Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Mose 1, 2 + 4. Mose 11, 25 + Apostelgeschichte 2, 2-4b + Jesaja 44, 3

Pastor z.A. Matthias Lemme (ev.) und Pastor Frank Howaldt (ev.)

27.05.2012 in der St. Michaelskirche Hamburg-Sülldorf und in der Christianskirche Hamburg-Ottensen

anlässlich der Gründung der Nordkirche und Pfingsten 2012

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Pfingsten im Norden – eine Bricolage

Legendärer Auftritt des Heiligen Geistes. Lang ist’s her. Zu lange. Jetzt müsste er wirken. Jetzt und hier. Als ob das so einfach wäre. Als ob er sich rufen ließe, nur weil Pfingsten ist. Als ob das zu machen sei.

Reise-Journal des Heiligen Geistes – einseitig und unvollendet:

Ein paar Dinge vorneweg, liebe Leute, um der Klarheit und der Liebe willen. Ihr nanntet mich brausender Himmel, Feuerwerk, Sprachgewitter, Kirchengeburtstag – lieb gemeint. Ihr hobt mich in den Himmel, unterschiedet Geistliches und Menschliches als ob es Wasser und Öl sei – gewagt. Ihr machtet mich zum Weissager und Zauberer – ziemlich freundlich. Ihr suchtet mich in eurer Geschichte, wind of change, gefallene Mauern, errungene Freiheit, erträumte Nordkirche. Meinetwegen, aber längst nicht alles!

Ihr wollt mir Namen geben. Ich weiß, ihr tut nichts lieber als das. Daher mein Vorschlag: Wie wär’s mit Schwebevogel, Himmelsstimme, Gottesecho?

Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. (1. Mose 1, 2)

So erzählt ihr es einander: Und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes war dabei. Ich bin dabei gewesen, beinahe von Anfang an. Gott schickte mich ins Abenteuer. Vor dem Licht und den Planeten, vor den Apfelblüten und Zypressen, vor den Amöben und Krokodilen, lange vor euch. Ich war dabei. Dicht dran. Eins mit dem Schöpfer, der sein heiteres Spiel spielte und alle Unkenrufe mit Optimismus strafte. Mal flog ich, mal saß ich, oft schwebte ich, manchmal schlief ich. Die Länge der Tage interessierte mich wenig, aber die Leidenschaft Gottes, die interessierte mich sehr. Denn Menschen waren es, die da lebten und liebten, von Anbeginn der Zeit, voller Trübsal, voller Träume. Wie geht das, so ein Leben hier? Warum arbeite ich so hart? Wieso hab ich nicht, was die dort hat? Warum ist es mal so schön und mal so traurig – bin ich frei oder eine Spielfigur der Götter? In welchen Wind soll ich meine Fahne hängen? Das Leben musste sich erst finden, eine Art Balance, im Wachsen, im Denken, im gegenseitigen Vertrauen. Leidenschaft gegen Leidenschaft. Dankbarkeit gegen Habenwollen. Liebe und Gegenliebe. Ich und die Anderen.

Da kam Gott hernieder in der Wolke und redete mit Mose und nahm von dem Geist, der auf ihm war, und legte ihn auf die siebzig Ältesten. Und als der Geist auf ihnen ruhte, gerieten sie in Verzückung wie Propheten und hörten nicht auf.

(4. Mose 11, 25)

So erzählt ihr es einander: Und als der Geist auf ihnen ruhte, gerieten sie in Verzückung und spielten groß auf. Ihr merkt, oft ist es eine Frage des Maßes: Kommt Begeisterung, Ermutigung, Verzückung oder gar Verblendung dabei heraus? In welchem Wind hängen die Fahnen – hoch und die Reihen fest geschlossen? Das ging in Mark und Bein. Und dann lagen sie da, die Gebeine. Leichenfelder. Tausendfach gemordet in braunem Sog. Ich musste einsehen, dass der Wind, den ich machte, manchmal nur für wenige zu spüren war. Und dass es Mut kostete, mich zu merken, manchmal sogar Kopf und Kragen. Aber ich wehte weiter. Auch in eurer Geschichte. Und ihr werdet es sein, die zu unterscheiden lernen: Geist von Geist. Gute Verheißung von leerer Versprechung. Gesicherte Gartenzäune von Großzügigkeit, die weiß, dass die Verhältnisse nicht bleiben, wie sie sind.

