Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 14,6

Pastorin Isabel Klaus (ev)

02.11.2014 in der St. Remberti Gemeinde in Bremen

Gottesdienst

Der Glaube wird verhört

Der Glaube sah zum Fenster hinaus. Die Straße glänzte vom Novembertau. Laubblätter klebten braun aneinander. Die Sonne hing hinter Nebelschwaden. Es würde noch einige Stunden dauern, bis ihr Licht auf die Straße liegen und durch die nackt werdenden Bäume fallen würde.

Es war ein ruhiger Morgen nach einer unruhigen Nacht. Der Glaube hätte kurz vor dem Schlafengehen einfach keine Nachrichten sehen sollen. Eine Flut aus Informationen und Bildern hatte ihn wach gehalten:

o  Menschen sah er, die auf der Flucht waren. Wenn sie ihre waghalsigen Fluchten übers Meer schafften, kamen sie in einem Flüchtlingslager unter, aber willkommen waren sie nicht.

o  Rauchschwaden hatte der Glaube gesehen über Städten, in denen Menschen wohnten und versuchten ein ganz normales Leben zu führen. Eingekesselt von Besatzern und Minen. 

o  Von Enthauptungen hatte er gehört, die von Menschen durchgeführt wurden, die sich ausgerechnet auf den Glauben beriefen.

Das verstand der Glaube alles nicht. Wenn er als Glaube schon nicht mehr viel taugte, dann doch wenigstens die Menschlichkeit, dachte er, aber die Menschlichkeit hatte sich reduziert auf ein Minimum an humanitärer Hilfe, so nannte man sie jetzt manchmal.

Nein – das waren nicht die Dinge, die den Glauben ruhig schlafen ließen. Er war regelrecht ratlos, stumm vor Entsetzen. Soviel Elend! Und manches geschah im Namen Gottes – ob man ihn Allah, Jahwe, Gott oder manchmal auch Jesus nannte – das spielte dabei keine Rolle. Der Glaube war in Verruf geraten… Das kannte er alles schon und es brachte ihn wieder an einen Punkt, an dem er schon einmal war.

Es war nur ein paar Jahrhunderte her, wo die Parole durch die Lande zog, dass Glaube Opium für die Menschen wäre, das ihnen nicht gut tat. Vielleicht sollte er ganz verschwinden, dachte sich der Glaube. Viel war ohnehin nicht von ihm übrig geblieben, nachdem man den Himmel entzaubert und die wundergefüllten Geschichten der Bibel ausgehöhlt hatte.

Der Glaube sah wieder zum Fenster hinaus. Heute würde es länger dauern, bis sich der Nebel lichtete. Er sah auf sein Frühstückbrettchen. Es war novembergrau, darauf stand ein heiterer Spruch, der den Glauben immer wieder zum Schmunzeln brachte: Ich bin nicht perfekt, aber verdammt nah dran.

Er wischte die schlechten Nachrichten beiseite und goss sich einen Kaffee in seine Tasse. Der erste Schluck machte ihn wacher. Auch auf seiner Kaffeetasse stand ein Spruch. Der kam nicht ganz so lässig daher wie der auf seinem Frühstücksbrettchen, aber das lag an der Quelle. Auf seiner Tasse stand: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.

Der Weg… murmelte der Glaube und dachte an diesen umgedichteten Text, der von ihm und Gott erzählte: Ich kann nicht mehr sehn, hatte der Glaube zu Gott gesagt. Ich traue nicht mehr meinen Augen. Ich kann selber kaum noch glauben, die Welt hat sich fürchterlich verdreht. Ich bin doch eigentlich eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. Ich war mit Gott verschworen, wir haben den Regen gebogen, uns Vertrauen geliehen. Durch mich haben wir hinter die Kulissen der Welt gesehen. Gott und ich, wir haben uns verzettelt.

So ein Mist, stellte der Glauben fest. Mein Weg in dieser Welt ist ganz schön durchwachsen und ihm wurde bewusst, welch großer Verantwortung er trug.

Ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zum Freund zu haben. Ohne mich haben die Menschen keine Möglichkeit eine Beziehung zu Gott aufzubauen. Das wäre schlimm, wenn die unsichtbare Welt, in der Gott zuhause ist, völlig verschwindet. Konnte sie verschwinden? Oh ja, fiel ihm ein, es gab Menschen, die sich als Atheisten bezeichneten, die davon überzeugt waren, dass es Gott nicht gab. Eine solche Denkweise war für den Glauben undenkbar und er sagte sich in dieser nebligen Morgenstimmung: Gott ist mein Freund, weil ich glaube, dass Gott existiert.

