Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Deuteronomium 5,1-22

Pfarrer Dr. Stefan Krauter (ev)

05.08.2012 im Ulmer Münster

Einführung zur Ulmer Sommerpredigtreihe 2012 zu den Zehn Geboten

Und Mose rief ganz Israel zusammen und sprach zu ihnen: Höre, Israel, die Gebote und Rechte, die ich heute vor euren Ohren rede, und lernt sie und bewahrt sie, dass ihr danach tut! Der HERR, unser Gott, hat einen Bund mit uns geschlossen am Horeb und hat nicht mit unsern Vätern diesen Bund geschlossen, sondern mit uns, die wir heute hier sind und alle leben. Er hat von Angesicht zu Angesicht mit euch aus dem Feuer auf dem Berge geredet. Ich stand zu derselben Zeit zwischen dem HERRN und euch, um euch des HERRN Wort zu verkündigen; denn ihr fürchtetet euch vor dem Feuer und gingt nicht auf den Berg. Und er sprach: Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Du sollst dir kein Bildnis machen in irgendeiner Gestalt, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist. Du sollst sie nicht anbeten noch ihnen dienen. Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten. Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht. Den Sabbattag sollst du halten, dass du ihn heiligest, wie dir der HERR, dein Gott, geboten hat. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tag ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Rind, dein Esel, all dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt, auf dass dein Knecht und deine Magd ruhen gleichwie du. Denn du sollst daran denken, dass auch du Knecht in Ägyptenland warst und der HERR, dein Gott, dich von dort herausgeführt hat mit mächtiger Hand und ausgerecktem Arm. Darum hat dir der HERR, dein Gott, geboten, dass du den Sabbattag halten sollst. Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, wie dir der HERR, dein Gott, geboten hat, auf dass du lange lebest und dir's wohlgehe in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird. Du sollst nicht töten. Du sollst nicht ehebrechen. Du sollst nicht stehlen. Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus, Acker, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was sein ist. Das sind die Worte, die der HERR redete zu eurer ganzen Gemeinde auf dem Berge, aus dem Feuer und der Wolke und dem Dunkel mit großer Stimme, und tat nichts hinzu und schrieb sie auf zwei steinerne Tafeln und gab sie mir.

 

So lauten im 5. Buch Mose die Zehn Gebote. „Zehn Angebote“ nennt Michael Schmidt-Salomon seine Alternative zu ihnen. Die Zehn Angebote stehen im „Manifest des evolutionären Humanismus“, das er im Auftrag der kirchenkritischen und antireligiösen Giordano-Bruno-Stiftung geschrieben hat. In der Vorbemerkung heißt es:

„Die zehn ‚Angebote‘ wurden von keinem Gott erlassen und auch nicht in Stein gemeißelt. Keine ‚dunkle Wolke‘ soll uns auf der Suche nach angemessenen Leitlinien für unser Leben erschrecken, denn Furcht ist selten ein guter Ratgeber. Jedem Einzelnen ist es überlassen, diese Angebote angstfrei und rational zu überprüfen, sie anzunehmen, zu modifizieren oder gänzlich zu verwerfen.“

Die Diskussion über die Beschneidung, die in den letzten Wochen durch Zeitungen, Leserbriefspalten, Internetforen und auch politische Gremien ging, hat gezeigt, dass gar nicht so wenige Menschen für diese Argumentation empfänglich sind: Hier die demokratisch legitimierten Grundrechte – dort der irrationale Zwang einer Religionsgemeinschaft, hier das Licht der Aufklärung – dort das Dunkel eines archaischen Ritus, hier freie Angebote – dort Unterwerfung fordernde Gebote. Wer wollte da widersprechen – und sich damit selber in die Ecke des dumpfen religiösen Eiferers stellen? Kann man heute ernsthaft noch mit zwei von Gott mit eigener Hand beschriebenen Steintafeln vom hohen Berg herabkommen und unbedingten Gehorsam verlangen? Die meisten Menschen würden dem Inhalt der Zehn Gebote wohl mehr oder weniger zustimmen. (Michael Schmidt-Salomon ist in seinen Zehn Angeboten übrigens auch nichts besonders Originelles eingefallen.) Doch die Begründung, die scheint nicht mehr nachvollziehbar zu sein: Gott will es. Warum? Und woher wissen wir das überhaupt? Wieso sollten die Jahrtausende alten Lebensregeln eines Wüstenstammes heute noch gelten und für die Probleme des 21. Jahrhunderts etwas austragen?

