Foto von aufgeschlagenen Büchern

Konfirmationspredigt über Philipper 2,16

Pfarrerin Christel Weber

28.04.2002 in der Ev. Stephanus-Kirche in Borchen

Liebe Gemeinde, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,

Ein Strauß Luftballons. Von einer Hand fest umschlossen. So könnt ihr es auf eurem Deckblatt sehen. Passend dazu steht in den Luftballons geschrieben: Haltet am Wort des Lebens fest! Ein Satz, den der Apostel Paulus aus dem Gefängnis heraus an seine Gemeinde in Philippi geschrieben hat: Haltet am Wort des Lebens fest!
Worte werdet ihr heute genug hören, "Herzlichen Glückwunsch", "Alles Liebe", "Alles Gute", "Viel Erfolg", "Gottes Segen". Ihr werdet unzählige Karten bekommen mit freundlichen Worten. Vielleicht gibt's nachher auch eine Tischrede von Euren Eltern. Aber was sind "Worte des Lebens"? Es sind doch wohl solche Worte, die nicht verblassen und wertlos werden wie eine Sieger-Urkunde im Laufe der Jahre. Es sind doch wohl Worte, die halten, was sie versprechen, anders als es in der Werbung üblich ist. Worte des Lebens, das sind doch wohl ehrliche Worte, nicht geheuchelt. Worte des Lebens, das sind doch wohl solche, die genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort ausgesprochen werden, Worte, die trösten, heilen, aufrichten, ermutigen: kurz: Worte, die zum Leben helfen...
Und auch, wenn ihr liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden manchmal genug von den vielen Worten habt (und Eltern reden ja meistens viel zu viel), so glaube ich doch, dass ihr genauso sehnsüchtig, süchtig nach solchen Worten des Lebens seid wie wir Erwachsenen auch. Ein gutes Wort zur richtigen Zeit: "Ich halte zu dir!" oder "Kopf hoch. Wir werden einen Weg finden." oder: "Du bist ein prima Kerl." Worte des Lebens. Wunderbar. Wir brauchen sie wie die Luft zum Atmen, wie das tägliche Brot. Eigentlich können wir davon gar nicht genug bekommen. Und doch warten wir manches Mal vergeblich auf so ein gutes Wort. Wo bekommen wir sie her, die Worte des Lebens?
Im Johannes-Evangelium wird erzählt, dass sich eines Tages viele Jünger von Jesus abwandten und nicht mehr mit ihm mitgingen. Jesus fragt darauf die zwölf übriggebliebenen Jünger: Wollt ihr auch weggehen? Da antwortet ausgerechnet Petrus, der draufgängerische, übereifrige, zuweilen großmäulige Petrus: "Herr, wohin sollten wir denn gehen? Du hast Worte des Lebens."

Drei solche Worte/Sätze des Lebens möchte ich euch weitergeben und euch von den drei Menschen erzählen, denen diese Worte wirklich zum Leben verholfen haben.


1.
"Ich danke dir, Gott, dass ich wunderbar gemacht bin." Es war eine junge Frau, die nur vorübergehend in Borchen war und ein paar Wochen sonntags in unseren Gottesdienst kam. Ich hatte gerade das Lied entdeckt, das wir gleich auch singen werden, wenn ihr Konfirmandinnen und Konfirmanden gesegnet werdet: Herr, sei gelobt, weil du mich erschaffen hast. Wir sangen das Lied an mehreren Sonntagen hintereinander. Mir fiel auf, dass die junge Frau, die ich nicht kannte, es nur unter Tränen mitsingen konnte. Nach einem Gottesdienst kamen wir in's Gespräch, verabredeten uns. Und dann erzählte sie mir von ihrer Kindheit und ihrer unglücklichen Ehe und dass sie darüber schwer krank geworden war. Niemand weder Eltern noch Ehemann hatten ihr auch nur einmal gesagt, wie wunderbar sie war. Alle hatten nur ihre Fehler gesehen, ihre Defizite, sie verglichen mit den Geschwistern, die klüger waren und mehr Ausstrahlung hatten. Bis sie selber geglaubt hatte, dass sie weniger wert war. Jetzt lasen wir den Psalm zusammen, dem das Lied nachgedichtet war: "Ich danke dir, Gott, dass ich wunderbar gemacht bin." Und ich spürte ihr Erstaunen über diese Worte. Einige Monate später schrieb mir die Frau: "Langsam beginnt etwas zu heilen."
"Ich danke dir Gott, dass ich wunderbar gemacht bin."
Ein Wort des Lebens. Ich gebe es an Euch weiter. Haltet es fest. Vielleicht werdet auch ihr es einmal brauchen.

