Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Hebräer 11,8-10

Pastor Wilko Hunger (ev.-luth.)

16.03.2014 in der Matthäus-Kirche zu Padingbüttel und in der St. Urbanus-Kirche zu Dorum

Predigt zu Hebr 11,8-10 (Übersetzung: Basisbibel)
Aufgrund seines Glaubens gehorchte Abraham, als Gott ihn rief.
Er zog fort an einen Ort, den er als Erbbesitz bekommen sollte.
Und er zog fort, ohne zu wissen, wohin er kommen würde.
Aufgrund seines Glaubens lebte er als Fremder in dem Land,
das Gott ihm versprochen hatte – ein Land, das ihm fremd war.
Er wohnte in Zelten, zusammen mit Isaak und Jakob,
die Miterben seiner Verheißung waren.
Er wartete nämlich auf die Stadt, die auf festen Grundsteinen erbaut ist – die Stadt, deren Planer und Gründer Gott selbst ist.

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war und der da ist und der da kommt! Amen.
„Warum reisen wir? … Damit wir Menschen begegnen, die nicht meinen, dass sie uns kennen ein für allemal; damit wir noch einmal erfahren, was uns in diesem Leben möglich sei.“ (Max Frisch).
In alten Zeiten reiste man langsamer. Viel langsamer.
Zu Fuß oder auf einem Tragtier oder mit dem Schiff,
jedenfalls mit viel Geduld.
Schritt für Schritt; Tag für Tag;
Wellenschlag für Wellenschlag im Rhythmus des Lebens.
In alten Zeiten reiste man langsamer.
Konnte unterwegs die Veränderung verfolgen,
die Veränderung der Landschaft, des Klimas.
Heute ist es anders,
erreichen wir unsere Ziele schneller als unsere Großeltern.
Erfüllen uns Träume.
Raus aus dem Alltag, all inclusive.
Und kehren dann zurück. Schnell.
Zu schnell. 8 Grad mit Nieselregen.
Und das Herz liegt noch unter Palmen.

Abraham. Der Ruf im Herzen, den niemand sonst hört.
Zwischen Sehnsucht und Gewissheit.
Sehnsucht: nach diesem einen Ort.
Nach Ankommen. Nach Gelobtem Land.
Gewissheit: es gibt diesen Ort. Irgendwo.
Irgendwo ist das Ziel. Mein Ziel.
Ein Ziel, dass ich mir nicht selbst setze – das Er,
der All-ewige, der Welterhalter und Menschenfreund, mir setzt.
Gewissheit: es wartet.
Nur nicht hier. Ich muss aufbrechen.
Schritt für Schritt; Tag für Tag;
Wellenschlag für Wellenschlag im Rhythmus des Lebens.
Mit Ihm.
All-ewig;
Welterhalter;
Menschenfreund.
Kein Mensch reist allein.

„Warum reisen wir? … Damit wir Menschen begegnen, die nicht meinen, dass sie uns kennen ein für allemal; damit wir noch einmal erfahren, was uns in diesem Leben möglich sei.“
Auf der Reise sein heißt: sich selbst suchen.
Die eigenen, unentdeckten Möglichkeiten.
Das verheißene, verborgene Land.
Und Leben ist: auf der Reise sein.
Sich selbst suchen.
Die eigenen, unentdeckten Möglichkeiten.
Das verheißene, verborgene Land.
Das „Was-wäre-wenn“.

Abraham. Zog fort, ohne zu wissen, wohin er kommen würde.
Wer weiß schon, wo er landet,
wenn er sich auf solche Reisen macht?!
Aufgrund seines Glaubens folgt er dem Ruf.
Aufgrund seines Glaubens landet er – immer noch im fremden Land.
Abraham kommt nicht an.
Er sieht es nur von ferne.
Ein Blick.
Eine Sehnsucht.
Eine Enttäuschung.
Ein Mensch.
Ein Traum.
Ein Grab.
Und immer wieder die Frage:
Wann ist das Leben ganz?

Jede Lebensreise hat ihre Wegkreuzungen.
Lebenshaltepunkte.
An denen sich die Welt verdichtet.
Wo alle Wege zusammentreffen.
Taufe. Hochzeit. Trauer und Abschied.
Und wie viele tausend Momente noch.
Diese bewussten Momente.
Anhalten.
Das Zelt aufschlagen.
Essen, trinken.
Gemeinsam erinnern, was hinter uns liegt.
Und sich des Weges bewusst werden.
Der Ziele.
Und der Wegbegleiter.
Derer, die mit uns sind.
Und derer, die mit uns waren und es nicht mehr sind.
Sie alle begleiten uns.
Und nicht nur sie.
Abraham. Mit Isaak und Jakob, die Miterben seiner Verheißung waren.
Miterben.
Weitergegebene Sehnsucht.
Niemand ist Herr seiner eigenen Sehnsucht.
Geliehen ist sie. Geliehen von den Vätern und Müttern.
Unerfüllte Sehnsucht.
Noch nicht voll eingelöst.

Unerfüllte Sehnsucht.
Wie viel unerfüllte Sehnsucht trage ich in mir?
Wie viele Was-wäre-wenn, die ich mir geschickt zu denken verbiete?
Damals, am Anfang meiner Reise:
Was habe ich vorgehabt – und was steht noch aus?
Und: welcher Funke glimmt noch?
Viel mehr, als ich manchmal denke.
Da geht noch was.
Noch viel.
Ich bin unterwegs.
Ich warte.
Aber ich warte nicht ab.
Ich warte zu.
Auf Ihn zu, der uns voraus lebt.
Uns zum Zeichen.
Eingelöste Sehnsucht.
Vorgeschmack der Zukunft.
Ich lebe, und ihr sollt auch leben.

„Warum reisen wir? … Damit wir Menschen begegnen, die nicht meinen, dass sie uns kennen ein für allemal; damit wir noch einmal erfahren, was uns in diesem Leben möglich sei.“ –
Und dann dieser Eine.
Der Bruder.
Mehr als ein Mensch – Gesicht Gottes.
Der mich kennt, besser als ich selbst.
Und der sagt: Komm mit mir.
Hab keine Angst.

Wegkreuzungen.
Anhalten.
Das Zelt aufschlagen.
Ein Zelt ist keine Bleibe, sondern für den Weg.
Das nehme ich mit.
Das wärmt und gibt Schutz.
Ich weiß: Eines Tages werde ich das Zelt ent-wohnen.
Ankommen.
Nicht mehr auf der Kreuzung rasten,
halb im Bleiben, halb im Gehen.
Nein, eines Tages werden wir ankommen.
Die Stadt, die auf festen Grundsteinen erbaut ist,
die Stadt, deren Planer und Gründer Gott selbst ist –
die wird am Ende stehen.
Aber noch nicht.
Noch sind wir unterwegs.
Suchen.
Finden.
Schritt für Schritt; Tag für Tag;
Wellenschlag für Wellenschlag im Rhythmus des Lebens.
Mit Ihm.
All-ewig;
Welterhalter;
Menschenfreund.
Kein Mensch reist allein.
Amen.