Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Epheser 4,2-10

Wolfgang Kolnsberg (ev)

15.08.2010 im Ev. Gemeindehaus Kirchplatz

"Ein Herz, das Demut übet" (Eph 4,2-10)

Der Gottesdienst war als Open-Air-Veranstaltung im Kurpark Bad Sassendorf
geplant. Wegen unsicherer Wetterlage wurde alternativ geplant und die
Schlechtwetter-Version im Gemeindehaus (wegen Anstricharbeiten war die
Kirche geschlossen) gehalten (ca. 150 Besucher) mit Posaunenchor und
Programm-Zettel.

 

 

Kanzelgruß – Anrede

 

D E M U T 

        D  wie dienlich, wie ehrlich,   wie menschlich, wie untertänig und  wie treu.

Ein Wort, das nicht mehr in unsere Welt passt. Ja, es kommt aus den alten Zeiten mit oben und unten, reich und arm, mächtig und abhängig. Da gab es Herrschaften und Sklaven, Mächtige und Diener. Ja, es war eine andere Welt: Macht, Glanz und Herrlichkeit für die Herrschaft – Demut, Verehrung und Hingabe von den Untertanen. Auf diesem Hintergrund

ist der Wochenspruch dieser Woche formuliert: „Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“

Das ist die alte Vorstellung von Herr und Untertan, oben und unten. Demut – kein Wort für die moderne Welt. Überholte Strukturen, veraltete Botschaft. Kein Wunder, wenn die alte Botschaft nicht mehr ankommt. Oder?

Am letzten Montag kam es plötzlich vor: das Wort demütig aus dem Mund von Sprecher Klaus Kleber im Bericht über die Katastrophen von Feuer und Wasser in Russland und Pakistan – und dem Elend in so vielen Teilen der Welt. „Demütig“ im Sinne von ausgeliefert und schwach und dann eben auch angewiesen auf Hilfe zum Leben. Und: Lebensraum zu haben, ist nicht selbstverständlich.

Die Angst um diese Welt und ihren Bestand ist zur Grund-Angst geworden, die uns verunsichert hat. Ja, irgendwie ist da so ein Gefühl: Wir haben es nicht mehr im Griff, es läuft aus dem Ruder – auch der Wirtschaft, der Politik und sogar der Wissenschaft.

Müssen wir wieder ganz klein anfangen? Ist vielleicht der Wochenspruch aus 1Petr doch nicht ganz abwegig oder das noch viel ältere Wort des Propheten Micha: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ DEMUT – ein Wort, das nicht mehr in unsere Welt passt? – Vielleicht doch? Ja, vielleicht sollten wir neu lernen, es wahrzunehmen, zu verstehen und wert zu schätzen, um neue Perspektiven zu entdecken wie es in der Epistel zum heutigen Sonntag im Epheserbrief 2,4-10 beschrieben wird: Aber Gott, der da reich ist an Barmherzigkeit, hat um seiner großen Liebe willen, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in den Sünden, samt Christus lebendig gemacht, denn aus Gnade seid ihr gerettet worden. Und hat uns mit ihm auferweckt und samt ihm in das himmlische Wesen gesetzt in Christus Jesus, auf dass er erzeigte in den kommenden Zeiten den überschwäng-lichen Reichtum seiner Gnade durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus. Denn aus Gnade seid ihr gerettet worden durch den Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus den Werken, auf dass sich nicht jemand rühme. Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, welche Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.

Das ist nicht gerade eine leichte Kost. Das sind 20 Theologische Begriffe auf kleinem Raum in sieben Versen und aus alter Zeit, gerichtet an Menschen in Verfolgung und Bedrängnis.

Auch eine Botschaft für uns?