2.
"Ich muss mir mein Leben nicht verdienen. Gott schenkt es mir." Es war der Vater eines Kindes, das ich taufen sollte. Er trieb mich zum Wahnsinn mit seinen Terminwünschen: "am besten Samstag um 15.00 Uhr. Ich muss nämlich Sonntag schon wieder auf Dienstreise, und das Taufgespräch hätte ich gerne am Dienstagabend so gegen 21.00 Uhr. Eher bin ich nicht aus dem Büro zurück. Wirklich." Ich wollte nicht unhöflich sein, aber ich merkte mein inneres Unbehagen. Die Taufe eingequetscht zwischen Büro und Dienstreise, das passte irgendwie nicht. Ich erklärte dem arbeitswütigen Vater zuerst unsere Gepflogenheiten, was ihn zu noch längeren Erklärungen über seine Arbeit veranlasste. Schließlich fragte ich ihn etwas spitz: "Müssen Sie so viel arbeiten, um Geld zu verdienen oder müssen Sie sich noch Ihr Leben verdienen?" Da schwieg er plötzlich. Beim Taufgespräch, das zu einer normalen Uhrzeit stattfand ebenso wie dann die Taufe, unterhielten wir uns angeregt: Sind wir nur das, was wir leisten? Ich habe dann von der Taufe erzählt. Sie zeigt uns, wieviel wert wir Gott sind, auch wenn wir wie der kleine Sohn des Mannes noch gar nichts leisten können. Es war eine schöne Taufe und der Vater hat dem Jungen vor der ganzen Gemeinde gesagt, dass er immer wichtiger für ihn sein soll als seine Arbeit.
"Ich muss mir mein Leben nicht verdienen. Gott schenkt es mir."
Ein Wort des Lebens. Ich gebe es an Euch weiter. Haltet daran fest!

3.
"Die Gott vertrauen, werden frei von Schuld." (Psalm 34, 23) Ich kannte auch diese Frau nicht. Ich lernte sie vor einigen Jahren in der Kur kennen. Wir saßen jeden Morgen in der gleichen Gruppe. Sie war sehr still, erzählte fast nichts. Bis eines Tages einer - ich weiß gar nicht mehr in welchem Zusammenhang - zu einem anderen aus der Gruppe sagte: "Du kannst ja nichts dafür. Es ist ja doch nicht deine Schuld." Da ging sie, die stille, hoch: "Ich kann das nicht mehr hören, dieses ewige: "Es ist nicht deine Schuld. Du kannst nichts dafür! Es stimmt einfach nicht." Und dann erzählte sie von dem Selbstmord ihres Sohnes, mit dem sie nicht fertigwurde. Sie hatte viele Gespräche mit Ärzten und Therapeuten geführt, die ihr klargemacht hatten, dass es die Entscheidung ihres Sohnes war, aus dem Leben zu scheiden und dass sie nichts dafür könne. "Das ist alles richtig", sagte sie, "aber es hilft mir nicht. Ich fühle mich so schuldig." Wir schwiegen betroffen. Wer es war, weiß ich nicht mehr, aber irgendjemand fragte sie plötzlich: "Kannst du etwas mit Vergebung anfangen?" Wir konnten sehen, wie sich die Frau in der Folgezeit entspannte und wie sehr haben wir uns über ihr erstes Lachen gefreut. "Die Gott vertrauen, werden frei von Schuld." Ein Wort des Lebens. Ich gebe es an Euch weiter. Haltet es fest!

Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass diese Worte des Lebens, diese erlösenden guten Worte sozusagen auf der Straße liegen und man braucht sie nur aufzuheben und schon ist alles in Ordnung. Was ist denn solch ein Wort des Lebens für die Angehörigen all der Menschen, die am Freitag im Erfurter Gutenberg-Gymnasium einem unfasslichen Amoklauf zum Opfer gefallen sind? Und konnten wir viel mehr als schweigen, als am 11. September mitten in unseren Konfirmanden-Unterricht die Nachricht von den Attentaten in den USA platzte? Worte des Lebens, Worte, die dann helfen und nicht nur Phrasen sind, sind nicht leicht zu finden und das ist auch klar, denn es ist ja Gott selbst, den wir in diesen schrecklichen Situationen nicht verstehen, nicht finden können.

Und doch: wenn ich an den 11. September denke, dann haben wir ganz ähnlich wie Petrus reagiert, der Jesus gesteht: "Wohin sollten wir denn gehen? Du hast Worte des Lebens." Wenn nicht zu Gott, wenn nicht in die Kirche in so einer Situation, wohin sollen wir denn gehen?

Und so möchte ich Euch wünschen, ermuntern, auch dann noch an Gott festzuhalten, wenn Ihr ihn nicht versteht, auch dann zu beten, wenn eure Wünsche sich nicht erfüllt haben, auch dann noch in Kontakt zur Gemeinde zu bleiben, wenn nicht alles so läuft, wie ihr euch das vorstellt. Haltet die Verbindung! Und selbst wenn in nächster Zeit ersteinmal die Gemeinde, der Gottesdienst, wir in größere Ferne rücken, so könnt ihr ja jederzeit an der Leine ziehen. Gott wird sich nicht lange bitten lassen. Wir auch nicht. Haltet ihr nur die Leine fest!

Amen.