Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1.Mose 2,7 und Lukas 9,25

Pfarrer Uwe Vetter

in der St.Andrew´s Church von Petersham, London

Humanität online

Was ist der Mensch, dass Du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass Du Dich seiner annimmst.

(1.Mose 2, Vers 7)
Da formte Gott der NAME den Menschen/ den Adám (the human):
Staub/ Aphár von der Adamáh/ der Erde (Humus)
und blies in seine Nase Nischmát Chajjám/ Atem des Lebens.
Und so ward der Mensch/ der Adám (the human) zu einer lebendigen Seele/ Néphesch Chajá.

(LukasEvg 9, Vers 25) Nützt es denn einem Menschen (human), wenn er die ganze Welt gewinnt, sich selbst aber verliert oder Schaden nimmt ?!

I

Liebe Gemeinde,
vor Wochen erhielt ich einen Anruf aus einem Oxforder College. Eine Dozentin, zugleich College Chaplain, sprach charmant, ja geradezu "mit Menschen- und mit Engelszungen" auf mich ein: "Wir möchten Sie einladen zum High Table Dinner." - "Das ist nett! Was verschafft mir die Ehre?" - "Das Dinner", sagte sie in einem Anflug von Verlegenheit, "das Dinner findet im Anschluss an einen Gottesdienst statt." - "So, ein Gottesdienst ..." - "Ja", fügte sie noch drei Grad wärmer hinzu, "einen Gottesdienst, um den wir Sie bitten." - Jetzt kamen wir der Sache schon näher. "Einen Gottesdienst?" - "Nun", sie versuchte beiläufig zu klingen, "einen Gottesdienst vor Wissenschaftlern. Vor Sozialwissenschaftlern," - kleine Pause - "vor Atheisten!" - "Ach", sagte ich, "und da haben Sie an mich gedacht?" - "Ja, genau. Sie sind ja nicht Mitglied des College und können deutlicher werden." - "Was möchten Sie denn, dass ich sage?" frage ich. - "Predigen Sie über Humanität in der Internet-World. Bitte." It all started with a High Table Dinner. Irgendwie war ich nicht ganz bei Trost und sagte zu.

"Bist du noch bei Trost!" meinte meine Frau. "Seit wann kennst du dich aus in der Internet-World!" - Sie hatte Recht. Ich bin wirklich der letzte, den man dazu befragen sollte. Ich beherrsche noch nicht einmal das gängige Vokabular. Meine e-mail Adresse funktioniert noch immer nicht richtig. Mit dem Computer gehe ich um wie mit einer Schreibmaschine, Vier-Finger-Technik. Online hängt bei uns die Wäsche, zum Trocknen. Und "Browser" hielt ich bis vorgestern für ein Kohlensäuregetränk. "Humanität in der Internet World, wie konntest du nur annehmen!" sagte meine Frau.

Manchmal erhört Gott Stoßgebete. Und so lag in der nächsten Wochenendausgabe des GUARDIAN als Beilage ein Internet-Journal, eine Informationsbroschüre für IT-Muffel, um hoffnungslose Fälle wie mich on line zu bringen.

II

Liebe Gemeinde,

  • Schluß mit dem Roden von Primärwäldern, wir brauchen bald kein Papier mehr. Bücher sind out. Alles, vom Klassiker bis zum Telefonbuch, erscheint in Sekundenbruchteilen auf dem Bildschirm.
  • Bevor man Ferien bucht, kann man durch virtuelle Urlaubsland-schaften kurven und schauen, wo es einem am besten gefallen würde. Per Internet gibt es die günstigste Zugverbindung, den preis-günstigsten Tarif, das Ticket per Post frei Haus.
  • Gehbehinderte können am Bildschirm ihre Einkäufe tätigen, ohne Parkprobleme oder Tütenschlepperei zum Bus.
  • Der Kontostand in der Bank ist von daheim zu checken, vom Sessel aus (manchmal ist es ja besser, wenn man sich erstmal hinsetzt, bevor man den Kontostand erfährt).
  • Welt-Nachrichten erscheinen bereits wenige Minuten nach den Ereignissen auf den Websites der Zeitungen.
  • Die Zahl der Heimarbeitsplätze wächst sprunghaft. Kein Berufs-pendeln mehr. Stellen Sie sich das vor: kein Verkehrsstau auf der A4, keine Stunden in der U-Bahn mehr vertan. Vergessen Sie Ihre Großraumbüros ohne Tageslicht. Einfach zuschalten von daheim, zu Arbeitszeiten, die dem Familienleben entsprechen.
  • Demnächst wird es Video-Konferenzen geben, weltweit, die den geschäftlichen Flugverkehr drastisch reduzieren und einsame Nächte in gesichtslosen Hotelzimmern zur Ausnahme machen.
  • IT-World wird Fachbibliotheken und Kunstgalerien öffnen, auch wenn Sie am Ende der Welt wohnen.
  • Ja, sogar "Liebe online", durch Internet Chatting angebahnt, wird sich ausweiten. Das Foto im IT-Journal zeigt zwei eher unattraktive Gestalten, einander liebevoll umarmend. Bildunterschrift: If they had met face to face, it might not have happened.

