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Predigt über das Vaterunser

Pfarrer Reiner Fröhlich (ev)

07.11.2010 in der Margarethenkirche in Kierspe

"Dein ist das Reich!"

 

Liebe Gemeinde!

Heute ist die letzte Predigt in unserer Predigtreihe über das Vaterunser.

Im Vaterunser heißt es am Schluss: Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Dein ist das Reich!

Das Reich Gottes hat mit Jesus zu tun. Jesus bringt das Reich Gottes. Jesus ist das Reich Gottes.

Die Jünger fragen Jesus, wie sie beten sollen: „Herr, lehre uns beten.“

Jesus lehrt sie das Vaterunser. Das Vaterunser ist ein Geschenk von Jesus an die Jünger und an uns. Genau so dürfen wir beten.

Im Vaterunser heißt es nun: „Dein ist das Reich!“

Wie ist das zu verstehen? Reich Gottes, was ist das?

In Deutschland kennen wir den Begriff „Reich“. Im Mittelalter gab es das Heilige römische Reich deutscher Nation mit einem Kaiser als Oberhaupt.

Davor war Karl der Große. Den kennen wir auf jeden Fall. Der hat ein gesamt - europäisches Reich gegründet und wurde der erste germanische Kaiser.

           

Reich, das bedeutet also: „Herrschaft“, „Regierungsgewalt“. Reich, das bedeutet auch den Herrschaftsbereich, das ist das Gebiet, das ein Herrscher kontrolliert und in dem seine Befehle gelten. Der Herrschaftsbereich von Karl dem Großen reichte bis knapp hinter die Pyrenäen. Jenseits dieser Grenze war sein Reich zu Ende. Da galt seine Macht nicht mehr.

           

Reich bedeutet Herrschaftsmacht und Herrschaftsgebiet.

Wenn ein neuer König oder Kaiser gekrönt wurde, bekam er als Zeichen seiner Herrschaft ein Zepter.

 

Dieses Zepter drückte aus: Hier ist die Macht. Wer dieses Zepter in der Hand hat, der hat zu sagen. Die anderen müssen gehorchen.

Und diese anderen müssen nicht nur gehorchen, sie müssen auch Respekt bekunden. Sie haben sich so zu verhalten, wie es sich geziemt, wenn man einem Herrscher begegnet.

Der Herrscher wohnte ja meist in einem Palast. Wenn die Bediensteten und Gäste sich dem König oder Kaiser näherten, hatten sich so zu verhalten, dass sie dem Herrscher das Gesicht zukehrten. Und sie hatten zuerst eine Huldigung auszusprechen:

„Groß bist du, erhabener Kaiser!“ Sie mussten sich verbeugen oder sich hinknien. Bei manchen Herrschern mussten sie sich auf den Boden legen. Das alles solange, bis der Herrscher sie ansprach und sie bat, aufzustehen. Dann erst durften sie aufblicken oder aufstehen und mit dem König oder Kaiser sprechen. Wenn sie sich verabschiedeten, genau das Gleiche. Verbeugung und Lobspruch: „Groß bist du, erhabener Kaiser!“ Unsere katholischen Schwestern und Brüder verhalten sich so beim Hineingehen und Hinausgehen in ihrer Kirche.

 

Nun also: Wir beten im Vaterunser: „Dein ist das Reich!“

Das ist genau solch ein Huldigungsruf. Das ist ein Lobspruch beim Verabschieden. Das Vaterunser beginnt mit den Worten: „Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name!“ Das ist die Huldigung, wenn wir zu Gott hin - gehen.

„Groß und erhaben bist du, Gott, unser König! Geheiligt werde dein Name!“

Und wenn wir beim Beten des Vaterunsers unseren Kopf ein wenig nach

unten neigen, dann ist das ein Stück weit ein Zeichen der Ehrfurcht und des Respektes, den wir Gott entgegenbringen.

Beim Beten nähern wir uns doch dem Thron Gottes. Beim Beten nähern wir uns dem, der das Zepter in der Hand hält. Nicht nur das Zepter bis zu den Pyrenäen, sondern das Zepter der ganzen Welt.

Am Schluss des Vaterunsers kommt nun die Verabschiedung vom Herrscher. Das Gespräch mit Gott, die Begegnung im Gebet geht zu Ende. Und da lädt Jesus uns ein, dass wir Gott wiederum loben: „Dein ist das Reich!“

Aber was sagen wir da? „Dein ist das Reich!“

Wir proklamieren Gott als den, der das Zepter in der Hand hält über das ganze Weltall.

 

Dein ist das Reich! D.h. Du bist der Herrscher!

Gott, deine Herrschaft ist da und deine Herrschaft nimmt immer mehr zu.

Dein ist das Reich. Gott regiert.

