Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Korinther und den Begriff "Sola gratia"

Dr. Lars Klinnert (ev)

31.01.2010 in der Evangelischen Kirche Iserlohn-Oestrich

anlässlich der Olympischen Winterspiele 2010 in Vancouver

Liebe Gemeinde,

noch zwei Wochen bis zu den Olympischen Winterspielen. Gehören Sie auch zu den Menschen, die sich dann plötzlich für jede noch so verrückte Randsportart interessieren? Also, ich schaue mir nachts um zwei auch schon mal Curling oder Skeleton an. Irgendetwas Faszinierendes ist ja doch daran, wenn Sportlerinnen und Sportler einander im Wettkampf vergleichen. Jeder will der Beste sein, jeder will seine Topleistung abrufen, jeder will letztlich nur eins: gewinnen. Leider wissen wir auch: Nicht jeder kämpft mit fairen Mitteln. Auch in Vancouver wird es wieder den einen oder anderen Dopingfall geben, das scheint jetzt schon sicher. Der Beste zu sein, das ist offensichtlich ein so attraktives Ziel, das mitunter sogar in Kauf nimmt, sich selbst und andere darüber zu täuschen, ob man es wirklich auf ehrliche Weise erreicht hat.

Nun scheint für viele Menschen auch das Leben eine Art sportlicher Wettkampf zu sein. Allein Leistung zählt. Jeder ist seines Glückes Schmied. Ohne Fleiß kein Preis. Das sind erst einmal richtige und wichtige Gedanken. Denn unser gesellschaftliches Zusammenleben funktioniert ja nur dort, wo möglichst alle Menschen ihre besonderen Fähigkeiten in bestmöglicher Weise einsetzen. Wenn der Bäcker keine Lust mehr hat, Brötchen zu backen, und der Lehrer es leid ist, jeden Morgen um acht vor seiner Klasse zu erscheinen, dann haben wir alle ein Problem. Und umgekehrt: Die meisten Menschen leiden darunter, wenn ihre Arbeit nicht mehr gebraucht wird, wenn ihre Leistung keine gesellschaftliche Anerkennung mehr findet; sie fühlen sich dann in ihrer ganzen Persönlichkeit entwürdigt, weil sie sich selber als nutzlos empfinden. Darum ist es wichtig, dass unsere Gesellschaft Leistung belohnt, aber eben auch überhaupt ermöglicht.

Schwierig wird es am oberen und unteren Ende der Leistungsskala. Auf der einen Seite stehen die Menschen, die nur noch sich selber sehen, die nur noch danach streben, ihren eigenen Status zu verbessern und dabei das Gemeinwohl aus dem Blick verlieren. Sie vergessen jeden vernünftigen Maßstab, weil sie nur noch Geld, Macht und Anerkennung sehen. Es ist ihnen egal, wie sie dort hingelangen; es ist ihnen egal, ob sie anderen Menschen mit ihrem Verhalten schaden. Hier wird der Leistungsgedanke pervertiert zu grenzenlosem Egoismus.

Auf der anderen Seite stehen die Menschen, die aus verschiedenen Gründen keine Leistung erbringen können. Auch sie fallen hierzulande in aller Regel nicht ins Bodenlose, und doch sind sie an vielen Stellen von gesellschaftlicher Teilhabe ausgegrenzt. Wollen wir sie nur mit Almosen abspeisen, damit sie nicht verhungern und verdursten, oder sind wir bereit, auch den Hartz-IV-Empfänger, den Asylbewerber, den Sonderschüler als ein wertvolles Mitglied unserer Gesellschaft anzusehen?

Wenn Paulus das menschliche Leben aus christlicher Sicht als einen Wettkampf beschreibt, dann ist uns das erst einmal sehr fremd. Die Vorstellung scheint hier im Ersten Korintherbrief wirklich noch zu sein: Ich muss mich anstrengen so gut es geht, ich muss ein moralisch einwandfreies Leben führen, um Gott recht zu sein, um am Ende mit dem ewigen Leben belohnt zu werden.

Schon bei Paulus selber, spätestens dann aber in der reformatorischen Theologie, wird diese Sichtweise mehr und mehr als problematisch empfunden. Denn wer in seinem Leben Barmherzigkeit und Gerechtigkeit nur deshalb übt, um Gott zu gefallen, um am Ende für seine guten Taten belohnt zu werden, der bleibt letzten Endes seinem eigenen Egoismus verhaftet. Natürlich – Ruhm und Ehre können ein wichtiger Anreiz sein, doch wenn sie die alleinige Motivation für unsere guten Taten werden, verlieren dieses letztlich ihren eigentlichen Wert. Ein Sportler, der nur verbissen nach der olympischen Goldmedaille strebt, dem man aber keine Identifikation mit seiner Disziplin und mit seiner Mannschaft anmerkt, der ist bei den Fans ganz schnell unten durch. Und wenn selber wir dabei erwischt werden, dass wir nur deshalb etwas Gutes getan haben, weil wir vor anderen Menschen gut dastehen wollten, dann ist uns das zu Recht sehr peinlich.