Ich habe verstanden! IT-Unterricht ist absolut nötig, will man im Global Village nicht zum Dorftrottel werden. Es ist ein faszinierendes Spielzeug, eine Spielwiese der Kreativität, eine segensreiche Technik, ein schlichtes Muss. Seien wir "auf Draht", seien wir "online".

III

Und während die IT-World im Licht erstrahlt, wird unsere alte Bibel blass. Keine Ahnung hat sie von alledem. Keine Prophetie sah das voraus. Nicht die Spur von Begeisterung für virtuelle IT-Welten. Sagen Sie selbst, klingt es nicht wie aus der Steinzeit, wo es heißt:

Da formte Gott der NAME den Menschen/den Adám: Staub/Aphár aus Adamáh/Erde und blies in seine Nase Nischmát Chajjám/Odem des Lebens. Und so ward der Adám/ der Mensch zu einer Néphesch Chajá/lebendigen Seele - ? Schmeckt dieser erste Satz (aus dem Alten Testament) schon reichlich staubig, so klingt der zweite Satz (aus dem Neuen Testament) geradezu fortschrittsfeindlich: Nützt es dem Menschen denn, wenn er die ganze Welt gewinnt, sich selbst aber verliert oder Schaden nimmt?! Here we go again, mal wieder der alte, ewig zeternde Kulturpessimismus der Religion, der sich schon an Kopernikus, Giordano Bruno und Charles Darwin vergangen hat.

Die Zukunft spricht eine andere Sprache. Die Sprache der Zuversicht. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. IT ist die neue Welt und braucht neue Menschen. Wir müssen umdenken. - Und ich bin fast schon so weit zu glauben und zu konvertieren, da leisten sich die Onliner-Werber eine winzige Unsicherheit.

*

Ich blättere in der Internet-Werbebroschüre und stolpere über Artikel, die nicht so recht passen wollen:

  • Da ist ein Paar abgebildet, am Ende eines langen Arbeitstages, müde, die Augen brennen vom Bildschirmflimmern. Beide sind Experten am Keyboard, Virtuosen der weltweiten Telekom-munikation. Doch nun sitzen sie abgespannt am Abendbrot-Tisch, einem echten Menschen gegenüber, und fragen sich: Wie kommuniziert man eigentlich mit dem, der da direkt vor einem am Tisch sitzt? - "Konversation von Mensch zu Mensch" lehrt der Artikel, "leichtgemacht in 7 Regeln". - Wie aufmerksam. Nur frage ich mich: Können die das nicht mehr selbst? Haben die verlernt, wie man ohne Tasten, Mouse und Bildschirm miteinander spricht?
  • "Großeltern sollen das Internet entdecken!" Sie sollen chatten lernen mit den Kindern und Enkeln, über weite Entfernungen hinweg. - Das ist praktisch, geradezu ein Geschenk des Himmels für über den Globus verstreute Familien. Und bequem, denn da braucht man nicht mehr so oft hinzufahren. - Doch eine Sekunde - ersetzt bald das Chatten das Besuchen? Ersetzt der Tastendruck das Menschen-an-sich-Drücken? Was wird aus den sakramentalen Gängen durch Großvaters Garten, was aus Omas seelentröstenden Kochkünsten? - Irgendwie droht hier etwas verloren zu gehen, etwas Schaden zu nehmen, was zwar aufwendig, aber sehr wichtig war.
  • "Once more with feeling" heißt es drei Seiten weiter. Der Artikel ermuntert Väter der IT-Generation zu offenen, direkten Gesprächen mit ihren Kindern, about "intimate issues like sex, dating, fatherhood, relationships and health ..." - Keine Einwände. Nur, warum schreiben die das in eine IT-Zeitung? Was befürchten sie denn? Befürchten sie, die menschliche Seele könnte am Bildschirm verkümmern? Sprachlos werden, gefühlsarm und kontaktgestört?

