Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 3. Mose 19,33-34

Pastor Alfred Menzel

18.11.2001

Volkstrauertag ist heute. Ein Tag, der die Namen Sarajewo und Verdun, die Namen Pearl Harbour und Stalingrad aufrufen will.

Sarajewo, die Schüsse am 28. Juni 1914, das tödliche Attentat an dem habsburgischen Thronfolger als Auslöser für den ersten Weltkrieg, - Verdun, in Frankreich, 1916 die grauenhafteste, blutigste Schlacht, in der "Hölle von Verdun" zählte man nachher 515.000 Opfer. Im ersten Weltkrieg waren insgesamt 9.737.000 Menschen zu Tode gekommen.

Pearl Harbour, der Militärhafen der Amerikaner im Pazifik, 1941 in einer Nacht- und Nebelaktion gehen japanische Bomber auf die US-Marine nieder. Ein entsetzliches Stahlgewitter, um ein merkwürdiges, früheres Bild Ernst Jüngers aufzunehmen. In Wahrheit die entscheidende Ausweitung des 2. Weltkriegs, der Anfang eines Krieges zwischen den Vereinigten Staaten und Ostasien, allein in dieser Frontlinie waren am Ende 7.829.000 Menschen zu Tode gekommen. Stalingrad, die russische Stadt an der Wolga, die Schlacht der endgültigen Wende, eine Katastrophe, 200.000 Menschen verlieren ihr Leben.
Vier Namen nur, viele andere müßten aufgerufen werden heute, um an die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts auch nur annähernd zu erinnern.

Wie sollte das auch gesagt werden, wie kann man sich das überhaupt vorstellen, daß über 120 Millionen Menschen die beiden Weltkriege mit Leben und Gesundheit bezahlten?
Und dann noch, nach Kriegsende in Europa, gehen die ersten Atombomben auf Menschen nieder, es scheint, als wären die Abwürfe in Experimentierfreude sorgfältig geplant und letztlich doch sorglos, irgendwie hemmungslos abgeworfen: Hiroschima und Nagasaki.

Heute, in der dritten Generation danach, im 21. Jahrhundert sind die genannten Orte und Städte längst wieder aufgebaut, sie sind gereinigt von den Spuren dieser blutigen Geschichte. Aber ihre Namen stehen doch da als Namen der Erinnerung an Kriegsgeschehen, das erst einmal angefangen, erst einmal entfacht, sich nicht mehr begrenzen ließ - wie ein Steppenbrand fraßen sich die Kriege in die Welt.

Die Erinnerungen an diese schrecklichen Kapitel unserer jüngeren Geschichte sitzen tief im Gedächtnis von jedem, der von diesen Dingen weiß.
Auch wenn er zur sog. Nachkriegsgeneration gehört, wie ich, der also selbst keine Erinnerung hat an Uniformen und Bombeneinschlag, Kanonengeheul und Maschinengewehr-Gezacke, so ist doch das Wissen darum eingebrannt in unser Bewußtsein, daß es diesseits von Krieg keinen Frieden mehr geben kann. Die Worte der Klage unserer Mütter hat sich bleibend in unsere bangen Herzen gesetzt.

Darum, so frage ich mich heute, nach dem Freitag der vergangenen Woche, wie ist es nur möglich, daß in unserem Lande, daß in unserem Parlament nicht mehr wirklich über Kriegsbeteiligung an sich debattiert werden konnte? Was hat sich verändert, daß die Frage des Einsatzes deutscher Soldaten in einem Krieg - also eine Frage auf Leben und Tod - zur Personalfrage umgewandelt werden konnte?
Wie ist es nur möglich, daß es sich ein deutsches Parlament nehmen läßt, sich über die Frage des Krieges hinreichend auseinanderzusetzen? Was hat dazu geführt, daß die politische Frage von Rang zur Bekenntnisfrage für einen Kanzler verkommen konnte? Fakt ist, ein wirklicher parlamentarischer Streit wurde erstickt, nachdem erkennbar war, daß es eine sog. "Regierungsmehrheit" bei offener Debatte und offener Abstimmung nicht geben würde. Offensichtlich wurden rüdeste Methoden des sog. Fraktionszwanges angewandt und das Ergebnis ist mehr als absurd: Kriegsverneiner sagen ja und Kriegsbejaher sagen nein. Der moralische Selbstverlust, derer, die uns regieren, und derer, die uns parlamentarisch vertreten, könnte nicht größer sein. Deutsche Nibelungentreue von Anfang an.

