Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 2. Korinther 5

Pfarrer i.P. Wolfram Langpape (ev)

13.11.2011 in der ev. Kirche Hohensachsen

Examenspredigt im Rahmen des 2. Kirchlichen Examens zum Volkstrauertag

Die ersten Tage danach vergehen wie im Flug. Viele kommen, um ihn zu besuchen. Er freut sich über jeden einzelnen von ihnen, selbst wenn sie nur eine Viertelstunde bleiben. Die Geschichte hat er schon gefühlte einhundert Mal erzählt. Jedes Mal klingt sie wieder etwas anders. Doch sie endet immer gleich: Er ist am Leben. Die Wunden werden heilen. Das Auto ersetzt die Versicherung. Alles wird wieder wie früher.

In den darauf folgenden Wochen kehrt schrittweise die Normalität zurück. Dann der Tag, als er das erste Mal das Bett wieder verlassen kann. Er kommt aus dem Krankenhaus nach Hause. Zum ersten Mal geht er wieder aus dem Haus, schließlich kann er wieder zum Sport. Nun spricht ihn kaum noch jemand auf den Autounfall an. Das Leben geht weiter und der Unfall rückt immer mehr in den Hintergrund.

Bis zu jenem Morgen: Er ist in Eile und stößt mit dem Ellenbogen ein Glas aus dem Regal. Als das Glas mit lautem Klirren auf dem Boden zerspringt, sind sie plötzlich wieder da, die Bilder, Gefühle, all die schrecklichen Geräusche: Das Klirren, als die Windschutzscheibe reißt. Die Hilflosigkeit, als er zusammen mit seinem Auto herumgewirbelt wird. Das Krachen berstenden Metalls.

Er zittert. Für einen Augenblick sitzt er wieder in diesem Auto, erlebt den Unfall noch einmal.

Um Haaresbreite wäre er damals auf die Gegenfahrbahn geschleudert worden. Um Haaresbreite wäre er jetzt nicht mehr am Leben.

Er sieht auf die Scherben am Boden.

Was mal ein Glas war – jetzt nur noch Bruchstücke.

Damals, im Studium, da ist er fast jedes Jahr umgezogen. In den Ferien hatte er immer wieder einen anderen Job. Er lernte viele Menschen kennen und verlor sie wieder aus den Augen. Freunde kamen und gingen. Manche Freundschaften blieben. Ein Leben in Episoden, in vielen einzelnen Bruchstücken. Wie ein Nomade zog er damals von Ort zu Ort, schlug hier oder dort mal für eine Zeit seine Zelte auf, um sie wieder abzubrechen und weiterzuziehen. Damals dachte er, dass die Bruchstücke mal etwas Ganzes sein werden: Wenn er mit dem Studium fertig ist und einen festen Beruf hat. Wenn er nicht mehr ruhelos seine Wohnorte wechselt, sondern ein Zuhause besitzt. Eine Familie zu haben gehört vielleicht auch dazu. Dann – dachte er damals – ja dann wird es sich anders anfühlen, dann werden die Bruchstücke ein Ganzes. Dann hat er seinen Platz gefunden.

Und heute? So vieles ist Bruchstück geblieben. Ja, er hat einen Beruf und ein eigenes Heim. Er ist verheiratet, hat ein Kind, eine Tochter. Sein Beruf macht ihm Spaß – aber füllt er ihn aus, so, wie er es sich erhofft hatte? Er liebt sein Haus und seinen Garten. Er denkt an viele schöne Tage in diesem Garten auf der Veranda im Sonnenschein: Geburtstagsfeiern, das Tauffest seiner kleinen Susanna, so manches Grillfest mit Freunden, das bei einem gemütlichen Lagerfeuer ausklang.

An jenem Tag vor einigen Wochen war sein Leben fast vorbei.

Und so vieles ist noch unvollendet, unvollkommen. Es gibt so vieles, was er schon immer einmal tun wollte und dann doch verschob. Er wollte ein Musikinstrument erlernen, am liebsten Gitarre. Seiner Tochter hatte er schon vor Jahren versprochen, einmal mit ihr nach Paris zu fahren, um ihr die Werke der großen Meister zu zeigen und das eine oder andere Geschäft in der Stadt der Mode zu erobern. Seine Freunde hat er seit Monaten nicht mehr angerufen.

Nicht nur am Haus gibt es Baustellen, an denen er seit Ewigkeiten nicht mehr gearbeitet hatte. Irgendwann wollte er mit seiner Frau doch diesen Tanzkurs besuchen. Warum hatten sie das nicht schon längst gemacht?

Er hätte tot sein können.

Mit 20 glaubte er zu wissen, was nötig ist, damit sein Leben ganz wird. Heute fällt es ihm viel schwerer zu sagen, was er sich noch erhofft und erträumt. Was fehlt noch? Fehlt der Kitt, fehlt das, was die Bruchstücke verbindet? Oder fehlen ganze Teile? Hat er sich selbst verwirklicht, wie es so schön heißt? Er ist sich nicht einmal sicher, ob er genau weiß, was das bedeutet.

