Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jeremia 23,29–32

Pfarrer Dr. Guy M. Clicqué (ev.-ref.)

11.10.2012 in Erlangen

Synode der Ev.-ref. Kirche in Bayern (Bezirkssynode des Synodalverbandes XI der Ev.-ref. Kirche)

Liebe Gemeinde,

an diesem Ort, auf dieser Kanzel zu stehen, ist für mich etwas ganz Besonderes. In zwei Wochen ist es 25 Jahre her, daß ich zum ersten Mal auf dieser Kanzel gestanden habe: Damals als Theologiestudent in den ersten Semestern – heute stehe ich hier als vor wenigen Wochen in sein neues Amt eingeführter Pfarrer der reformierten Kirche in Bayern, als Pfarrer der Ev.-ref. Gemeinde in Schwabach.

Heute wie damals beim ersten Mal spüre ich die Macht, die von diesem Ort ausgeht. Es ist ein ungemein mächtiger Ort, so hoch über Ihnen zu stehen und zu predigen. Es ist erst einmal ein mächtiger Ort, weil ich so viel höher stehe als Sie. Und dies um so mehr, als heute die Kirche solchermaßen gut gefüllt ist. Es ist sodann ein mächtiger Ort, weil ich nicht damit zu rechnen brauche, daß irgendjemand von Ihnen laut oder auch nur leise gegen das protestieren wird, was ich sagen werde (obwohl ja die evangelischen Christen auch Protestanten genannt werden, aber das ist eine andere Geschichte). Ein guter Freund hat mir einmal angekündigt, während einer meiner Predigten laut dazwischenzurufen, wenn ihm etwas nicht gefällt – aber es war wohl nicht wirklich ernst gemeint. Wir sind hier in einer Kirche – anders als im Parlament oder im Bierzelt gibt es hier keine Zwischenrufe.

Und vor allem ist es ein mächtiger Ort, weil von hier Gottes Wort verkündigt wird. „Gottes Wort bleibt ewig“ steht auf dem Kanzelbehang in der Schwabacher Franzosenkirche. Gottes Wort ist mächtig, wie es das prophetische Wort aus dem Buch des Propheten Jeremia, Kapitel 23, Vers 29 beschreibt:

Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?

Gottes Wort ist mächtig, und indem ich Gottes Wort verkündige, habe ich teil an dieser Macht. Damit sind aber meine Worte überhaupt nicht mehr zu kritisieren: Denn wer kann unter diesen Umständen etwas gegen meine, also Gottes Worte, wer kann etwas gegen Gott selbst sagen? Frei nach Paulus: „Wenn Gott mit mir ist, wer kann dann noch gegen mich sein!“ (Röm 8,31b: Wenn Gott für uns ist, wer kann wider uns sein?)

Das ist wahre Macht: Das Wort Gottes zu verkündigen, das mächtig ist wie Feuer und wie ein starker Hammer, der Felsen zerschmettert. Ich spüre die Versuchung, eine richtige Gewitterpredigt zu halten, mit Feuer und laut hämmerndem Donner: Menschen ihre Untaten vorzuhalten, lautstark und machtvoll. Und ich spüre die Versuchung, Ungerechtigkeit anzuklagen, Fehler offenzulegen, und Verantwortliche deutlich beim Namen zu nennen.

Lese ich weiter aus dem Buch des Jeremia, die Verse 30–32, dann höre ich:

Darum siehe, ich will an die Propheten, spricht der HERR, die mein Wort stehlen einer vom andern.

Siehe, ich will an die Propheten, spricht der HERR, die ihr eigenes Wort führen und sprechen: »Er hat’s gesagt.«

Siehe, ich will an die Propheten, spricht der HERR, die falsche Träume erzählen und verführen mein Volk mit ihren Lügen und losem Geschwätz, obgleich ich sie nicht gesandt und ihnen nichts befohlen habe und sie auch diesem Volk nichts nütze sind, spricht der HERR.

Wenn ich diese biblischen Worte ernst nehme, dann bin ich auf der Kanzel nicht sehr mächtig – selbst wenn ich eine Viertelstunde sprechen kann, oder auch etwas länger, ohne daß jemand dazwischenredet. Denn wenn ich diese Worte ernst nehme, dann muß ich davon ausgehen, daß meine Worte nicht einfach Gottes Worte sind, nur weil ich von hier oben spreche. Ja, meine Worte könnten sogar Widerworte, Worte gegen das Wort Gottes sein. Ich muß also bescheiden davon ausgehen, daß meine Wort genau das sind, was sie sind: meine Worte.

Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt? Gottes Wort ist mächtig; welche Art von Macht ist dies aber eigentlich? Ist das wirklich Macht? Ist die wahre Macht nicht vielmehr in der näheren bzw. etwas weiteren Umgebung zu finden – für die Nicht-Erlanger unter Ihnen: hier gibt es mehrere bedeutende Konzerne. Ist die wahre Macht nicht dort, wo Worte von gewissen Männern Feuer verursachen können und Felsen zerschmettern, nicht aber das Wort Gottes?

Ja, welche Macht hat eigentlich das verkündigte Wort Gottes von der Kanzel? Und welche Macht haben überhaupt die Kirchen, die das Wort Gottes weitertragen in die Gesellschaft; ist die frühere Macht nicht schon längst verloren gegangen? Spielt es noch eine Rolle, was von den Kanzeln verkündigt wird, außer vielleicht für einen kleinen Bericht im Kulturteil der Zeitung am Heiligabend oder zu Ostern? Ist so betrachtet die Kanzel nicht ein viel weniger machtvoller Ort, als ich es zunächst gemeint hatte?

Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt? Das scheint zunächst eine große Übertreibung zu sein. Es gibt aber Situationen, es gibt Berichte in der Bibel, wo das Wort Gottes tatsächlich stark und machtvoll ist: Bei der Schöpfung der Welt schafft Gott allein durch sein Wort. So heißt es zum Beispiel am dritten Tag: Gott sprach Es werde Licht! Und es ward Licht. (Gen 1,3) Ein kurzer Satz Gottes nur, doch er bewirkt, was er sagt: Licht entsteht.

Ein einzelner Satz kann sehr mächtig sein: Eine Gruppe Menschen hat vor etwa 2000 Jahren eine Frau beim Ehebruch ertappt, und sie wollen sie nun steinigen. Als sie sich bei Jesus vergewissern, das Gesetz verlange doch diese Todesstrafe, da schweigt Jesus zunächst – und spricht dann nur einen einzigen Satz. Und dieser Satz genügt, um aus der erregten Menge, die schon die Steine in ihren Händen halten, einzelne Menschen zu machen, die nacheinander schweigend davongehen: „Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie! (Joh 8,7)

Ein Satz von Jesus Christus, dem einen Wort Gottes, wie es die erste These der Theologischen Erklärung von Barmen formuliert.

Ein einzelner Satz kann sehr mächtig sein: Nur wenige Jahrzehnte ist es her, daß der amerikanische Pastor Martin Luther King das Ende der Rassentrennung zwischen Schwarz und Weiß beschwor mit dem machtvollen Satz, der bis heute nachwirkt: „I have a dream!“ – „Ich habe einen Traum“.

Daß ein Satz voller Macht sein kann, gilt aber nicht nur für die großen Worte von berühmten Menschen; sondern dies gilt auch ganz im kleinen, in unserem Alltag: Vor vielen Jahren saß ich am Krankenbett meiner Frau in der Klinik. Der behandelnde Arzt hatte länger mit meiner Frau gesprochen, als er sich fast schon im Gehen noch kurz an mich wandte: „Na, für sie ist das ja auch nicht so ganz einfach.“ Ein einzelner Satz – und doch so machtvoll, so voller Segen, daß ich ihn bis heute spüre: Ich werde als Mensch, mit all meinen Sorgen und Nöten wahrgenommen.

Oder eine Situation, die wohl jede oder jeder von Ihnen kennt: Ein kleines Kind kommt auf Sie zu mit einem Bild, das es gemalt hat, und schaut Sie erwartungsvoll an. Sie haben keine Ahnung, was das sein soll – und trotzdem werden Sie sagen: „Ein tolles Bild, das Du da gemalt hast!“ Und wie machtvoll dieser kleine Satz „Ein tolles Bild!“ ist, können Sie direkt an dem hellen Strahlen im Gesicht des Kindes erkennen. Ein einzelner Satz!

Ich habe ganz bewußt positive Beispiele genannt, auch wenn negative Sätze mindestens ebenso machtvoll sind. Wer als Kind oft gehört hat: „Du kannst nichts!“, kämpft oft ein Leben lang damit, ein gesundes Selbstbewußtsein zu entwickeln. Ein einzelner Satz kann voller Macht sein!

Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt? Gottes Wort ist stark und mächtig, selbst wenn es aus unserer Sicht manches Mal als schwach und machtlos erscheint. Was folgt daraus für uns Christen, für uns als Kirche? Dies möchte ich mit zwei Begriffen beschreiben: Demut und Verantwortung. Demut und Verantwortung: Mit diesen beiden Begriffen ist ein Spannungsverhältnis beschrieben, in dem unser Verhalten je und je steht: Demut bedeutet zunächst einmal für mich als Prediger, daß das Wort Gottes für mich nicht verfügbar ist. Nicht ich spreche das Wort Gottes, sondern meine Worte stehen unter der Verheißung, daß diese Worte bei Ihnen, den Hörern als Wort Gottes ankommt, stark und mächtig. Daß Sie aber meine Worte tatsächlich als Wort Gottes hören, das kann ich nicht machen.

