Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Mose 3,1-24

Pastor Thomas Drope

13.02.2005 in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche Ellerbek

Radiogottesdienst am 1. Sonntag der Passionszeit

Radiogottesdienst am 1. Sonntag der Passionszeit, Invokavit

(Lesung des Predigttextes im Gottesdienst anstelle der Epistellesung)

Liebe Gemeinde!

„Die kleine Stadt, die liegt so weit zurück.
Sie war der Mittelpunkt der Welt.
Unsre enge Straße war breit wie der Hollywood-Boulevard.
Und in der Kirche wohnte der liebe Gott.
Da war er noch nicht tot.
Da hat er sich noch um alles gekümmert.“ (Udo Lindenberg, Die kleine Stadt)
So erinnert sich Udo Lindenberg in einem Lied an seine Kindheit.

Fast jeder Erwachsene kennt so ein „Früher“ der Kindheit, in der man einfach glücklich war.
Wo man seinen Platz hatte und die Welt in Ordnung zu sein schien.
„Und in der Kirche wohnte der liebe Gott.“
Irgendwann hat dieses glückliche „Früher“ aufgehört.
Heute sind die einfachen und unbeschwerten Tage nur noch Teil der Erinnerung.
Wehmütig stellt mancher fest: Früher war es schöner.

Die Geschichte vom Garten Eden ist auch eine Früher-war-es-schöner-Geschichte. Menschen wie Adam und Eva haben sich später gefragt:
„Weshalb ist unser Leben jetzt so schwer? Das war doch früher nicht so. Als wir im Garten lebten. Wir mussten uns keine Sorgen machen. Alles war gut. Bei uns wohnte der liebe Gott. Da hat er sich noch um alles gekümmert. Wie konnte das aufhören?“ Die Geschichte vom Garten Eden:
Sie ist kein historischer Bericht. Dennoch ist sie wahr.
Es gibt sie heute noch in jedem und jeder von uns.
Ihre Geschichte ist auch unsere Geschichte.
Unsere Geschichte vom Verlust des Paradieses.

Ihr Anfang ist idyllisch.
Adam und Eva sind von Gott in einen Garten gesetzt.
Eva ist Teil von Adam. Adam ist Teil von Eva.
Sie eint ein grenzenloses Vertrauen zu einander, zur Natur und zu Gott.
Sie sind nackt und kennen keine Furcht.
In ihrem Leben gibt es nur eine Grenze:
Sie verläuft um den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.
Gott hat gesagt: Esst nicht von seinen Früchten, sonst müsst ihr sterben.

Vor allem werden sie wissen, dass sie sterben.
Es ist ein Unterschied, ob wir sterben, ohne davon zu wissen, oder ob wir um unser eigenes Sterben wissen. Sobald wir davon wissen, bekommen wir auch Angst davor. Wir leben nicht mehr unbeschwert in den Tag hinein.
Mit Kindern bis zu acht, neun Jahren lässt sich relativ einfach über den Tod reden. Sie tun das sehr unbefangen. Erst wenn ihnen wirklich bewusst wird: auch ich werde sterben, auch meine Eltern werden sterben, dann kann das Reden darüber schwierig werden.
Gott will Adam und Eva davor bewahren. Sein Verbot ist ein Gebot: es soll sie vor Schlimmem beschützen. Er sagt es wie ein besorgter Vater seinen Kindern. Aber: ein Verbot macht uns Menschen eine Sache erst recht reizvoll.

Als die Schlange zu Eva spricht, scheint sich die Frau schon Gedanken um besagten Baum und seine Früchte gemacht zu haben. Denn auf die scheinbar arglose Frage der Schlange, die Wahres mit Unwahrem vermischt - „Dürft ihr wirklich nicht von den Früchten im Garten essen?“ -, antwortet Eva mit einer Übertreibung:
„Doch, wir dürfen von den Früchten im Garten essen; aber die Früchte vom Baum in der Mitte sollen wir nicht einmal anrühren - sonst sterben wir.“
Vom Anrühren aber hatte Gott gar nicht geredet.
Will sie damit Gott verteidigen und sein Gebot rechtfertigen?
Verschärft sie das Gebot, weil sie die Verlockung schon längst spürt?
Die Schlange mischt nun weiter Wahres und Unwahres.
„Ihr werdet nicht sterben. Gott droht nur damit. Es ist anders: Esst ihr davon, werdet ihr sein wie Gott und erkennen, was gut und böse ist.“

Diese Versuchung ist für einen Menschen zu groß.
Wenn der Mensch die Chance hat, selber Gott zu sein - dann nutzt er sie auch. Sei es in guter oder böser Absicht.
Gott allein Gott sein zu lassen, wenn ich’s doch auch sein könnte - das ist mir als Mensch nicht möglich.
Wie Gott zu sein, heißt: Macht zu haben - und sei der Herrschaftsbereich noch so klein. Alles überblicken, alles entscheiden können. Alles im Griff zu haben und meine Geschicke in niemandes Hand legen zu müssen - auch nicht in Gottes.
Wie Gott zu sein, heißt: alles zu wissen. Mit diesem Wissen könnten wir Menschen selbst die Welt aus alten und unzulänglichen Zuständen in eine bessere Zukunft führen. Sollten wir das ausschlagen?

