Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 16,1-9

Prälat Ulrich Mack (ev)

13.11.2011 in der Stiftskirche Stuttgart

Volkstrauertag

- Schriftlesung: 2.Korinther 5,1-10 -

Nun hören wir den Predigttext für den vorletzten Sonntag im Kirchenjahr. Da ist von einem Ökonomen die Rede, es geht ums Wirtschaften, auch um gefälschte Papiere, um Schulden und Schuldenerlass und wie sich einer seinen Rettungsschirm aufspannt – aber keine Sorge, wir hören jetzt nicht einen Bericht aus dem Wirtschaftsteil der Stuttgarter Zeitung, sondern wir hören einen Bibeltext, einen Abschnitt aus dem Lukasevangelium, genauer: eine Geschichte, die Jesus erzählt. Sie folgt im Evangelium gleich auf die berühmte Erzählung vom „verlorenen Sohn“, der den Vater verlässt, das Geld durchbringt, im Schweinestall landet – und sich dann doch wieder nach Hause auf den Weg macht. Und der Vater läuft dem Sohn entgegen mit ausgebreiteten Armen – wie ein liebender Rettungsschirm für uns alle.

Gleich danach erzählt Jesus folgende Geschichte:

1 Jesus sprach zu den Jüngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter – griech: einen oikonomos - ; der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz. 2 Und der reiche Mann ließ den Verwalter rufen und sagte zu ihm: Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein.

3 Der Verwalter sagte zu sich selbst: Was soll ich tun? Mein Herr nimmt mir meine Stelle; graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln. 4 Ich weiß, was ich tun will, damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich entlassen werde. 5 Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden für sich, und fragte den ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig? 6 Einer sagte: Hundert Fässer Olivenöl. Und der Verwalter antwortete ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib flugs fünfzig. 7 Danach fragte er den zweiten: Du aber, wie viel bist du schuldig? Der antwortete: Hundert Sack Weizen. Und der Verwalter sagte zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig.

8 Da lobte der Herr den ungetreuen Verwalter, weil der klug gehandelt hatte; denn – so sagt Jesus nach dem Gleichnis weiter: - die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts. 9 Und ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit, wenn er zu Ende geht, sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten.

Liebe Gemeinde,

so eine Gaunergeschichte, so ein krummes Ding, das da gedreht wird - und das steht ausgerechnet in der Bibel! In den Nachrichten sind wir so was schon gewohnt. Da kommen Skandale und Fälschungen immer wieder vor - aber nun so eine Geschichte in der Heiligen Schrift!

Ein Verwalter wird uns da vorgestellt. Der arbeitet im Auftrag seines Herrn. Der Herr wohnt ganz woanders. Darum hat er dem Verwalter, dem oikonomos, die Bewirtschaftung übertragen – und der verpachtet nun im Namen seines Herrn Äcker und Weinberge und Baumgrundstücke, und er muss dann die Pacht eintreiben – und zwar in Form von Geld oder hier noch mehr: in Naturalien, in Öl oder Weizen, und den Erlös muss er an den Herrn, seinen Chef weiterleiten.

Eines Tages meldet man diesem Chef: Du, dein Verwalter wirtschaftet nicht gut. Er verprasst deinen Besitz. Er bringt dein Vermögen durch. Vielleicht lenkt er auch zu viel in die eigene Tasche.

Der Herr, dieser Chef, bestellt seinen Verwalter zu sich und kündigt ihm die Entlassung an. Blauer Brief. Kündigung.

Was nun? Der Verwalter behält die Ruhe. Ohne Illusion überlegt er sich: Auf dem Acker graben - das kann ich nicht, meine Muskeln sind zu schwach. Gärtner oder Bauarbeiter habe ich nicht gelernt. Betteln will ich auch nicht, das wäre unter meiner Würde.

Was dann? Ich habe einen raffinierten Einfall: Ich habe noch eine kurze Spanne Zeit bis zur Entlassung. So lange hat meine Unterschrift Rechtsgültigkeit. Diese Spanne nütze ich aus - ohne zu zögern. Ich gehe zu den Pächtern, die demnächst ihre Pachtschulden abliefern müssen. Ich verändere die Verträge, halbiere ihre Abgaben, manipuliere die Summen. So mache ich mir diese Leute zu Freunden. Dann werden sie mir auch ein Dach über dem Kopf geben, wenn ich entlassen werde. Eine Hand wäscht die andere; meine Zukunft ist wenigstens einigermaßen abgesichert.

