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Predigt über Lukas 14, 25 – 33 [34-35]

Pfarrer Volker Johannes Fey (ev)

30.06.2013 in der Dreifaltigkeitskirche zu Worms

5. Sonntag nach Trinitatis

Anm. zur Predigt :Jesus ruft diejenigen, die ihm nachfolgen, scheinbar zur Aufgabe ihrer sozialen Beziehungen und sogar zu Selbsthass auf. – Inwieweit stimmt das und wie weit müssen wir dabei gehen? – Zur Vermeidung eines fundamentalistischen Missverständnisses und zur richtigen historischen Einordnung brauchen wir einfach gute Theologie.

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen (vgl. 2 Kor 13,13). Amen.

Liebe Gemeinde,

manche von Ihnen und euch kennen vielleicht aus Kindheitstagen das Gebet:

«Ich bin klein, / mein Herz ist rein, / soll niemand drin wohnen als Jesus allein …»

Ich sehe schon: die Lippen gehen mit und die Augen leuchten. – Aber in meinem späteren Leben musste ich lernen, dass dieses Gebet gar nicht so unproblematisch ist! – Denn – zum einen: Ein Kind will nicht „klein“ sein, sondern will eigentlich immer bestätigt und gelobt werden, dass es „schon sooo groß“ ist. – Und zum anderen: in einem solchen kleinen Kinderherzen – da wohnen schon so viele Dinge und Menschen: Mama und Papa zum Beispiel, vor allem, Oma und Opa – der Teddybär oder die Puppe – das Spielzeugauto oder das Meerschweinchen …

«Ich bin klein, / mein Herz ist rein, / soll niemand drin wohnen als Jesus allein …»

- dieses Gebet scheint in unseliger Tradition des Predigttextes zum heutigen 5. Sonntag n. Trin. zu stehen. – Wir hören ihn aus dem Evangelium des Lukas, im 14. Kap. (Verse 25-33<34f.>): …

 

«Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein.» (V 26)

- das klingt doch sehr hart, nicht wahr, liebe Gemeinde?! (Und das lesen wir ja auch öfter in den Evangelien: dass die Menschen die Rede Jesu als „hart“ empfinden – „σκληροσ λoγoσ“ – vgl. z.B. Joh 6,60) …

Wir sollen «Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu uns selbst» hassen – das ist doch „richtig mies“, entfuhr es einem Konfirmanden bei der Besprechung dieses Textes in der letzten Stunde, am Donnerstag. – Ganz aufmerksam wurden die Konfirmanden bei diesen Worten – ganz hellhörig. Und ein anderer meinte ganz versonnen: „Es ist doch eigentlich eine gute Sache, wenn man sein Leben lieb hat?!“ … –

Und da haben er und die andern Konfirmanden vollkommen Recht: mit ihren Wahrnehmungen und ihren Reaktionen – und ich hoffe, dass diese Wahrnehmungen auch hier im Raum vorhanden sind!: Bei Magersüchtigen wissen wir: sie haben ihr Leben so wenig lieb, dass sie sich regelrecht „verdünnisieren“ wollen (- sich immer dünner machen, wie der Suppenkasper, der nicht mehr essen wollte … und „am 7. Tage war er tot“ … -). – Andere ritzen sich – oder schnüffeln – oder trinken – oder rauchen – oder machen sich sonst irgendwie kaputt … Es ist nicht schön, wenn die Menschen sich nicht lieb haben, Jesus! –

14:33 … jeder unter euch, der sich nicht lossagt von allem, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein.

- das klingt nach einem totalitären Anspruch. – Ist Jesus quasi ein Islamist – gar ein Salafist – ein Talib?! … – Jedenfalls erscheint uns seine Haltung als extrem, vielleicht sogar extremistisch – fundamentalistisch …

Niemand soll in meinem Herzen wohnen als Jesus allein – nicht einmal Vater und Mutter – nicht einmal ich selbst?! – Tatsächlich ist es doch so, dass in unserem Herzen viele Dinge wohnen! – Wenn heutzutage überhaupt noch ein Eckchen darin für Jesus reserviert ist – dann sind da vor allen Dingen drin – das ist rasch aufgezählt: die X-Box oder die Playstation, der PC, die Freunde, die Feinde, die Arbeit, der Garten, der Haushalt, das Hobby …

Und wer heute Morgen das Glück hatte, die Sendung in „Wissen / Aula“ im SWR2 zu hören – mit dem Vortrag von Prof. Wilhelm Vossenkuhl über Friedrich Nietzsche – der hat auch diesen Satz gehört – aus „Also sprach Zarathustra“ (1883), wo es heißt: „höher noch als die Liebe zu Menschen ist die Liebe zu Sachen und Gespenstern ... Ihr haltet es mit euch selber nicht aus und liebt euch nicht genug“ (KSA, Bd. 4, 77). – Und mehr noch: In einem der Fragmente des Jahres 1875 heißt es: „Wer das Leben verachtet, muß auch die Liebe verachten“ (KSA, Bd. 8, 158).

