Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Mose 3,1-19

Pfarrer Siegmund Krieger (ev)

13.03.2011 in der Ev. Pauluskirche Darmstadt

Sonntag Invokavit

Liebe Gemeinde!
Unser Predigttext ist eine Geschichte, die so bekannt ist, dass ich sie heute nicht vorlesen will, sondern Ihnen nur ein Lesezeichen [linke Tafel aus Hieronymus Bosch, Garten, der Lüste, Paradies] dafür mitgebe. I. Buch Mose, Kapitel 3: Adam und Eva im Paradies. Sie sollten sich die Zeit gönnen, sie zuhause einmal wieder im Wortlaut zu lesen.
Eine Geschichte hoher Erwartungen: Gott erwartet, dass die Menschen seinem Ebenbild entsprechen und dass sie den Garten, in den er sie gesetzt hat, bebauen und bewahren, ihn pfleglich behandeln und sich darin wohlfühlen. Er erwartet auch, dass sie die ihnen gesetzten Grenzen einhalten, alles genießen, was da ist, außer eben dem einen, dem berühmten Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, dessen Genuss den Tod nach sich zieht.
Eine Geschichte hoher Erwartungen: die Schlange hofft darauf, die Menschen in ganz anderem Sinn beeinflussen zu können. Wenn das gelingt, hat sie sie ihrem Herrschaftsbereich unterworfen und Macht über sie gewonnen. Und sie hat gepunktet, wenn Gott nicht mehr ganz so erst genommen wird und wenn der Zweifel an Gottes Güte erst einmal nagt und sich zu Misstrauen auswächst.

Eine Geschichte hoher Erwartungen: Adam und Eva erhoffen sich von der verbotenen Frucht einen ganz besonderen Genuss. Denn es war so und ist so: verbotene Früchte haben immer einen speziellen Reiz. Und wenn mit dieser unbekannten Frucht auch noch das Versprechen eines besonderen Erkenntnisgewinns verbunden ist, erhöht  das den sinnlichen wie den geistigen Reiz. Zu erfahren, was die Welt im Innersten zusammenhält, ist doch neben aller sinnlichen Verführung eine spezielle Versuchung.
Zugleich aber haben wir es mit einer Geschichte der Enttäuschungen zu tun: Die Menschen verhalten sich nicht so, wie Gott es sich erhofft hat. Dafür wissen sie jetzt zu viel. Seine Kinder entwachsen ihm.  Sein Garten – wenn auch gut bewacht – verwildert und verunkrautet.
Auch die Schlange muss enttäuscht sein. Denn es ist keineswegs so, dass sie jetzt die Herrschaft antreten könnte im Paradies. So schnell lässt sich der Herr der Schöpfung nun nicht das Zepter aus der Hand nehmen. Er verflucht die Schlange: Auf dem Bauch sollst Du kriechen und Erde fressen dein Leben lang. Der Griff nach der Macht ist misslungen.
Die Enttäuschung aber von Adam und Eva ist, dass die Frucht, die sie zu sich nehmen, sich als bittersüß erweist. Dass sie die Unbekümmertheit und die Geborgenheit verlieren, dass sie stattdessen mit Schmerz und Ungewissheit leben müssen. Sie haben den Zugewinn an Erkenntnis und Wissen, doch dieser Gewinn erweist sich als höchst zwiespältig.
Und da sind sie nun. Die Tore des Paradieses sind verschlossen und bewacht. Rückkehr unmöglich. Immerhin ist Gott seiner eigenen Drohung untreu geworden, sie sind nicht sofort nach dem Genuss der verbotenen Frucht gestorben, sondern bleiben am Leben. (Klar, muss auch so sein, sonst hätte diese Geschichte gar nicht erzählt werden können.) Statt des Endes, bevor es richtig losgeht mit der Geschichte der Menschheit, wird ein Beginn markiert. Gott stattet seine Kinder auch noch mit Kleidung aus, bevor er sie entlässt. Konstatieren wir das einfach.
Die Hoffnung auf den Weg zurück war lange verknüpft mit den großen Utopien: Fortschritt durch Aufklärung und Wissen, Verbesserung des Menschengeschlechts durch Bildung. Das Erdbeben von Lissabon 1755 bildete da nur eine vorübergehende Zäsur. Der Fortschritt schien nicht aufzuhalten. Und eine andere, die kommunistische Utopie, haben wir zu unseren Lebzeiten zerplatzen sehen.