Kabul ist gefallen. Wird nun das eine Terror-Regime das andere ersetzen in diesem so furchtbar armen Land? Man führt Krieg gegen Osama bin Laden, weiß aber nicht, wo der steckt, schlägt die Taliban, gefährdet das Volk, das sagt, hier wird Terror mit Terror bekämpft. Warum dieser Auge- um Auge-, Zahn-, um Zahn-Griff, warum diese Wild-WestMethode? Ober solche Fragen muß doch debattiert werden im Zusammenhang eines Einsatzes von Bundeswehrsoldaten.

Terrorismus muß gebannt werden, Terroristen sind zu verfolgen, aber wir haben doch eine Kultur, gerade auch als abendländische Nachkriegskultur, die das Prinzip des Schuldnachweises und das Prinzip der Verhältnismäßigkeit der Mittel kennt. Und als Erbe aus den Erfahrungen der beiden Weltkriege haben wir eine UNO, die Vereinten Nationen. Warum tragen einzelne Staaten, wenn auch zur sog. Anti-Terror-Koalition zusammengeschmiedet, in mittelalterlicher Manier Fehden aus?

In der Tat, seit dem 11.September droht viel mehr zerstört zu werden als das World-Trade-Center und Teile des Pentagon, im Nachgang des Terroraktes setzt nun bei uns in den politischen Systemen eine Zerstörung ein, die nicht ohne Folgen ist: Es ist der Zuwachs an parlamentarischer Aggressivität und ihre Bejahung. Das Maß der innerparteilichen Aggressivität beispielsweise, das im Hintergrund des Bundestagsvorgangs vom letzten Freitag ist, werden wir nur ansatzweise ermessen können.
So schieben sich die Folgen der finsteren Taten des Terrorismus bis in die Wertestandards unseres Landes vor und gefährdet ist der Wert der offenen und fairen Auseinandersetzung. - Am Volkstrauertag sage ich das mit Sorge und auch Beklommenheit.

Terror, Terroristen, ja Terrorismus, als organisierte Form, wird es bestimmt, Gott sei's geklagt, immer wieder geben, und die modernen Gesellschaften versucht er zu schlagen, wie die bösen Geister den Zauberlehrling in Goethes Faust zu verwirren trachteten.

Aber gerade vor diesem Gefahrenhintergrund allen Terrorismus ist mir wichtig, mit dem heutigen Predigttext die Idee eines Lebens zu betrachten, die in einer entschieden religiösen Weise an der Pluralität des Lebens festhält und damit eine politische Kultur propagiert, die viel umfassender den Terrorismus entwaffnet, als das alles Militärische tun könnte.

Hören wir noch einmal den Predigttext:
"Wenn ein Fremder bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch; und du sollst ihn lieben wie dich selbst. Denn ihr seid auch Fremde gewesen in Ägyptenland. Ich bin der Herr, euer Gott."

Diese zwei Verse aus der Bibel Israels, aus dem alten Testament wenden alles Aggressive gegen Fremde ab, sie verurteilen Diskriminierung, Unterdrückung und Entrechtung. Es sind Worte, die zur Solidarität und Anerkennung, zur Gastfreundschaft anleiten. Diese beiden Verse aus dem 3. Buch Mose haben bereits eine lange Vorgeschichte. Denn das alte Testament hob schon zuvor immer wieder auf das Gastrecht ab, das Fremden zu gewähren wäre. Wir wissen, in der ganzen orientalischen Kultur ist das Gastrecht ein Recht hohen Gutes, denn als Folge von Naturkatastrophen oder politischen Wirren gab es in diesem Kulturkreis kontinuierlich Aus- und Einwanderungen von Nord- nach Süd und Flüchtlingsströme von Ost nach West. Israels Geschichte ist Teil dieser Flüchtlings- und Wanderungsgeschichte: Abraham und Ruth, Joseph und seine Brüder, Mose und Josua alle diese Namen stehen für Zeiten in der Fremde und Rückkehr in die Heimat. Jeder Israeli weiß bis heute, wie schnell und wie -,leicht Leben räumlich entwurzelt werden kann.
In dem Wissen um die Unbehaustheit unseres Lebens ist als Leitwort das Gebot des Gastrechtes wie ein rotes Band in den Sozial-Dekreten Israels von Anfang an verankert, - aber am Anfang eher als Aufruf zu freundlicher, eben gastfreundlicher Haltung.

Aber jetzt, in unserem heutigen Predigttext, ist dieser Appell zu einer Maxime gesteigert, wie sie nicht noch zu überbieten ist.

Wie das und warum?

