Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 5, 39-47

Helfried Maas (ev.-luth.)

26.06.2011 in der Ev.-luth. Bethlehemkirchgemeinde Leipzig

Gottesdienst des Homiletischen Seminars der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig

Kanzelgruß:

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

 

Verlesung des Predigttextes (Joh 5, 39-47):

 

Den Predigttext für den heutigen 1.Sonntag nach Trinitatis lesen wir bei Johannes im 5.Kapitel. Jesus spricht dort zu jüdischen Gelehrten:

 

39 Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist's, die von mir zeugt; 40 aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet.

41 Ich nehme nicht Ehre von Menschen; 42 aber ich kenne euch, dass ihr nicht Gottes Liebe in euch habt. 43 Ich bin gekommen in meines Vaters Namen und ihr nehmt mich nicht an. Wenn ein anderer kommen wird in seinem eigenen Namen, den werdet ihr annehmen. 44 Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander annehmt, und die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, sucht ihr nicht?

45 Ihr sollt nicht meinen, dass ich euch vor dem Vater verklagen werde; es ist einer, der euch verklagt: Mose, auf den ihr hofft. 46 Wenn ihr Mose glaubtet, so glaubtet ihr auch mir; denn er hat von mir geschrieben. 47 Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?

 

Der Herr schenke uns ein Herz für sein Wort. Amen.

 

Predigt:

 

- Ohne Titel -
Über den Weg zu einer eigenen Schrifthermeneutik

 

 

Gegenwart: Persönlicher Einstieg

 

Liebe Gemeinde!

 

Jetzt gerade parallel zu unserem Gottesdienst feiert auch meine Heimatgemeinde in Anger-Crottendorf Gottesdienst. Es wird der Abschluss des Gemeindefestes begangen, das seit Freitag rund um die Trinitatiskirche gefeiert wird. Denken Sie bitte nicht, dass ich in diesem Moment lieber gar nicht hier wäre, sondern „zuhause“. Ich freue mich wirklich, dass ich hier in Bethlehem die Predigt halten darf. Trotzdem bin ich in Gedanken auch bei dem Gemeindefest, denn es steht unter dem spannenden Motto „Und es bewegt mich doch!“

 

 

Geschichte: Galileo Galilei

 

Das Motto erinnert an den großen Philosophen und Astronomen Galileo Galilei, der gesagt haben soll: „Und sie bewegt sich doch.“ Er hat damit die Erde gemeint. Für die Menschen zu seiner Zeit war das ein revolutionärer und anstößiger Satz. Denn bisher hatte man gemeint, dass die Erde fest im All verankert sei und dass sich alles um die Erde dreht. Das nannte man ptolemäisches Weltbild. Nun kam da also dieser Galilei und behauptete einfach das Gegenteil: Die Erde dreht sich um die Sonne. Das Kopernikanische Weltbild war entstanden. Besonders in der Kirche führte dies zu einem Aufruhr, da diese Lehre nicht mit der Bibel vereinbar war. Die römischen Kirchenobersten verurteilten ihn wegen der Infragestellung ihrer Autorität zu lebenslanger Kerkerhaft. Dass er bei der Verurteilung den berühmten Satz „Und sie bewegt sich doch“ gesprochen hat, ist zwar eher unwahrscheinlich, aber doch eine nette Anekdote.

 

Moralische Instanzen und ihre mögliche Hinterfragung

 

Ich habe in dem Bibelwort für diese Predigt einen Aspekt entdeckt, der schon bei Galilei eine wichtige Rolle gespielt hat und den wir meines Erachtens zu oft vergessen: Wir leben in einer im Allgemeinen traditions- und werteorientierten Gesellschaft. Diese Traditionen und Werte sind über Jahrhunderte, wenn nicht gar Jahrtausende entstanden. Sie sind ein selbstverständlicher Teil unseres Lebens geworden. Was passiert nun, wenn gegen diese moralischen Instanzen verstoßen wird? - Es gibt einen großen Aufruhr, ein Sich-Aufbäumen gegen diese Ungehörigkeiten und manchmal sogar große Schlagzeilen in den Tageszeitungen - meistens zuerst in der mit den vielen großen Bildern...

 

Genau dies ist doch scheinbar auch damals passiert, als Jesus zu den Menschen ging und ihnen sagte, dass er der Sohn Gottes, der erwartete Messias sei. Die jüdischen Würdenträger, zu denen Jesus in unserem Text spricht, wurden, wenn nicht in den Grundfesten, dann aber doch in wichtigen Punkten ihres Glaubens erschüttert. Und so regten sie sich natürlich über das maßlose Auftreten Jesu auf.