Für Martin Luther war Sünde nicht nur moralisches Fehlverhalten, sondern zuallererst das rücksichtslose Streben danach, durch eigene Anstrengungen Gott zu gefallen. Evangelisch zu sein, bedeutet daher vor allem, einen Perspektivwechsel vorzunehmen. Das Verhältnis von Moral und Religion erfährt hier eine fundamentale Umkehrung.

"Sola gratia", das Zentrum protestantischer Theologie, bedeutet: Ich strebe mit meinem Lebenswandel nicht nach Ehre und Ruhm vor Gott, also nach einem Ziel, das ich letztlich doch immer nur verfehlen kann – sondern ich weiß, dass Gott mich bedingungslos liebt und annimmt, und werde gerade auf diese Weise dazu befreit, mein Leben in seinem Sinne und nach seinen Geboten zu führen. Um noch einmal beim Sport zu bleiben: Der Sportler, der weiß, dass seine Fans auch bei schlimmen Niederlagen zu ihm halten, der kann oft sehr viel entspannter und beherzter die optimale Leistung erbringen. Ebenso gilt: Wer sich der Liebe Gottes gewiss sein kann, wer weiß, dass für sein ewiges Heil durch Jesus Christus schon gesorgt ist, der kann sich ganz und gar der Welt und den Menschen zuwenden, ohne Angst, sich selbst verlieren zu können. Denn er bekommt und erhält seine persönliche Identität nicht durch das, was er macht und tut, sondern durch die gnädige Zuwendung Gottes.

Der Leistungsgedanke ist dem christlichen Glauben trotzdem nicht völlig fremd. Es ist schließlich eine große Herausforderung, das Leben und Zusammenleben im Sinne Gottes zu gestalten. Das ist in der Tat nur möglich, wenn jeder seinen Teil dazu beiträgt. Auch in Kirche und Diakonie dürfen daher Erfolg und Effizienz übrigens eine Rolle spielen. Nehmen wir nur einmal das schreckliche Erdbeben in Haiti. Die Hilfsorganisationen vor Ort sind darauf angewiesen, dass Menschen hier nahezu Unmenschliches leisten, dass sie über sich hinauswachsen, dass sie unter schwierigsten Bedingungen eine effiziente Organisation schaffen. Mit schönen Worten allein ist hier nicht viel getan. Hier ist wirklich Sportsgeist im besten Sinne gefragt, der alle Anstrengungen unternimmt, um in Not geratenen Menschen die bestmögliche Hilfe zukommen zu lassen.

Aber im Angesicht Gottes wird der einzelne Mensch eben nicht über seine Leistung definiert – nicht über seine berufliche oder ökonomische Leistung, nicht über seine moralische Leistung und das ist besonders gegenüber evangelikalen und charismatischen Strömungen in unserer Kirche zu betonen - auch nicht über seine religiöse Leistung. Für das Reich Gottes gibt es keine Olympianorm; wer von Jesus Christus eingeladen ist, der muss keine besonderen Vorbedingungen erfüllen. Aber, und insofern können wir den durchaus problematischen Vergleich des Paulus nun wieder aufnehmen: Wer zu Gott gehört, der weiß, dass sein Leben auf ein wichtiges Ziel ausgerichtet ist, der irrt nicht planlos umher, der bleibt nicht träge auf der Stelle stehen.

Auch ein Sportler hat vor einem großen Wettkampf sein großes Ziel vor Augen. Er trainiert besonders hart, um dieses Ziel zu erreichen, in der Hoffnung, schließlich dafür belohnt zu werden, zumindest aber um zu sich selbst sagen zu können: Ich habe mein Bestes gegeben, auch wenn es am Ende nicht gereicht hat. Es tut uns gut, wenn wir wissen, worauf unser Leben ausgerichtet ist, wofür es sich lohnt, auch einmal Anstrengung und Verzicht in Kauf zu nehmen. Sicher ist es nicht immer einfach, glaubwürdig als Christin, als Christ zu leben – aber unser Leben bekommt auf diese Weise eine Richtung auf Gott hin schon jetzt und hier. Doch, und das ist ebenso wichtig, wird dürfen auch gewiss sein, dass unser Scheitern, unsere Trägheit, unser Unvermögen aufgehoben sind bei ihm, der uns trägt und leitet, wo wir es immer wieder einmal nicht selber schaffen, auf ihn zuzugehen.

Hoffen wir, dass auf diese Weise in zwei Wochen auch die Olympionikinnen und Olympioniken kämpfen: dass sie ihr Bestes geben, um ihr großes Ziel Olympiasieg zu erreichen, dass sie dabei fair bleiben und sich vor lauter Leitungsdenken und Siegesstreben nicht selbst verlieren, vor allem aber, dass sie auch in Niederlagen und Enttäuschungen aufgefangen und getragen werden.