Wir leben seither mit dieser zwiespältigen Mischung aus immer mehr Wissen, aber auch immer wieder Enttäuschung und Sehnsucht nach paradiesischen Zuständen. Weite Flugreisen nehmen Menschen auf sich, um sich diese für ein paar Tage zurückzuholen. Kein Urlaubsprospekt ohne die weiten Palmenstrände! Aber keiner dieser Prospekte zeigt, wie die Armut ein paar Kilometer landeinwärts aussieht.

Die Deutschen gelten laut Statistik als die reisefreudigste Nation der Welt. Kein Winkel dieser Erde ist vor ihnen sicher. Doch gegen die aus Not geborenen Reisen der Tausende sind wir gut geschützt. Wir leben in Europa fast wie auf einer Insel der Seligen. Die Bilder von der Insel Lampedusa passen nicht in dieses Bild.
Bleiben wir bei einigen unserer Zwiespalte. Wachstum muss sein, bekommen wir gesagt. Um unseren Lebensstandard zu halten, müssen Konsum und Wirtschaft wachsen. Und „Gott sei Dank“, es funktioniert gerade mal wieder. Dass Autoindustrie und der Export militärischer Güter die Motoren dieses Wachstums sind , nehmen wir in Kauf.
Dass fossile Brennstoffe nicht unbegrenzt vorhanden sind, lässt uns nach Alternativen suchen. Zur Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken gibt es aber keine, lernen wir. Wo der Atommüll für Tausende von Jahren lagern soll, weiß niemand. Das sichere Atommülllager Asse ist schon leck.
Jetzt gibt es das neue Benzin mit 10% Beimischung aus nachwachsenden Rohstoffen. Wie wunderbar! Dass dafür nicht nur in Deutschland, sondern auch in Ländern wie Äthiopien oder Brasilien wertvolle Ackerflächen der Nahrungsmittelproduktion entzogen werden, ist ein Skandal. Die Einsparung von fossilen Brennstoffen durch Geschwindigkeitsbegrenzungen und konsequente Weiterentwicklung von sparsamen Motoren wäre  weit höher, darf aber nicht diskutiert werden.  Ein Tempolimit wäre zwar vernünftig, würde aber wieder Arbeitsplätze kosten, heißt es.

So könnte ich meine Aufzählung fortsetzen mit Geld und Banken und Spekulation oder mit Lichtgestalten, die dann doch nur der allzu menschlichen Versuchung erliegen, mehr zu scheinen als sie sind und sich dafür mit fremden Federn schmücken.
Wohin wir schauen, erleben wir die Ambivalenz des Gutgemeinten, erleben wir den Zwiespalt dessen, was Paul Watzlawick einmal mit einem Buchtitel benannt hat: Vom Schlechten im Guten.
Wieso ich das alles aufzähle? Das weiß doch jeder Zeitungsleser sowieso schon. Und mag`s nicht mehr lesen. Das, liebe Gemeinde, kennen Sie. Man will gar nichts davon hören oder lesen, eben weil man`s eigentlich weiß. Und auch sehr genau weiß (seit Adam und Eva sich die Erkenntnis von Gut und Böse einverleibten), dass das nicht in Ordnung ist. Und jetzt kommt das alles In einer Predigt? Fehlt nur noch eine Wahlempfehlung. Ärgerlich!

Eigentlich geschieht das alles, was wir leben und erleben, auf dünnem Eis. Oder muss das Bild heißen: Wie ein Tanz auf dem Vulkan? Dass die Erde ein ebenso gefährdeter wie gefährlicher Planet ist, haben die Japaner ja gerade erschreckend erfahren.  Dazu zitiere ich Ihnen nur Peter Ustinov: „Die letzte Stimme, die man hört, bevor die Welt explodiert, wird die Stimme eines Experten sein, der sagt: Das ist technisch unmöglich.“
Die biblischen Geschichten nach dem Paradies gehen ja weiter, mit Kain und Abel und der Sintflut und dem Turmbau zu Babel. Immer haben sie etwas zu tun mit dem Versuch und der Versuchung, Gott gleich zu werden, sozusagen dem negativen Schatten der Gottesebenbildlichkeit. Das Recht in die eigene Hand zu nehmen, die Grenzen auszutesten und zu überschreiten, Wissen zu nutzen, um Macht zu erlangen (wirtschaftliche wie politische.)
Und Gott bleibt in Beziehung zu diesen Menschen. Kain wird gewarnt: „die Sünde lauert vor der Tür, du aber herrsche über sie.“ Er wird auch nach seinem Mord am Leben gelassen. Das Versprechen an Noah heißt: „Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen…“
Gedanken heute am Sonntag Invokavit, dem ersten Sonntag in der Fastenzeit. Invokavit – Psalm 91 klingt an: „Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören, ich bin bei ihm in der Not, ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen.“