Es klingelte an der Tür. Oh Besuch so früh am Morgen? Der Glaube war überrascht. Er ging zur Tür und öffnete. Vor im standen mehrere Polizisten. Schlagartig war der Glaube hellwach. Das hatte er schon oft erlebt, wie die Gesetzeshüter in ihren weltgeschichtlich wechselnden Uniformen plötzlich wie aus heiterem Himmel bei ihm vor der Tür standen. Er erinnerte sich an alle:

·      an die ägyptischen Soldaten, die vor den Häusern der Israeliten standen, damals als Mose in das verheißene Land aufbrechen wollte

·      an die babylonischen Soldaten, die Israel in die babylonische Gefangenschaft führten

·      an die römischen Soldaten, die Jesus auf den Versen waren und viele seiner Freunde festnahmen

·      an die heiligen Krieger der Kreuzzüge, die meinten, ihr christlicher Glaube wäre wahrer als alle anderen Glaubensweisen

·      an die Bauern und Fürsten, die 30 Jahre um die Wahrheit kämpften

·      an die französischen Revolutionäre, die den Glauben sogar aus den Kirchen jagten

·      an die SS-Uniformen, die jüdische Menschen deportierten

Nun standen wieder Uniformen vor der Tür des Glaubens. Sie sahen nicht sonderlich freundlich aus, ihre Worte waren nüchtern:

Sie werden des Mordes verdächtigt und sind hiermit festgenommen.

Mord? fragte sich der Glaube, um Himmelswillen, das geht zu weit! Glaube und Mord – unvereinbar… Doch, als er sich die eben aufgezählte Liste wieder ins  Bewusstsein rief, ahnte er, was man ihm anlasten wollte. Glaubenskriege waren so alt wie die Menschheitsgeschichte. Die Massaker, die ihn nachts nicht schlafen ließen… bestimmt waren sie der Grund.

Der Glaube wurde abgeführt. Man brachte ihn ins Polizeipräsidium zum Verhör. Der Raum war klein, kahl, kühl. Der Polizeibeamte wies ihn darauf hin, dass alles, was der Glaube sagte, gegen ihn verwendet werden könne und er die Wahrheit sagen solle, damit eine rasche Aufklärung erflogen könne. Der Glaube dachte an seine Kaffeetasse: Ich der Weg und die Wahrheit und das Leben. Es folgte eine Reihe formaler Fragen und dann ging es zur Sache. Wie vermutet ging es um die schrecklichen Massaker der ISIS.

Oh, sagte der Glaube, da haben Sie den falschen abgeführt. Ich bin der christliche Glaube und ich unterscheide mich deutlich von fundamentalistisch-islamischen Unterströmungen.

Der Polizeibeamte ließ sich davon nicht beirren, zog aus einem Stapel eine dicke Akte und sagte: Nun, Herr Glaube, ihr Vorstrafenregister erzählt uns etwas anderes.

Der Glaube wusste, was nun käme, der Polizeibeamte würde ihm die endlosen Fehltritte, die in seinem Namen geschehen waren, vorhalten: Von den Kreuzzügen über die Hexenprozesse bis hin zu den waghalsigen Missionierungen in Afrika und Südamerika. Der Glaube hörte sich das alles an und sagte ruhig: Sie haben recht, das geht auf meine Kappe. Wie Sie aber sicher wissen, wurde ich wegen all dieser Verbrechen verurteilt und sitze bis heute meine Strafe ab.

Das verwirrte den Polizeibeamten, denn er konnte in seiner Akte keinen Urteilsbeschluss finden und auch keinen Verweis auf das Strafmaß. Darüber habe ich keine Unterlagen.

Vermutlich, sagte der Glaube, liegen sie gerade in einer anderen Abteilung, aber ich helfe Ihnen da gerne weiter: Ich wurde Ende des 18. Jahrhunderts verurteilt. Sie erinnern sich sicher. Im Zuge der französischen Revolution jagte man mich aus den Kirchen, setzte Altäre in Brand… Das war der Anfang. Mir wurde das Hausrecht entzogen. Im Zuge der Aufklärung entzog man mir die Autorität und ich war nicht länger für die Gestaltung des Weltbildes zuständig, ich wurde aus staatlichen Angelegenheiten verbannt und man trennte Kirche und Staat.

Wie Sie sicher auch wissen, begann man im 19. Jahrhundert, auch die Autorität meine Geburtsurkunde, die Bibel, aufzuheben. Man begann, meine Glaubensgeschichten unter historischen Gesichtspunkten zu betrachten und fand bald heraus, dass viele Erzählungen in der Bibel eben keine Geschichtsschreibungen sind, sondern literarische Texte, voller Fiktion und Phantasie. Viele Dogmen wurden aufgehoben und viele Glaubensbilder verloren ihre Macht. Man glaubt heute nicht mehr ans Fegefeuer oder ans Jüngste Gericht. Einen Teufel gibt es auch nicht. Maria war keine Jungfrau und Jesus konnte die Naturgesetze nicht außer Kraft setzen. Vor Gott machte man auch keinen Halt, man holte ihn von seiner Wolke und nahm ihm das Lenken des Weltgeschehens aus der Hand.

