Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 16 und über das Beten

Landesbischof i. R. Horst Hirschler

17.05.2009 Sonntag Rogate. Konventsgottesdienst in Loccum

Predigtpreis 2009 für sein Lebenswerk

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus Amen.

 

Joh.16

 

23 b Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er's euch geben.

|V24 Bisher habt ihr um nichts gebeten. Bittet in meinem Namen, so werdet ihr nehmen, daß eure Freude vollkommen sei.

|V25 Das habe ich euch in Bildern gesagt. Es kommt die Zeit, daß ich nicht mehr in Bildern mit euch reden werde, sondern euch frei heraus verkündigen von meinem Vater.

|V26 An jenem Tage werdet ihr bitten in meinem Namen. Und ich sage euch nicht, daß ich den Vater für euch bitten will;

|V27 denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, daß ich von Gott ausgegangen bin.

|V28 Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.

|V33 Das habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Sonntag Rogate. Zu deutsch: Betet!

 

Alle Menschen beten.

Manchmal sagt mir jemand: Ich bete nicht. Ich glaube nicht an Gott. So? sag ich, fluchen sie denn gar nicht? Fluchen, antwortet er, was hat das mit Beten zu tun??

Viel, sage ich.

Wenn jemand vor sich hin wütet und sagt: „Verflucht noch mal, warum muss das wieder so schwachsinnig laufen; ich könnte alles in Stücke schlagen, verdammter Mist“. Dann ist das ein negatives Gebet.

Der spricht ja zu seinem Geschick. Er schimpft in sein Geschick hinein, dass es so blödsinnig läuft.

Jeder Mensch redet in solcher oder anderer Weise in sein Geschick hinein.

 

Wir müssen so reden. Weil ein Nicht-Hineinsprechen in  unsere Welt uns versteinern lassen würde. Unser Leben würde ohne das Ansprechen der uns bestimmenden Wirklichkeit zu einem sinnlos  herumgewirbelten Stück Welt. Darum: Wir müssen so reden ins nicht Fassbare hinein, weil wir selbst als jenes Ich, das ich unvertretbar bin, ebenfalls ein unfassbares Geheimnis sind und einer Wirklichkeit ausgesetzt sind, die uns herausfordert, anspricht, ja uns geschaffen hat und uns wieder aus dieser Welt herauskatapultiert. Das fassen wir nur, wenn wir das Wesen dieses Geschicks als ein uns ansprechendes, bergendes und herausforderndes DU begreifen und wiederum anreden. Wir sind angewiesen auf das Ansprechen des uns als Geschick Begegnenden. Ich sage es noch einmal: Weil die uns begegnende Welt sonst zum stummen Stein wird und wir selbst hilflos versteinern.

 

***

Freilich, wir haben heute eine besondere Art zu beten. Unser Beten ist dem Handeln untergeordnet.

Hier im Kloster Loccum und in den anderen Klöstern der Zisterzienser und anderer Orden lautete die entscheidende Verabredung: Ora et labora, bete und arbeite. In dieser Reihenfolge. Dem Gottesdienst, der Hora, ist nichts vorzuziehen. Nichts soll an die Stelle treten. Bete und danach – vielleicht gar daraufhin – arbeite. Verwechsele nur die Reihenfolge nicht !!

 

Wir heute hingegen brauchen das nicht.

Wir haben im Kopf nur labora et ora – in dieser Reihenfolge. Arbeite und - notfalls - bete .

Erst muß ich alles bewerkstelligen, was ich nur irgend kann und wenn’s gar nicht mehr weitergeht, dann gilt: Bei Gefahr Scheibe einschlagen und Knopf drücken. Dann muss Gott oder die Verhältnisse oder irgendwas den erforderlichen leider von mir nicht schaffbaren Rest machen. Das Beten ist eine Unterabteilung des Handelns und zwar ein Wirken mit anderen Mitteln. So spirituell eben, wie das heute läuft.

 

Was Wunder, dass das allenfalls wie ein Zufallsgenerator funktioniert.

 

***

Rogate, betet: Mit wem reden wir da?

 

Viele von Ihnen werden den Lutherfilm mit Joseph Fiennes gesehen haben.

Da gibt es diese gespenstischen Szenen, so gar nicht zur Heldenverehrung geeignet, in denen Luther mit Gott und dem Teufel kämpft.

