Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Mose 11,1-9

Pfarrer Stephan Müller-Kracht

16.05.2005 in der Ev. Kirchengemeinde Mainz-Mombach

1. Ohne Fleiß kein Preis
Spätestens September, liebe Pfingstgemeinde,
        wenn Aldi Spekulatius in die Ladenregale füllt, wissen wir:
                Weihnachten ist nicht mehr fern.
Am Anfang ärgert mich das
        - Advent ist im Dezember! -,
                aber früher oder später erfasst es die meisten unter uns doch:
Wir stimmen uns auf Weihnachten ein,
        überlegen, wie wir den Heiligen Abend gestalten,
                wen wir einladen,
                        was wir wem schenken könnten.
Dann die ersten Feste, Sankt Martin, Nikolaus,
        ... Weihnachten rückt näher …,
                Plätzchenteller, Weihnachtspunsch,
                        aber auch besinnliche Zeit, die ich mir gönne,
                                ein Buch, ein Kalender, eine Kerze,
                                        oder wie auch immer wir dieser Zeit Gestalt geben.
Die Philosophie hinter unseren vorweihnachtlichen Aktivitäten:
        Wenn etwas gelingen soll, muss ich etwas dafür tun.
Ohne Fleiß kein Preis.
Von nichts kommt nichts.

Anders geprägt und doch ähnlich - Ostern:
        Hier sind es 40 Tage der Vorbereitung.
                Ich selbst trinke in dieser Zeit keinen Alkohol,
                        andere verzichten auf Süßes.
In unseren Gottesdiensten nehmen wir den Leidensweg Jesu in den Blick,
        der Jubelruf „Halleluja“ entfällt.
Manchmal, so scheint es mir, sind wir in dieser Zeit
        sensibler für die Not um uns herum und in unserer Welt.
Als die vierzigtägige Passionszeit erfunden wurde,
        war man der Überzeugung:
                Ostern feiern,
                sich von der Auferstehung anrühren und bewegen lassen,
                eintauchen in Gottes neue Welt,

das kann nur, wer sich präpariert hat,                 wer zuvor den Leidensweg Jesu an sich herangelassen hat. Ostern erschließt sich den Menschen,         die eine entsprechende Vorbereitungszeit durchlaufen haben.

 

Weihnachten, Ostern,
        beide Feste lassen ein Grundprinzip unseres Glaubens erkennen:
                Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt.
Nur eine entsprechende Vorbereitung führt zu echtem Erleben,
        erschließt, was das Fest bereithält.

2. Pfingsten ist anders
Pfingsten ist anders!
Pfingsten trifft uns
        - nahezu unvorbereitet!
Da gibt es in aller Regel keine Geschenke,
        keinen wochenlangen Vorlauf.
Auch bei uns in der Kirche keine Andachten,
        kein Basar, kein Brief des Pfarrers
                an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Es gibt keine Pfingst-Industrie, die uns bewirbt
        und ihre Produkte absetzen will,
                allenfalls eine rechtzeitige Planung des Kurzurlaubes ist anzuraten.
Aber das hat mit dem religiösen Gehalt des Pfingstfestes wenig zu tun.

Auch damals in Jerusalem geschah alles unverhofft:.
Versammelte Jüngerinnen und Jünger,
        geschlossene Türen, ängstlich-gedämpft die Stimmungslage,
                auf dem Tisch ein Krug Wasser, ein paar Fladen Brot,
                        und plötzlich: Feuer, Flamme, Brausen, Sturm!
Sie kennen die Geschichte.

„Die sind wohl voll des süßen Weines?“
Anders konnten sich Außenstehende nicht erklären,
        wie es zu diesem Stimmungsumschwung kommen konnte
                - so plötzlich, so unverhofft.
Pfingsten: neue Lebensenergie aus heiterem Himmel!
Unerwartet, unvorbereitet,
        gratis, umsonst,
                einfach so, aus Gnade, wie man später sagte.