Und so macht es der Verwalter – er redet mit den Bauern, die seine Felder und Weinberge gepachtet haben. Er sagt ihnen: ihr müsst jetzt weniger abliefern - hier ein paar Zahlen verändert, da Summen geschönt - und das Ärgerliche ist dabei: Jesus sagt am Ende: Der Mann hat klug gehandelt. Der Herr lobt den Verwalter. Warum? Nein, nicht weil der Ökonom schlecht gewirtschaftet hat. Auch nicht, weil er den Betrug gut findet. Jesus nennt den Verwalter ja ausdrücklich ungerecht. Betrug und Manipulation sollen wir nicht nachahmen, weder in frisierten Steuererklärungen noch in falschen Rechnungen zur eigenen Bereicherung. Im Gegenteil. Jesus will uns freimachen von falschen Bindungen an Geld und Gut.

Jesus lobt den Verwalter nicht, weil er betrogen, sondern weil er klug gehandelt hat. Jesus will sagen: Schaut seine Klugheit an! Davon sollt ihr für euch lernen.

Und wir fragen: Worin bestand denn diese Klugheit?

Zunächst einmal darin, dass der Verwalter gesehen hat: So ernst ist die Lage. Er erkannte ganz nüchtern: Meine jetzige Existenz ist bald zu Ende. Meine Entlassung ist beschlossene Sache. Bald stehe ich vor meinem Herrn. Dann muss ich meine Geschäftsbücher öffnen und sie ihm übergeben. Und er wird das Urteil sprechen. Das ist meine Lage. Das erkannte der Verwalter.

Und Jesus zeigt: Das ist unsere Lage. Unsere Entlassung aus dieser Welt steht bevor. Keiner weiß, wann sie für ihn eintritt, aber sie ist beschlossene Sache. Einmal werden wir vor unserem Herrn stehen, und das Buch des Lebens wird aufgeschlagen. "Gib Rechenschaft" - was der Chef dem Verwalter sagt, das steht auch über unserem Leben. Es kommt der Tag am Ende aller Tage, an dem Gott aufdecken wird, was war, an dem er richten wird die Lebenden und die Toten. "Gib Rechenschaft" - das wird Gott einmal zu jedem von uns sagen.

Ich weiß: Vielen kommt der Gedanke an das Gericht Gottes bedrohlich vor; und manche meinen, in einer toleranten Zeit könnte man das modernen Menschen doch nicht mehr verkündigen. Aber die Bibel zeigt: Gott hat uns vieles anvertraut - unsere Lebensjahre und Tage, unsere Zeit und unser Können, unsere Begabungen und unsere Erfolge, unsere Schaffenskraft und die Schöpfung, unsere Kinder und unsere Mitmenschen auf der ganzen Welt - wir alle sind zu Verwaltern in Gottes Auftrag eingesetzt. Das ist unsere Würde.

Dieser Würde entspricht es, dass Gott auch sagen wird: Gib Rechenschaft! Dass Gott das Buch unseres Lebens aufschlägt und das Buch der Weltgeschichte.

Auch die Schattenseiten, an die wir am heutigen Volkstrauertag denken - die Zeit der Weltkriege mit allen Wirren, mit all der Schuld ideologischer Verblendung -, wird vor ihm stehen, die zahllosen Gefallenen auch und die Toten in den Vernichtungslagern - und auch all die Ungezählten, die heute auf den Flüchtlingsstraßen unterwegs sind, die in Gefängnissen gequält werden oder die an Hunger leiden und sterben. Die Liste der Schatten in der Menschheitsgeschichte ist lang, und ich finde es hilfreich und tröstlich, dass all das, ob es in unserer Erinnerung ist oder nicht – dass all das vor Gott einmal offengelegt wird. Wir müssen nicht der letzte Richter sein. Wir können es auch gar nicht. Das hat sich Gott vorbehalten. "Gib Rechenschaft" - das hörte der Verwalter, und er wusste: Meinem Herrn kann ich nichts verbergen. Paulus schreibt: Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.

