Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jeremia 8,4-7

Pfarrer Stefan Lämmer

18.11.2001 in Pliezhausen-Gniebel zum Volkstrauertag

Liebe Gemeinde!

Heute haben Sie ein Bild von dem Maler Kaspar David Friedrich erhalten. Dieses Bild gehört zu seinen Spätwerken. Ein Mann in vornehmer Kleidung sitzt gedankenversunken da. Er denkt über das Leben nach. Er lädt uns ein über das Leben nachzudenken . Was seine Gedanken bestimmt, zeigt uns das Bild. Das Abendrot deutet die untergehende Sonne an. Der Tag neigt sich seinem Ende zu. Mehrere noch junge Bäume sind abgestorben. Sie verweisen in vielen seiner Bilder auf die Vergänglichkeit des Menschen. Doch nicht nur der Mensch vergeht. Auch das Werk des Menschen, was er gebaut hat, geht zu Grunde. Selbst das besondere Werk, eine Kirche ist dem Zerfall preisgegeben. Es zerfällt, weil sein Wert gefallen ist. Was früheren Menschen wertvoll war, bewerten die modernen Menschen als wertlos. Was früheren Generationen bedeutungsvoll war, bedeutet der gegenwärtigen Generation nichts mehr. Wenn wir die fast leeren Kirchen in unseren modernen Städten besuchen, bekommen wir einen Eindruck von dem inneren Zerfall unserer Kirche. Früher gut besuchte Kirchen stehen heute fast leer und werden überflüssig. Da frage ich mich: Sind unsere Gottesdienste überflüssig geworden? Sind unsere Gottesdienste nicht mehr zeitgemäß und darum überholt? Wie eine Antwort auf diese Fragen wirkt der Predigttext auf mich. Ich lese aus dem Propheten Jeremia Kapitel 8: Sprich zu ihnen: So spricht der Herr: Wo ist jemand, wenn er fällt, der nicht gern wieder aufstünde? Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtkäme? Warum will denn dies Volk zu Jerusalem irregehen für und für? Sie halten so fest am falschen Gottesdienst, dass sie nicht umkehren wollen. Ich sehe und höre, dass sie nicht die Wahrheit reden. Es gibt niemand, dem seine Bosheit leid wäre und der spräche: Was habe ich doch getan! Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt. Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit, Turteltaube, Kranich und Schwalbe halten die Zeit ein, in der sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht des Herrn nicht wissen.

Liebe Gemeinde!
Spontan würde ich sagen: Wer fällt, steht schnell wieder auf. Wenn ich mich verfahre, kehre ich schnell wieder um, damit ich nicht zu viel Zeit verliere. Wenn wir aber in Ruhe über unser Leben nachdenken und unsere eigene Lebensweise bedenken, kommen mir Zweifel. Wie oft begegne ich Menschen, die nach einer Enttäuschung die Hoffnung aufgeben. Sie legen die Hände in den Schoß und verkriechen sich in ihr Schneckenhaus. Damit bin ich bei meinem ersten Hauptgedanken:

1. Die Abkehr von Gott endet im lähmenden Selbstmitleid
Früher war klar, am Sonntag Morgen gibt es nur ein Programm. Früher war klar, am Sonntag Morgen steht der Gottesdienst auf dem Programm. Doch heute können wir aus einem reichhaltigen Angebot der Fernsehprogramme auswählen. Heute können wir wählen, ob wir am Sonntag Morgen zum Radfahren oder Joggen gehen. Heute steht der Gottesdienst als ein Angebot neben vielen anderen. Immer mehr Menschen wenden sich solchen Freizeitaktivitäten zu und kündigen ihre aktive Teilnahme am Gottesdienst auf. Wenn wir nun in Gedanken auf andere unseren Zeigefinger richten, sollten wir uns selbstkritisch fragen: Wie steht es mit mir? Wie oft übergehe ich Gottes Wort? Wie oft sehe ich nur mich, aber das Ganze der Gemeinde übersehe ich? Vielleicht möchten Sie widersprechen und einwenden: "Den guten Vorsatz hatte ich schon, aber meine Meinung fand keine Mehrheit. Mitarbeiten wollte ich schon, aber meine Vorstellung blieb ein unbeachteter Vorschlag." Solche Erfahrungen gehören zu unserem Leben. Und manchmal haben wir guten Grund über das Verhalten eines anderen enttäuscht zu sein. Manches Mal fühle ich mich ungerecht behandelt. Wie schnell bin ich dann in der Versuchung, mich zurückzuziehen. Der Rückzug kann für kurze Zeit sinnvoll sein. Der innere Rückzug hat in Zeiten der Trauer seine Bedeutung. Wo ich aber beleidigt in meinem inneren Rückzug verharre, beraube ich mich selbst. Ich raube mir selbst Gottes Segen. Das Selbstmitleid zieht nach unten. Es raubt mir die Lebenskraft. Ich bleibe beim Vordergründigen und Negativen hängen. Der Maler Kaspar David Friedrich will uns die Augen für den Hintergrund öffnen. Er will uns das verborgene Wirken Gottes vor Augen malen.

