Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Mose 3,1-19

Tobias Pohl (ev.-freik., Baptist)

13.02.2005 in der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde (Baptisten), Frankfurt am Main

Liebe Gemeinde,

wer kennt nicht diese Situation:
Da bin ich mir einer Sache ganz sicher. Ich weiß genau, was zu tun ist. Doch dann passiert etwas Unvorhergesehenes. Und schon ist sie dahin meine Selbstsicherheit. Ich werde unruhig und nervös. Habe ich wirklich an alles gedacht? Vielleicht muss ich doch alles ganz anders machen. Der Predigttext für den heutigen Sonntag berichtet von einer Frau, der es genau so ergangen ist.

Text lesen

Alles fängt ganz harmlos an. Da kommt die Schlange und fragt Eva: „Hat Gott gesagt, dass ihr von den Bäumen im Garten nicht essen dürft?“ Eine auf den ersten Blick einfache und rein sachliche Frage. Und doch liegt in der Art der Fragestellung schon die ganze List und Heimtücke. Eine böse Unterstellung klingt aus der Frage heraus: Hat Gott den Menschen mehr verboten als erforderlich? Eva kommen Zweifel. Was hat Gott denn nun wirklich gesagt? Eine einfache Frage und doch so zerstörerisch.

Fragen, die auch in unserem Leben immer wieder vorkommen: Liebt mich meine Frau noch? Kann ich meinem Chef vertrauen? Sehr schnell kann dann unsere bislang heile Lebenswelt zusammenbrechen. Denn wenn der Zweifel erst einmal gestreut ist, dann wächst er langsam weiter. Plötzlich schaue ich meine Partnerin mit ganz anderen Augen an. Unbewusst suche ich nach Anzeichen für Veränderungen im Verhalten. Und nach und nach schwindet mein Vertrauen. Andererseits: Man wird doch mal fragen dürfen, oder?

Bei Eva fällt die einfache, sachliche Frage auf fruchtbaren Boden. Ja, was hat Gott eigentlich gesagt? Schnell und wahrscheinlich entsprechend empört reagiert sie: „Natürlich essen wir von den Früchten der Bäume im Garten. Nur von dem einen Baum in der Mitte sollen wir nicht essen, damit wir nicht sterben.“ Zu gut kennen wir auch dieses Kommunikationsmuster. Nur ungern lassen wir uns und unsere Positionen, unsere Meinung und auch unseren Glauben von anderen hinterfragen. Oft verteidigen wir uns dann schroffer, als es eigentlich nötig wäre. Verteidigen aber muss ich nur, wenn ich Angst habe, etwas zu verlieren.
Und tatsächlich geht etwas verloren. Unsere Selbstsicherheit und unser Vertrauen:
Was wäre wenn meine Frau mich tatsächlich nicht mehr so liebt wie früher?
Was wäre wenn mein Chef plötzlich meinem Arbeitskollegen vorzieht?
Und schon kann der Zweifel sein Werk der Zerstörung weitertreiben.

Man kann es förmlich nachempfinden, wie es in Eva arbeitet: Was soll eigentlich das Gebot? Verpassen wir etwas? Unmerklich ändert sich für Eva das Bild von Gott. Aus dem liebenden und fürsorgenden Schöpfer wird ein heimtückischer, bösartiger und gefährlicher Gott, der den Menschen Böses will. Merkt ihr etwas? Nicht Gott hat sich verändert, sondern Eva. Anstelle ihres bisherigen Vertrauens ist der Zweifel und die Angst vor Gottes Handeln getreten. Für mich liegt hier einer der Schlüssel, warum es vielen Menschen heute so schwer fällt an Gott zu glauben. Statt ihm und seinem Wort zu vertrauen, lassen sie sich von Fragen verunsichern: Warum lässt Gott das unsägliche Seebeben in Südostasien zu?
Warum schränkt Gott mein Leben ein durch eine Vielzahl von Geboten? Ich könnte eine Menge von Fragen aufzählen, die zu einer erheblichen Verunsicherung führen. Und es ist gewiss auch die moderne Theologie und Kirchenlehre, die ihren Teil dazu beitragen.

Versteht mich nicht falsch: Ich finde es wichtig und richtig, Fragen zu stellen. Ich halte es auch für wichtig, sich mit dem eigenen Glauben auseinanderzusetzen. Doch alle Fragen, die wir uns im Glauben stellen, sollen helfen, dass Vertrauen zu Gott zu stärken. Fragen sollen aufbauen und nicht zerstören. Eva jedenfalls ist kräftig verunsichert und hat Angst. Die Schlange aber bleibt ruhig und sachlich: „Keineswegs werdet ihr sterben, sondern ihr werdet wie Gott und könnt erkennen, was gut und böse ist.“ Und hiermit beweist sie eine List, die immer wieder funktioniert und Menschen bis heute ins Verderben stürzt: Ja, das wäre doch zu schön. Könnten wir Menschen doch nur unser Mensch-Sein, unsere Unvollkommenheit und unsere Ängste hinter uns lassen.