Wie Sie also sehen können, büße ich noch immer für meine Verbrechen. Ich bin schuldig, das sehe ich ein. In meinem Namen ist viel Unrecht geschehen. Deswegen war ich auch bereit, mich auf ein Resozialisierungsprogramm einzulassen.

Der Polizeibeamte blickte den Glauben verwirrt an und fragte nach: Ein Resozialisierungsprogramm?

Ja, sagte der Glaube, man hat mir beigebracht, wie ich in dieser aufgeklärten Welt als Glauben leben kann und wie ich es schaffe, mich auf meine guten Grundanlagen zu besinnen.

Dem Polizeibeamten war anzusehen, dass er nur Bahnhof verstand. Vor ihm saß Herr Glaube, aus seiner Sicht, verantwortlich für die Massaker der ISIS. Und nun erzählte ihm Herr Glaube, dass er der Herr Christliche Glaube war und dass er über Jahrhunderte Verbrechen begangen hatte und dafür verurteilt worden war. Das war ihm zu hoch. Ist doch alles eine Suppe, dachte er.

Das Verhör wurde unterbrochen. Wenig später kam der Beamte zurück. Man hatte sich beraten und kam zu dem Schluss, dass der Herr Christlicher Glaube tatsächlich keine Verbindung zu den ihm vorgeworfenen Anschuldigungen hatte. Man schloss seine Akte und ließ ihn gehen.

Der Nebel hatte sich verzogen und die Sonne schien ungewöhnlich hell für diesen Novembertag. Fast blendete ihr Licht den Glauben. Er lief durch die Straßen, sah den Menschen zu. Einige grüßten ihn. Für andere war er unbekannt. Das störte ihn nicht. Er hatte viel an Bedeutung, Einfluss und Macht verloren, aber immerhin: Der Glaube war frei. Er genoss das Licht der Sonne, das die trüben Gedanken der Nacht vertrieb. Er genoss den Trubel auf den Straßen, der das Grau des Verhörs auflöste.

Und doch war er nachdenklich geworden:

Vielen der islamischen Unterströmungen fehlt die Aufklärung, überlegte er, überhaupt fehlt dem islamischen Glauben ein System, eine Struktur. Über kurz oder lang wird man auch den islamischen Glauben in die Moderne führen müssen und dann wird man verstehen, dass im Himmel keine 70 Jungfrauen warten, die die heiligen Krieger empfangen. Man kann den Fundamentalismus nur durch Aufklärung und Emanzipation aufheben, denn er hat kein Recht mehr auf die Wahrheit.

Als der Glaube zuhause ankam, sah er seine Kaffeetasse wieder. Ja, ich habe einen langen Weg hinter mir und dieser Weg war durchwachsen. Ich bin ein Weg, aber erst heute bin ich zu dem Weg geworden, der ich sein soll. Ich bin ein Weg, auf dem die Menschen Halt finden in ihrem Leben. Ich tauge nicht als Politiker oder Krieger. Ich bin nur der Halt. Das ist die Wahrheit und deswegen bin ich das Leben: Der Glaube ist ein Halt im Leben.

Da legte sich ein Lächeln in das Gesicht des Glaubens. Ich bin nicht perfekt, sagte er zu sich, aber verdammt nah dran. Und er sah in einen novemberblauen Himmel wie er selten zu sehen war und dachte: Ja, so ist es. Und sagte laut Amen.

 

Der Weg* | Wechsegebet | Text I. Klaus |*Eine Umdichtung aus dem Lied „Der Weg“ von Herbert Grönemeyer und einigen Versen aus dem Herbräerbrief

 

Manchmal sage ich zu Gott:

Ich kann nicht mehr sehn, trau nicht mehr meinen Augen.

Ich kann kaum noch glauben, die Welt hat sich verdreht.

Der Glaube ist eine feste Zuversicht auf das, was man hofft,

und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.

Gott und ich, wir waren verschworen,

Gott und ich, wir haben den Regen gebogen, uns Vertrauen geliehen.

Durch den Glauben haben wir hinter die Kulissen der Welt gesehen.

Und ich erkannte, dass die Welt durch Gott entstand.

Alles, was ich sah, ist aus nichts geworden.

Gott und ich, wir haben uns geschoben durch alle Gezeiten.

Gott und ich, wir haben uns verzettelt und doch aufrichtig geliebt.

Ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zum Freund zu haben.

Gott ist mein Freund, weil ich glaube, dass Gott existiert

Ich glaube, dass Gott bei denen ist, die ihn suchen.

Gott und ich, wir haben die Wahrheit so gut es ging verlogen.

Es ist ein Stück vom Himmel, dass es den Glauben gibt.

Gott hat jeden Raum mit Sonne geflutet,

hat jeden Verdruss ins Gegenteil verkehrt.

Himmlisch nobel seine sanftmütige Güte.