Es ist kein Wunder, dass die Konfirmanden den Anspruch Jesu als „rassistisch“ empfanden – und sie meinten damit – auf Nachfrage –: Es ist „nicht fair“ gegenüber (großen und kleinen) Menschen, die so viele andere Dinge im Herzen haben – von ihnen zu verlangen, dass sie „nur Jesus lieben sollen“. - - - kurze Pause - - -

 

Die heutige Rede Jesu ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass wir ohne Theologie – ohne Erklärung, wie es gemeint ist – gar nicht auskommen! – In Anbetracht dessen, was da vordergründig verlangt wird, wären wir nämlich in der Gefahr, entweder: es platt zu übernehmen – und würden darüber tatsächlich zu Extremisten oder Sektierern! – Denn die Fundamentalisten und die Sekten machen das so, dass sie sagen: „Hier steht es doch geschrieben!; Jesus hat doch so und so gesprochen – also müssen wir das auch genau so machen!“ – Das sind dann die Leute, die mit missionarischem Übereifer auf andere Menschen einreden – sie zu überzeugen suchen – sie schlimmstenfalls sogar überwachen – oder – wenn sie nicht mitziehen – sie gewaltsam bedrängen nach dem Motto: „Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein“ …

Die andere Gefahr ist, dass wir – aus der gleichen Dummheit und Verkürzung heraus – Jesus und dann die Religion gleich mit platt ablehnen und sagen: „Wenn Jesus das wirklich gesagt haben sollte – dann will ich von ihm und dem Ganzen nichts mehr wissen!“ …

Das sind dann die Leute, die stehen bleiben in ihrer Entwicklung – und die aufhören zu fragen nach Gott und damit nach dem Sinn ihres Lebens … - - - kurze Pause - - -

Ein „Hoch!“ darum auf diejenigen, die mehr wissen wollen – die verstehen, zwischen den Zeilen zu lesen! – Zu Recht heißt es hier darum zum Abschluss der Rede Jesu: «Wer Ohren hat zu hören, der höre!» (v 35)

Man muss nämlich seine Ohren genau aufsperren und schulen – um das zu verstehen!:

Was verlangt Jesus da eigentlich wirklich?!

Zunächst einmal klingt es schon nicht mehr so brutal (nicht mehr so „mies“, im Sinne des genannten Konfirmanden), wenn wir das Wort, das an dieser Stelle steht (μισειν), etwas anders übersetzen. Wenn wir nämlich den Hebraismus an dieser Stelle nicht, wie Luther, mit „hassen“ übersetzen, sondern mit „mehr lieben“ – dann heißt diese Stelle:

Wenn jemand zu mir kommt und liebt mich nicht mehr als seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und nicht mehr als sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein.“

Wir merken: das nimmt die Härte etwas raus und unterstreicht „die Unbedingtheit … des Anspruches Jesu“ (Otto Michel, Artikel μισεω , in: ThWNT IV, 687ff., zitiert nach: Heinz Janssen, Dt.Pfr.bl. 5/2013, S. 279).

Darüber hinaus müssen wir uns aber auch noch die Zeit vorstellen: Es war eine aufgeheizte Atmosphäre damals. Die Menschen lebten in großer Armut. Die Arbeitslosigkeit war hoch. Das „tägliche Brot“ war nicht gesichert – und das bei großen Familien und Sippen! – Es gab Kriege und Bürgerkriege – Erdbeben – Vulkanausbrüche … Die Menschen konnten das alles nicht einordnen – ihnen fehlten die biologischen, physikalischen, politischen und historischen Kenntnisse (ihnen fehlte Bildung!) – und hinzu kam die politische Schmach: dass die Römer als Besatzungsmacht im Lande waren – die Juden waren also nicht Herren im eigenen Land …

Es herrschte – in all diesem Aufgeheizten – eine Weltuntergangsstimmung. Die Menschen rechneten wirklich damit, dass es in nächster Zeit mit der Welt zu Ende ginge …

Und das waren der Nährboden und das ideale Klima für Wanderprediger! – Jesus war nur einer von vielen … Johannes der Täufer war ein anderer. – Sie zogen durch die Gegend und hatten für diejenigen, die zu ihnen in die Wüste- oder hinter ihnen her zogen, mehr oder weniger radikale Ratschläge, was sie in Anbetracht des nahenden Weltendes zu tun hätten.