Jesus kann das - der ist zwar Mensch, aber eben auch Gottes Sohn.
Er lernt diese Versuchung kennen und widersteht ihr.
Aber Eva ist Mensch wie du und ich. Sie will es wissen. Sie überschreitet die Grenze und greift zu. Adam folgt ihr.
Sie geben ihrem ur-menschlichen Hang zu mehr Wissen und Veränderung nach.
Diesem Antrieb verdanken wir Entwicklung, Fortschritt und Kultur.
Wir sollten ihn nicht verfluchen oder schlicht als böse darstellen.
Außerhalb des Gartens Eden hat dieser Antrieb uns Menschen weitergeholfen.

Selbst wenn wir uns dadurch von Gott entfernen sollten - als Menschen können wir nicht anders.
Als Mensch kann ich nicht für immer im Garten meiner Kindheit bleiben.
Da habe ich mich zwar versorgt und geborgen gefühlt.
Aber einmal wurde mir das alles zu eng.
Ich wollte selbst entscheiden und mich nicht länger bevormunden lassen.
Ich wollte frei werden von den Alten und ihren Regeln und Verboten.
Ich habe wie Eva und Adam von der Frucht vom Baum der Erkenntnis probiert- und das Paradies verloren.
Der kindlich-einfache Glaube an den „lieben Gott“ ist mir abhanden gekommen.
Die Vorstellungen der Kindheit passen nicht mehr in mein Erwachsenenleben.
Die Folge: Gott ruft mich, aber ich verstehe ihn nicht mehr.
Gleichzeitig, wenn Gott ruft: Wo bist du Mensch? rufe ich: Wo bist du Gott?
Und höre ihn nicht mehr. Ich muss mich erst von ihm finden lassen.
Wenn Gott mich aber findet, dann komme ich mir unwürdig, schuldig, nackt und bloß vor. Ich verstecke mich lieber vor ihm und meide ihn.
Es ist mir peinlich vor Gott zu treten. „Der sieht doch bis in mein Innerstes. Was habe ich ihm da schon vorzuweisen? Da fliehe ich lieber vor ihm.“

Das alte Vertrauen ist erschüttert, ein Riss geht durch die Beziehung zwischen Mensch und Gott. Es ist nicht mehr das, was es mal war.
Für Adam und Eva nicht. Für uns nicht.
Mit dem kindlichen Vertrauen in Gott und das Leben ist auch die Unbeschwertheit weg. Und die gute Versorgung.
Wer essen will, muss arbeiten - oft mühselig. Neues Leben bricht sich unter Schmerzen Bahn. Zwischen den Geschöpfen herrschen Misstrauen, Schuldzuweisung und Feindschaft.
Früher war das nicht so. Meinen wir. War aber früher wirklich alles besser?
Oder erscheint uns das Paradies nicht erst als Paradies, wenn wir es unwiderruflich verloren haben?
Das idealisierte „Früher“ war doch gar nicht so paradiesisch.
Jedenfalls hat es uns damals nicht mehr gereicht.
Es drängte uns zu Selbstbestimmung, Freiheit, Veränderung.
Das ist ein wichtiger Teil unseres Erwachsenwerdens und unseres gottgewollten Lebens.

Deswegen sind wir jenseits von Eden noch lange nicht ohne Gott.
Wir haben das Paradies zwar verloren. Wie unsere Kindheit auch.
Aber wir tragen das Erlebnis vom Paradies wie ein Stück Glut in uns.
An ihr wärmen wir uns ab und zu. In schweren Zeiten kann es wieder hell in uns aufleuchten und uns durch die Nacht tragen.
Dazu gehört auch das Wissen um den lieben Gott aus Kindertagen.

Noch bedeutender aber ist: außerhalb des Paradieses bleibt Gott uns treu.
Er lässt uns allen Flüchen zum Trotz nicht im Stich.
Seine Geschichte mit uns ist eine Geschichte des Erbarmens.
Das besagt die schönste Stelle der ganzen Erzählung:
Als Adam und Eva schon verflucht sind und erkennen müssen, wie schwer das Leben ist, wenn man selbst für sein Handeln verantwortlich ist - da wendet sich Gott ihnen liebevoll und zärtlich zu.
Er ersetzt ihre notdürftigen Lendenschurze durch wärmende Felle.
Die Geste zeigt: Ich kümmere mich weiter um euch.

Wie ein Vater oder eine Mutter nach schwerer Enttäuschung und schwerem Krach mit den Kindern wissen: Es geht weiter. Wir bleiben ihre Eltern und werden uns weiter um sie kümmern.
So verheißt Gott:
Ihr seid und bleibt meine geliebten Geschöpfe.
Ich werde mich auf den Weg machen und euch mit größerem Abstand begleiten. Ich werde euch helfen und auch im Leid bei euch sein.
Ich werde euch mit offenen Armen empfangen, wenn ihr zu mir kommt.
Ich werde euch wärmen und mitten unter euch wohnen.
Und vom „Früher“ bis zum „Morgen“ gilt:
Ich bleibe euer Gott und ich erhalte euch.

Amen.