Das Wort Gottes ist stark und mächtig, aber diese Macht ist die Macht Gottes und nicht unsere. Wir mögen uns manchmal wünschen, sein Wort möge wie ein Hammer Ungerechtigkeiten zerschmettern, wir mögen ihn darum bitten, machtvoll zu wirken – aber es bleibt die Macht Gottes, über die er nach seinem Ratschluß verfügt. Dies bedeutet für uns: Demut – nicht zuletzt auch deshalb, weil das Wort Gottes ja auch uns selbst treffen könnte, und uns auf Falsches hinweisen.

Demut ist das eine – dazu gehört als anderes: Verantwortung. Es ist meine Verantwortung als Prediger, mich gut vorbereiten, mich mit all meinem Vermögen dafür einzusetzen, daß Gott mit meinen Worten ihr Herz erreicht, zu Ihnen spricht. Es also nicht so zu machen wie der Pfarrer, der sich einmal überhaupt nicht auf seine Predigt vorbereitete, denn er wollte den Heiligen Geist durch seine Worte ganz direkt und unverfälscht zu seiner Gemeinde sprechen lassen. Als er aber auf seine Kanzel stieg und darauf wartete, was ihm der Heilige Geist eingeben würde, da sprach dieser zu ihm: „Du bist faul gewesen, du hast deine Predigt nicht ordentlich vorbereitet!“

Demut und Verantwortung: Mit diesen Begriffen ist auch unser Leben und Handeln als christliche Gemeinde, als Kirche beschrieben. Es hat seinen guten Sinn, wenn wir eine Synode mit einem Gottesdienst beginnen, und jeden Morgen mit einer Andacht. Es hat seinen guten Sinn, wenn eine jede Presbyteriumssitzung „mit Schriftlesung und Gebet“ beginnt, wie es unsere Kirchenverfassung bestimmt (§ 29 Abs. 4 Satz1). Denn es ist so leicht, bei all den Problemen zu vergessen, daß wir die Kirche Jesu Christi sind. Daher ist das Wichtigste, immer wieder auf unseren Herrn Jesus Christus zu hören – und aus diesem Hören heraus unsere Verantwortung wahrzunehmen und gute Antworten auf die vielfältigen Fragen und Probleme zu suchen und zu finden.

Demut und Verantwortung: Mir scheint es allerdings, daß sich heute die Verantwortung oft stark in den Vordergrund drängt. Es gibt heute etwas zutiefst Heilloses in unseren christlichen Kirchen, in einer Zeit, wo die Einnahmen eher sinken und Menschen die Kirche verlassen, in einer Zeit, wo Gemeinden zusammengelegt und Pfarrstellen gekürzt werden. Gerade weil so viele ehrenamtliche, nebenamtliche wie hauptamtliche Mitarbeitende so engagiert mitarbeiten, stehen sie besonders in der Gefahr, ihre Verantwortung zu stark zu empfinden und sich persönlich zu stark zu belasten. So nimmt die Zahl der Pfarrerinnen und Pfarrer zu, die vor lauter Überforderung nicht mehr können (es ist ja ein deutliches Zeichen, daß es bereits seit einiger Zeit spezielle Häuser für solche zutiefst erschöpfte Menschen gibt). Der Druck nimmt zu, persönlich dafür zu sorgen, daß die Mitgliederzahlen steigen, mehr Geld in die Kasse kommt, der Einfluß auf Gesellschaft und Politik zunimmt. „Gemeinden müssen wachsen wollen“, lautete eine Parole in der reformierten Kirche vor einigen Jahren. In ähnlicher Weise blickt auch das EKD-Impulspapier „Kirche der Freiheit“ wachstumsorientiert auf das Jahr 2030 voraus.

Hier zeigt sich ein Problem, das noch viel tiefer reicht als die Erschöpfung einzelner Amtsträger. Als Anfragen formuliert: Geben wir der Demut nicht zu wenig Raum? Vergessen wir nicht immer wieder, daß der Glaube nicht machbar ist, sondern ein Geschenk Gottes? Daß all unser Tun, unser Machen, immer von der Einsicht ausgehen muß, daß wir aus Gott heraus leben?

Gottes Wort ist stark und mächtig wie ein Feuer oder ein schwingender Hammer; unsere Stärke liegt darin, dies anzuerkennen – und uns gesagt sein zu lassen, und nicht versuchen, Gott nachzumachen. Wir sollen unsere Verantwortung wahrnehmen – in Demut, uns immer wieder gesagt sein lassen, daß Gott Gott ist und wir von ihm geliebte Menschenkinder sind. Möge Gottes Wort in uns mächtig werden und uns in der Tiefe unseres Herzens anrühren und erfüllen.

Amen.