 

Als ich das zum ersten Mal sah, fiel mir ein: Tübingen im Sommersemester 1956.  Der Kirchengeschichtler Hanns Rückert hält die Luthervorlesung und sagt: Das Gebet, das Luther in der Nacht vom 17. auf den 18.April 1521 in seiner Herberge in Worms zwischen seinen beiden Auftritten vor dem Reichstag gebetet hat – am 1. Tag hatte er ein schwaches Bild vor Kaiser und Reich abgegeben -

das Gebet, das ist überliefert. Der Luther hat ganz laut zum Himmel geschrieen. Da sind welche vor der Tür gesessen und haben mitgeschrieben

und haben es bald danach unautorisiert drucken lassen. Früher hat man das für Fantasie gehalten. Aber das ist mit hoher Wahrscheinlichkeit echt.

 

Ich habe das Gebet mit einiger Mühe hier in unserer schönen Klosterbibliothek gefunden.

Die Weimarana, die große Ausgabe aller Werke Luthers, hat es nur in einer schwer auffindbaren Fußnote, die ich nicht entdeckte. Aber ich fand ein älteres Buch von 1778 über Luthers Krankheiten. So ein Gebet haben sie lieber unter den Krankheiten Luthers untergebracht. Das sind alles Gebetsfetzen, Stoßgebete, wie eben einer betet, der voller Angst steckt und Trost braucht.

 

„Allmächtiger, ewiger Gott, wie ist es nur ein Ding um die Welt, wie sperren sie den Leuten die Mäuler auf, wie klein und gering ist das Vertrauen der Menschen auf Gott. ((Wie ist das Fleisch so zart und schwach, und der Teufel so gewaltig und geschäftig durch seine Apostel und Weltweisen. Wie ziehet sie so bald die Hand ab und schnurret dahin, läuft die gemeine Bahn, und den weiten Weg zur Höllen zu, da die Gottlosen hingehören.)) Und siehet nur allein bloß an, was prächtig und gewaltig, groß und mächtig ist, und ein Ansehen hat. Wenn ich auch meine Augen dahin wenden soll, so ist’s mit mir aus, die (Toten- HH)Glocke ist schon gegossen und das Urteil gefället. Ach Gott! Ach Gott! O du mein Gott, du mein Gott! Stehe du mir bey,  wider aller Welt Vernunft und Weisheit, thue du es, du musst es thun, du allein, ist es doch nicht meine, sondern deine Sache, hab ich doch für meine Person allhier nichts zu schaffen, und  mit diesen großen Herren der Welt zu thun, wollt ich doch auch wohl gute und geruhige Tage haben, und unverworren sein. Aber dein ist die Sache, Herr! Die gerecht und ewig ist, stehe mir bey, du treuer ewiger Gott, ich verlasse mich auf keinen Menschen. Es ist umsonst und vergebens, es hinket alles, was Fleisch ist, und Fleisch schmeckt, o Gott! O Gott! Hörest du nicht, mein Gott? Bist du todt?

Nein du kannst ja nicht sterben, du verbirgst dich allein (nur), hast du mich dazu erwählet, ich frage dich, wie ich denn gewiß weis, ey so wollt es Gott, denn ich mein Lebelang nie wider solche große Herren gedacht zu seyn, habe es mir nicht vorgenommen, ey Gott! So steh mir bey in dem Namen deines lieben Sohnes Jesu Christi, der mein Schutz und Schirm seyn soll, ja meine veste Burg, durch Kraft und Stärkung des Heiligen Geistes. Herre, wo bleibst du? Du mein Gott! Wo bist du? Komm, komm, ich bin bereit, auch mein Leben drum zu lassen, geduldig wie ein Lämmlein. Denn, gerecht ist die Sache und dein, so will ich mich von dir nicht absondern ewiglich. Das sei beschlossen in deinem Namen! Die Welt muß mich über mein Gewissen wohl ungezwungen lassen. Und wenn sie noch voller Teufel wäre, und sollte mein Leib, der doch zuvor deine Hände Werk und Geschöpf ist, zu Grund und Boden, ja zu Trümmern gehen, dafür aber dein Wort mir gut ist, und ist auch nur um den Leib zu tun, die Seele ist dein, und gehöret dir zu, und bleibt auch bei dir ewig. Amen, Gott helfe mir, Amen.“

 

Das ist ein Gebet!! Man muß es sich in dieser Angsthaltung laut vorlesen.

