte sie umarmen und nicht mehr freigeben,
und doch weiss man:
Um leben zu können muss man die Schrift auch wieder einmal loslassen können,
kann sie nicht Tage lang umklammern, umarmen, vor Augen halten, sondern muss von ihr weggehen,
muss sich von ihr trennen.
Das macht traurig,
denn von ihr zu lassen,
das ist etwas wie Tod,
bedeutet Loslassen des Baums des Lebens.

Unreinheit, liebe Gemeinde,
das hat etwas mit Trauer zu tun,
Trauer über nicht zustande gekommenes Leben.
Trauer über verpasste Chancen,
Trauer über verlorene Liebe.

Die Menstruation einer Frau –
sie ist nichts Schmutziges,
sondern sie macht traurig,
dass kein Kind hat wachsen können.
Das steckt hinter dem alttestamentlichen Gebot eine Frau während dieser Zeit nicht zu berühren,
sie in dieser Trauer ernst zu nehmen,
und diese Trauer ernst zu nehmen.

Die Geburt eines Kindes,
sie macht eine Frau nicht schmutzig,
sondern sie macht – neben und nach der Freude –
auch traurig,
traurig, dass man sich vom Kind lösen muss,
damit es leben kann
zu einem eigenständigen Menschen heranwachsen kann.
Damit ich und du leben können
darf ich nicht mit dem anderen verschmelzen,
ich muss Trennung zulassen.

Darum macht Geburt „unrein“,
weil mit der Geburt auch Trennung erfolgt,
erfolgen muss,
damit neues Leben entstehen kann,
muss anderes Leben enden,
muss Verschmelzung enden.
Doch jede Unreinheit kann vergehen,
dann wenn sie verarbeitet ist,
wenn trotz der Trennung wieder neues Leben möglich wird.

Das Berühren der Schrift macht unrein –
nicht weil die Schrift schmutzig wäre.
Menstruation macht unrein –
nicht weil sie schmutzig wäre.
Geburt macht unrein –
nicht weil sie schmutzig wäre.
Aussatz macht unrein –
nicht weil er schmutzig wäre,
sondern weil er mich traurig macht darüber,
dass etwas von gemeinsamem Leben nicht möglich wurde,
oder mir Lebensperspektiven verbaut wurden,
oder ich mit dem Tod verbunden werde.

Unreinheit hat etwas mit verlorenen Lebensperspektiven zu tun.
Rein werden bedeutet:
Lebensperspektiven wieder gewinnen.

Zehn Leprakranke begegnen Jesus,
sie begegnen ihm wie einem Gott,
nennen ihn Meister,
wenn’s nicht despektierlich klänge würde man „Chef“ sagen.

Überall übrigens, wo die Jünger im Lukasevangelium Jesus „Meister“ nennen,
lassen sie einen schwachen Glauben oder einen verhärteten Verstand erkennen –
und auch hier ist es gerade nur einer,
der am Ende zu Jesus zurückkehrt.

Die zehn Aussätzigen bitten den,
dem sie wie einem Gott begegnen,
nicht sie zu heilen.
Sie rufen ihn an wie in den Psalmen die Beter Gott anrufen:
Erbarme Dich unser!
Und Jesus heilt sie auch nicht,
er erbarmt sich ihrer.
Wie tut er das?
Indem er sie anblickt:

Und als er sie sah, sprach er zu ihnen:
Geht hin und zeigt euch den Priestern!

Er blickt sie an.
Er sieht sie,
schaut nicht weg,
sondern schaut genau hin.
Hinsehen, mit dem Auge aufnehmen, sich zu Eigen machen.

„Wäre mein Auge nicht sonnenhaft – wie könnte es die Sonne erkennen“ hat Johann Wolfgang von Goethe geschrieben
und hat gemeint,
dass das, was ich erkennen will
entweder schon in mir sein muss
oder in mich eindringen muss,
ein Teil meiner selbst werden muss.
Was ich wirklich erkennen will,
das muss ein Teil von mir sein
oder das muss ein Teil von mir werden.

Jesus schaut hin,
schaut ganz genau hin,
lässt die Kranken zu einem Teil seiner selbst werden,
und die, die ausgeschlossen sind, ausgegrenzt,
werden damit wieder zu einem Teil von menschlicher Beziehung,
sie werden in menschliche Gemeinschaft gerufen,
sie werden wieder Teil dieser Gesellschaft.

Leprakranke sind in der Antike von der Gesellschaft ausgeschlossen,
haben keine gesellschaftlichen Perspektiven mehr,
keine Lebensperspektiven,
sind unrein.
Der Priester, der die Lepra feststellt,
hat nach alter hebräischer Sitte sogar ein Totenritual einzuleiten.
Ein der Beerdigung ähnliches Ritual markierte den Ausschluss der Aussätzigen aus der Gemeinschaft mit den Gesunden.
In einem anderen Ritual könnten sie theoretisch wieder als gesund beurteilt und in die Gemeinschaft zurückgeführt werden. Auferstehung wäre möglich.

Auf dem Weg zu den Priestern
wechseln sie aus der Gruppe der Todgeweihten in die Gemeinschaft der Gesunden.
Sie sehen, dass sie nun rein geworden sind auf dem Weg,
heisst es im Predigtwort.
Reinheit in den eigenen Augen,
sich selbst als rein erleben können,
wieder zur Gemeinschaft dazu gehören dürfen.
Jesu Blick und Aufnahme von Beziehung hat ihnen neue Lebensperspektiven geschenkt, neues Leben.