Gott ist im Himmel und regiert. Himmel ist aber nicht irgendwo da oben. Dort oben ist die Lufthülle der Erde. Das Blau, das wir sehen, ist das Weltall. Himmel ist nicht da oben.

Himmel ist hier vorne oder bei Euch dort hinten.

Himmel ist die Dimension Gottes. Himmel ist das, wo wir nicht hinkönnen.

Aber Gott kann zu uns kommen. Gott kann bei uns sein.

Hier in der Kirche. Hier vorne und da hinten. Also: Gott regiert vom Himmel aus. Gott regiert hier in dieser Kirche und ebenfalls in Australien auf der anderen Seite der Erde.

Dein ist das Reich. Gott regiert. 

 

1. Der Durchbruch des Reiches Gottes auf unserem Planeten Erde geschah durch die Auferweckung des gekreuzigten Christus. Leben aus dem Tod? Wer kann dies wirken? Gott allein.

Die Frauen am Grab und die Jünger auf dem Berg fallen auf ihre Knie und beten an. Manche zweifeln, weil es unglaublich ist: Jesus steht als Auferstandener vor ihnen und spricht mit ihnen.

Aber dann kommen sie zum Glauben und bekennen vor Gott:

„Dein ist das Reich! Du hast den Tod besiegt. Gott, du hast ewiges Leben aus deiner Herrlichkeit auf unsere Erde gebracht in deinem Sohn Jesus Christus.“ 

Deshalb gilt: Dein ist das Reich, und deine Herrschaft reicht bis ins Totenreich. Nicht nur bis hinter die Pyrenäen, sondern bis in die Gräber hinein. Nicht nur bis ins Krankenhaus, sondern bis zur Asche in den Urnenwürfeln bei uns am Kiersper Friedhof.

Dein ist das Reich!

 

2. Vorboten dieses Durchbruchs des Reiches Gottes auf unserem Planeten sind die Heilungen, die Jesus getan hat und heute tut.

Jesus sagt: „Das Reich Gottes, die Herrschaft Gottes ist nahe herbeigekommen. Kehrt um und glaubt an diese gute Botschaft.“

Jesus ist das Zepter in Gottes Hand. Jesus begegnet einem Blinden, der herzzerreißend ruft: „Jesus, du Sohn Davids. Hab Erbarmen mit mir!“

Und was tut Jesus? Er ruft den Blinden zu sich, legt ihm seine Hand auf die Augen und befiehlt: „Sei sehend!“ Im gleichen Moment muss der Blinde seine Hände vor die Augen halten, weil alles zu hell ist. Er hat das Augenlicht wieder-bekommen und kann sehen. Das Reich Gottes ist durch Jesus da. Jesus

befiehlt, und die Krankheit muss gehorchen.

Und die Menschen loben Gott. Sie sagen: „So etwas haben wir noch nie gesehen. Preis sei dir, Gott, denn du wirkst mitten unter uns. Deine Herrschaft ist nah.“                                             

Jesus hat nicht alle geheilt, aber viele.

Und das Gleiche geschieht seit 2000 Jahren und auch in unserer Zeit. Menschen mit Krankheiten bitten Gott: „Erbarme dich über uns! Mach mich

gesund! Hilf mir uns unserer Not!“

 

Und Gott handelt mit seiner Macht in unserer Zeit heute. Er tut Wunder. Er heilt. In China, in Südamerika, in Afrika. Aber auch bei uns in Deutschland. Menschen werden gesund und loben Gott.

            Dein ist das Reich. Du, Gott, regierst in unserer Mitte.

Gott heilt nicht alle Kranken. Aber die geheilt werden, die können sein Wirken bezeugen.

Vater im Himmel, wir preisen deine Herrschaft. Du handelst unter uns.

 

3. Das Reich Gottes kommt, und Menschen kommen zum Glauben.

Sie kommen aus der Gleichgültigkeit gegenüber Gott heraus und folgen ihm nach. Andere Menschen werden von bösen Wegen weggeholt und aus Abhängigkeiten befreit, und es wird hell in ihrem Leben.  

An Pfingsten kommen durch die Predigt des Petrus 3000 Menschen zum Glauben, so schreibt es die Apostelgeschichte. Gott regiert.

In der Untergrundkirche in China kommen Millionen von Menschen zum Glauben. Trotz Kommunismus und Verfolgung ist die Kirche in China explodiert und gewachsen, dass es einem den Atem verschlägt.

 

Und so handelt Gott auch in unserer Mitte:

Auf Freizeiten, in Gottesdiensten, durch Gespräche und Erlebnisse kommen Menschen in Kierspe zum Glauben und erfahren Gottes Nähe. Gott wirkt. Seine Herrschaft ist da und breitet sich aus.

Dein ist das Reich, Gott! Wir preisen dich für dein Wirken unter uns. Wir preisen dich dafür, dass du ein Gott bist, der sich bemerkbar macht und den wir erfahren können.