Eure neue Kirche, ihr Lieben, ist ein guter Aufbewahrungsort für diese Einsicht. Eure Nordkirche. Fahnen haben die Friedensstifter wehen lassen in der DDR, auch in meinem Wind. „Schwerter zu Pflugscharen“ stand darauf, und als sie verboten wurden, schrieb man „Schwertfische zu Flugenten“ und alle verstanden. Das war kein Sprachgewirr, das war Standfestigkeit im Glauben. Dabei helfe ich, so gut ihr mich lasst.

So gut ihr mich lasst. Denn als der Schöpfer euch die Freiheit schenkte, das Zaudern, den Zorn, das Glück und den weiten Horizont dazu, da wurden seine Arme kürzer. So kam ich immer mehr ins Spiel. Himmelsstimme, Schwebevogel, Gottesecho, Gotteskraft. Manche bekamen mich zu spüren, einsam wie Elia in der Wüste sitzend, zornig wie Jona im Fischbauch ausharrend, ohnmächtig wie David gegenüber dem starken Feind. Sie bekamen mich zu spüren – wenn sie denn wollten und dünnhäutig waren.

Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer. Und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist. (Apg 2, 2-4b)

So erzählt ihr es einander: Und sie wurden alle erfüllt von großer Freude. Denn ihnen wurde eine Zukunft geboren. Ja, so war es. Die Chronisten haben nicht übertrieben. Ihr wart Feuer und Flamme und nanntet mich so: brausender Himmel, Feuerwerk, Sprachgewitter. Was auf der Hand lag, das ergrifft ihr – endlich. Die fröhliche Botschaft von Gottes Liebe, ihr habt sie in den Mund genommen. Und sie herausgelassen. Habt gesprochen, seid nicht krumm geblieben, habt Kleingruppen gebildet und Bäume gepflanzt. Und jetzt sitzt ihr hier und habt Worte voller Kraft. Herzensworte:

Denn ich will Wasser gießen auf das Durstige und Ströme auf das Dürre: ich will meinen Geist auf deine Kinder gießen und meinen Segen auf deine Nachkommen. (Jesaja 44, 3)

So haben es die Alten vernommen: Gottes Geist auf alles Kleine; Gottes Segen auf das, was kommt. Der große Auftritt, ihr merkt es, ist weder die Regel noch die Ausnahme. Denn ich bin da, fast von Anfang an. Ich bin da, wo und wann Gott will. Gleich da, gleich stark, gleich schwach, wenn ihr so wollt. Denn wie ich nichts bin ohne Gott, so bin ich nichts ohne euch. Und was seid ihr ohne uns, ohne Gott, ohne Geist?

Der große Auftritt liegt mir nicht. Ich bin kein Windbeutel, kein Krachmacher. Ich stecke im Detail und nicht in der Flasche. Schwebevogel, Himmelsstimme, Gottesecho, Gottes Kraft. Dass ihr jetzt die Segel setzt hier im Norden, eine Kirche sein wollt und nicht mehr Ost und West, dass ihr Gräben auffüllt und über Grenzen springt, dass ihr euch nach mir sehnt, das gefällt mir. Sehr sogar. Drum puste ich meine Backen auf. Zauberei, Himmelsbrausen und Sprachgewitter braucht es nicht für euren Weg. Nur Gottes Absichten, die Liebe Jesu Christi – und meinen Spirit, der in euch steckt. Alles Gute, und wer mich sucht, der wird mich finden. Adieu!

Reise-Journal des Heiligen Geistes – einseitig und unvollendet. Als ob der Geist sich rufen ließe. Einfach, weil Pfingsten ist.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen