Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 10,26-27

Pfarrer Thomas Reusch-Frey


Diakoniesonntag

Gottesdienst am Diakoniesonntag, den die Evangelische Kirchengemeinde Bissingen/Enz zusammen mit der diakonischen Einrichtung „Evangelische Jugendhilfe Hochdorf“ feierte

Liebe Gemeinde,
da steht er in der langen Schlange, dieser so gute Mensch. Er muss warten, denn drinnen ist schon alles voll. Nur einen einzigen freien Platz gibt es noch. Deshalb wird sorgfältig ausgewählt. Alle, die dastehen, werden gefragt, was sie in ihrem Leben so alles angestellt haben.
Allerlei Verfehlungen und schlimme Verbrechen kommen zur Sprache. Jetzt ist er an der Reihe.
„Und, was haben Sie getan?“, wird er gefragt und antwortet mit einem alles sagenden einzigen Wort: „Nichts!“ Nur ungläubiges Kopfschütteln beim Fragenden. Es folgt die Bekräftigung: ,,Ja, ich habe wirklich nichts getan!“
Der Fragende hakt nach: „Jeder Mensch stellt doch etwas an“. Darauf folgt die ausführliche Antwort: „Ich habe mich von allem ferngehalten. Ich habe gesehen, wie Menschen ihren Mitmenschen Gewalt angetan haben, aber ich habe mich nicht daran beteiligt. Sie haben Kinder hungern lassen, die Schwachen geschunden und die Armen niedergedrückt. Überall um mich herum haben Menschen Schlimmes getan. Ich aber habe nichts getan. Ich habe mich wirklich aus allem herausgehalten!“
Der Fragende hakt nach. „Sind Sie sich völlig sicher, dass Sie das alles mit angesehen haben – nur mit angesehen haben?“ „Ja, sogar vor meiner eigenen Tür", sagt der gute Mann.
„Jetzt bin ich mir sicher: Dieser Platz gehört dir. Komm herein!“, sagt der Teufel zufrieden und führt ihn in die Hölle.

Liebe Gemeinde,
so also will es Gott nicht! Wie und was aber dann?
Ein Mensch kommt zu Jesus und fragt ihn:
„Worauf kommt es an im Leben?
Was verleiht meinem Leben Sinn?
Was soll ich tun, um ein erfülltes Leben zu haben?“

Jesus gibt zur Antwort:
„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben
von ganzem Herzen,
von ganzer Seele,
von allen Kräften
und von ganzem Gemüt,
und
deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
(Lukas 10,26-27)

Liebe Gemeinde,
mit dieser doppelten Antwort macht uns Jesus die Tür auf, die Gott und Mensch verbindet. Das Tor öffnet sich und eine große Weite tut sich auf: Himmel und Erde, Nahes und Fernes treten in Beziehung, Hohes und Tiefes ergänzen sich. Gottes Reich und irdische Lebenswirklichkeit, Kirche und Welt, Glaube und Handeln sind aufeinander bezogen und kommen zueinander.

Damit eröffnet Jesus uns ein erfülltes, sinnerfülltes Leben. Leben im umfassenden Sinn, das ganz im Sinne Gottes ist: in der Gemeinschaft mit ihm und bestimmt von seinem Willen.

„Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben“:
Im ersten Teil geht es um die Ausrichtung des Lebens auf Gott. Wie heilsam ist der Blick zum Himmel! Der Horizont weitet sich. Der Glaube an Gott befreit aus irdischer Beschränktheit und durchbricht den Teufelskreis der fesselnden Eigeninteressen. Wer sich auf Gott ausrichtet, wird befreit aus dem Gefangensein in dieser Welt.

„Du sollst deinen Nächsten lieben“:
Im zweiten Teil geht es um die Ausrichtung des Lebens auf den Nächsten. Wie heilsam ist der unverstellte und geschärfte Blick auf die Nöte der Mitmenschen! Das genaue Hinsehen macht aller Beschönigung und Verharmlosung ein Ende. Wer auf die Not der Mitmenschen sieht, flieht nicht aus der Realität. Er lässt sich nicht blenden von einer verzerrten und interessengeleiteten Darstellung der Wirklichkeit.