An dem Tag, an dem seine Tochter geboren wurde, da war es anders. Daran erinnert er sich genau: Als er sie in den Armen hielt und seine Frau ihn liebevoll ansah war sein Glück vollkommen, war er mit sich im Reinen. In diesen Augenblicken machte sein Leben Sinn, da war er angekommen – bei dem, was er sich wünschte.

Aber dennoch: Es waren Momente. Oft hat er kaum Zeit für seine Tochter, die so voller Energie ist. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, kann sie sehr beharrlich sein. Hin und wieder wird ihm das auch zu viel. Dann hat er mit seinen eigenen Angelegenheiten genug zu tun. Er hat nicht immer den Kopf dafür frei, sich ihre Fragen, ihre Sorgen und ihre Träume anzuhören.

Jetzt, da ihre Tochter älter ist, arbeitet auch seine Frau wieder. Sie beide sind sehr eingespannt im Beruf. Beiden ist es wichtig, ihre Arbeit gewissenhaft zu machen – dabei bleibt das Private schon mal auf der Strecke.

Was ist wirklich wichtig?

Er hat Menschen, die ihm sehr viel bedeuten, seine Familie, Freunde, Nachbarn, seine Eltern – aber können sie sein Leben wirklich ganz machen? Erleben sie nicht auch immer wieder, dass das Leben bruchstückhaft ist: Frau Müller von nebenan ist nun allein. Nach über 40 Jahren gemeinsamen Lebens musste sie ihren Hans vor einigen Wochen beerdigen. Und Tom, sein bester Freund, kämpft seit Monaten gegen diese heimtückische Krankheit. Und neulich beim Sonntagskaffee hatte sein Vater plötzlich davon angefangen, dass er sich gewünscht hätte mit einem Vater aufzuwachsen, dass er ihn nicht an den Krieg verloren hätte.

Wäre er gestorben in dem Unfall – was würde von ihm bleiben?

Wenn er alles zusammennimmt, das Gute und das Böse, das er in seinem Leben getan hat, wie sähe dann die Bilanz aus?

Plötzlich verspürt er den dringenden Wunsch, die Scherben des Glases am Boden wieder zusammenzusetzen. Obwohl er weiß, dass es unsinnig ist, sammelt er sie auf und setzt ein Stück ans andere. Doch das Glas fällt immer wieder auseinander.

Ein Blick auf die Uhr erinnert ihn daran, dass er sich auf den Weg machen muss, wenn er nicht zu spät kommen will. Er wirft den Mantel über und läuft zu seinem neuen Auto. Auf der Fahrt schaltet er das Radio ein. Es kommt gerade die Morgenandacht. Eine Frau von der Kirche liest einen biblischen Text vor:

1 Denn wir wissen: wenn unser irdisches Zelt, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.

2 Denn darum seufzen wir auch und sehnen uns danach, dass wir mit unserer Behausung, die vom Himmel ist, überkleidet werden,

3 weil wir dann bekleidet und nicht nackt befunden werden.

4 Denn solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert, weil wir lieber nicht entkleidet, sondern überkleidet werden wollen, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben.

5 Der uns aber dazu bereitet hat, das ist Gott, der uns als Anzahlung den Geist gegeben hat.

6 So sind wir denn allezeit getrost und wissen: solange wir im Leibe wohnen, weilen wir fern von dem Herrn;

7 denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen.

8 Wir sind aber getrost und haben vielmehr Lust, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn.

9 Darum setzen wir auch unsre Ehre darein, ob wir daheim sind oder in der Fremde, dass wir ihm wohlgefallen.

10 Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse.

Sehnsucht nach einer ewigen Behausung – genau das ist es. Daheim sein wollen. Seinen ganz eigenen Platz haben. Einen festen Ort, einen tiefen Sinn erleben, der nicht wie ein flüchtiges Zelt wieder abgebrochen wird.

Er wird hellhörig.

„das ist Gott, der uns als Anzahlung seinen Geist gegeben hat.“ Die Frau von der Kirche spricht davon, dass Gottes Geist ein Vorschuss ist, ein Teil von etwas Größerem. Etwas, das wir jetzt schon bekommen. Dieser Vorschuss, sagt sie, besteht darin, dass wir glauben, lieben und hoffen können.

Ja, gehofft hat er: Bei seiner Hochzeit – da hoffte er fest auf die vollkommene Liebe, in der sie beide sich ergänzen, sich gegenseitig ganz machen. Und in ihrer Ehe gab und gibt es immer wieder diese Momente, die einen Tag, ein Gespräch oder eine Umarmung vollkommen machen. Und dann vergehen wieder Wochen, die er schon fast vergisst, bevor sie um sind. Alles läuft gleich ab, jeder Tag fühlt sich gleich an. Sie freuen sich gemeinsam, sie unterstützen sich und sie verletzen sich hin und wieder. Er ist froh, seine Frau um sich zu haben, aber macht sie ihn ganz, macht sie sein Leben vollständig? Und ist es nicht auch vermessen, diesen Anspruch an sie zu stellen, alles von einem einzigen Menschen zu erwarten, auch wenn dieser Mensch einem so nah ist wie kein zweiter?

