Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Könige 19

Pfarrvikar Christian Coenen (ev)

22.03.2014

anlässlich der Dekanatssynode meines Dekanats

Liebe Dekanatssynodengemeinde,

ich möchte heute über den Text predigen, der auch am morgigen Sonntag in vielen Gemeinden gepredigt wird: Elias verzweifelter Aufbruch in der Wüste (1. Kön 19):

Elia aber ging hin in die Wüste eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Wacholder und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun Herr meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter. Und er legte sich hin und schlief unter dem Wacholder.

Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss! Und er sah sich um, und siehe, zu seinem Haupt lagen ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen.

Und der Engel des Herrn kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir. Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.

Amen

Manchmal ist unsere Bibel ziemlich nüchtern. „Elia setzte sich unter einen Wachholderstrauch“, schreibt sie. Und ich sehe vor meinem inneren Auge den verzweifelten, verängstigten, müden Elia und frage mich, ob hier wohl das richtige Verb gewählt wurde –setzen.

Alternativvorschläge von mir für die deutsche Bibelgesellschaft: „Elia bricht erschöpft unter einem Wacholderstrauch zusammen.“ Oder: „Elia verkriecht sich unter einem Wachholderstrauch.“ Oder: „Elia sackt in sich zusammen.“ Oder, mein persönlicher Favorit: „Elia kauert sich in den Schatten eines Wacholderbaums.“

Vor allem das Wort „kauern“ hat etwas, finde ich. Ich versuche die Haltung nachzuempfinden. Gekauert habe ich schon lange nicht mehr. Vielleicht als Kind unter der Bettdecke, nachdem sich das Dunkel der Nacht um mich gelegt hat und mir angst und bange war. Kauern, ganz klein machen. Sich auf den Boden setzen. Oder auf die Seite legen. Die Beine an den Körper ziehen. Ganz eng ran. Eng, enger, am engsten. Embryonalhaltung. Den Kopf in den Schoß stecken. Mich in mich selbst verkrümmen – das muss man gar nicht theologisch aufladen. Ich will gar nichts mehr sehen. Nur für mich sein. Hohl die Welt der Teufel.

Noch etwas plastischer wird der Kummer des kauernden Elia, wenn wir all seine Verlassenheit in die Situation mit einzeichnen. Inmitten des Nichts, inmitten der Wüste. Da hat es irgendwo ein struppiger Wacholder geschafft durch einen Riss, den die Hitze dort aufgebrochen hat, nach oben zu dringen. Der einzige Schatten weit und breit. Wir fliegen wie ein Vogel über das weite Wüstenland und inmitten all der Gleichförmigkeit gibt es für uns weit und breit nur diesen einen dürren Strauch zu sehen. Und nur wenn wir hinschauen, aber nur wenn wir ganz genau hinschauen, mit Adleraugen, dann sehen wir die Fußspuren im Sand, die zu diesem Strauch führen, dann entdecken wir den kauernden Elia darunter. Ein Schatten seiner selbst, einer der wohl bald hinüber sein wird.

Und wenn wir jetzt ganz genau hinhören, dann weht vielleicht auch der Wind seine Gedanken zu uns, wie den staubigen Wüstensand. Darin ganz viel Verzweiflung. Darin ganz viel Resignation: „Es ist genug nun Herr, nimm meine Seele. Ich will nicht mehr aufstehen. Ich bin am Ende. Ich will nicht mehr wach werden müssen, nicht mehr verantwortlich sein. Ich will loslassen, vergessen.“ Glaubensmüde, lebensmüde. Immerhin Gott als Gegenüber scheidet nicht ganz aus, noch ist er Ansprechpartner, aber viel Hoffnung schwingt da nicht mehr mit.

Einige Zeilen weiter dann der Wechsel. Elia richtet sich auf. Atmet durch. Ganz groß wird plötzlich das kauernde Männlein. Weit, weiter, am weitesten. Offen für Neues, offen für das, was kommt. „Und er stand auf und aß und trank und ging zum Berg Gottes“, schreibt die Bibel. Alternativvorschläge von mir für die deutsche Bibelgesellschaft: „Elia geht voller neuer Hoffnung seinen Weg.“ Oder: „Elia springt auf, angefüllt mit neuer Kraft.“ Oder: „Noch zögernd, aber entschlossen, setzt Elia einen Fuß vor den anderen.“ Oder: „Elia breitet seine Arme aus und spürt die Freiheit.“ Oder etwas wortmalerischer „Aaaaahhhhhh“ (der Prediger breitet die Arme aus)

Es ist eben ziemlich genau jene Bewegung die Elia dort vollführt: vom sich ganz klein machen, zum sich ganz weit machen.

