Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt im Familiengottesdienst mit Eröffnung der Aktion „Brot für die Welt“

Rainer Schulz

in Kirchseeon

Liebe kleine und große Kinder Gottes,
heute erzähle ich die Geschichte vom Brot. Und das ging so:

Das Brot hatte es satt, nun schon wochenlang tiefgefroren in der Tiefkühltruhe zu verbringen. Wie gerne hätte es sich heimlich und leise nach draußen verkrümelt! „Ich will nicht länger in diesem kalten Schrank herumliegen wie ein unbeweglicher Eisbrocken!“

Doch eines Tages hörte das Brot von draußen schnelle Schritte. Die Tür der Tiefkühltruhe öffnete sich, und Frau Freudenreich schaute hinein. Rasch wählte sie dies und das aus der Truhe aus, um es vom Keller hinauf in die Küche zu tragen.
Auch das Brot nahm sie mit, und das freute sich natürlich riesig. Endlich fand es heraus aus diesem dunklen, kalten Schrank!

Frau Freudenreich legte das Brot in einen Brotkorb und stellte ihn auf den Tisch. Es war schon Zeit zum Abendessen, und das Brot hörte, wie die beiden Kinder Maximilian und Maximiliane herbeigelaufen kamen. Man setzte sich, Herr Freudenreich sprach ein Tischgebet, die Mutter, Maximilian und Maximiliane falteten die Hände.

Gerade da klingelte es. Maximilian stürmte zur Tür, ohne zu fragen, und öffnete. Draußen stand ein etwas abgerissener Mann in nicht besonders sauberer Kleidung; hier und da sah man auch ein paar Flicken. Doch da war die Mutter schon an der Tür, und der seltsame Besucher fragte nur: „Haben Sie was für mich? Ein bisschen Geld oder ein Stück Brot?“ dabei streckte er Frau Freudenreich bittend die Hände entgegen.
Die Mutter lief in die Wohnung zurück, nahm das Brot aus dem Korb und gab es dem armen Mann. Der bedankte sich höflich, machte eine kleine Verbeugung und zog davon.

Herr Freudenreich freute sich. Denn er war Pfarrer, und Pfarrer haben etwas übrig für gute Taten. Er wusste auch sofort einen Satz aus der Bibel dazu, schaute seine Frau dankbar an und ein bisschen strenger seine beiden Kinder: „Und alles, was es an Geboten gibt, das wird in diesem Wort zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“ Die kleine Maximiliane wusste schon, was jetzt kommen würde. „Und wo steht das geschrieben?!“, fragte sie deshalb etwas vorlaut. „Das schrieb Paulus in seinem Brief an die Römer im 13. Kapitel!“, antwortete ihr Vater, der zugleich Herr Pfarrer Freudenreich war.

Das Brot wusste nichts von alledem und war nun in der Tasche von Rudi Klug gelandet. Und Rudi hieß nicht nur „Klug“, er war es auch. Er wusste genau, wie man erfolgreich um Geld oder Essen bat. So gelangte das Brot aus der Tiefkühltruhe auf den Tisch und von dort in die Tasche von Rudi Klug, einem Mann ohne Wohnung, ohne Arbeit, ohne Familie.

Aber es blieb lange nicht dort. Jedenfalls nicht ganz. Denn bald begegnete Rudi Klug seinem Freund Josef. Der hatte auch keine Wohnung. Wie Rudi lebte auch Josef auf der Straße. Sie gingen ein Stück zusammen.
Als sie an der Kirche vorüber kamen, sahen sie ein buntes Plakat im Schaukasten hängen. Es zeigte Kinder mit brauner Haut und großen Augen. Sie sahen ebenso abgerissen aus wie Rudi und Josef. Aber sie kamen aus Südamerika, von der anderen Seite der Welt. Josef zeigte auf das Bild und sagte: „Schau mal. Die haben auch nichts. Wie wir!“ Rudi nickte. Dann aber griff in die Tasche, holte strahlend das schöne, große Brot heraus und gab Josef etwas davon. Als die beiden gerade genüsslich in ihr Brot beißen wollten, da hörten sie eine Stimme. Es war eines der Kinder auf dem Bild im Schaukasten. Man hörte es erst leiser, dann lauter und deutlicher.
Rudi staunte, und Josef sagte nur: „Zum Donnerwetter!“

Das Kind auf dem Bild stellte sich vor. „Ich heiße Juanito“, sagte es, und das ist spanisch und bedeutet soviel wie Hänschen. „Ich habe Hunger. Gibst du mir etwas ab?“. Besonders Josef war sprachlos. Stumm streckte er dem Kind sein Stück Brot entgegen. Und die kleine braune Hand griff danach, und weg war es!