 

Da schreit einer in der Nacht seiner Angst und Verzweiflung zu dem Sich-verbergenden-Gott und er beruft sich gegen den Verbergenden auf Christus.

 

Das ist unser Predigttext für heute:

„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er's euch geben.

Bisher habt ihr um nichts gebeten. Bittet in meinem Namen, so werdet ihr nehmen, daß eure Freude vollkommen sei.“

Beten im Namen Jesu heißt Beten unter Berufung auf Jesus - einsteigen, bewusst einsteigen, beheimatet sein, zu Hause sein im Gotteszugang Jesu.

 

Ich nehme zwei Gebete Jesu, die überliefert und wohl authentisch sind - heraus.

 

Das ist einmal das Vaterunser.

Wir kennen es.

Wir haben eben die Vaterunser-Paraphrase Martin Luthers gesungen. (EG 344)

Neun Verse lang.

Und wer’s begriffen hat, der betet das Vaterunser jeden Abend und jeden Morgen.

 

Das Entscheidende ist das völlig schnörkellose Unser Vater.

Es spricht die tiefe Beheimatung Jesu in Gott daraus. Mit Abba hat er Gott angeredet. Abba lieber Vater. Gott ist der allmächtige und barmherzige Vater, der den schon verloren geglaubten Sohn, der heimkehrt, in die Arme schließt.

Geheiligt werde dein Name. Nicht werde dein Name, Herr, zum Namen unter anderen Namen.

Dein Reich komme, jenes Reich, das Jesus schon so nahe empfand, dass er es partiell vorwegnahm.

Jenes Reich, in dem die geschenkte Gerechtigkeit gegenüber den Sündern und Zöllnern, den Verlorenen und Verzweifelten gilt.

Das tägliche Brot. Alles was zu Leibes Nahrung und Notdurft gehört: Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromm Gemahl, fromme Kinder, fromme und treue Oberherren. gut Regiment, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre; gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen, sagt Dr. Martin Luther im Kleinen Katechismus.

Die Vergebung meiner Schuld, gekoppelt an meine Vergebung gegenüber dem Nächsten. Auweia.

Und erlöse und von dem Bösen.

 

Nicht auszuschöpfen dies Gebet.

Immer Neues daran zu entdecken..

Manchmal spricht der Satz „wie wir vergeben unseren Schuldigern“ so laut zu mir, dass er alles andere übertönt.

Dann wieder das „erlöse uns von dem Bösen“ in mir.

 

Wer in das Jesusgebet, das Vaterunser einsteigt, weiß, dass er Zugang hat zum Vater. Dass dieser Vater für mich da ist. Dass ich im Lichte der durch Jesus verkörperten Gottesgüte stehe.

 

Und ich nehme ein zweites Gebet Jesu:

Es ist jenes Gebet am Kreuz – nach Markus das letzte Wort:

Ps.22 : mein Gott mein Gott warum hast du mich verlassen.

Das verzweifelte Gebet ins Nichts,

Warum hast du mich verlassen, mein Gott ?
Luther: Warum hast du dich verborgen?

 

Bist du tot, Gott? fragt Luther, - Bei uns waren ja vor Jahren manche stolz, dass sie die Gott-ist-tot-Theologie entdeckt hatten, man sieht, Luther ist uns weit voraus.

Aber: Nein, du kannst ja nicht sterben, du verbirgst dich nur.

 

Beten unter Berufung auf Jesus

umspannt beides: Das tiefe Gottvertrauen, in das uns das Beten des Vater unsers hineinführt und auf der anderen Seite die furchtbare Erfahrung einer tiefen Gottverlassenheit, wie sie sich im letzten Gebet Jesu am Kreuz zeigt.

 

Diese beiden Gebete Jesu umfassen unser Leben ohne jede Schönfärberei. So läuft es, dass wir Grund zum Danken und zum Gottvertrauen haben und dass wir Gott durch Schuld und Schicksal immer wieder verlieren.

 

Aber auch für diese letzte Gottverlorenheit gilt

Was unser Bibeltext sagt:

Denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, daß ich von Gott ausgegangen bin.

D.h. dass ich den Vater vertreten habe.