Ich blättere durch das IT-Journal, und mich beschleicht ein Verdacht. Mich beschleicht der Verdacht, unser ach so fortschrittsfeindlicher Bibelspruch habe echte Sorgen geortet: Was soll werden, wenn der Mensch wirklich mit neuer Technik die ganze Welt gewinnt, sich selbst aber verliert oder Schaden nimmt? - Liebe Gemeinde, nicht ewiggestrige Kirchenleute fragen so. Es sind die Designer der neuen Welt selbst, die sich fragen: Wer ist der Mensch, der Mensch vor dem Bildschirm da? Was ist das Menschliche an ihm? Was bewahrt seine Menschlichkeit? Wie geht das, dass wir mit der IT-Technik in gewisser Weise wirklich die ganze Welt gewinnen, aber uns dabei selber nicht verlieren, nicht verkümmern noch Schaden nehmen?

IV

Und ich weiß nicht besser zu antworten als die Bibelmenschen vor 3000 Jahren. Sie sagten: Vergesst niemals - der Mensch ist ein Adám. Der IT-Mensch dort vor dem Bildschirm bleibt ein Adám. Staub von der Erde. Das ist keine Kinderkrankheit, sondern Bestimmung. Gute Fügung. Der Mensch ist ein Berührungswesen, ein auf Tuchfühlung angelegtes Wesen. Er ist atmende Erde (von Erde genommen, zu Erde werdend, so heißt es 1.Mose 3 Vers 19). Und das bleibt er, auch wenn er sich kreativ in virtuellen Welten bewegt.
Der Mensch ist ein Erdling.

(Humanität hat tatsächlich mit "Humus" zu tun. Der alte lateinische Ausdruck für Mensch/menschlich - homo/humanus - trägt noch das ältere hebräische Wortspiel in sich: Adám/Adamáh - Erdling/Erdreich. Human, menschlich, und Humus, fruchtbares Erdreich, gehören in ein und dasselbe Wortfeld.)

Dieses Thema der ersten Bibelseiten hat die Weisheit ganzer Bibelgenerationen beschäftigt, besorgt und zugleich fasziniert. Gott hat das Leben in irdene Gefäße gegeben (2.Korintherbrief 4). Als Gott der Menschlichkeit ein Gesicht gab, da sandte er seinen Sohn, keine e-mail. Das Wort ward Fleisch (JohannesEvg 1), hieß es, nicht virtuelle Grafik. Das Lebenslicht (1.Mose 1 Vers1f) wurde Person, von einer jüdischen Frau geboren. Gott hat sich selbst kundgetan in menschlichen Worten face-to-face, in heilenden Berührungen, in Besuchen und leiblichen Gesten; er hat sich nicht down-geloaded in Gehirne. Jesus ist am Kreuz gestorben und begraben worden; seine Mission wurde nicht beendet auf der QUIT-Taste wie ein Computer Game. Der Mensch bleibt Erdling, in allem Reichtum und mit aller Bürde, die das bringt.
Aber das ist erst ein Teil der uralten Antwort.

Der Mensch, so antworteten die Alten im selben kurzen Merksatz, der Erdling ist jedoch zugleich Partner des Himmels, ein Wesen des Geistes. In mythischer Bildsprache ausgedrückt: Gott der NAME haucht dem Adám Nischmát Chajjám ein, Atem des Lebens. Der Mensch ist ein Erdling, aber sein Selbstbewusstsein ist geweckt vom Atemhauch Gottes. Der Mensch ist ein im wahrsten Wort spirituelles Geschöpf, vom Spiritús Dei, vom Geist Gottes angehaucht. Gott ist es, sagten die Alten auf diese Weise, der die Lust am Leben weckt, der Kreativität entfacht, der die Seele, der die Persönlichkeit inspiriert und uns durch seinen Odem einen langen Atem schenkt.
Das ist die zweite Hälfte der uralten Antwort.

*

Wir haben in diesem Gottesdienst zwei Kinder getauft. Diese beiden Kinder sind in eine aufregende Welt hinein geboren. Sie werden Dinge lernen, die wir noch nicht lernen mussten, lernen durften. Sie werden mit den Chancen, Techniken und Tücken dieser Welt umgehen. Sie werden sie beherrschen lernen. Sie werden die Sprache der neuen Welt sprechen, fließend und wie selbstverständlich. Sie werden gewaltigen Nutzen daraus ziehen. - Aber liefern Sie Ihre Kinder nicht aus. Schenken Sie ihnen eine Handvoll Erde. Schenken Sie ihnen den Glauben an ein Leben diesseits des Bildschirms. Schenken Sie ihnen einen Hauch von Spiritualität, von der Ahnung, dass Leben eine Quelle hat. Bleiben Sie sich nah und unmittelbar, solange wir Gelegenheit haben beisammen zu sein.

Und der Friede Gottes,
der höher ist als alles, was unsere Vernunft erfinden kann,
der bewache unsere Herzen und Sinne
im Geiste Jesu Christi.

Amen