Jesus war einer derjenigen, die Gewalt ablehnten. Das sollte ihm später selber zum Verhängnis werden: In seinem Gefolge war ein gewisser Judas Ischariot – wahrscheinlich ein Sikarier. Die Sikarier wollten die Römer mit Gewalt loswerden – mit Aktionen aus dem Untergrund: Sie schlichen sich auf den öffentlichen Plätzen an Römer heran – zückten ihre Dolche – „ σικαριον“ – und erstachen die Besatzer von hinten …

Judas erhoffte sich von Jesus, dass er diesen Weg der Gewalt und des Guerilla-Kampfes unterstützen würde – und da Jesus ihn in dieser Hinsicht enttäuschte, hat Judas ihn später verraten. – Den weiteren Weg kennen wir …

Jesus wusste, dass er die Radikalen – aber auch andere – enttäuschen würde.

Darum wollte er ihnen zuraten, es sich gut zu überlegen, zu welchem Wanderprediger sie sich halten wollten! – Die Leute sollten sich genau überlegen, ob sie wirklich Jesus meinten – ob sie wirklich ihm nachfolgen wollten – und: ob sie in seinem Gefolge durchhalten würden!

Nicht, dass jemand leichtfertig hinter Jesus her rannte – und wäre dann enttäuscht – oder würde nicht durchhalten! …

«Denn wer ist unter euch, der einen Turm bauen will und setzt sich nicht zuvor hin und überschlägt die Kosten, ob er genug habe, um es auszuführen?» (V 28)

Wir wissen doch, wie peinlich das ist, wenn der Berliner Flughafen partout nicht fertig wird.

Oder wenn der Nürburgring nicht fertiggestellt wird – obwohl schon Hunderte Millionen Euro hineingeflossen sind …

Die Leute, die so etwas verbocken, kommen entweder ins Gefängnis – oder zumindest werden sie zum Gespött der Öffentlichkeit. So etwas können wir nicht wollen! So etwas können wir uns nicht leisten, wenn wir Jesus nachrennen! - - -

Wenn wir uns für den Weg Jesu entscheiden – und das hieß zu seiner Zeit: kein Dach über dem Kopf zu haben – immer weiter zu ziehen – nichts im Beutel zu haben (kein Geld, keine Vorräte) – auf Unterstützer angewiesen zu sein, bei denen man einkehren konnte … wenn wir uns für diesen Weg Jesu entscheiden – dann sollten wir es ernst meinen und uns zutrauen, es auch durchzuziehen!

 

Die Frage ist natürlich: Wer kann dann selig werden?

Wir dürfen den Zusammenhang herstellen zum Wochenspruch für den 5. Sonntag nach Trinitatis – aus dem Brief an die Epheser, im 2. Kapitel (v 8):

Paulus schreibt dort: «Aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es

Durch das dreimalige „der kann nicht mein Jünger sein“ in unserem heutigen Predigttext wird zwar die radikale Entscheidung für oder gegen die Nachfolge Jesu herausgefordert. – Andererseits: Im Gleichnis vor dem Predigttext – „Vom großen Abendmahl“ (Lk 14,15-24) – werden alle hereingeholt. Und Jesus hatte ja durchaus auch „Nachfolger“ unter den Sesshaften, bei denen er (gerne!) einkehrte – wie Maria und Martha, Lazarus u.a.!

Summa: Wenn wir zu solch radikaler Nachfolge nicht fähig sind, wie Jesus selbst und seine glühendsten Anhänger – wenn wir nicht „Jesus mehr lieben“ können als unseren „Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu [auch uns] selbst“ (vgl. V 26) – dann sind wir doch nicht ausgeschlossen von der Gnade!

Wenn wir unser Kreuz nicht in gleicher Weise tragen können wie Jesus selbst und die Märtyrer (vgl. V 27) – wenn wir vor lauter Schmerzen uns dagegen auflehnen und es bekämpfen – dann können wir doch selig werden – auf andere Weise – durch die Gabe Gottes!

Und dazu bewahre der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus (vgl. Phil 4,7). Amen.

  • Wir singen das Lied: „Vertraut den neuen Wegen“ (EG 395)!

oder: 346 Such, wer da will, ein ander‘ Ziel oder: 384 Lasset uns mit Jesum ziehen oder: 590 Herr, wir bitten, komm und segne uns oder: 614 Lass uns in deinem Namen, Herr