Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 5. Mose 6, 4-9

Vikar Björn Borrmann (ev.-luth.)

02.06.2013 in der Evangelischen Kirche Biesenthal

1. Sonntag nach Trinitatis

Verlesung des Predigttextes 5. Mose 6, 4-9, Lutherbibel, als Alttestamentliche Lesung.

(Überschriften in Klammern dienen der Gliederung und werden nicht vorgetragen.)

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater,

und dem Herrn Jesus Christus. G: Amen.

(Menschen am Sonntag - Imagination)

Wortgewusel. Ein Wortteppich breitet sich aus, Gemurmel ringsum,
Gesprächsfetzen dringen in mein Ohr. Zeichengetümmel, Berlin-Kreuzberg, Sonntag, 17:18 Uhr:
„Und am vierten Tag hat er die Sterne gemacht“ „Wahnsinn, wie er das Meer geteilt hat“ „auf solche Gesetze wär doch von alleine keiner gekommen, Vater und Mutter ehren!“ „befreit hab ich mich gefühlt“ „mit dem kann ich über Mauern springen“.

Bestellungen werden aufgegeben, ein quirliger Mittdreißiger bringt Tee und Kirschkäsekuchen, er wird dafür bezahlt. Ich sitze auf dem Bürgersteig, im „Café am Meer“, Spaziergänger laufen an mir vorbei. Ein Retriever schnüffelt an der Litfaßsäule, Paare, Familien, Touristen, Kinderwagen – vielstimmig ist dieser Sonntag in Berlin-Kreuzberg.

Am Türpfosten neben dem Eingang: Die Frühstückskarte. Spiegel- oder Rührei mit Toast. Pariser Frühstück: Croissant, Marmelade, Butter, Obst 3,90€. Wüsten-Frühstück: Manna vom Himmel, all you can eat – gratis. Daneben die Schilder für Gas- und Wasser-Absperrschieber in gelb und blau. Und eine kleine Kapsel.

„Ich will ihm ein neues Lied singen“ geht seinen Weg vorbei,
„Hat er dir auch voll eingeschenkt?“ setzt sich zwei Tische weiter.

Wortgewusel: Alles Anfänge von Geschichten, die mich neugierig machen.
Was treibt diese Leute, was bewegt sie? Was haben sie auf dem Herzen?.

(GebrauchsanWeisung – Erklärung der jüdischen Tradition)

Eine andere Welt:

Diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollen auf deinem Herzen sein.


Deinen Kindern sollst du sie wiederholen und du sollst sie
sagen,
wenn du in deinem Haus sitzt und wenn du auf dem Weg gehst und wenn du dich legst und wenn du aufstehst. Du sollst sie anbinden als Erinnerungszeichen an deine Hand und sie sollen sein als Merkzeichen zwischen deinen Augen. Schreibe sie auf die Türpfosten deines Hauses und an deine Tore.

Diese Worte: Sch'ma Israel, Adonai elohenu, Adonai aechad.

Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einzig. Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben, mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft. Mit diesen Worten fassen unsere jüdischen Glaubensgeschwister ihren Glauben zusammen. Das ist äußerste Reduktion – so wenige Worte, dass sie sich bequem mitnehmen lassen. Und die Juden nehmen sie mit, aus dem Gottesdienst in den Alltag.

Das geschieht so: An den Türpfosten des jüdischen Hauses oder der Wohnung befindet sich eine kleine Kapsel. Und in dieser Kapsel ist ein kleiner Pergamentstreifen aufbewahrt. Auf dem stehen diese beiden Kernsätze des Glaubens. Auch das mit dem Zeichen auf der Hand und mit dem Merkzeichen zwischen den Augen wird von frommen Juden bis heute ganz konkret umgesetzt: Kleine Kapseln mit diesen beiden Bibelversen bindet man sich zum Gebet in Herznähe an den Arm und auf die Stirn. Worte wie in einem Schatzkästchen.

Vielleicht auch hier und da weggesperrt. Wie eine lästige Pflicht erfüllt. Worte, zur Deko erstarrt. Sicher, aber auch sichtbar, berührbar, bisweilen anrührend. Die Worte wecken Erinnerungen, wenn man den Kästchen nahekommt. Die sind zugleich ein Erkennungszeichen für alle, die gemeinsam in dieser Tradition stehen.