 

Wir beten zu dem Gott, der durch Jesus definiert ist. Nein, der das Antlitz Jesu hat. Der uns sowohl als der erfahrbare Vater begegnet, wie auch als der abwesende, dem der Schrei gilt: warum hast du mich verlassen? Beides. Je nach Situation. Aber es bleibt der durch alles Dunkel hindurch liebende Vater.

 

Wir können uns das an dem alten Zisterzienserkreuz über dem Chorraum klarmachen. Wie Bernhard von Clairvaux es wollte und Luther an ihm geliebt hat, ist es der mit uns in dem Schlamm tretende Mensch, der leidet, der die Gottesferne erfährt. Das heißt, wir sind auch mit unserer Misere bei ihm aufgenommen.

Aber um den gekreuzigten ist ein goldenes Band gemalt. Ich bin mal da oben gewesen als ein Gerüst stand. Das ist Baumharz und in dies Baumharz sind Goldkörner, ist Goldstaub  hineingedrückt. Gold ist das Zeichen der Anwesenheit Gottes trotz der Realität des Todes.

In den österlichen Erscheinungen haben die Jünger und Jüngerinnen begriffen: Gott hat ihn doch nicht verlassen. Auch wenn er nicht erfahrbar, fühlbar, erlebbar ist, er trägt uns dennoch mit seiner Liebe.

Es ist das österliche Symbol, das Kreuz im österlichen Licht.

 

Noch einmal zurück zum ora et labora. Die Reihenfolge ist unumkehrbar.

Weil sonst unser Tun, unser Werk,

weil sonst die Angst, zu kurz zu kommen, oder es nicht zu schaffen oder durchzufallen die Oberhand gewinnt. Weil wir sonst selbst Gott spielen müssen. Unausweichlich. Und uns damit nur Herzeleid und Lebensverzweiflung einhandeln können.

 

Deshalb steht da: |V33. „Das habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt“.

(Nicht in Euren Taten) „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“

Das heißt, auch das Gebet, das sich als vorlaufender Handlungsersatz, als Druckverstärker, um zum Erfolg zu kommen, versteht, bringt es nicht.

 

Sie kennen sicher jene Erzählung von jenem schwäbischen Pfarrer, der noch sein Pfarrland bearbeitete und dem Bauern, der mit ihm zwischen den Feldern auf dem Weg ist. Der Pfarrer klagt über den kümmerlichen Kornbestand auf seinen Feldern, und dass er so viel gebetet habe. Aber es habe nichts gebracht.

Der Bauer aber sagt, an seiner Pfeife saugend: Sähet se, Herr Pfarrer, da hilft halt alles Bäte nix, da muß Mischt na. Da muß Mist dran.

 

Luther hat mit Augustin beides, das Beten und Arbeiten sorgfältig zu unterscheiden empfohlen:

„Ihr sollt beten, als ob alles Handeln nichts nützte - und ihr sollt handeln, als ob alles Beten nichts nützte.

 

Also nicht, 80% mache ich und die restlichen 20 % an Power oder an Handlungsrest, das musst Du machen, Herr.

 

Sondern beides hundertprozentig. Alles von Gott und seiner umgreifenden Macht erwarten.

Andererseits das, was mir aufgetragen ist, voll verantwortlich vorbereiten und durchführen. Als ob es Gott nicht gäbe. Ich bin hundertprozentig verantwortlich.

 

Das Gebet führt mich hinein in das Vertrauen, dass Gott im Regimente sitzt, und gibt mir die für mein Tun nötige Freiheit und Zuversicht. Auch die Zuversicht zum Tun eines vielleicht notwendigen Kompromisses, durch den ich schuldig werde.

Das Gebet ist die Grundlage meiner inneren Freiheit, die ich für mein Tun brauche.

Denn unser Tun braucht eine möglichst hohe Angstfreiheit. Damit wir nicht von unserem Tun  die Erlösung erwarten müssen. Sondern damit unser Tun, das Maß des Möglichen behalten darf.

 

Die Freiheit eines Christenmenschen von der Angst um sich selbst ist die Basis für die Vernünftigkeit unseres Tuns.

 

In der Welt habt ihr Angst – spricht Christus, der für uns das Antlitz des allmächtigen Gottes ist -

aber seid innerlich ganz locker

Ich habe diese euch Angst machende Welt in meiner Hand.

Amen.