Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über „Gott stört“

Florian Flohr

16.12.2007 in der Luzerner Hofkirche

3. Advent / 25 Jahre Caritas Luzern

Aus Anlass des 25-Jahr-Jubiläums der Caritas Luzern

Drei kurze Flashs aus meinem Alltagserleben möchte ich an den Anfang meiner Predigt stellen, liebe Mitchristinnen und Mitchristen, (liebe Gäste beim 25-Jahr-Jubiläum von Caritas Luzern).

Meine 17jährige Tochter hat mich vor einiger Zeit bei einem Abendessen ziemlich genervt, weil sie sich demonstrativ gesund ernährte, Quark und Rüebli ass und Wasser trank, während der schon recht beleibte Vater bei Käse, Brot und Wein kräftig zuschlug. Als ich mich dann auch noch über sie lustig machte und über die „Gesundbeter“ lästerte, verliess meine Tochter wütend den Tisch, machte noch die Bemerkung „Friss dich doch zum Herzinfarkt“ und rauschte ab in ihr Zimmer. Ich ärgerte mich damals sehr darüber und fühlte mich in meiner Erwartung auf ein gemütliches Familien-Znacht massiv gestört und enttäuscht.

Die Geschäftsstellenleiterin der Wohnbaugenossenschaft, bei der ich im Vorstand mitwirke, erzählte letzte Woche in einer Sitzung, dass ein Kollege kräftig ausgerufen habe. Es ging um eine Frau, die mit drei Kindern aus dem Frauenhaus kam und vor einem halben Jahr dringend eine Wohnung suchte. Er sei ihr entgegengekommen und habe ihr aus Goodwill schnell eine Wohnung vermittelt. Jetzt aber sei die Frau schon wieder weg. Hals über Kopf habe sie verschwinden müssen, weil ihr gewalttätiger Ex-Mann sich wieder aufgetaucht sei. „Schon wieder ein Mieterwechsel. Nur Ärger hat man mit diesen Sozialfällen, nächstes Mal nehmen wir nicht mehr so jemand!“, habe der Wohnungsverwalter sich ereifert.

Schliesslich stiess ich wieder auf eine Zeitungsbeilage, die ich mir im Sommer auf Seite gelegt hatte. Und ich blieb bei folgender Seite hängen: „Man nennt sie Flüchtlinge oder Asylsuchende. Arbeitslose, Obdachlose, Working Poor. Sie erscheinen in Statistiken und in Parolen. Aber sie alle tragen einen Namen. Und jede und jeder hat eine Geschichte zu erzählen. Es sind Menschen wie Claudia Burri, Najat El-Daou, Hanspeter Léchenne, Hanspeter Renggli und Faiz Savez.“ (Caritas-Zeitung zum 25-Jahr-Jubiläum, Mai 2007, S.4)

Diesen drei Erfahrungen möchte ich einen gemeinsamen Namen geben. Ich möchte sie deuten und auch mit anderen Erfahrungen und Geschichten in Verbindung bringen, die wir hier gehört haben. Und ich schlage als gemeinsamen Nenner zwei Worte vor: „Gott stört.“ Ja, sie haben recht verstanden: „Gott stört.“ Vielleicht wundern sie sich, dass ich bei so alltäglichen Geschichten das Wort „Gott“ gebrauche, aber ich meine, das ist der Kern unseres Christseins, dass Gott mitten im Alltag buchstabierbar wird. Und vielleicht ärgern sie sich, dass ich Gott mit einem so unschönen Wort wie „stören“ zusammenbringe, aber ich bin überzeugt, dass es notwendig ist, ja sogar unabdingbar.

Gott stört. Ein Gott, der nicht stört, ist jedenfalls nicht der Gott der Propheten, kann nicht der Gott des Jesus von Nazaret sein. Ein Gott, der mich ganz persönlich nicht stört, der uns als Kirche und Gesellschaft nicht verstört, der manche Ordnungen und Selbstverständlichkeiten nicht zerstört, mit dem stimmt etwas nicht.