(Kleine Sätze groß machen I )

Zwei Kernsätze stehen drin, die mich zum Nachfragen anregen, aus denen sich eine Lebensgeschichte entfaltet, wenn ich nachfrage.

Wieso hast du das kleine Kästchen da? Damit ich dir davon erzählen kann. Und was ist da drin? Ein paar Worte auf einem Pergament, die mich an alles erinnern:

Ich erzähl dir von Gott: „als er die Welt geschaffen hat“, „Mose hat er Gesetze gegeben. Die helfen mir weiter“ „Damals hat er den Daniel aus der Löwengrube befreit“ „Gott war dabei, als ich dir begegnet bin“.
Vertrauensvoll von Gott reden: Als Anfänge von Geschichten, die mich neugierig machen.

Ich will von Gott reden wie von einem Menschen, den ich liebe. Der mich berührt. Der mich bewegt. Ich will im „Café am Meer“ sitzen und über Gottes Liebe reden. Mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzer Kraft.

(Liebeslyrik hat ihren Ort)

Aber von Liebe reden wir öffentlich anders als zu Hause.
Vor anderen Menschen ändert sich die Sprache. Liebesgeflüster passt an die Bettkante. Gesprochen beim ins Bett gehen nur für die Ohren neben mir, und nicht anders als beim Aufstehen. Koseworte, unter 4 Ohren am Frühstückstisch gesprochen, und ein Kuss kommen gut ohne Zeugen aus.
Vertraulichkeiten brauchen Intimität – und vielen ist zu Recht unbehaglich, wenn sie große Liebesbeteuerungen oder kleine Kosenamen mitanhören müssen. Sie passen nicht so recht vor ein großes Publikum, ins Straßencafé.

(Erkennungszeichen)

Und dennoch pflegen Liebende ihre Bekenntnisse zueinander. Beiläufig geschieht das, so gewöhnlich, dass wir es kaum wahrnehmen. Dabei passiert das öffentlich, sogar hier, gleich neben Ihnen in den Bankreihen:

Als Erinnerungszeichen an der Hand – ein Ring, dessen Glanz mit den Jahren matt geworden ist. Das Datum auf der Innenseite ist fast nicht mehr zu lesen. Ein Merkzeichen- ich will Treue halten.
Oder am Türpfosten des Hauses. Da steht auf der Klingel ein gemeinsamer Name. Zwei Menschen sind sich so nahe, dass sie sich mit dem gleichen Namen rufen lassen.

Zwei Symbole geben allen, die hinsehen, etwas zu erkennen. Kennzeichen, die in einem kurzen Satz zusammengefasst sind: „Ich liebe dich“. Wer solche Merkzeichen trägt, ist sich sicher: Du bist einzig für mich. Dir will ich die Treue halten.

(Kleine Sätze groß machen II )

Liebe erschöpft sich nicht in dem kleinen Satz: „Ich liebe dich.“ Im Gegenteil – auch dieser Satz kann zur Floskel werden, erstarren. Doch beginnt er zu leuchten, wenn ihn mir jemand groß macht, und anfängt zu erzählen.
Von vielen Freunden kenne ich die Geschichten, wie sie sich kennengelernt haben – „beim Tanz zu Schlagermusik in dieser verrauchten Kellerdisco“, oder „damals im Oktober, als wir beide in diesem Café saßen, zwei Tische auseinander, und deine beste Freundin war dabei und hatte ein Ringelshirt an“.
Kleine Legenden, die die Runde machen, die wir gerne weitererzählen, sogar öffentlich. Die selbst die Kinder und Nichten noch so erzählen. Sie sind der Anfang einer Geschichte, der mich neugierig macht.

(Einladung zum Erzählen)

Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einzig. Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben, mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft. Die Juden nehmen diese Worte mit nach Hause aus dem Gottesdienst. Zur Erinnerung, zum Weitererzählen, als Erkennungszeichen.

Welchen Satz nehme ich mir mit aus dem Gottesdienst?
Einen Kernsatz des Glaubens, zur Erinnerung.
Vielleicht nehme ich ihn sogar mit ins Café, auf den Bürgersteig zwischen Spaziergänger und Touristen. Weil ich damit etwas zu erzählen habe, das auch dorthin passt: den Anfang einer Geschichte...

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Gemeinde: Amen

Predigtlied: Wach auf, du Geist der ersten Zeugen EG 241, 1.3.5.7.8