Bevor er die Worte unseres Predigttextes gesprochen hatte, kam Jesus an den Teich Bethesda. Dort heilte er einen Gelähmten von seiner Behinderung und forderte ihn auf: „Stehe auf, nimm dein Bett und gehe hin!“ (Joh 5,8) Die Heilung für sich wäre vielleicht für die jüdische Obrigkeit ein Zeichen gewesen: „Das da, das ist der wahre Messias!“ Dummerweise  geschah diese Heilung aber am Sabbat – an dem heiligen Sabbat, der schon in den Zehn Geboten als Tag der Ruhe festgelegt ist. An diesem heiligen Tag kann es doch nicht erlaubt sein, jemanden zu heilen und auch nicht, ein Bett herumzutragen. Welch Frevel gegen die Heilige Schrift, welch Frevel gegen Mose. Es hat unter vielen Menschen, die um Jesus standen einen Aufschrei gegeben: Was fällt ihm ein? Es ist Sabbat! Da kann doch so etwas nicht getan werden! Gotteslästerer!

 

Die jüdische Obrigkeit nimmt hier die Rolle der obersten Instanz ein, die entscheiden darf, wie die Schrift richtig gelesen wird. In dieses Schriftverständnis passen nicht solche Dinge wie Heilungen am Sabbat. Für Jesus aber ist das Gesetz für und nicht wider den Menschen auszulegen. Und so hört das Heilsgeschehen Gottes nicht am Sabbat auf, sondern der Sabbat wird vielmehr zum Zeichen der Treue Gottes gegenüber den Menschen. Jesus stellt eine Auslegung des Gesetzes infrage, die sich gegen den Menschen richtet:

 

45 Ihr sollt nicht meinen, dass ich euch vor dem Vater verklagen werde; es ist einer, der euch verklagt: Mose, auf den ihr hofft. 46 Wenn ihr Mose glaubtet, so glaubtet ihr auch mir; denn er hat von mir geschrieben. 47 Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?

 

 

Jesus Christus und das Alte Testament

 

Liebe Gemeinde, Jesus sagt in unserem Predigttext selbst, dass das Alte Testament und seine Schriften mit ihm verbunden sind - ja ihn sogar gewissermaßen beinhalten:

 

39 Ihr sucht in der Schrift; denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist es, die von mir zeugt.

 

Es ist also nötig, das Neue Testament immer in Verbindung mit dem Alten Testament zu lesen. Die Verbindung zwischen Judentum und Christentum, zwischen Mose und Jesus ist so eng, dass sie nicht aufgelöst werden kann und darf. Gerade wir hier in Deutschland haben erlebt, zu welch furchtbaren Konsequenzen dieser Versuch einer Trennung führen kann.

 

Die Lehre Jesu kann als eine Weiterentwicklung der jüdischen Lehre gesehen werden. Aber auch hier darf die Entwicklung nicht stoppen. Auch das Christentum muss sich immer wieder fragen lassen und sich auch selbst die Frage stellen: Setzen wir die Lehre Christi in der Welt so um, wie es auch Christus in unserer jeweils aktuellen Zeit getan hätte? Jesus versuchte immer wieder nah bei den Menschen zu sein. Er setzte sich mit deren Problemen auseinander. Er aß mit Zöllner, ging zu den Kranken und Ausgestoßenen. Ja, er kümmerte sich sogar um die Prostituierten. Ich glaube, dass es wichtig ist, dass wir Christen auch immer nahe bei den Menschen sind.

 

Hätte sich die Menschheit jedes Mal wieder an ihren Traditionen festgehalten und sich von ihrer Position nicht fortbewegt – wo stünden wir jetzt? Wir müssen immer wieder prüfen: Ist diese Art und Weise, wie wir persönlich die Bibel lesen, wirklich im Sinne Christi und gleichzeitig auch zeitgemäß? Das heißt nicht, dass wir jede neuartige Bewegung, jede Veränderung der Gesellschaft mitmachen müssen. Im Blick auf die gesamte Bibel – und nicht nur auf isolierte einzelne Verse – müssen wir uns selber kritisch hinterfragen.

