Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 4,46-54

Birte Biebuyck (ev)

23.01.2011 im Berliner Dom

Eine Ahnung vom Leben

Gnade sei mit euch und Friede, von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen

Liebe Gemeinde, jeder Mensch ist eingeladen und gerufen an Gottes Tisch. Von wo immer er kommt, in welcher Verfassung auch immer er ist, in welcher persönlichen Situation auch immer er sich befindet. Jeder ist eingeladen und herausgerufen aus seinem Dasein hin zu Gott.

Und sie werden kommen. Dieser Sonntag macht deutlich, dass wir eine Gemeinde sind von Gerufenen und gewandelten. Wer sich aufmacht und kommt, dessen Leben wird erfüllt von einer neuen Kraft. Er wird verwandelt durch Gottes Wort. Gott kommt herab auch in mein Leben und damit ist es ein ganz anderes Leben geworden. Davon erzählt auch der heutige Predigttext aus dem Johannesevangelium im 4. Kapitel:

46 Und Jesus kam abermals nach Kana in Galiläa, wo er das Wasser zu Wein gemacht hatte. 47 Und es war ein Mann im Dienste des Königs, dessen Sohn lag krank in Kapernaum. Dieser hörte, dass Jesus aus Judäa nach Galiläa kam, und ging hin zu ihm und bat ihn, herabzukommen und seinem Sohn zu helfen; denn der war todkrank. 48 Und Jesus sprach zu ihm: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht.   49 Der Mann sprach zu ihm: HERR, komm herab, ehe denn mein Kind stirbt! 50 Jesus spricht zu ihm: Geh hin, dein Sohn lebt! der Mensch glaubte dem Wort, das Jesus zu ihm sagte, und ging hin. 51 Und während er hinabging, begegneten ihm seine Knechte, und sagten: Dein Kind lebt. 52 Da erforschte er von ihnen die Stunde, in welcher es besser mit ihm geworden war. Und sie antworteten ihm: Gestern um die siebente Stunde verließ ihn das Fieber. 53 Da merkte der Vater, dass es die Stunde war, in welcher Jesus zu ihm gesagt hatte: Dein Sohn lebt. Und er glaubte mit seinem ganzen Hause.    54 Das ist nun das zweite Zeichen, das Jesus tat, als er aus Judäa nach Galiläa kam.

Liebe Gemeinde. „Jesus ist wieder nach Kana gekommen, wo er das Wasser in Wein verwandelt hat“. Dieser Gedanke ging dem königlichen Beamten nicht mehr aus dem Kopf. Dabei hatte er den Kopf schon voll von anderen, sich unablässig wiederholenden Gedanken: „Mein Kind stirbt, Mein Kind stirbt!“ Ein unvorstellbar schrecklicher Gedanke. Ein Gedanke, der das Leben radikal verändert. Wie wird es sich anfühlen, so allein? Ein Kind, das Licht des eigenen Lebens – was kann sein, wenn dies verlischt? Wer bin ich noch, wenn ich verliere, was mir das wichtigste im Leben ist? Dann wäre schon vor dem Tod kein Leben mehr in mir – auch wenn es dann weiterhin heißen würde: in Kapernaum lebt ein königlicher Beamter.

Aber der andere, der nächste Satz behauptet sich in seinem Kopf: Jesus ist wieder nach Kana gekommen, wo er das Wasser in Wein verwandelt hat! Wasser in Wein. Wasser, ja das ist lebensnotwendig, es ist der Alltag, das gewohnte. Aber auch das Einerlei, der Tag ohne Eigenschaften, der Geschmack des Normalen. Aber Wein! Wein macht das Leben reich. Es ist Festgetränk. Er erfüllt das Herz mit Lebensfreude, denn mit ihm kommt Köstlichkeit, Gemeinschaft, Ruhe, Fröhlichkeit in den Tag. Und dieser Jesus, der so das Leben verwandeln kann, der die Freude nicht aufhören lässt, der ist wieder in Kana. – Warum ist er nicht hier, wo mein Kind stirbt?