Und nun zeigt Jesus: klug im Licht der Bibel ist, wer das erkennt – und dann reagiert wie der Verwalter. Der hat seine Lage erkannt – und auch gleich geblickt, wie er Zukunft hat.

Er handelt rasch. Er hat nur ein Ziel: Wenn meine Entlassung gekommen ist, dann möchte ich nicht allein sein. Dann will ich jemanden kennen. Dann hoffe ich, dass man mir eine Tür auftut. Dass ein Haus für mich offen steht.

Das offene Haus. In welches Haus werden wir kommen, wenn wir hier einmal gehen müssen?

Es ist kein Zufall, dass im Lukasevangelium die beiden Geschichten hintereinander stehen – zuerst erzählt Jesus von dem verlorenen Sohn, der von zuhause abhaut und das Vermögen des Vaters verprasst – und dann kommt der Junge trotz allem heim, er kommt wieder nach Hause, der Vater empfängt ihn, öffnet die Arme, Rettungsschirm der Liebe – und das Haus des Vaters steht dem Jungen wieder offen, und eine Freude bricht sich Bahn, ein Jubel und Singen, ein Fest wird gefeiert.

Und danach die Geschichte von dem Verwalter. Der fragt: Wo kann ich nach meiner Entlassung hinkommen?

Jesus will uns zeigen: Lebt jetzt schon mit dem Blick zu Gottes Vaterhaus. Seid klug. Seid nicht so dumm zu meinen, das Leben hier sei schon alles. Und fallt nicht auf die Meinung rein, wir würden alles, was wir heute haben, ewig behalten.

Leben im Licht der Ewigkeit – das ist die Perspektive, die Jesus immer wieder öffnet. Und wirklich weise lebt, wer sich wie der Verwalter darauf einstellt.

Und wie stellt er sich darauf ein? Das ist nun schon interessant und überraschend.

Wir hätten verstanden, wenn dieser oikonomos gesagt hätte: Jetzt raffe ich für mich selbst noch so viel Geld wie möglich zusammen. Was ich habe, habe ich – unheimlich, wie manche Reichen der Welt, oder heimlich wie manche Schwaben – das hätten wir verstanden.

Aber der Verwalter macht es anders. Er lässt seine Pächter kommen und ändert deren Verträge. Er mindert ihnen die Schulden. Schuldenschnitt in der Bibel.

Indem Jesus das erzählt, gibt er uns eine gute Linie vor, wie wir mit unserem Geld und Gut umgehen sollen – in der Perspektive unserer Endlichkeit. Die Geschichte zeigt: Geht im Licht der Ewigkeit erstmal gerecht und ehrlich mit eurem Geld um.

Vielleicht macht der Verwalter nämlich nur gut, was vorher ungerecht war. Im damaligen Israel gab es nach dem Gesetz des Alten Testaments das Verbot, Zinsen zu verlangen oder zu zahlen. Wenn dann ein Bauer eine schlechte Ernte hatte, konnte er sich Geld leihen, um seine Pacht zu bezahlen. So aber häuften sich Schulden an. Nun gab es Verwalter, die das ahnten. Darum rechneten sie von vorherein eine Summe in die Pacht ein. Die Pacht wurde ungerecht hoch, und manche Bauern hatten Mühe, sie zu bezahlen. Sie mussten Schulden machen, und der Schuldenberg wuchs.

Die Summe der Schulden, die Jesus in der Geschichte nennt, sind enorm: 100 Fässer Olivenöl – das ist der Gesamtertrag von 140 Ölbäumen, oder 100 Sack Weizen – mit den damaligen Geräten muss man schon schwer schaffen, um das reinwirtschaften zu können. Es ist möglich, dass Jesus so hohe Summen nennt um zu sagen: Solche Belastungen sind ungerecht. Jesus hat immer wieder gezeigt: Geht ehrlich mit Geld und Besitz um. Gebt dem Kaiser, was ihm zusteht. Zahlt gerechte Löhne. Betrug und Geldgier tragen nicht – jedenfalls nicht bis zur Tür zum ewigen Vaterhaus.

