Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Mose 1,1-31

Pastor Konrad Schomerus (ev.)

in Gemmingen - Sonntag Jubilate

Sonntag Jubilate

Liebe Gemeinde,

Am heutigen Sonntag Jubilate sollen wir lernen, uns wieder zu freuen und zu Jubeln. Zu diesem Zweck ist es uns aufgegeben, uns über die Schöpfung zu besinnen.

Man kann dieser Schöpfung ja auf verschiedene Weise begegnen. Einmal als Forscher, der in der Abgeschiedenheit seines Laboratoriums genau studiert, wie diese Schöpfung funktioniert. Wer ihr so begegnet, wird sich sicher viel nützliches Wissen erwerben. Der kann aufgrund seines erworbenen Wissens Pflanzen und Tiere züchten, genmanipulieren oder gar klonen, Maschinen bauen schließlich sogar Raketen oder Atombomben. Aber er kann auch segensreiche Arzneien entdecken, die viele bedrohliche Krankheiten besiegen können und vieles andere mehr.

Die andere Art, der Schöpfung zu begegnen ist, sich aufzumachen an einem schönen Frühlingstag und bei einem Spaziergang in vollen Zügen Wald und Flur zu genießen, Dabei lernt man andere Dinge, die nicht weniger wichtig sind als die oben genannten. Man hört die Vögel singen, sieht all die blühenden Bäume, kann sich ins Gras legen oder, wenn man älter ist, auf eine Bank setzen und einfach still das unheimlich vielfältige Leben um sich herum beobachten und schließlich fängt man vor lauter Lebensfreude an zu singen. Und dann ist Jubilate.

Es war einer der folgenreichsten Fehler der Menschheit, dass sie diese beiden Weisen, der Schöpfung Gottes zu begegnen als sich ausschleißende Gegensätze betrachtet haben. Daran ist der Begründer der modernen Naturwissenschaft, Galileo Galilei nicht schuld, sondern seine mit ideologischen Scheuklappen versehenen Epigonen im 19. Jahrhundert. Das nur als Randnotiz für die, die sich für den geistesgeschichtlichen Hintergrund interessieren. Wenn Gott den Menschen befähigt und beauftragt, diese Welt zu beherrschen, dann gehören beide verschiedenen Herangehensweisen unbedingt zusammen. Ohne das Staunen und die Freude über die Größe und Schönheit der Schöpfung Gottes ist ein bebauende und bewahrende, eine Sinn gebende Herrschaft über die Natur nicht möglich. Wer’s nicht glaubt, sehe sich nur einmal an, was für große Ängste und Befürchtungen heute mit der technischen Beherrschung der Naturgesetze durch den Menschen verbunden sind. Die Beherrschung der Natur ist durch diese Trennung lieblos und damit sinnlos geworden. Und die Liebe zur Natur belanglos - ein Freizeitvergnügen für Menschen, die möglicherweise in der Woche bei ihrer „eigentlichen“ Arbeit eifrig mitstricken an dem Unheilsgeflecht, das die Lebensgrundlage der Schöpfung zu zerstören droht.

Dass dem so ist, weiß die Bibel sehr wohl. Deshalb bezeugt sie unmissverständlich die Wahrheit. Nämlich:
1. Gott und nichts und niemand anderes ist Grund und Ursprung all dessen, was ist. Er war am Anfang und schuf Himmel und Erde. D.h.: Die Welt, in der wir leben. Ist keine sinn - und seelenlose Anhäufung von Naturgesetzen, mit denen wir machen können, was wir auch immer wollen, sondern ein Kosmos, eine bewundernswerte, grandiose Schöpfung die bis in die kleinsten Einzelheiten die Handschrift ihres liebevollen Schöpfers trägt.
2. Der Mensch, geschaffen wie alle Landtiere am 6. Tage ist nicht nur ein aufrecht gehender Steppenbewohner, sondern das Tier, dessen unverwechselbare Eigenheit ist, mit Gott reden zu können, weil Gott ihm wesentliches von sich mitgegeben hat: Er kann das Ganze sehen, darüber staunen, sich freuen und alles lieben. Er kann im Gespräch mit Gott diese begeisternde Schöpfung liebevoll gestalten und zu dem Sinn führen, den nur verständnisvolle Liebe geben kann.