Denn einen Gott, der nicht stört, den haben wir als Menschen an unsere Bedürfnisse angepasst, in unseren schmalen Horizont eingepasst, für unsere Kleingläubigkeit domestiziert. Ein Gott, der nicht mehr stört, ist zum Götzen geworden: zum Produkt des Menschen, das als Gottesbild überhöht wird.

Wenn Gott ist, dann ist er ein ganz anderer. Wenn Gott wirkt, dann ist sie auch eine verwirrende, zerstreuende, verstörende, aufrührerische Kraft. Und dieser ganz Andere, diese aufrüttelnde Kraft begegnet mir bevorzugt in anderen Menschen, die mich und meine Kreise stören, die für mich unbequem sind, die an den Säulen meiner Selbstverständlichkeiten und Gewohnheiten sägen. Der ganz Andere ist ganz konkret zu haben als Gegenüber, das mir widersteht.
- Wie meine Tochter, die mich hartnäckig auf die Verantwortung für meinen Körper und meine Gesundheit hinweist.
- Wie die Frau aus dem Frauenhaus, die mir vor Augen führt, dass das Wohnungen vermieten nicht als Geschäft wie jedes andere als möglichst reibungslos abgewickelt werden darf.
- Wie die Sätze aus der Caritas-Zeitung, die sozialtechnologische Lösungen und von Finanzlogik gesteuerte Sozialpolitik als zynisch entlarven.

Natürlich muss ich nicht alles, was mich stört oder ärgert, sofort mit Gott in Verbindung bringen. Aber ich denke, wir sollten aufmerksam und hellhörig werden, wenn uns die Galle hochgeht, wenn uns die Haare zu Berge stehen, wenn der Zweifel an uns nagt. Es könnte sein, dass es sich um eine Störung Gottes handelt, das heisst, dass wir persönlich und gesellschaftlich existenziell herausgefordert sind.
- Der Gott, der Gelähmte umherspringen lässt wie Hirsche, unterbricht die Gewohnheiten, die uns träge und abhängig machen.
- Der Gott, der Stumme jubeln lässt, bringt Machtgebilde zum Einsturz, die auf Arroganz und dem Duckmäusertum einer schweigenden Mehrheit beruhen.
- Der Gott, der in der Wüste Wasser aufbrechen lässt, stellt die Sachzwänge in Frage, die wir uns selber konstruieren, und verlacht die Gewinnzwänge, mit denen wir unseren Planeten auszubluten drohen.
- Der Gott, der Blüten gratis wachsen lässt, stört diejenigen, die alles zum Geschäft machen wollen.

Liebe Mitchristen, (liebe Gäste beim 25-Jahr-Jubiläum von Caritas Luzern), ich denke, dass wir Gottes Unterbrechungen und Verwirrungen als produktiv und konstruktiv erfahren können, wenn wir darüber ins Gespräch kommen und gemeinsam versuchen, neue Wege zu gehen. Es wäre jedenfalls gut, wenn Gottes Störungen Vorrang hätten vor unseren eingespielten Abläufen und geheiligten Gedankengebäuden.
Deshalb wünsche ich uns allen (und vor allem den Mitarbeitenden und Freiwilligen bei Caritas), dass wir uns immer wieder neu von anderen und unbequemen Menschen verwirren lassen.
Ich wünsche der Caritas als Organisation, dass sie sich von aktuellen und latenten Nöten aufrütteln, aber auch von neuen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Ideen antreiben lässt.
Und ich wünsche schliesslich unserer Gesellschaft eine Caritas, die das Stören nicht verlernen,
- als Anwältin der Sprachlosen und Benachteiligten,
- als Bewegung, die andere Werte als den Return on Investment pflegt,
- als Teil einer weltoffenen und dienende Kirche, deren Kerngeschäft „Gerechtigkeit und Liebe“ heisst.

Ja, Gott, störe uns, heute und immer, wenn wir es nötig haben.

Amen.