Auffallend ist, dass beiden Teilen der Antwort Jesu dieses „du sollst lieben“ gemeinsam ist. Man nennt deshalb diese so verbunden Teile das „Doppelgebot der Liebe“. „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben“ und „du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
Der Imperativ „Du sollst lieben“ möchte in einen größeren Zusammenhang gestellt werden. Er ist nicht Ursprung und Quelle, sondern schon die Folge davon: mindestens ein kleiner fließender Bach.
Dieses Gebot ist bereits Folge dessen, dass ein anderer den Boden bereitet und den Samen schon gelegt hat: jetzt kommt es darauf an, dass daraus etwas wächst.
Für dieses „du sollst lieben“ hat Gott die Grundlage geschaffen Seine Liebe geht unser Liebe voraus. Er hat uns zuerst geliebt (vgl. 1. Johannes 4,19). Wenn unsere Liebe wächst und gedeiht, geschieht das nicht aus uns selbst. Wenn sich Nächstenliebe entfaltet wie eine raumgreifende Pflanze, geschieht das auf der Grundlage, die Gott in Jesus Christus gelegt hat. Wenn unsere Liebe zu einem großen Fluss anwächst, haben wir das ihm zu verdanken.
Seine Liebe schenkt uns Gott in Jesus Christus. Aus Liebe heraus ist Gott in ihm zu uns in diese Welt gekommen (vgl. Joh. 3,16). Die Liebe als Grundmotiv zeigt sich in seinem ganzen Leben. Die Liebe Gottes entfaltet sich in dem, wie Jesus sich den Menschen zuwandte.
Im Tod am Kreuz findet die Liebe Gottes ihren höchsten Ausdruck, in dem sich Jesus dahingibt, sein Leben lässt für uns. Eine größere Liebe (vgl. Joh. 15,13) gibt es nicht.

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt“.
Dieses Gebot soll unsere erste Antwort sein auf die uns geschenkte Liebe Gottes. Dieses Gebot ist auf Gott ausgerichtet, ihm soll unsere Liebe gelten. Ihn lieben heißt, sich auf Gott einzulassen, sich ihm anzuvertrauen, sich ihm hinzugeben.
Wenn wir nach Spiritualität fragen, nach geistlichem Leben suchen, bekommen wir hier eine Leitlinie und Orientierung. Unsere spirituelle Praxis soll darauf ausgerichtet sein, dass wir uns von der Liebe Gottes prägen, durchdringen und uns von ihr formen lassen. Unser geistliches Leben soll sich der Liebe Gottes widmen und sie lebendig werden lassen. Im Nachsinnen auf Gottes Wort, im Gebet, in der Stille, im Singen möchte Gottes Liebe uns erfüllen. Sie möchte bei uns einziehen, damit unser Leben ein Haus wird, in dem Gottes Geist, der Geist der Liebe, wohnt (vgl. Römer 8,11).