Die modernen Schlangen von heute sind Wirtschaft und Wissenschaft, die uns einreden wollen, dass wir alles haben können und tun dürfen, was wir wollen. Die von Gott zu unserem Wohl aufgerichteten Schranken treten dabei immer mehr in den Hintergrund. Wie schön wäre es zum Beispiel in der Medizin und in der Umwelt ein wenig Gott zu spielen, um mit Hilfe der Gentechnik seine - in unseren Augen unvollkommene - Schöpfung zu korrigieren.

„Ihr könnt werden wie Gott.“ Mit dieser Verheißung ist es um Eva geschehen. Sie ist bereit das ganze Paradies aufzugeben für eine einzige Frucht. Und schon ist die „Grenzüberschreitung“ fast vollzogen. Das „Verbotene“ wird so verführerisch, dass alles andere verblasst: Nur eine Nacht mit der attraktiven Arbeitskollegin, das wird die Familie schon nicht zerstören. Ein Schnaps mehr, das kostet schon nicht den Führerschein.
Wer ehrlich mit sich selbst ist, der weiß, wie nahe der Abgrund ist und wie schnell es zur Grenzüberschreitung kommen kann. Für Eva jedenfalls ist alles klar. Sie will ihr Glück machen. Kein Verbot soll sie daran hindern: Niemand hat das Recht mir Vorschriften zu machen. Endlich ist mein Glück zum Greifen nah. „Und die Frau nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann“, so heißt es wiederum ganz nüchtern im Bibeltext. Und damit nimmt die Tragödie ihren Lauf. Es geschieht, was niemals hätte passieren dürfen. Eva teilt das scheinbar Schönste, was sie im Augenblick hat, mit ihrem Mann und reißt ihn so mit ins Unglück. „Und so ist es am Ende die Liebe selber, die den Geliebten verdirbt“, schreibt Eugen Drewermann. „Die Menschen vermeinen füreinander das Beste zu schaffen, und es ist doch ganz anders. Das Unglück des Menschen liegt nicht darin, dass er nicht bekäme, was er will. Das Unglück liegt darin, dass er genau bekommt, was er haben möchte. Nur sieht es am Ende ganz anders aus: Die Menschen werden wissend wie Gott selber. Sie erkennen, was „Gut“ ist und was „Böse“. Doch mit dieser Erkenntnis können sie nicht umgehen.“ Das Verbot sollte sie bewahren vor einem Leben ohne Beziehung zu ihrem Schöpfer. Der Mensch aber hat sich anders entschieden. Er glaubt der Angst mehr als der Liebe und der Eigenmacht mehr als der Gemeinsamkeit.

Wie ein roter Faden zieht sich diese Wahrheit durch die Geschichte der Menschheit:
Da möchten findige Wissenschaftler die Kernspaltung zur Energiegewinnung nutzen, und das Ergebnis sind grausame und verheerende Atombomben. Da wird mit „Contergan“ ein hochwirksames Medikament entwickelt, übrig bleibt eine ganze Generation verkrüppelter Kinder. Da werden Tankschiffe immer größer und übrig bleiben ölverkrustete Küsten. Auch im Privaten lässt sich diese Tragödie immer wieder verfolgen: Da schuftet einer Jahrzehnte für seine Karriere und stirbt mit 50 an einem Herzinfarkt. Da leistet sich ein anderer einen aufwändigen Lebensstil, teure Autos, viel Urlaub und ein großes Haus. Als die Raten nicht mehr bezahlt werden können, wirft er sich vor die S-Bahn. Da ist der Jugendliche, der nur einmal Drogen ausprobieren wollte und nun in der geschlossenen Anstalt zur Entgiftung liegt, weil er von der Nadel nicht mehr losgekommen ist. Ja, es ist bittere Realität. Wir Menschen sind aus dem Paradies vertrieben, weil wir das Vertrauen zu Gott verloren haben. Wir sind aus der Einheit mit Gott heraus gefallen und in die Welt des Zweifels, der Gegensätze gelandet.

Wie aber können wir zurückfinden zur Einheit mit Gott? Wie können wir die Welt der Gegensätze und des Zweifels überwinden? Drei Aspekte möchte ich hierfür zum Nachdenken mitgeben:

1) Wir können nicht zur Einheit mit unserem Schöpfer zurückfinden, indem wir versuchen nur „Gutes“ zu tun. Wie oft hat die Kirche gemeint, zu wissen, was das „Gute“ ist und wie sehr wurde in Inquisitionen, Hexenverbrennungen und Kreuzzügen das vermeintlich „Böse“ bekämpft. Und wie oft müssen wir voll Entsetzen Menschen sagen hören: „Ich habe es doch nur gut gemeint.“ Marshall B. Rosenberg, der international bekannte Konfliktmoderator und Entwickler der gewaltfreien Kommunikation, schreibt: „Aus seiner Sicht hat auch Hitler überhaupt nichts Schlimmes getan, sondern er hat heldenhaft dafür gesorgt, dass die Welt von „Ungeziefer“ befreit wird.“ Er schreibt weiter: „Viele der Menschen, die wir gemein oder böse nennen, die finden keinen anderen Weg, mit ihren Bedürfnissen umzugehen. Wenn jemand sein Kind disziplinieren will, indem er es schlägt, denkt er, er müsse es tun.“

