Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Mose 1,1-4a

Pfarrer Thomas Braun

26.06.2005 in der Ev. Kirchengemeinde Gebroth-Winterburg

Predigtreihe „Die Farben der Schöpfung“

Predigtreihe „Die Farben der Schöpfung“

Offene Weite
Mystik und Physik

Liebe Gemeinde!  

I. 

Die Welt ist kompliziert geworden; und unser Weltbild komplex.
Wir sehen und staunen, wenn wir die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften, der Physiker, Chemiker und Biologen, der Ingeneure und Techniker in den gut gemachten Dokumentationen der Medien, des Fernsehens, des Internets und der Zeitung vor Augen geführt bekommen. Wir sind Lernende zwischen Schulweisheit und Alltagserfahrung. Wir werden in die Weite des Universums und in Tiefe des Mikrokosmos geführt. Wir entdecken die Spuren des Anfangs, als seien wir schon immer dabei gewesen; Millarden von Jahren seit dem Big Bang, dem Urknall, ziehen an uns im Fernsehsessel vorüber mit der Erkenntnis, so sind Himmel und Erde, Welt und Kosmos geworden. Das sind die modernen Bilder, die unser Bewusstsein heute prägen.
Es war der Physiker Albert Einstein, der am Anfang des letzten Jahrhunderts mit seiner allgemeinen und speziellen Relativitätstheorie das moderne Weltbild revolutionierte. Aufgrund seines Denkens lassen sich die Naturgesetze der Physik genauer beschreiben. Heute können viele Autofahrer und Weltenbummler mit Hilfe genauer Navigation durch CPS - Satellitentechnik ihren geographischen Standort präzise bestimmen. Die Technik baut auf die Erkenntnisse Albert Einsteins auf und macht sie sich zunutze.  

II. 

Zugegeben, oft bleiben wir angesichts des technischen Fortschritts staunend, aber ratlos zurück. Die Welt wandelt und verändert sich, schneller als wir mit dem Blick folgen können.
Wer versteht schon, wie sein Computer im Detail funktioniert. Hauptsache, er funktioniert. Von dem großen Humanisten Erasmus von Rotterdam wird erzählt, er sei der letzte Mensch der Neuzeit gewesen sei, der das gesamte Wissen seiner Zeit parat hatte. Davon können Bildungsbürger und PISA-Zöglinge heute nur träumen. Es ist unmöglich geworden. Wissen und Verstehen fallen auseinander. Das rasche Verfallsdatum erworbener Kenntnisse macht uns zu schaffen und unsicher. Und die Frage nach dem Sinn des Daseins meldet sich genauso laut derzeit wie bei den Menschen des Mittelalters oder der Antike.

Wenn wir nach der Schöpfung, nach dem Anfang fragen, nach einer Lebenshaltung, die uns zu leben hilft, dann sind wir, so scheint es, nicht weit weg von unseren Vorfahren.  

III. 

Manchmal hilft der Zufall auf die Spur des Einfachen.
Im Einstein-Jahr stellte ein bekanntes Nachrichtenmagazin das moderne Weltbild der Physik dar - journalistisch professionell aufbereitet. Darin ein Bild moderner Physik: die Abbildung des Teilchenbeschleuniger des Europäischen Forschungsinstitut CERN in Genf: eine technische Versuchsanlage, mit der das Verhalten kleinster Elementarpartikel physikalisch gemessen und die Ergebnisse interpretiert werden. Neben der Abbildung war das Fotos eines wissenschaftlicher Mitarbeiter zu sehen. Das Erstaunliche und das Fremde daran: der junge Wissenschaftler war gekleidet in der Robe eines Zenpriesters, sitzend in meditativer Versunkenheit. Der junge Physiker und die Spiritualität des Zen. Hier die moderne Naturwissenschaft und dort die Praxis asiatischen Meditation. Vielleicht eine moderne Ikone, ein harmonisches Bild des Dialogs zwischen Innen und Außen, zwischen den Gesetzen des Kosmos und der inneren Welt des Selbst, die sich wechselseitig durchdringen. Die Mystik des Teilchenbeschleunigers, aber zugleich und daneben: die innere Entschleunigung des Zenkontemplation.

