Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Timotheus 4, 4-5

Pfarrer Alexander Ebel (ev)

02.10.2012 im Landeskirchenrat Speyer

Hausandacht mit Bildbetrachtung zur Erntedankzeit.

Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; 5 denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet. (1. Tim 4, 4-5)



Liebe Hausgemeinde!

Es ist eine dieser Szenen, die sich als Erinnerungsbild aus der Kindheit besonders fest in mein Gedächtnis gegraben haben: Wie mein Großvater mir hilft, kleine Löcher in die zuvor gesammelten Kastanien zu bohren, um diese dann mit Streichholzsteckverbindungen zu seltsamen Gebilden zu arrangieren: irgendwelche Figuren, Männchen, ja, aber mit ziemlich klumpigen Händen und Füßen, fast genauso groß wie Kopf oder Körper.

Seit vorgestern haben nun auch meine Kinder eine solche Erinnerung. Wie tief eingegraben sie ist, weiß ich nicht, aber ihren Spaß hatten sie dabei. Wir haben noch andere Herbstfunde verarbeitet als nur Kastanien; das Ergebnis sehen Sie auf dem Bild. Was erkennt die Fantasie?

- vielleicht einen kleinen dicken Franzosen mit Baskenmütze und Bucheckernfüßen

- dann ein etwas buckliges vogelähnliches Wesen rechts oben; das Eichenblatt, das eine Schwanzfeder bildet, ist auf dem Foto leider abgeschnitten

- und zwei vierbeinige Tierchen mit Köpfen aus Eicheln, vielleicht braune Schafe ...

Basteln, Schneiden, Kleben, Stecken, das macht jedem Kind Spaß, auch dem Kind im Manne, wenn nur etwas halbwegs Sinnvolles oder Lustiges dabei herauskommt.

Sinnvoll, habe ich gesagt. Aber was tun wir da eigentlich? Tatsächlich ist es doch sinn-los, jedenfalls zweckfrei, oder: eine Zweckentfremdung von Dingen, Gaben der Natur, die eigentlich ganz anderen Zwecken dienen.

Warum tun wir das?

Da kommt im Spielerischen ein Wesenszug des Menschen zum Vorschein. Ob es Herbstbasteleien mit Kastanien, Eicheln und Bucheckern sind; ob bei einem Telefongespräch kunstvolle Muster auf einem Stück Papier entstehen; ob jemand eine CD mit Lieblingsliedern für sich selbst oder für seine Liebste zusammenstellt (früher hieß das Mixtape, laut einem Essayisten „die am häufigsten ausgeübte amerikanische Kunstform“1): Es drängt uns stets, etwas zu gestalten. Wir bringen einen anderen, neuen Sinn hinein in das, was uns die Welt darbietet. Wir erschaffen etwas Neues – nicht aus dem Nichts, sondern aus vorgegebenen Elementen – aber wir denken sie neu, kombinieren sie neu.

Vor 50 Jahren erschien das Buch „Was ist der Mensch?“ des Theologen Wolfhart Pannenberg2. Darin schreibt er:

„Über alles, was ihm in der Welt begegnet, strebt der Mensch hinaus, durch nichts ganz und endgültig befriedigt.“ (S. 13) Dem Menschen ist dabei „eine viel größere Mannigfaltigkeit von Eindrücken zugänglich als jedem Tier. Solcher Vielfalt stehen die Menschen ursprünglich und faktisch immer wieder hilflos gegenüber. Das ist die Ursituation des Menschen in der Welt, besonders die des Kindes. Darum ist es als erstes nötig, sich zu orientieren, eine Übersicht zu gewinnen. Diese Aufgabe der Orientierung wird nun auf eine sehr bemerkenswerte, für alles menschliche Verhalten charakteristische Weise gelöst: Während die Tiere durch ihre Organe die Eindrücke sozusagen filtern, so daß nur ganz wenige davon ihr Bewußtsein erreichen, vermehrt der Mensch die Vielfalt der Welt noch durch eigene Schöpfungen. Im Umgang mit seiner Umgebung baut er sich immer eine eigene, künstliche Welt auf, um durch sie die Vielfalt der auf ihn einstürmenden Sensationen zu bändigen.“ (S. 14)

Was der Mensch da tut, ist nichts anderes als: Er schafft Kultur. Und ich stelle mir vor, dass außerirdische Archäologen zu Besuch kommen, unsere Herbstbasteleien finden – und sie für religiöse Kultobjekte halten. Wäre ja denkbar.

„Kultur bedeutet ursprünglich Ackerkultur. Die materielle Kultur umfaßt dann auch Handwerk und Industrie. Alle materielle Kultur beruht auf planvollem, zwecktätigem Umgang mit den Dingen unserer Umgebung.“ (S. 18)

Durch die Kultur „baut der Mensch sich eine künstliche Welt, indem er die Dinge so verwandelt, daß sie besser der Befriedigung seiner Bedürfnisse dienen“ (S. 19)

Pannenberg fragt nun: „Welche Kraft befähigt eigentlich zu solchen schöpferischen Leistungen?“ Und er sagt: „Entscheidend aber ist die Macht der Phantasie. Sie bildet den schöpferischen Grundzug im menschlichen Verhalten. [...] Im Menschlichen Verhalten gewinnt die Phantasie deshalb so breiten Raum, weil der Mensch nicht frühzeitig durch Instinkte in eine arttypisch festliegende Richtung gedrängt wird. Menschliches Verhalten behält etwas Zwecklos-Freies, Spielerisches, soweit die Menschen es nicht selbstgesetzten Zielen unterwerfen. Und wer sein Verhalten zu sehr in der Verfolgung von Zwecken aufgehen läßt, so daß dem freien Spiel der Phantasie gar kein Raum mehr bleibt, der verkümmert und verliert sene Spannkraft. Im menschlichen Verhalten, sofern es schöpferisch ist, kommt der Phantasie diejenige Schlüsselstellung zu, die bei den Tieren die Instinkte innehaben.“ (S. 19f.)

Pannenberg spannt den Bogen noch weiter, hin zur wissenschaftlichen Erkenntnis: dass nämlich „jede weiterführende wissenschaftliche Einsicht [...] mit einem Einfall, mit einem Phantasieereignis [beginnt]“ (S. 20). „Echte Einfälle“ aber „kann man nicht hervorrufen“. Damit hat „die am entschiedensten schöpferische Tätigkeit des Menschen zugleich einen passiven Zug“ (S. 21): Gott wirkt eben nicht nur „in der äußeren Geschichte“, sondern „auch in der Innerlichkeit des Menschen unablässig Neues“, und damit ist „der Mensch gerade in seinem Schöpfertum zugleich ganz und gar ein Empfangender“ (S. 22). Kurz gesagt: Der, dem etwas einfällt und daraus etwas macht, der ist ein lebender Gottesbeweis.

So wünsche ich uns viel Fantasie bei allem, was wir tun, heute, diese Woche, und darüber hinaus.

Der Friede Gottes aber, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

Amen.

1 Geoffrey O’Brien, vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Mixtape

2 Pannenberg, Wolfhart: Was ist der Mensch? Die Anthropologie der Gegenwart im Lichte der Theologie, Göttingen 1962. Die 8. Auflage bei Google Books: http://books.google.com/books?id=-zCTyQO9jw4C&