Freilich: Wer so argumentiert, der hat nur die halbe Geschichte gelesen. Und leider verleitet Martin Luthers Katechismusfassung der Zehn Gebote auch dazu, die Geschichte zu vergessen, die hinter diesen Geboten steht. Generationen von Konfirmanden haben sie so auswendig gelernt, diese scheinbar vom Himmel gefallenen Verbote: Du sollst nicht, du sollst nicht, du sollst nicht. „Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst nicht andere Götter haben neben mir“, steht im Gesangbuch. Da liegt das Zerrbild des eifersüchtigen, zornigen, verbietenden Gottes in der Tat nicht fern. „Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft“, beginnen die Zehn Gebote in der Bibel – und das klingt schon ziemlich anders!

Nicht irgendwann, irgendwo, irgendwem hat Gott seine Gebote gegeben, sondern einem Haufen entlaufener Sklaven. Sie hatten gelitten an der Willkür, der Ausbeutung, ja dem Vernichtungswillen ihrer Herren. Sie waren am Meer knapp dem Tod entronnen. Sie hatten ihre Befreiung begeistert gefeiert – und sich dann zurückgesehnt nach Ägypten. Abhängigkeit ist auch bequem, und Freiheit ist anstrengend.

Entlaufene Sklaven, befreite Knechte sind es, die diese Gebote bekommen, nicht als neue Einschränkungen, sondern als Regeln zur Bewahrung ihrer Freiheit. Wenn man sich das klar macht, dann klingen die altbekannten Zehn Gebote noch einmal anders.

Das beginnt mit dem Gebot, den Feiertag zu heiligen. Klingt das nicht nach katholischer Sonntagspflicht, nach dem Absitzen von Predigten in harten Kirchenbänken, nach endlos langweiligen Karfreitagen, an denen die Kirche als Spaßbremse das Tanzen verbietet? Für Menschen, deren Lebenswert nach ihrer Arbeitsleistung berechnet wurde, klingt es ganz anders! Aus dieser Perspektive geht es darum, eine Grenze zu setzen, eine wohltuende, befreiende Grenze, die sagt: So, bis hier hast du gearbeitet, das war anstrengend, aber auch notwendig. Doch jetzt ist Sabbat, jetzt hast du frei, jetzt bist du frei. Du bist mehr als deine Arbeit. Du und alle deine Mitmenschen, ihr seid mehr als euer wirtschaftlicher Nutzen.

Heißt das nun, dass man eine Regel über einen Feiertag, die für Hirten von vor 3000 Jahren passte, eins zu eins heute umsetzen muss? Nein, natürlich nicht. Selbstverständlich wandelt sich das Freizeitbedürfnis von Menschen mit der Zeit, und darum beginnt ja die Diskussion, wie man dieses Gebot auslegen und umsetzen soll, schon in der Bibel im Neuen Testament. Und doch brauchen wir eine definitive Grenze unserer Arbeitsbelastung, damit wir frei bleiben. Es ist ja so einfach, über orthodoxe Juden zu lachen, die am Schabbat nicht Aufzug fahren und den Herd nicht anschalten. Vielleicht sollten wir lieber über uns lachen, denen sonntags im Advent nichts Prickelnderes einfällt als Shoppengehen und die es für ihr gutes Recht halten, jeden Samstag bis spät in die Nacht einzukaufen – dass die Kassiererin bis früh morgens aufräumt und abrechnet und am Sonntag einfach nur todmüde ist, ist ja ihr Problem.