2. Die befreiende Umkehr beginnt in der Besinnung
Kaspar David Friedrich hat unter den Kunstkritikern einen Streit entfacht. Vordergründig hat er Landschaftsbilder gemalt. Die Kritik entzündete sich daran, dass seine Bilder als Andachtsbilder wirken. Sie enthalten hintergründige Botschaften. Wie viele seiner Kunstwerke so gliedert sich dieses Bild in zwei Bildteile. Zum einen der Vordergrund mit der vergehenden Welt. Das Vordergründige, das mich mit seinen vielen kleinen Schwierigkeiten manchmal müde macht. Die täglichen Pflichten, die durch ihre vielen Anforderungen mich manchmal gefangen nehmen. Und zum anderen der Hintergrund. Das Hintergründige und oft unseren Augen verborgene steht für das Eigentliche. Für Kaspar David Friedrich weist das Abendrot auf die Auferstehung. Die Hoffnung der Auferstehung besaß für ihn besondere Bedeutung. Schon als Kind musste der Künstler oft die Not des Todes erleben. Für Kaspar David Friedrich enthält der Tod die Verheißung auf ein Danach. Er dichtete einmal:
"Da wird's mir klar in jenen Melodien;
Der Quell der Gnade ist in Tod geflossen
Und jene sind der Seligkeit Genossen,
Die durch das Grab zum ew'gen Lichte ziehen."

Diese befreiende Erkenntnis ging dem Künstler in der stillen Andacht auf. Diese belebende Hoffnung gewann er in der stillen Besinnung. Dagegen erlebte der Prophet Jeremia in seiner Umgebung eine andere Lebensweise. Er beschrieb das hektische Leben seiner Zeit mit den Worten: "Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt." Mit diesem Vergleich nimmt der Prophet ein Grundmuster des menschlichen Lebens auf. Leidvoll erleben wir in den Krisengebieten unserer Welt mit, wie die Spirale von Gewalt und Gegengewalt nur sehr schwer aufzuhalten ist. Fanatische Palästinenser und kurzsichtige Juden übersehen ihren eigenen Vorteil. Sie sind in einem Denkmuster gefangen, das ihrem eigenen Frieden schadet. Dabei sollten wir am Volkstrauertag wahrnehmen, dass wir als deutsches Volk in ähnlichen Gedanken gefangen waren. Wir sollten die Wahrheit erkennen, das Streben nach einem großen Deutschland hat unser Volk in viele bittere Kriege gestürzt. Und wie oft bin ich selbst in meinem Denken verrannt? Wie oft bin ich selbst in einem Denken gefangen? Da habe ich eine leitende Vorstellung von meinen Lebensumständen vor Augen, die mich nun gefangen hält. Da habe ich ein Leitbild verinnerlicht, dass ich als Pfarrer die vielen aufgaben möglichst gut und zügig erledigen muss. Doch wie schnell treibt mich dann der Stress? Wie leicht bin ich ein von der Hektik Getriebener? Und wie viele, die heute eine Arbeitsstelle haben, fühlen sich wie es der Prophet beschreibt? "Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt."

Weil die Anforderungen im Beruf heute so groß sind, benötigen wir die Pausen der Besinnung. Weil die Forderungen im Vordergründigen uns so gefangen nehmen wollen, soll uns am Sonntag der Hintergrund unseres Lebens neu aufgehen und die Sonne der Auferstehung uns ermutigen. Darauf verweist uns der Künstler, wenn er genau zwischen den Bildvordergrund und dem Bildhintergrund eine andächtige Person malt. Wir sehen diese Person von der Seite. Sie behält beides im Blick: Die zerfallende Kirche und das beeindruckende Abendrot; die Aufgaben der Gegenwart und die Hoffnung auf Gottes neue Welt. Noch einmal unterstreicht der Prophet die Bedeutung der Besinnung auf Gottes Wort, indem er sagt: "Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit, Turteltaube, Kranich und Schwalbe halten die Zeit ein, in der sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht des Herrn nicht wissen." Der alljährliche Zug der Vögel wird den Propheten zu einem Vergleich. Besonders schön kann man es auf den Halligen der Nordsee beobachten: Die Vögel folgen einer inneren Ordnung. Ein jährlicher Rhythmus liegt ihnen im Blut. Ganz ähnlich sollen wir auf die innere Stimme hören. Wir sollen den Rhythmus von Arbeit und Besinnung neu lernen. Vielleicht möchten sie zurückfragen: Was soll uns diese Besinnung bringen? Darauf antwortet uns Kaspar David Friedrich mit zwei Bilddetails, die wir als Symbole verstehen sollen. viele Einzelheiten wollen in seinen Bildern Vergleiche sein. In den beiden Bögen sehen wir jeweils einen dreieckigen Stein. Wenn wir an die Schwerkraft denken, wird die Besonderheit augenfällig. Es wäre eine große Ausnahme, wenn sich ein solcher Stein in einer Ruine halten würde. Dass der dreieckige Stein zweimal vorkommt, unterstreicht seine Bedeutung. Der dreieinige Gott ist selbst in der Ruine noch zu finden. Vielleicht möchten sie zurückfragen: Wo ist der dreieinige Gott, wo ist der Neuanfang konkret zu finden? Der Maler antwortet uns wieder mit einer Besonderheit, wie sie nur selten in einer Ruine vorkommt. Über den beiden Bogenresten erheben sich noch wenige Steine. Das von diesen Steinen eingeschlossene Feld zeichnet aus dem Hintergrund ein Kreuz. In dem Gekreuzigten finden wir die Hoffnung, die uns hält und selbst in schweren Tagen erhält.

Amen