Ich erlaube mir nun ein kleines Gedankenexperiment und transferiere eben diese Bewegung des Elia einmal hier zu uns auf diese Dekanatssynode:

Es gibt ja auch im Büro, auch auf Sitzungen wie der unseren heute, eine Art Eliahaltung. Es ist zwar nicht so, dass wir uns unter die Tische kauern, aber ganz eng machen wir uns auch dort manchmal. Ganz eng sind manchmal auch unsere Gedanken. Wir stützen den Kopf in die Hände. Starren ins Leere. Vielleicht auch aus so einer Haltung der Resignation, des Fatalismus heraus. „Es ändert sich ja doch nichts. Was kann ich schon bewirken? Das wird ja eh alles von oben herab bestimmt.“ - „Es ist genug, so nimm nun Herr meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter.“, wie es Elia formuliert. Und ich füge an: Alternativvorschlag von mir für die deutsche Bibelgesellschaft: „als meine Väter und Mütter.“

Es sind verständliche Gedanken: „Schon wieder eine Stelle weniger. Wo soll das nur hinführen? Der Pfarrer kann doch nicht noch mehr machen als bisher. Und wir im Kirchenvorstand, wir können doch auch nicht noch mehr machen. Erst nehmen sie uns den wöchentlichen Gottesdienst weg, dann die eigene Regionalverwaltung und jetzt auch noch den Pfarrer. Wie soll das nur weitergehen? Was ist unser kleines Dorf denn überhaupt noch wert?“ Und dann plötzlich, steht einer auf, mitten in der Dekanatssynode: „Aaaaahhhhhh“ Dann wird alles ganz weit. Der Körper, die Gedanken. Ganz weit für Neues. Wir atmen durch.

An vielen Orten in unserem Dekanat, liebe Dekanatssynodengemeinde, kauern einige von uns – Gemeindemitglieder, Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher, Pfarrer und Pfarrerinnen - unter ihren Wacholdersträuchern. Da erreichen uns schlechte Nachrichten aus Darmstadt: Es müssen Pfarrstellen gekürzt werden und zwar massiv. Die Finanzen für kleine Gemeinden stehen auf wackeligen Beinen und zwar massiv. Der Druck auf die Ehrenamtlichen wird immer größer. Der bisherige Präses geht und es findet sich einfach kein Nachfolger. All das treibt uns dieser Tage hinaus in die Wüste. Eine Tagesreise weit. Treibt uns unter den Wacholder. Die Vögel kreisen über uns und erkennen in der Ferne unsere Fußspur. Bald ist sie vom Wüstensand verweht. Eines lehrt mich die Eliageschichte hier schon: die Resignation unter dem Wacholder ist keine Zuflucht, sie ist unser Grab.

Aber wie kann es gelingen, dieses „Aaaaahhhhhh“, so dass wir wieder weit werden. Wir und unsere Gedanken. So dass wir weitergehen können.

Da mögen viele ihre Ideen und Vorschläge haben: Sei es Hilfe aus der Personalberatung und Organisationsentwicklung, seien es neue Gesetze und eine Geschäftsordnung für den Kirchenvorstand.

Die Bibel kennt in dieser Geschichte von Elia eine andere Lösung. Sie weiß, was wir Menschen tun können und sollen, nämlich nichts, jedenfalls nichts Substantielles. Es ist eben die Bewegung Gottes auf uns kauernde Menschen zu. Die uns aufbricht, so dass wir aufbrechen können. Es braucht wohl jemanden von außerhalb, ein Engel, der uns anrührt, der uns sagt: „Steh auf und iss, nimm hin und trink; du hast einen weiten Weg vor dir.“ Manchmal wohl auch mehrmals.

Was uns bleibt: wir können um diese Kraft Gottes beten und das werden wir gleich auch tun und wir können genau hinhören. Denn, wer die Eliageschichte kennt, der weiß, sie findet ihr vorerst gutes Ende auf dem Horeb, dem Berg Gottes. Dort spricht Gott zu Elia in einem sanften, stillen Brausen. Einer Stimme schwebenden Schweigens. Es wird heute unser aller Aufgabe sein unter all den vielen Stimmen, die wir auf der Tagung unserer Dekanatssynode hören, jenes schwebende Schweigen herauszuhören, das uns unter dem Wacholder hervorlockt.

Die Bibel schreibt „Nachdem Elia Gott in einer Stimme schwebenden Schweigens gehört hatte, ging er von dort weg.“ Alternativvorschläge von mir für die deutsche Bibelgesellschaft: „Elia geht gestärkt und voller Hoffnung seinen Weg.“ Oder: „Elia richtet sich auf und macht den ersten Schritt.“ Oder einfach: „Aaaaahhhhhh“.

Also: Steht auf und esst und trinkt, wir haben noch einen weiten Weg vor uns.

Amen