Einer der Väter der Zenmeditation, Bodhidharma, soll gefragt worden sein: Welches ist der höchste Sinn der Heiligen Wahrheit?
Bodhidharma sagte: Offene Weite - nichts von heilig.
Er wurde gefragt: Wer ist das Uns gegenüber?
Der Zenpatriach erwiderte: Ich weiß es nicht.

Offene Weite und das bescheidene Eingeständnis der Ratlosigkeit - warum sollte nicht zusammenkommen, was scheinbar nicht zusammengehört? Es wäre nicht die schlechteste Haltung der Bescheidenheit gegenüber Gott, der Schöpfung und unserer eigenen Existenz. Kein Recht und Pochen auf letzte Wahrheiten, nur eine ungezwungene Neugierde der Welt gegenüber und die Suche, was unsere Welt im Innersten zusammenhält.
Offene Weite, so stelle ich mir den gelungenen Anfang der Schöpfung, den offenen Prozess der Welt vor und finde ihn dann und wann in den Bilder meiner Sehnsucht wieder; so stelle ich mir in einem wachen Augenblick die Lebenshaltung vor, die gleichsam mit Kinderaugen die Welt für sich neu entdeckt und Bibel und Physik zusammenschaut, Und weiter stelle ich mir vor:
das offene Meer, die Weite einer Graslandschaft, die Unendlichkeit des Weltalls, die grenzlosen Möglichkeiten in der Geburt eines Kindes. Und der Sehnsucht wachsen Flügel.  

IV. 

So war es wohl am Anfang gemeint, als Gott die Welt schuf. Als er die Schöpfung freisetzte und das Chaos eine Ordnung bekam. Ein Raum, eine Zeit und Rhythmus entstand, in der das Leben mit all seinen Farben und Formen sich entwickeln konnte.
Offene Weite und Freiheit.
Und Gott sprach:
es werde Licht und es ward Licht. Und weiter geht’s:
Der Geist Gottes, seine Sehnsucht, brütete wie ein Vogel über den Wassern unter freien Himmel und weitem Land - und alles begann, der gelungene Anfang des ersten Tages.

Wir werden diese Bilder der Weisheit und der Sehnsucht nicht vergessen dürfen, wenn wir die Erkenntnisse von der Natur vertiefen wollen, und diese Erkenntnis zum Wohl der Schöpfung pflegen. Der Zenmönch und der Teilchenbeschleuniger, die Mystik des guten Anfang und die offene Weite des Kosmos, beides gehört zusammen. Beides sind Ikonen des Lebens. Beides führen in das Geheimnis des Lebens ein, das wir als Christinnen und Christen in diesen Seiten der Bibel zu erkennen glauben. Beides lässt uns staunen und schenkt unserer Sehnsucht Raum und Zeit.  

V. 

In der Geschichte der Menschheit gab es einen Mann, der aus dieser Weisheit des gelungenen Anfangs, die Menschen seiner Zeit an ihre Würde und ihre Sehnsucht erinnerte. Jesus erinnert sie an den Ursprung der Menschlichkeit, an die Quelle der Schöpfungsgemeinschaft, wenn er sagte: Ihr seid das Licht der Welt (Matthäus5, 14 ). Er meinte sicherlich nicht damit, dass alle, die ihn hörten, sich als Maß aller Dinge, als Nabel der Welt oder Krone der Schöpfung sehen sollen. Aber er gab ihnen den Mut des gelungenen Anfangs, wenn er Menschen ansprach, die alles andere erfuhren in ihrem Alltag, nur nicht die Wertschätzung ihrer Person.
Ihr seid das Licht der Welt - mit euch fängt Gott etwas Neues, eine neue Schöpfung und ein neues Leben an. Jetzt, in diesem Augenblick; offene Weite. Erleuchtung könnte sein wie der erste Schöpfungstag, wie neugeboren. Und es gibt keinen Unterschied zwischen Menschen, die profan und solchen, die sich als heilig ansehen. Der Zenmönch nach der Erleuchtung, nach der Erfahrung, das alles eins und einfach sei, geht Holz hacken und sein Geschirr spülen. Die Schöpfung geht weiter. Das Leben geht weiter. Alles in großer Einfachheit - das Denken, das Forschen, das Lieben, das Fühlen, das Geboren werden, das Sterben, alles hat seine Zeit, seinen Ort, seine Quelle. Die Mystik des Teilchenbeschleunigers und die Mystik des Holzhackens.