So geriet das Brot von der Tiefkühltruhe auf den Tisch in die Tasche von Rudi, und eine Hälfte davon in die Hände von Josef und von dort nach Peru in Südamerika.

Das Brot freute sich riesig. Endlich war es in eine warme Gegend geraten. Juanito aus Peru bewahrte das Brot sorgfältig in seinem kleinen Rucksack aus bunter, gewebter Wolle auf und trug es nach Hause. Dort saßen 8 hungrige Mäuler auf dem Lehmfußboden einer kleinen, dunklen Hütte und schlürften heißes Wasser mit fast nichts drin als Wasser – eine Wassersuppe. Juanito zeigte das Brot herum, und alle wunderten sich. Woher er das wohl hatte?

Pedro, sein Vater, faltete die Hände und sagte: „Lasst uns Gott danken!“. Es wurde still in der Hütte, und der Vater betete. Das konnte er gut, denn er war der Prediger im Dorf. Das ist fast so eine Art Pfarrer. Als er fertig war, brach er das Brot in zwei Teile und verwahrte die eine Hälfte in einem Beutel. „Gott hat uns dieses Brot geschenkt, und wir werden es mit anderen teilen, die ebenso so wenig haben wie wir.“, meinte er. Und wie es bei Pfarrern und Predigern so üblich ist, fügte er gleich noch einen Spruch aus der Bibel hinzu. Nur klang es bei ihm anders als bei Pfarrer Freudenreich. Denn Pedro sprach ja spanisch, und so hörte sich das ganze nun so an: „Los mandamientos quedan comprendidos en estas palabras: Ama a tu prójimo como a ti mismo.“ Wir wissen schon, wo das steht. Das schrieb Paulus in seinem Brief an die Römer im 13. Kapitel. Es war derselbe Satz, den schon Pfarrer Freudenreich aus der Bibel genommen hatte: „Und alles, was es an Geboten gibt, das wird in diesem Wort zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“

Das Brot wurde nun immer kleiner. Erst hatte Rudi es mit Josef geteilt, dann Josef mit Juanito aus Peru, dann Pedro, der eine Hälfte für die Familie behielt, die andere Hälfte aber zum Gottesdienst mitnahm und es dort in einen Korb legte. Geld wurde in Pedros Gemeinde nicht gesammelt. Jeder brachte mit, was er so hatte, zum Beispiel etwas Salat oder Zucker oder eben ein Stück Brot.

„Jetzt kenne ich die Welt!“, dachte sich das Brot, das nun wahrhaftig weit herumgekommen war.

Und als hätte Thomas Wetterstein das gehört, griff er zu seiner Kamera und machte ein Photo von dem Korb und dem Brot darin. Herr Wetterstein war ausnahmsweise einmal kein Pfarrer. Er lebte vom Photographieren und war ständig auf Reisen. Heute war er zu Besuch in dem kleinen Dorf in Peru. Er machte auch ein Bild von Pedro und sagte: „Nimm doch mal schnell den Korb mit dem Brot da!“, und dann photographierte er Pedro mit dem Brot. „Das habe ich mitgebracht“, sagte Pedro stolz. „Das Brot, das Gott uns schenkt, ist für alle da“, ergänzte er noch. Herr Wetterstein war beeindruckt von soviel Nächstenliebe. Und Pedro, der gerne viel redete wie alle Prediger und Pfarrer in aller Welt, zeigte auf die Bibel und sagte – nun, wir wissen schon, was er sagte -, sagte also: „Ama a tu prójimo como a ti mismo.“ „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Wir erinnern uns: Das schrieb Paulus in seinem Brief an die Römer im 13. Kapitel.

Thomas Wetterstein verkaufte sein Photo später an einen Buchverlag daheim in Deutschland. Er bekam ordentlich Geld dafür. Der Verlag brauchte solche Bilder. Denn davon machte er Kalender und Plakate und verkaufte sie, zum Beispiel an die Kirchengemeinden. Auch Pfarrer Freudenreich kaufte im nächsten Jahr wieder einmal so ein Plakat und hängte es in den Schaukasten neben der Kirche. Man sah darauf einen Mann aus Peru, der einen Korb mit Brot in Händen hielt. Natürlich hatte er keine Ahnung, wer Pedro war mit dem Korb und dem Brot darin. Und erst recht nicht, woher das Brot gekommen war. Dass Juanito es mit nach Hause gebracht hatte. Und dass der es von Josef hatte. Und Josef von Rudi. Und Rudi von Frau Freudenreich.

Was für eine Geschichte! Vielleicht ist sie ja wirklich wahr. Paulus hatte schon recht, als er von fast 2000 Jahren einen Brief nach Rom schrieb. Wir wissen jetzt ganz genau, was darin stand: „Und alles, was es an Geboten gibt, das wird in diesem Wort zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“

Amen