Und die Geschichte sagt noch mehr, nämlich: Geht gütig mit eurem Gut um. Macht was Gutes aus eurem Gut. Der Verwalter in der Geschichte war ungerecht, er hatte vorher Misswirtschaft betrieben – wie, das erzählt Jesus nicht. Aber was er erzählt, ist wichtig: Der Verwalter wird nun zum Wohltäter der Bauern. Er halbiert die Schulden beim Öl, er reduziert sie beim Weizen. Er erleichtert seinen Pächtern das Leben. Das war ihm jetzt wichtiger, als selbst möglichst viel auf sein Konto zu schaufeln.

Und wenn – so die provozierende Botschaft dieser Erzählung – wenn der ungerechte Verwalter selbst in seinem Egoismus eine solche Güte hinbekommt – dann müsstet ihr das erst recht können.

Beim Verlorenen Sohn in der vorigen Geschichte – da war es das viele Geld, das ihn in die Fremde zog, weg vom Vater. Hier am Ende dieser Geschichte vom Verwalter sagt Jesus: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon.

Also: Benutzt das Geld, solange ihr es habt. Ihr gebraucht es im Licht der Ewigkeit nicht klug, wenn ihr es nur anhäuft und nichts davon weggehen lasst. Sondern ihr setzt es klug ein, wenn ihr gebt, wenn ihr anderen helft, wenn ihr aufmerksam seid für die Armut der Armen und die Schuldenlast der Vielen und wenn ihr diese tragen helft. Seid gütig mit eurem Gut. Macht euch Freunde damit, nicht Feinde. Setzt es ein für euren Herrn.

Noch einmal ist die Reihenfolge wichtig. Erst das Gleichnis vom heimkehrenden verlorenen Sohn. Jesus sagt uns: Wir sind von Gott geliebte Söhne und Töchter. Der Rettungsschirm der Liebe Gottes ist mit den offenen Armen des Vaters aufgespannt. Mit allem, was wir sind, können wir zu ihm kommen, heute schon und am Ende aller Tage ohne Ende.

Und bis dahin sind wir in unsere Welt gestellt, auch in unseren wirtschaftlichen Alltag mit seinen Sorgen. Woran hängen wir unser Herz?

Jesus macht uns den Blick weit und frei. Heute mit ihm leben und nach seinem Willen - das ist Klugsein im Licht der Ewigkeit.

Amen

Lied: 397,2: Es ist ja Herr dein G'schenk und Gab...

Gebet:

Herr Jesus Christus, dich beten wir an. Du hast unsere Zeit in deinen Händen. Du bist Herr unserer Tage und Stunden, und du wirst am Ende aller Zeit Gericht halten über die Welt.

Du bist für uns gestorben und hast alles, was uns anklagen kann, mit in deinen Tod genommen. Deine Liebe ist größer als alles, was uns belastet.

Du bist auferstanden und lebst, damit wir Hoffnung haben auch über den Tod hinaus und mit dir leben. Hilf uns wieder neu darauf zu vertrauen.

Lass in den Alltag unseres Lebens den Morgenglanz der Ewigkeit immer wieder neu aufgehen. Hilf uns zu unterscheiden zwischen dem, was vergeht, und dem, was bleibt. Hilf uns, mit dem, was wir haben, gerecht und gütig umzugehen.

Für unsere oft so zerrissene Welt bitten wir dich. Gib Frieden, wo Krieg herrscht. Segne die politisch Verantwortlichen. Gib ihnen in den Finanz- und Schuldenproblemen Weisheit und Ehrlichkeit. Hilf uns, dass wir in unserem Wohlstand nicht blind werden für die Nöte der Welt. Hilf uns, mit unserem Gut Gutes zu tun.

Vor dir denken wir heute an alle, die Opfer von Krieg und Gewalt wurden. Keine Träne und kein Leid ist vor dir vergessen. An alle denken wir, die in unserer Zeit wegen ihres Glaubens verfolgt werden: sei ihnen nahe!

Hilf uns, wo es möglich ist, für Gerechtigkeit und Frieden einzutreten. Mach uns stark im Mut, der dich bekennt, dass dein Licht hell wird in unserer Welt, bis wir dich im ewigen Advent schauen.

Amen Vater unser ...