So kam von irgendwo – von nirgendwo- her die Vorstellung, sein Kind, sein eigenes Selbst, sein Lebenslicht hier liegen zu lassen und sich auf den Weg zu machen. Angezogen von der Möglichkeit des Wandels, angezogen von der bezeugten Wirklichkeit eines köstlichen Lebens. So beginnt sein Weg. Er ist nicht gläubig, dieser königliche Beamte. Er ist ein Heide, der nicht mal richtig weiß, was Jesus lehrt, wer Jesus wirklich ist. Aber er hat etwas gehört, das ihm so verheißungsvoll erscheint, dass er sich auf den Weg macht. Welcher Weg da vor ihm liegt ist ihm nicht klar. Es ist auch kaum wichtig. Dieser Mensch will in Jesu Nähe sein und er will diese Nähe mitnehmen hinab nach Kapernaum in sein eigenes Leben. Dorthin wo das Wasser trübe geworden ist. Dorthin, wo das Leben am verlöschen ist. Nur das will er. Die Nähe Jesu. Diesen Menschen, der die Freude bringt bei seinem Kind wissen.

Und so weiß er genau, worum er Jesus bitten will, als er ihm begegnet.

So wie dieser königliche Beamte kommen wir auch – hierher in die Kirche. Vielleicht ebenfalls nur mit einem diffusen Ahnen, es könnte dort gut sein. Was Sie gelockt und motiviert hat, herzukommen ist doch eine Hoffnung. Es könnte mir dort etwas Gutes geschehen. Ich könnte Trost oder Ruhe finden. Ich könnte gestärkt nach Hause gehen. Ich könnte Jesu Nähe erfahren und mitnehmen in meinen Alltag.

Wenn man sich auf den Weg zu Gott macht, ist man schon irgendwie angezogen. Gerufen. Heraus aus dem täglichen Erleben. In vielen von uns gibt es ein Gespür dafür, dass es doch mehr geben muss als Beruf und Karriere, als Ansehen und Engagement, als Familie und Freunde. Irgendwo muss der sein, der all das trägt und ihm Sinn und Tiefe verleiht. Jesus Christus, der Freude schenkt, die mehr ist, als gewöhnliche Freude, denn sie hört nicht auf. Sie erfüllt mich auch, wenn ich Rückschläge erleide, sie vermag auszustrahlen auch gegen die drohende Dunkelheit von Krankheit und Tod.

Sogar wenn man noch kaum etwas weiß vom christlichen Glauben – es ist das verheißungsvolle Wort, was dazu führen kann, dass man sich auf den Weg macht. Das Losgehen ist das eigentlich Schwierige. Denn mehr als ein Zeugnis von anderen, mehr als das Hörensagen, mehr als ein Wort Gottes haben wir nicht. Es ist vielleicht viel vernünftiger für den königlichen Beamten zu Hause zu bleiben und seinem Kind in der Not beizustehen. Loszugehen ist ein Wagnis, denn er weiß nicht, wie Jesus ihn empfängt. Er kann nicht voraussehen, was geschehen wird. Der Weg hin zu Jesus ist ein unsicherer, einer ohne sicheren Halt, einer ohne Rückversicherung.

Aber das Ziel ist klar. HERR, komm herab – mein Kind stirbt. Seine Gegenwart wird helfen. Sie wird im Tode Kraft geben. Sie wird den Moment licht machen. So ist wohl die Hoffnung dieses Menschen. Und sie wird dem Beamten bestätigt. Jesus sagt ihm zu: Geh hin, dein Sohn lebt. Das allein reicht dem Menschen schon. Er sieht kein Wunder, wieder hört er nur ein Wort. Aber wieder macht er sich um des Wortes willen auf den Weg.