Antwort: Im Kern sagt dieses Wort, ich habe die Aufgabe, den Fremden mir gleichzustellen. Bisher ward gesagt, der Fremde sei Gast, Gastarbeiter, Asylant, eben Einwanderer. Jetzt: "Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch". Und ich solle ihn lieben wie mich selbst.

Er soll sein wie ein Einheimischer - , stände dieser Satz im Entwurf des Zuwanderungsgesetzes von Otto Schily, dann würden wir da lesen, der Zuwanderer soll nach Rechten und Pflichten uneingeschränkt integriert werden, er soll die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. So bedingungslos steht der Satz aber nicht mehr darin. Der Schily-Entwurf hat sich, wie Kritiker spotten, inzwischen zu einem oppositionstauglichen Otto-Katalog mutiert.

Das 3. Buch Mose redet aber so bedingungslos. Die Bibel redet ohne wenn und aber: "Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch", der Fremde soll einen gesicherten Rechtsstatus erhalten, aber die Bibel verweist damit nicht auf einen politische Instanz, nicht auf Otto Schily, sondern auf mich und dich, wenn sie uns im Du behaftet "und du sollst ihn lieben wie dich selbst."

Die Bibel ist in solchem Reden plebiszitär, nicht repräsentativ verweisend auf eine politische Instanz. Die Bibel kann sich Integrationspolitik nicht als verordnete Politik, sondern will sie sich als gewollte Kultur vorstellen. Fremdenfreundlichkeit muß von unten wachsen.

Deshalb die Ich-Du-Anrede, wobei die Aufforderung zur Liebe natürlich nicht die romantische Liebe eines Gefühls meint, sondern die Haltung der Loyalität einfordert. So wie ich zu mir selbst loyal bin, so wie ich um mein Lebensrecht kämpfe, so -bitte- gelte auch die Anstrengung zugunsten des Fremden.

"...denn ihr seid Fremde gewesen im Land Ägyptens." Dieser Satz ist ein Erinnerungssatz an Israel und ein Erinnerungssatz an uns. Der mahnt zu Bescheidenheit bei denen, die glauben, Heimat sei ewiges Recht. Aber keine Heimat in Raum und Zeit ist ewig.
Meine Familie beispielsweise hat, soweit ich das verfolgen kann, mütterlicher- und väterlicherseits eine vielfache Wechsel- und Wanderungsgeschichte vollzogen. Immer wieder wurde die Scholle verlassen, mußte sie aufgegeben werden. Wir sind Wanderer und Fremde immer wieder neu und fremd auf vielfache Art.
Aber gerade deshalb sind wir dankbar, wenn wir ein Stück Lebensraum als Heimat für eine Zeit haben, für mich heute ist das -bis auf Widerruf- Bielefeld geworden.

Und eben in der Wahrnehmung, daß Leben ein Prozeß ist von Brüchen und Aufbrüchen, "...denn ihr seid Fremde gewesen im Land Ägyptens", gründet das Wort an die lntegrationsbereitschaft von Fremden als ein Wort der Humanität, die davon weiß, alles Leben auf diesem Planeten ist nicht statisch.
Das dritte Jahrtausend, in dem sich Menschen, wie Experten sagen, auf dieser Erde bewegen werden wie nie zuvor, wird wohl zur Nagelprobe der Zukunftsfähigkeit der Menschheit sein.
Mentalitäten, die sagen, das Boot ist voll, Mentalitäten eines Australien, das Menschen auf Booten verrecken läßt, schüren den Terrorismus;- und ein nicht mehr zu bändigender Terrorismus -ausgerüstet mit ABC Waffen und agierend mit Milzbrand-Briefen- ist die Apokalyse.
In unserem kurzen Predigttext gibt es einen letzten und entscheidenden Halbsatz: "Ich bin Jahwe, euer Gott."
Damit benennt sich der Gott Israels, der der alleinige und einzige Gott. Er ist die Mitte der Welt, es gibt -nach dem Credo Israels keinen anderen Gott- und folglich ist er auch der Gott der Fremden, der Schöpfer auch dieser Menschen und darum ist die fremde Frau meine Schwester und der fremde Mann mein Bruder.

Man könnte meinen, daß christliche Parteien vor allen anderen solche Gedanken haben und darum die Avantgarde von offenen Zuwanderungsgesetzen sind. Es verwundert, daß das nicht zu erkennen ist.
Solange das nicht ist, müssen wir uns in der Kirche solches Denken und Handeln erschließen. Es ist nicht leicht, aber der Predigttext gibt uns das Mandat.
Gott, der Freund der Fremden, gebe uns ein weites Herz und einen klugen Geist - darin allein gewinnen wir die geistliche Macht, allen Terrorismus zurückzuweisen.

Amen