Die Liebe hat er erlebt. Und er erfährt sie immer wieder – gerade in den Augenblicken, wenn er wirklich da ist für seine Tochter und er dieses Leuchten in ihren Augen aufblitzen sieht. Wenn er und seine Frau wirklich beieinander sind, gemeinsam Zeit haben, ohne mit den Gedanken bei etwas anderem zu sein. Diese Augenblicke könnten wirklich so etwas wie ein Vorschuss sein – ein Vorschuss auf das Ganze, das Ewige.

Aber auch diese Augenblicke bleiben Bruchstücke seines Lebens. Wie oft hatte er sich schon vorgenommen, mehr dafür zu tun – mehr Zeit zu haben für seine Familie. Aufmerksamer zu sein, für das, was seine Freunde an Sorgen mit sich herumtragen. Seine Eltern häufiger zu sehen. Immer wieder scheitert er mit seinen guten Vorhaben. Immer wieder hindert ihn seine Trägheit, immer wieder ist doch etwas anderes wichtiger.

Inzwischen ist er auf einen Parkplatz gefahren. Er hält an.

Aus dem Radio dringt an sein Ohr: „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi“. Er bekommt einen Schreck. Wird irgendwann einmal über sein Leben abgerechnet? Daumen rauf oder runter – Freispruch oder Verdammnis?

Offenbar werden – heißt das, dass einmal alles rauskommt? Alle seine Gemeinheiten, alle seine schmutzigen kleinen Geheimnisse? Wird er wie nackt dastehen, mit allem was schlecht war, und zeigt man dann mit Fingern auf ihn?

Doch von der Frau im Radio kommt etwas ganz anderes: „Im Gericht befreit Christus die Liebe von der Lieblosigkeit.“

... die Liebe von der Lieblosigkeit befreien. Was meint sie damit?

Könnte das bedeuten, dass dieses beschämende und schreckliche Gefühl, nackt und bloß dazustehen, allen Blicken ausgeliefert zu sein, vorübergehen wird? Plötzlich kann es angenehm und schön sein, nackt zu sein, so wie Gott mich geschaffen hat. Nichts mehr verhüllen und verschleiern zu müssen. Ich muss mich verantworten, ja, aber ich muss nichts mitbringen, um mein Nacktsein zu verbergen, denn alles wird offenbar werden vor dem Richterstuhl Jesu Christi, vor dem, der mich in Liebe ansieht und mir in ein neues, weiches Kleid helfen wird.

Das macht Mut. Er stellt sich vor, frei zu sein von den Momenten, in denen ihm so vieles wichtiger war als seine Tochter. Frei zu sein von den Stunden, in denen er seiner Frau nahe sein wollte und sie lieber für sich war. Frei zu sein davon, gute Freunde zu haben und sie trotzdem monatelang nicht anzurufen.

Das wäre etwas, worauf er hoffen könnte: Offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi – Jesus Christus sortiert alle Bruchstücke seines Lebens. Er sammelt alle Stücke, die es wert sind, aufgehoben zu werden und behält sie. Nur die Stücke, die wirklich nicht mehr zu gebrauchen sind, die wirft er weg: Den Schmerz, den er erlitten hat. Das Leid das er anderen zugefügt hat.

Die schillernden Stücke, wo etwas wirklich gut gemeint war und trotzdem schief ging, diese Stücke wird er von allem befreien, was ihnen ihren Wert nimmt. Womöglich bekommen dann auch Stücke ihren Ort, die ihm bisher nur nutzlos erschienen.

Er dachte an das zerbrochene Glas.

Wenn Christus die Bruchstücke sortiert – das kann auch schmerzhaft sein. Loslassen, Altes gehen lassen, das ist nicht leicht. Vielleicht hängt er an manchem, was sich im Gericht als unnütz erweist. Vielleicht wird er sich wirklich etwas nackt und bloßgestellt fühlen bei dem, was da so ans Tageslicht kommt.

Aber das wäre es doch wert – wenn am Ende nur das übrig bleibt, was in Gottes Augen wertvoll ist in seinem Leben, wo er geliebt wurde und Liebe weitergegeben hat, wo er gehofft hat und Anderen Hoffnung geschenkt hat. Frieden schließen – mit dem was ist und dem was war. Frieden schließen – mit sich, mit dem, was ihn ausmacht. Zu sehen, dass sein Leben mehr ist als nur Bruchstücke. Dass es irgendwann ganz wird, an einem bleibenden Ort, in einem himmlischen Haus, einem Zuhause für die Ewigkeit.

Das würde ich gerne glauben: Das Ganze muss ich nicht selbst schaffen. Das Ganze wartet auf mich. Bei Gott. Weil Christus es ganz machen wird. Und ich werde es dort vorfinden – wann auch immer die Zeit dafür gekommen ist.

Hier bin ich, Gott, beginnt er leise zu sagen. Setz mich zusammen ... Bitte Gott, stärke mich in diesem Glauben, dass ich Hoffnung habe und Liebe weitergeben kann.

Aus dem Radio kommen die Worte:

„Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.“