Damit er das tut, ist ihm die Herrschaft gegeben. Wo wir einfach froh und begeistert anfangen zu jubeln über diese schöne Welt, da sind wir dem Geheimnis der Natur unendlich viel näher als in allen gentechnischen Labors dieser Welt. Und wo wir von diesem Jubel herkommend uns aufmachen, die Welt zu gestalten, dort kommen wir auf ganz andere Gedanken, als dort, wo wir aus Angst vor anderen Menschen die Natur daraufhin befragen, welche Mittel sie uns in die Hand geben kann, andere zu vernichten und unsere Macht damit abzusichern. Nicht wahr, um diesen Unterschied geht es, wenn hier zum Schluss steht: Gott sah an alles, was er gemacht hatte und siehe: Es war sehr gut.

Manch einem stockt ja der Atem angesichts all des Elends und der grausam sinnlosen Bosheit in der Welt wenn er bekennen soll: Ja, diese Schöpfung ist sehr gut. Aber genau darum geht es: Das unter allen Umständen unter aller Verwirrung und in aller Dunkelheit zu erkennen, darüber zu staunen und sich zu freuen. Dann allerdings sich auch aufzumachen und diese begeisternde Schönheit der Schöpfung aus ihrem unter allem Schutt menschlichen Machtstrebens verborgenen Dämmerschlaf hervorzuholen. Sichtbar, wirklich, wirksam werden zu lassen. Um das zu tun können wir durchaus Naturwissenschaftler sein. Wir können aber auch ganz gewöhnliche Sterbliche sein. Eine Frau, die einen Garten hat, sagte mir vor einiger Zeit: Eigentlich sollte ich ja alle Löwenzähne ausstechen. Aber: Sie sehen so schön aus - ich bring’ s einfach nicht übers Herz. Sehen Sie, diese Frau hat die Schönheit der Schöpfung erkannt. Unzählige Bienen und Schmetterlinge, ihre Kaninchen und ihre Kinder danken es ihr. Nun ja, was den Löwenzahn anbetrifft, kann man ja auch anderer Meinung sein. Ich jedenfalls beseitige ihn gnadenlos auf dem Rasen vor meinem Haus. Und wenn ich die zugegebenermaßen schönen Blumen genießen will, dann schaue ich nur auf die Wiese auf der Straßenseite gegenüber, wo hunderte davon stehen und dafür sorgen, dass weder mir die Arbeit, noch den Bienen und Schmetterlingen die Nahrung ausgeht.

Abgesehen aber davon. Jedem von uns ist ja ein großes Stück Schöpfung zum Bebauen und bewahren gegeben. Nämlich all die Menschen, die uns umgeben, seien es Eltern, Kinder Ehepartner Freunde oder Bekannte. In jedem dieser Menschen wartet, oft im Verborgenen, ein wunderschöner kostbarer Edelstein darauf, von uns entdeckt und ans Licht gebracht zu werden, damit jeder darüber jubeln kann. Aber: diese Edelsteine müssen von uns gesucht werden mit liebevollem Herzen und dabei oft unter viel Schutt heraus gegraben werden, um zu leuchten, d.h.: in unserer Wirklichkeit wirksam zu werden. Wo wir uns mit Gottes Hilfe an diese Aufgabe machen, dort werden wir für andere zu Ebenbildern Gottes, d.h., zu Menschen, durch die die Liebe des Schöpfers hindurch scheint auf andere Menschen, so dass immer mehr Menschen glaubhaft bezeugen können: Ja, diese Welt, in der wir leben, ist wahrhaftig sehr gut.

Amen.