Nein, Moral kann uns nicht retten, denn letztlich wollen alle doch - zumindest für sich selbst - das Gute. Und leider zeigt es sich immer wieder, je stärker das „Böse“ bekämpft wird, umso mehr gleichen sich die Methoden der „Guten“ denen der „Bösen“ an. Darum habe ich große Angst vor jedem religiösen Fundamentalismus, ob er islamisch oder christlich ist.
Dies zeigt sich für mich z. B. auch bei radikalen Abtreibungsgegnern, die selbst vor Mordanschlägen nicht zurückschrecken. Oder bei denen, die zu Zeiten Jesu die Ehebrecherin steinigen wollten. „Wer frei von Sünde ist, der werfe den ersten Stein“, hat Jesus darum gesagt. Und wir müssen erkennen, kein Mensch ist von Sünde frei. „Gut“ und „Böse“ gehören zu uns und sind als Teil von Gottes Schöpfung untrennbar miteinander verwoben.

2) Wir müssen uns darum mit dem „Bösen“ in uns und in unserer Welt anfreunden. Jesus hat es ganz klar formuliert: „Liebet eure Feinde, tut wohl denen, die euch hassen.“
Um zur Einheit mit Gott zu finden, müssen wir lernen, unsere eigenen Schattenseiten anzunehmen und das Böse in uns zu erkennen. Wer um den „Balken“ in seinem Auge weiß, der wird mit dem „Splitter“ im Auge seines Nächsten barmherzig umgehen. Da wir alle in der Sündhaftigkeit der Welt verstrickt sind, kommt es nicht darauf an „Recht zu haben“ und diejenigen, die Unrecht haben, zu verurteilen. Entscheidend ist vielmehr, gerade die Menschen, die wir für böse halten in Liebe zu begleiten und ihnen Wege aufzuzeigen, anders zu handeln, so wie es Jesus uns gesagt hat: „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“

3) Um „Gut“ und „Böse“ zu überwinden und zur Einheit mit Gott zu kommen, müssen wir lernen uns und unseren Nächsten, wie auch Gott, vorbehaltlos zu lieben. Der einzige Weg, um ins Paradies zurückzufinden ist der Weg der Liebe. Sie ist der Schlüssel zur Überwindung der Gegensätze. Liebe ist ein „Ja Sagen“ ohne Einschränkungen und Bedingungen. Gott lieben, auch wenn ich seine Gebote und sein Handeln nicht verstehe. Wem es gelingt, mit voller Hingabe zu lieben, für den verlieren die Gegensätze dieser Welt an Bedeutung. Da ist es nicht mehr wichtig, wie viel Schuld ein Mensch auf sich geladen hat. Sondern da ist die Freude groß, dass wieder Beziehung entsteht - so, wie sich der Vater über seinen verlorenen Sohn gefreut hat. m noch einmal Marshall B. Rosenberg zu zitieren: „Jedem menschlichen Wesen eine grundsätzliche Wertschätzung entgegenzubringen ist die schönste Umgangsform, die wir uns selbst gegenüber wählen können. Denn jedes Mal, wenn wir ein Arschloch sehen, zahlen wir dafür, denn dann leben wir in einer Welt voller Arschlöcher. Wenn ich mich dafür entscheide, in jedem Mensch seine Schönheit zu sehen, dann behandle ich auch mich selber mit Liebe.“ Es ist zwar etwas drastisch ausgedrückt, aber Rosenberg erläutert hier meines Erachtens sehr gut, worin unsere Aufgabe besteht.

Wir brauchen dabei keine Angst vor dem „Bösen“ zu haben, denn Gott lässt seine Sonne scheinen über Gerechte und Ungerechte. So wie das Licht immer die Finsternis besiegt, wenn die Tür eines dunklen Raumes einen Spalt breit geöffnet wird, so regiert auch Gottes Herrlichkeit über allem. Er hat seine Schöpfung gut gemacht mit allem Bösen und allem Leid. Oder um mit Paulus zu sprechen: „Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“

An Eva haben wir heute gesehen, wie Menschen aus der Geborgenheit Gottes herausfallen. Jesus Christus hat uns mit dem „höchsten Gebot“ den Weg zurück ins Paradies gewiesen. Ich wünsche uns, dass wir, als Christen, es schaffen, mit Liebe und Barmherzigkeit gegen das Misstrauen und die Angst in unserer Welt anzugehen.

Amen.