Dennoch. Bevor Jesus überhaupt auf ihn reagiert, tut er den Wunsch nach Zeichen und Wunder ab. Er weist schroff diejenigen zurück, deren Glauben überhaupt nur darauf gegründet ist. „Ihr“ sagt Jesus hier – und damit sind mehr Menschen gemeint, als nur dieser Eine, der seine Hilfe sucht. Wir Menschen sind wohl alle gleich. Auf der Suche nach Zeichen, Beweisen, Wundern, die uns doch den Glauben plausibel machen würden. Ja, wenn ich nur mal ein richtiges Wunder gesehen hätte, dann könnte ich auch glauben. Ja, wenn Gott nur auf mein Gebet hören würde, dann könnte ich ihm vertrauen. Ja, wenn Sein Engel auch zu mir käme, dann würde ich glauben, dass es ihn gibt. –

Liebe Gemeinde, es ist nicht verboten, so zu denken, so etwas zu hoffen. Aber es ist fruchtlos, das will Jesus hier sagen. Denn es geht beim Glauben nicht darum Wunder zu sehen – Wunder sind mitnichten ein Beweis, sondern bleiben immer zweideutig. Es geht darum, das Wort richtig zu hören und zu verstehen. Der königliche Beamte mag sich nicht einschüchtern lassen. Er rechnet nicht mit einem Wunder, er rechnet mit der heilvollen Gegenwart Jesu. Und deshalb wiederholt er seine Bitte. Nochmals trägt er vor, was er von Jesus will. Und deshalb kann dieser Satz, den er dann hört, für ihn tröstlich sein, obwohl er nicht weiß, wie er gemeint ist: Geh hin, dein Kind lebt. Leben auch gegen den Tod, das ist das Leben, welches Jesu Nähe mit sich bringt. Es ist Leben, das ganz und gar erfüllt ist von Freude, von Zuversicht, von Fröhlichkeit und Liebe. Diesem Leben kann der Tod nichts anhaben. Es ist ewiges Leben.

Und als er zurückkommt und hört, dass sein Kind „lebt“, da wurde er gläubig mit seinem ganzen Hause. Diesem Menschen, der sich da auf den Weg gemacht hatte, ohne recht zu wissen, wohin ihn das führen wird, diesem Menschen geschieht Heil. Durch ihn kommen andere zum Glauben - auch sie sahen nichts. Es gab hier nichts zu sehen. Kein Wunder überwältigte sie. Sie hatten nur das Zeugnis des einen Menschen, der Jesu wirkendes Wort gehört hatte.

Das, liebe Gemeinde, macht Glauben aus. Nicht taub zu sein. Nicht das Herz zu verschließen vor der Möglichkeit der Freude. Denn natürlich hätte alles auch ein Zufall sein können. Die Krankheit war eben schon fast über den Berg, als sich der königliche Beamte aufmachte. Und deshalb war sein Kind eben auch wieder am Leben, als er zurückkehrte. Das kann man so sehen. Und bleibt in dem, was Alltag ist. Man bleibt in der eigenen Wirklichkeit. Eine Freude stellt sich auch dann ein, sie vergeht nur auch wieder.

Glauben heißt, sich von Gottes Wort verwandeln zu lassen und eine nicht enden wollende Freude in sein Leben zu lassen – wie der königliche Beamte. Glauben heißt, auf dem Lebensweg hinzuhören, dafür sensibel und empfindsam zu sein, wo mir etwas zugesagt wird. Denn dann gerät alles in ein neues Licht. Dann bekommt es eine Dimension, die ihm vorher gefehlt hat. Das ist Arbeit. Es bedeutet, loszugehen, hinzuhören, beharrlich zu sein und wohl auch zu wissen, was ich von Gott will.

Wenn das gelingt, wenn ich mich verwandeln lassen kann, dann kann ich getrost in alle Richtungen gehen – überall wird mich Gottes Ruf erreichen. Und das Kind, der werdende Mensch, der Mensch, der ich werden kann, wird leben.