 

 

Ein aktuelles Beispiel: Homosexualität in der evangelischen Kirche

 

Ein aktuelles Beispiel:

Innerhalb der evangelischen Kirche wird zurzeit eine Diskussion darüber geführt, ob homosexuelle Pfarrer und Pfarrerinnen mit ihrem Lebenspartner oder ihrer Lebenspartnerin zusammen im Pfarrhaus wohnen dürfen. Diese Frage würde wahrscheinlich auch in dieser Gemeinde hier nicht einhellig verneint oder bejaht werden. Eine wichtige Basis in der Auseinandersetzung mit dieser Frage ist in der evangelischen Kirche die Bibel. So finde ich in der Bibel Texte, die die gleichgeschlechtliche Sexualität als „Greuel“ (Lev 18,22 und Lev 20,13) bezeichnen. Ganz in der Nähe finde ich aber wiederum einen der wichtigsten Grundsätze unseres christlichen Glaubens: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Lev 19,18) Es wird also zur Achtung jedes Einzelnen mit seiner jeweils eigenen Persönlichkeit aufgerufen. So liegt es nun an jedem selbst, eine für sich befriedigende Gewichtung zwischen diesen beiden Bibelstellen und auch dem Rest der Bibel herzustellen.

 

 

Konklusion: Der Umgang mit der Bibel und der Beginn einer lebenslangen Entdeckungsreise

 

Solche Situationen, in denen ich Bibelstellen in einer Gegenüberstellung gewichten muss, kommen in meinem Leben immer wieder vor. Dann muss ich in jeder einzelnen Situation wieder entscheiden: Welcher Text hat für mich grundlegenderen Charakter? Oder schließen sich beide Texte vielleicht gar nicht aus, wie ich es auf den ersten Blick vermutet habe?

 

Mir ging es kürzlich beim Verfassen einer Hausarbeit so. Sie hat das zum Thema, was auch in diesem Text eine Rolle spielt: die Frage danach, ob sich Johannes gegen die Juden im Allgemeinen richtet – ob es also einen so genannten Antijudaismus im Johannesevangelium gibt. Da ist zum Beispiel dieser Satz, der scheinbar eine klare Sprache spricht: „Ihr seid von dem Vater, dem Teufel, und die Begierden eures Vaters wollt ihr tun.“ (Joh 8,44) Doch da findet man bei Johannes auch ganz das Gegenteil, ein paar Kapitel zuvor: „Das Heil ist von den Juden“ (Joh 4,22b).

Ich habe mich mit vielen Zitaten des Johannesevangeliums auseinandergesetzt. Ich entdeckte nun, dass dieser Antijudaismus gar nicht in dem Maße vorhanden ist. Als ich die Zusammenhänge des Johannesevangeliums gesehen hatte, habe ich erkannt, dass Johannes zwar eine klar kritische Meinung gegenüber der jüdischen Obrigkeit hat, er sich aber dennoch der wichtigen und unverzichtbaren Verbindung zwischen Judentum und Christusanhängern klar ist. Das Bindeglied heißt eben Jesus Christus.

 

Vielleicht haben auch die jüdischen Gelehrten unseres Bibeltextes damals eine Gewichtung vollzogen. Vielleicht haben sie zwischen den vielen Stellen abgewogen, in denen der Messias angekündigt wird, und den Stellen, in denen die Heiligkeit des Sabbats hervorgehoben wird. Sie haben damals die Gewichtung anders als die Anhänger Jesu gesetzt. Sie haben nicht erkannt, dass schon Mose von Jesu Kommen geschrieben hat.

 

„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ (Joh 14,6) – so sagt es Jesus an einer anderen Stelle im Johannesevangelium. Oder auch ganz in der Nähe unseres Predigttextes: „Wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben.“ (Joh 6,47)

 

Ich fühle mich eingeladen, diesen Worten zu glauben. Doch wie ich diese Worte fülle – was zum Beispiel der Weg oder das ewige Leben sind – werde ich immer wieder neu entdecken müssen. Neu entdecken mit der Bibel, neu entdecken mit den Menschen um mich herum, neu entdecken mithilfe des Heiligen Geistes, der uns zum Pfingstfest geschenkt worden ist.

 

Vielleicht sind Sie schon lange auf dieser Entdeckungsreise...

Vielleicht stehen Sie auch noch ganz am Anfang...

Vielleicht wissen Sie noch nicht genau, ob Sie sich auf diese Reise einlassen wollen...

 

Wie dem auch sei: Gottes Segen möge sie dabei begleiten!

 

Amen.

 

 

 

 

Kanzelsegen:

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.