Einer meiner Theologieprofessoren sagte einmal: „Ja, die Welt geht in den Eimer. Aber es ist der Eimer Gottes!“  Heißt ja auch, diese Welt mit ihrer Zerbrechlichkeit ist und bleibt die von Gott gewollte Welt voll Schönheit. Es gibt nicht nur Hybris und Hass und Zerstörung , sondern  auch demütige Wahrheitssuche und Liebe und Hilfe.
In den biblischen Lesungen zum Sonntag Invokavit ist der Geschichte von Adam und Eva als Evangelium die Geschichte der Versuchung Jesu zur Seite gestellt. Drei Szenen wie in einem Kurzfilm werden uns vorgeführt. Der Versucher, der „altböse Feind“, ist wieder unterwegs, gibt sich noch nicht geschlagen. Aus Steinen Brot machen. Das wäre doch das Wunderrezept. Wer das kann, beherrscht den Brotmarkt. Wer das kann, hat auch die technischen Möglichkeiten, aus Nahrungsmitteln Autotreibstoffe zu machen. Erlaubt ist, was geht. Jesus widersteht dieser Versuchung. Er wertet das Brot und die technischen Möglichkeiten nicht ab. Aber er setzt sie in Verbindung zu Gottes Wort, mit moderner Sprache gesagt: er koppelt die Technik an  eine Wertediskussion.

Er widersteht auch der zweiten Versuchung: die Grenzen zu überschreiten, das Risiko zu erhöhen. „Spring herab! Was kann schon passieren? Du bist doch abgesichert bis zum letzten! Wer, wenn nicht Du! Neugier, Risikobereitschaft bringt die Welt voran! Wo wären wir, wenn es sie nicht gäbe! Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!“  Stimmt doch auch, wo wären wir, wenn nicht Menschen Grenzen ausgelotet, überschritten hätten! Doch Jesus erkennt auch diese Falle. Er bleibt mit beiden Füßen auf dem Boden: „Du sollst, Gott, deinen Herrn, nicht versuchen.“ Nicht alles, was machbar ist, muss man deshalb auch machen. Und „Es wird schon gutgehen“ ist eben kein Gottvertrauen.
Doch der Versucher gibt nicht auf. Sein dritter Anlauf zielt auf Globalisierung. „Alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit“ führt er vor. Wenn Du nicht den Markt beherrschst, tun es andere. Greif zu, bevor es die Konkurrenz tut. Willst Du nicht Herr sein, bleibst Du Sklave. Bestimme Du, wo es langgeht!“ – Das Ganze hat nur einen kleinen Haken. Du verkaufst deine Seele. Aber was ist das schon! - Jetzt reicht es: „Weg mit Dir, Satan!“

Liebe Gemeinde,
indem Jesus diesen Versuchungen widersteht, wird er frei für seine Aufgabe.
Er wird damit zum Vorbild. Aber mehr: seine Aufgabe heißt ja, die Brücke zwischen Gott und Menschen wiederherzustellen, Brückenbauer( lateinisch: Pontifex) zu sein. Pontifex ist ja zur Bezeichnung für den Hohepriester geworden. Das klingt an in der Lesung aus dem Hebräerbrief, die wir vorhin gehört haben. Sie soll gleich zum Abschluss noch einmal erklingen, sozusagen die Antwort sein auf die Versuchungsgeschichten von damals und auf die Versuchungen, vor denen wir heute stehen, als Ermutigung zum Widerstehen und gleichzeitig mutigem Handeln in dieser Welt im Vertrauen auf ihn.
Amen.