Und das erhoffen wir besonders für die nächste Woche, wenn neben der Gesamtschule im Gemeindehaus Felderhof „Jesus House“ stattfindet.

Dein ist das Reich, Gott! Wirke du unter den jungen Leuten in unserer Stadt.

 

4. Das Reich Gottes kommt durch Verwandlung unseres Lebens.

Dein ist das Reich, Gott. Gott handelt nicht nur an uns, indem er uns den Glauben schenkt und uns zu Christen macht. Gott wirkt an dir und an mir, indem er uns umgestaltet.

Er liebt uns, so wie wir sind. Er vergibt uns, was wir falsch machen in unserem Leben.

Aber: Wir sollen nicht so bleiben, wie wir sind. Dein ist das Reich, d.h. Gott schwenkt sein Zepter über unserem Leben und verändert uns.

Ø  Mit seiner Liebe heilt er unsere Schmerzen, die wir durch andere Menschen zugefügt bekamen.

Ø  Mit seiner Güte macht er unseren kalten und steinharten Hass weich und warm, so dass er weniger wird und die Zerstörung durch uns bei anderen abnimmt. Durch die Gemeinschaft mit anderen Christen arbeitet Gott an unseren Ecken und Kanten, mit denen wir andere verletzen.

Ø  Durch Seelsorge und Gespräche mit Coaching - Partnern heilt Gott unsere inneren dunklen Festlegungen und führt uns in die Freude und Freiheit der Kinder Gottes.

Dein ist das Reich, Gott! Du handelst heil - voll an denen, die zu dir gehören.

Preis sei dir, du veränderst uns zum Guten hin und machst aus uns heile

Menschen, die anderen Wegweiser werden können.                                

5. Gottes Reich ist da und kommt immer mehr auf unseren Planeten auch in der Geschichte und im gesellschaftlichen Leben.

Dein ist das Reich, Gott. Du hast vor über 3000 Jahren dem Pharao in Ägypten die Herrschaft über dein Volk Israel streitig gemacht und sie durch den Mose aus der Knechtschaft  geführt. Wir preisen dich, du Retter der Unterdrückten.

Gott handelt auf der politischen Bühne. Ihm gehört das Reich.

Er hat vor einigen Jahren gewirkt, dass in Südafrika die Apartheid ohne Bürgerkrieg zu Ende gegangen ist und dass es einen schwarzen Präsidenten gab, ohne Revolution einfach durch Verständigung zwischen Schwarz und Weiß. Gott sei Dank.

Gott hat vor Jahren gewirkt, dass wir in Deutschland aus der Atomkraft aus-steigen wollten und einen großen gesellschaftlichen Konsens darüber erzielten, von dieser gewaltigen Gefahr für den ganzen Planeten abzustehen. Ich bete, dass Gott das auch wieder hinkriegen wird.

Dein ist das Reich! Wir preisen dich, dass Du, Gott, Gutes wirkst zwischen den Völkern und Gerechtigkeit schaffst in den Ländern, in denen Unrecht herrscht oder Verkehrtes geschieht.

 

6. Und als letztes: Gottes Reich kommt, um den ganzen Planeten und das ganze All heil zu machen.

Wir wissen nicht, wie wir uns das vorstellen sollen. Die Bibel spricht in Bildern und Visionen.  

In der Offenbarung des Johannes heißt es:

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde, denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen.

Und weiter heißt es dort:

Gott wird bei den Menschen wohnen. Und sie werden sein Volk sein. Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und den Tod wird es nicht mehr geben, und kein Leid und kein Geschrei und keine Schmerzen wird es mehr geben.

An anderer Stelle steht geschrieben:

Zu jener Zeit wird die Sonne sich verfinstern und der Mond seinen Schein verlieren, und die Sterne werden vom Himmel auf die Erde fallen. Und dann werden sie den Menschensohn kommen sehen in den Wolken des Himmels mit großer Kraft. Und er wird seine Auserwählten versammeln.

Wir können nur in Bildern von Gottes endgültiger Herrschaft sprechen. Wir wissen nicht, wie es genau aussehen wird. Aber wir wissen, dass Jesus derjenige ist, der Gottes Herrschaft am Ende der Zeit herausführen wird. Wir dürfen gewiss sein, dass Gottes Barmherzigkeit alles Böse und Verkehrte entmachten wird, um Gerechtigkeit und Frieden in Ewigkeit aufzurichten.

Dein ist das Reich!

Und wir wissen, dass dies alles aus Gottes Kraft geschehen wird. Gottes Kraft, die die Auferstehung von Jesus bewirkte, die wird auch die Auferstehung aller bewirken, die an Jesus als den Messias Israels glauben.

Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Das Vaterunser schließt mit diesen Worten der Huldigung Gottes.

Wir loben uns preisen Dich, Gott, denn Du regierst. Gestern, heute und in alle

Ewigkeit. Amen.