Vor einigen Monaten ist in unserer Gemeinde eine alte, über 90 jährige Frau verstorben, die mich mit ihrer Einfachheit und ihrer Liebe zum Leben beeindruckte. Sie konnte fast bis zum letzten Tag ihren kleinen Garten bestellen. Der war ihre Freude, ihre Leidenschaft, gehegt und gepflegt. Wenn sie mit den langsamen Bewegungen ihres Alters das Beet hackte, spürte man, das sie ganz in dem präsent war, was sie tat. Sie war für mich eine lichte Person, eine alte Frau, nicht weniger geistesgegenwärtig als unser meditierender Physiker. Sie wirkte als sei sie Teil ihres Rosengartens, den sie pflegte. Und wenn ich dann und wann zu diesem Garten komme, dann sehe ich sie noch vor mir inmitten der Blütenpracht.
Ein Bild der Schöpfung, das ich liebe. Eine Ikone des Lebens in den letzten Tagen des Lebens einer alten Frau. Genauso sollte es sein, denke ich. Ein Tagtraum des Anfangs auf dem Weg in die Endlichkeit und doch ein Geschmack von offener Weite. Ein versöhntes Ende, das den Segen eines guten Anfangs erahnen lässt. So muss es anfangs gemeint sein, als Gott Himmel und Erde, und unsere Sehnsucht nach Glück schuf. So muss es gemeint sein als Jesus seine Hörer ins rechte Licht rückte, und als sie ihn hörten, ahnten sie etwas von dem Licht des ersten Schöpfungstages. Vielleicht ahnte der Apostel Paulus davon als er seiner Gemeinde schrieb, dass wer in Christus lebe, eine neue Kreatur sei mit einem anderen, neuen Lebensgefühl und am Ende sei Gott alles in allem. 

VI. 

Die Priester des Volkes Israel erinnern an die Weisheit des Ursprungs, wenn sie fern von ihrem Land im babylonischen Exil jene Zeilen schrieben, die uns als Schöpfungsgeschichte überliefert wurde, so lassen sie jeden Schöpfungstag enden, indem Gott sein Werk anschaut:
Es war gut. Am Ende des sechsten Tages mit der Erschaffung des Menschen: es war sehr gut - ein gelungener Anfang.
Eine Lebenshaltung, die Gott als Schöpfer uns vormacht.
Eine Liebe zum Leben, die sich beispielhaft wiederfindet in einer Zen-Anekdote, einer anderen Kultur, einer anderen Religion, aber darum nicht weniger wahr und treffend:

„Meister Unmon sagt zu seinen Schülern:
Ich frage euch nichts über die vergangenen zwei Wochen.
Aber was soll man über die kommenden zwei Wochen sagen?
Sagt mir etwas darüber.
Als keiner der Mönche antwortet, sagt er:
Jeder Tag ist ein guter Tag.“
Eine Lebenshaltung, die eine alte Frau lehrt, die nichts anderes tat als ihren Rosengarten zu pflegen.
Eine Schöpfungsspiritualität, die vielleicht auch einem Albert Einstein Freude gemacht hätte und eine, die mit Albert Schweitzer uns sicherlich die Ehrfurcht vor dem Leben schenkt.

Amen.