Oder nehmen wir das Gebot, nicht die Ehe zu brechen: Da kann man leicht vom Leder ziehen über die verklemmte kirchliche Moral, die alles, was am Sex Spaß macht, als fleischliche Sünde verdammt. Für Menschen in der Antike, die der Sklaverei entronnen waren, klang dieses Gebot sehr anders. Sklaven und Sklavinnen gehörten ihrem Herrn mit ihrem Körper. Ob sie miteinander verheiratet waren, das interessierte nicht. Was ihr Herr von ihnen wollte, das bekam er. Deshalb zieht auch dieses Gebot eine befreiende Grenze, die Grenze, wo ich das Recht habe zu sagen: Das ist meine Frau, nicht deine. Das ist mein Mann, nicht deiner. Das ist mein Körper, der nicht dir zur Verfügung steht.

Sicher: Es gab und es gibt viel zu kritisieren an kirchlicher Doppelmoral. Und sicher: Auch hier wandelt sich die Welt. Auch dieses Gebot wird schon im Neuen Testament gedeutet und ausgelegt, und ebenso müssen auch wir es deuten und auf unsere Zeit bezogen umsetzen. Und dann ist wohl nicht die vor einem deutschen Standesbeamten geschlossene Ehe die einzige christliche Lebensform, sondern es gibt eine ganze Menge anderer Möglichkeiten von liebevollen, verlässlichen und darum von Gott gesegneten Partnerschaften. Aber wer meint, sexuelle Freiheit sei, dass jeder macht, was er will, der hat die Augen vor der Realität fest verschlossen. Er will nicht sehen, wie verletzlich Menschen gerade in diesem sensiblen, intimen Bereich sind. Er will nicht sehen, wie viel Sex mit Macht und darum mit Ausbeutung und Unterdrückung zu tun hat. Auch in diesem Bereich brauchen wir um unserer Freiheit willen eine Grenze.

Nehmen wir schließlich noch das letzte Gebot, das verbietet, den Besitz des Nächsten zu begehren. Ein unbeliebtes Gebot, v.a. bei Konfirmanden, weil man es so schwer auswendig lernen kann. Ein unbekanntes Gebot – meistens versteht man es in dem Sinne, dass man nicht neidisch sein soll. Und dann liegt das Missverständnis schon wieder sehr nahe: Fromme Schicksalsergebenheit schwingt dann mit, dass man sich immer mit seinem Los zufrieden gibt, nie aufmuckt. Dabei ist gerade dieses Gebot dasjenige, in dem die Geschichte hinter den Geboten noch einmal ganz klar wird, jener Kontext, aus dem die Gebote ihre Kraft und Prägnanz bekommen. Es ist bezeichnend, dass es in jenen nicht religiösen Zehn Angeboten von Michael Schmidt-Salomon kein Pendant zu diesem Gebot gibt. Wenn man am Schreibtisch über vernünftige Regeln nachdenkt, kommt manches heraus. Wenn man aus der Knechtschaft entflohen und durch die Wüste gezogen ist, versteht man, dass Freiheit immer eine konkrete wirtschaftliche Grundlage hat. Man kann viele vernünftig begründete Rechte auf dem Papier haben – wenn man nicht die Mittel hat, sein Leben selbständig zu führen, dann sind sie nichts wert. Darum beginnt Freiheit mit dem Respekt vor der Lebensgrundlage des anderen. Natürlich ist Streben nach Gewinn ein wichtiger Motor des wirtschaftlichen und damit auch gesellschaftlichen Fortschritts. Aber ein freier Markt ist nicht der, wo jeder alles macht, was er will, sondern wo man dem anderen das Seine, das er zum Leben braucht, lässt.