Sie merken, liebe Gemeinde: Pfingsten ist anders:
Und: Pfingsten tut gut.
Schön, dass Religion, Glaube, auch so funktioniert,
dass Gott uns auch auf überraschende, ungeplante,
überwältigende Art nahe sein kann.

3. Babel: Vom Scheitern der Ehrgeizigen
Makaber und mitleiderregend dagegen:
        die Anstrengungen der Menschen in Babel
                - aus pfingstlicher Perspektive gesehen.
Von ihnen erzählt der heutige Predigttext:

Zweite Stimme: 1. Mose 11, 1-9

Sie planen, schaffen, schuften
- die Babylonier, von denen wir gerade gehört haben.
Sie sind ehrgeizig,
        wollen immer noch eines drauf setzen,
                hoffen so sich einen Namen zu machen,
                den Lauf der Dinge positiv zu beeinflussen,
                alles in den Griff zu bekommen.
Und enden in Überanstrengung,
        Zerwürfnis, Verwirrung, Sprachlosigkeit.
Babel, der missglückte Turmbau
        - eine Warnung gegen die Illusion, alles überplanen,
                alles im Griff haben zu müssen,
                        im Himmel und auf Erden
                                sich krampfhaft einen Namen zu müssen
                                        und sich selbst zu Gott.
So ist die traurige Babelgeschichte schon früh
        zum pfingstlichen Anti-Text geworden.
Genau zum Gegenteil von Pfingsten.
Deshalb hat die Geschichte vom Turmbau zu Babel
ihren Ort im Gottesdienst heute an Pfingstmontag bekommen.

4. Pfingsten heute
Pfingsten funktioniert anders.
        Anders als Weihnachten und anders als Ostern,
                erst recht anders als in Babel mit seinen Turmplanern und -erbauern.

Gottes Geist durchweht die Welt,
        und manchmal, da erwischt er mich ganz unverhofft,
                kein Winkel, keine Zeit ist vor ihm sicher.

Weihnachten, Ostern sind Feste, die ihre Kraft entfalten,
        wenn ich auf sie zugehe.

Pfingsten hält sich nicht an meinen religiösen Übungsplan,
        nicht an meine Lebensplanung,
                nicht einmal an den kirchlichen Festkalender.
Dieser Geist weht, wo er will und wann er will.
        Wenn er mich erfasst,
                passiert etwas mit mir, in mir, um mich herum.

Da ist mein Leben auf einmal wieder einleuchtend.
Da kann ich nach Zeiten der Spannung und Auseinandersetzung
        meine Kinder neu verstehen, bin ihnen wieder nahe.
Fühle: Ja, wir gehören zusammen,
        haben uns wieder etwas zu sagen
                nach Jahren des Auseinanderlebens,
                        des aneinander vorbei.

Oder ich fühle mich auf einmal wieder wohl in meiner religiösen Tradition,
        vielleicht hier in unseren Gottesdiensten,
                nach Zeiten, wo mir alles leer und problematisch erschien.

Da beginnen Energien wieder zu fließen,
        Zusammenhänge erschließen sich,
                das Leben gewinnt an Fahrt und Schönheit.

Dahinter steht Gottes pfingstlicher Geist,
        bei jedem anders, zu anderen Zeiten auch,
                aber kennen werden Sie alle solche Erfahrungen und Erlebnisse.

5. Nicht nur damals in Jerusalem
Mir ist wichtig: Pfingsten ereignete sich nicht nur einmal,
        nicht nur damals, nicht nur in Jerusalem!
Auch heute weht pfingstlicher Geist durch unsere Welt.
Und das nicht nur im Mai, wenn Pfingsten im Kalender steht.

Auf einmal melden sich die Lebensgeister zurück.
Kraft strömt,
        Erschöpfung weicht, Lebenslust kehrt zurück.
Es läuft wieder, ich schaue nach vorne.
Welch ein Geist, der uns da erfasst - erfassen wird!
Welch ein Geist, um den wir bitten
        - auf den wir vielleicht aber auch so sehnlich warten.

Keine schlechte Idee, diesem Geist gleich zwei Festtage zu widmen. Frohen Pfingstmontag Ihnen allen!

Amen.