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Dieser Teil des Doppelgebots möchte unsere zweite Antwort auf die uns geschenkte Liebe Gottes sein. Wir werden an unsere Mitmenschen gewiesen.
Nächstenliebe beschränkt sich nicht nur auf die Tat, dass man etwa einer alten Frau über die Straße hilft oder an jedem Tag eine abzählbar gute Tat verübt. Sie entspringt der Liebe Gottes zu uns Menschen und speist sich aus dieser Quelle. Sie will als Frucht aus dem ausgelegten Samenkorn erwachsen, das durch die Liebe Gottes zu uns gelegt ist.
Als Grundhaltung und Glaubenseinstellung sucht die Nächstenliebe, sich in der konkreten Hilfe am Nächsten zu entfalten.
Wenn wir nach dem Handeln fragen, vollzieht sich durch die Nächstenliebe eine Wandlung in uns und in der Sicht der Welt: Der Mitmensch erzeigt sich als Geschöpf Gottes, das die Würde der Gottebenbildlichkeit hat. Aus dem unbekannten Anderen und fremden Gegenüber wird ein Mitmensch, der einem nahe ist. Der Nächste empfindet, wie man selbst empfindet, die Not des anderen berührt einen und ruft nach Hilfe.
In der Nächstenliebe überwinden wir die Rolle eines Zuschauers, der teilnahmslos die Not anderer beguckt. In der helfenden Zuwendung hebt sich die Distanz zum notleidenden Mitmenschen auf. Die Nähe zum Hilfsbedürftigen ruft uns als Handelnde. Wir wollen uns nicht mehr der Hilfe verschließen, die wir leisten können.
Den Nächsten zu lieben heißt, auf seine konkrete Not einzugehen und sie durch eine abgestimmte Hilfe zu überwinden oder zu lindern.
Die Nächstenliebe achtet auf die Ursachen und sieht deren vielfältige Folgen:
große Naturkatastrophen, denen Hunger und Obdachlosigkeit folgt,
persönliche Krisen, die oft in Suchtverhalten und in Einsamkeit münden,
Ungerechtigkeit, die Kriege und Verarmung verursacht.
Entsprechend groß ist das Spektrum der Hilfe:
Man kann sich um jemanden persönlich kümmern und sich fürsorglich zu einem Einzelnen hinwenden, oder man arbeitet auf der politischen Ebene gegen lebensfeindliche Strukturen.
Man kann das Gespräch mit dem Nachbarn am Gartenzaun suchen oder am Ausbau des sozialen Netzwerkes arbeiten.
Man kann die Öffentlichkeit aufrütteln und über Missstände berichten oder einem Einzelnen den Rücken stärken, der unter Druck steht.
Man kann sich ehrenamtlich engagieren oder einen sozialen Beruf wählen, um in einer Hilfsorganisation Verantwortung zu übernehmen.
Nächstenliebe geschieht im Verborgenen oder ist nach außen deutlich sichtbar. Sie ereignet sich spontan in der Begegnung mit Menschen oder wird erst durch aufwändige Planung möglich, die große Organisationen und Einrichtungen mit ihren professionellen Diensten nötig macht.

Liebe Gemeinde,
manche sagen, dass es die Nächstenliebe in unserer Zeit schwer hat: Für die einen ist die Not in unserer globalisierten Welt unermesslich und unüberschaubar groß geworden. Nahezu jeden Tag berichten die Medien über neue Katastrophen und zunehmendes Elend, ganz zu schweigen über die „vergessenen“ und nicht medial aufbereiteten Nöte.
Andere empfinden, dass das soziale Klima in unserer Gesellschaft immer kälter wird und egoistisches Verhalten sich immer stärker ausbreitet. Zudem geht die Kluft zwischen Reichen und Armen immer weiter auseinander, sodass es immer mehr arme Menschen gibt.

In den diakonischen Einrichtungen wird häufig über die zunehmende Bürokratisierung geklagt. Darüber hinaus wird ein steigender ökonomischer Druck und Konkurrenzkampf beklagt, der auf Kosten der mitmenschlichen Zuwendung geht.

Wir selbst mögen immer wieder merken, dass die Not größer ist als die Hilfe. Bei manchen möchte sich ein Ohnmachtsgefühl festsetzen und Resignation einstellen. Andere überfordern sich und laden sich mehr auf, als sie tragen können.

Für beides kennt das Gebot der Nächstenliebe eine heilsame Begrenzung:  An diejenigen, die sich gerne überfordern, richtet sich das „Lieben, wie dich selbst“. Denjenigen, bei denen die Tatkraft schwindet, möchte der erste Teil des Gebots Bedeutung gewinnen. Der Glaube hält uns Gott gegenwärtig, der in Liebe dieser Welt zugewandt ist und es regnen lässt über Gute und Böse. Größer als unser Handeln ist seine Zusage der Liebe zu uns und dieser Welt.

Liebe Gemeinde,
in heilsamer Begrenzung und vertrauensvoller Glaubensgewissheit macht uns das Gebot der Nächstenliebe Mut, uns dieser Welt und den Menschen in ihrer Not helfend zuzuwenden. In der helfenden Zuwendung zum Nächsten lebt und bewährt sich unser Glaube und die Liebe zu uns selbst.


Amen.