Diese drei Beispiele sollen genügen. Ich hoffe, es ist klar geworden, welche Geschichte hinter den Zehn Geboten steht: Die Geschichte der Befreiung aus der Knechtschaft. Entlaufene Sklaven stehen am Sinai. Das gibt den Zehn Geboten ihre Prägnanz und ihre Kraft bis heute. Denn es führt direkt zu der zentralen Frage: Wie kann Freiheit bewahrt werden? Wie gehen wir gemeinsam auf dem schmalen Grat zwischen Missbrauch von Freiheit zu Lasten anderer auf der einen Seite und dem Rückweg in bequeme Abhängigkeit und Hörigkeit auf der anderen Seite. Freiheit braucht einen Freiraum, in dem sie aufgehen, wachsen, blühen kann. Und dieser Freiraum braucht Grenzen.

Darum sind „Zehn Angebote“ überhaupt gar nicht vernünftig, sondern schon in sich unsinnig. Angebote sind wunderschön. Wir sind frei. Wir dürfen jeden Tag 10, 11, 12, 100 Angebote machen, diskutieren, annehmen, ablehnen. Aber damit wir frei sind, brauchen wir Grenzen. Und diese Grenzen können keine Angebote sein, sie müssen um unserer Freiheit willen Gebote sein. Wir brauchen definitive Stoppschilder, wo wir andere knechten oder uns selbst zu Knechten machen. Nicht zu viele, nicht zu wenige. Zehn sind gerade richtig: an den Fingern abzählbar, mit beiden Händen in die Tat umzusetzen. Mindestregeln für ein Leben in Freiheit, die man von jeder und jedem erwarten kann.

Und damit kommen wir zum Beginn der Zehn Gebote: Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Du sollst dir kein Bildnis machen in irgendeiner Gestalt. Du sollst sie nicht anbeten noch ihnen dienen. Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten. Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.

Wird nicht hier – so könnte ein Kritiker einwenden – nun doch deutlich, dass es um Intoleranz und religiösen Zwang geht? Ist das nicht ein strafender, zorniger, eifernder Gott? Wird nicht spätestens hier klar, dass das alles schön und nett ist, was der liberale Pfarrer über Freiheit redet, aber letztendlich doch nur Tarnung?

Ich möchte mir die Antwort darauf nicht zu leicht machen. Ja, selbstverständlich kann man mit Religion Menschen Angst machen, und das hat man auch getan. Die Geschichte der Kirche, auch die unserer evangelischen Kirche, ist in dieser Hinsicht nicht so, dass man unbedingt stolz auf sie sein müsste. Ich sehe aber auch, dass unser Glaube eine Entwicklung hinter sich hat, in der er immer wieder eine erstaunliche Fähigkeit zur ehrlichen, ja schonungslosen Selbstkritik gezeigt hat, und dass wir wirklich dazugelernt haben. Einen Pfarrer, der Kindern Angst vor Gottes Strafe oder gar vor der Hölle macht, kenne ich jedenfalls nicht – auch in ganz frommen Kreisen nicht.

Ja, aber warum dann diese Unbedingtheit? Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Ich bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen. Nicht um jemandem Angst zu machen. Furcht ist tatsächlich ein schlechter Ratgeber. Aber die realistische Abschätzung negativer Folgen nicht. Die Zehn Gebote machen uns unmissverständlich klar, welche Verantwortung wir tragen. Denn Freiheit hat einen Kern, in dem es keine Kompromisse geben kann. Wenn Menschen ihr Lebensrecht, ihr Eigentum, ihre Intimsphäre, ihre Stimme genommen wird, dann kann nicht jeder, wie er möchte, Angebote annehmen oder ablehnen oder modifizieren. Dann muss ich mich entscheiden zwischen dem wahren und dem falschen Glauben, zwischen dem befreienden und erlösenden Gott und den knechtenden Götzen.

Diese Entscheidung hat Konsequenzen, gute oder schlechte. Werden wir unser Verantwortung nicht gerecht und verletzen die Freiheit der anderen oder unsere eigene, dann stören oder zerstören wir unser Zusammenleben nachhaltig – bis in die dritte und vierte Generation. Wo wir aber die Mindestregeln für ein Zusammenleben in Freiheit achten und verteidigen, da tut sich ein weiter Raum auf, in dem bunte Vielfalt und große Toleranz herrschen – und Gott seine Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die ihn lieben und seine Gebote halten.