Liebe Gemeinde,
wir unterhalten hier in der Stadt ein AIDS-Pfarramt.
AIDS ist eine Krankheit die unbehandelbar schien,
und noch heute nur im Zaun gehalten und nicht geheilt werden kann.
Sie bedeutete und bedeutet noch immer für viele Menschen den Ausschluss aus der Gesellschaft.
Wer isst gerne mit AIDS-Kranken?
Wer geht mit ihnen in die Ferien?
Wer pflegt sie wenn die Krankheit ausbricht?
Wer führt mit ihnen ein ganz normales Leben,
ein Leben wie mit Gesunden?

Als Kirche wollen wir AIDS-Kranke wahrnehmen,
sie ansehen,
sie sind ein Teil des Leibes zu dem wir gehören,
ein Teil des Leibes Christi.
Unser Auge könnte sie nicht sehen,
hätte unser Auge nichts von ihnen.

Ansehen, wahrnehmen, wahr-nehmen, für wahr nehmen, Wirklichkeit sein lassen, was Wirklichkeit ist.
AIDS-Kranke nicht ausschliessen, auch nicht die Hinterbliebenen,
sie nicht ausschliessen vom Leben, von Gemeinschaft, den Chancen des Lebens, von Zukunftsperspektiven, von Glück.

Mission21 geht diesem Auftrag, dieser Mission nach,
und gibt so Raum für neues Leben.
Wir alle, die wir an diesem Auftrag arbeiten müssen damit leben, dass wir die Menschen nicht gesund machen können.
Wir können sie nicht von ihrer Krankheit befreien. AIDS ist heute noch unheilbar.
Aber wir können die Kranken ansehen,
als Menschen ansehen,
ihnen Würde, ihnen Gemeinschaft schenken,
ihre Reinheit im alttestamentlichen Sinn ihnen bestätigen,
sie wieder Teil unserer Gesellschaft werden lassen.

Mission21 arbeitet mit ihren Partnerkirchen dafür an vielen Fronten,
und begegnet Fratzen von gesellschaftlichen Zuständen,
die die Ausbreitung von AIDS noch fördern:
Prostitution, Stellung von Frauen in der Gesellschaft, Armut und Ausgrenzungen, fehlender Zugang zu Bildung…

Aber das Predigtwort für den heutigen Tag geht noch weiter, liebe Gemeinde,
denn was steckt da für eine Verheissung drin!!
Einmal werden wir angesehen, wir selbst, mit einem Blick, der uns wahr-nimmt, der uns ganz sieht,
etwas von uns in uns aufnimmt – und uns damit Leben schenkt,
ewiges Leben.
Es ist ein liebevoller Blick, der so weit, dass alles uns beschränkende wegfällt und der Weite weicht.
Was für eine Verheissung, diesem Richter zu begegnen!

Die zehn Aussätzigen hatten Glaube und Hoffnung,
ohne nachzufragen sich auf den Weg zu machen.
Es heisst nichts davon, dass sie sofort geheilt worden wären.
Sie machen sich voll Glaube und Hoffnung auf den Weg,
obwohl sie nicht geheilt worden sind.

Glauben wir an das, was wir tun?
Und glauben wir an das, was uns getan wird,
an das, was uns widerfährt?

Und noch weiter geht das Wort:
Das was uns widerfährt
ist nicht einfach ein Widerfahrnis das für sich genügen würde,
wir sind nicht einfach nur passive Empfänger und Empfängerinnen,
es reicht nicht aus, sich ansehen zu lassen,
sondern man hat sich auch selbst anzusehen.

Die Aussätzigen nehmen sich selbst wahr,
nachdem sie angesehen wurden.
Angesehene Leute, diese Frauen oder Männer!
Und sie erkannten, dass sie Ansehen hatten,
auch Ansehen vor den eigenen Augen.

So auch wir:
Wir haben die Erinnerung daran, dass gesagt wird, dass Gott uns angesehen hat,
dass wir Ansehen haben und ansehnlich sind,
und wir haben die Verheissung trotz aller Enge die uns widerfährt, dass wir einmal nochmals angesehen werden
mit gutem Blick, wahrgenommen werden, als Wahre, Wirkliche, genommen zu werden,
und nicht als Ware die im Laden ausliegt.
Und da werden wir uns selbst wahrnehmen so wie wir sind, und das wird für uns nichts Beschämendes haben,
und wir lachen können,
und wir werden daran glauben, dass es gut so ist,
wie man ist und daran glauben, dass die eigene Stärke eben Stärke ist.

Einmal werden wir angesehen,
Und manchmal erleben wir es jetzt schon,
dass uns Jesus begegnet und uns ansieht
und wir Befreiung erleben, durch andere Menschen,

Egal ob stark oder schwach,
uns allen tut dieser  befreiende Blick gut,
der uns weiten Lebensraum öffnet
und uns glauben lässt,
dass es auch wahr ist,
was wir wahr-nehmen
und Auferstehung wird möglich.

Und der Friede Gottes,
der höher ist als alle menschliche Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus,
unserem Herrn.

Amen.