Versuchen wir es etwas einfacher: „Wir waren tot – aber durch Christus sind wir lebendig gemacht.“ -  Waren wir tot?  –  Das geht doch wohl nicht an! Wir sind nicht tot, weder in der Vergangenheit und noch in der Gegenwart Wir wollen noch einige Jahre leben wie wir schon einige Jahre gelebt haben. Tot – ja, eines Tages,  aber nicht so bald.   Und doch gibt es Totes in unserem Leben – auch ohne Sterben. Es gibt die vielen toten Dinge: Gegenstände, Möbel, Werkzeuge.  –   Aber auch: „Der ist für mich gestorben!“  Menschen werden sozusagen für tot erklärt!  Man kann sie vergessen! – Das ist Tod in unserem Leben. Dieser Tod besteht darin, Menschen - und auch Gott – hinaus zu denken und hinaus zu wünschen.

Der 2. Gedanke: Durch Jesus Christus ins neue Leben, in ein Leben ohne diesen Tod, ohne Dinge, Menschen und Gott sterben zu lassen. Die Verfasser der Bibel nennen das „Heil“ = Schalom: Wir bekommen neue Möglichkeiten zum Leben, nicht durch eigene Leistungen, sondern als Geschenk. Das geschieht in einer Welt, in der alles auf Leistung ausgerichtet ist – vom Kindergarten bis zum Altenheim: „Was unser Kind schon alles kann“ bis hin zu „Was unsere Oma noch alles kann“. Das Prinzip Leistung – es ist auch in der Kirche verbreitet – gerade auch angesichts der knappen Finanzen. Dazwischen liegt der Kampf um gute Zensuren, um Lehrstelle und Studienplatz, Kampf und Mobbing im Beruf. Ja, sogar in der Freizeit mit dem Wunsch, sich viel leisten zu können. Genauso auch im Sport, wo am Ende dann Richter über die Medaillen entscheiden müssen. Ja, wir sind im Leistungsdenken und in den Leistungsstrukturen verstrickt. – Unser Leben als Geschenk Gottes?  Das klingt weit weg und weltfremd. Vielleicht deshalb, weil wir Christenmenschen sein wollen in dieser Welt. Dann ist die Gefahr, auch von dieser Welt zu sein. Es ist immer ein schmaler Weg zwischen den Ansprüchen und den wirklichen Lebensbereichen. Aber wenn es darauf ankommt, gilt: Für uns gegeben. Das führt zum Leben, im Abendmahl wie auch in der Taufe. Durch den Tod ins wahre Leben geht der Weg des Christen: Das Wasser der Taufe macht deutlich: Es ersäuft die alte Welt und schafft das Neue in Jesus Christus: Das Alte ist vergangen, siehe Neues ist geworden. Im Sakrament wird es deutlich: Neues Leben, neues Sein!

„Aber den Demütigen gibt er Gnade!“  Dann ist unser Leben nicht mehr ein Leben zum Tode als Ende dieses irdischen Lebens, sondern schon hier gibt es Zeichen für das Leben, das größer und mächtiger als alle unsere toten Machwerke ist.

Gnade hat viel mit Dankbarkeit und Freude zu tun. Aus der Perspektive der Demut werden wir sie wahrnehmen können als Geschenk, als Gabe Gottes, als Leben, das stärker ist als Tod und Vergänglichkeit. Untrügliches Zeichen dafür: die Osterkerze!

Manchmal werde ich gefragt: „Na, wie ist es denn so als Rentner?“ 

Wenn es schnell gehen soll, ist die Antwort: „Durchwachsen, gewöhnungsbedürftig, es geht.“ Dann wird der „small-talk“ zum „very-small-talk“.  –  Das braucht dann noch weniger Zeit. Aber eigentlich ist das nicht gut. Ein wenig mehr Nachdenken, ein wenig mehr Zeit Nehmen, auch für sich selbst. Dann kommt die Erkenntnis, dass diese Negativ-Äußerungen eigentlich ein Stöhnen auf hohem Niveau sind.

Wie viele in unserem Alter sind schon gestorben, gar nicht mehr da.

Geht es uns nicht weitgehend gut? 

Wir sind nicht von Fluten und verbrannter Erde bedroht wie die Menschen in Pakistan und Russland.

Ja, da passt dann wohl doch das Wort demütig in die Heute-Nachrichten.

Ja, es ist Gnade! Unser Leben ist erfüllt von Zusagen und Zuwendungen.

Amen.