Foto von aufgeschlagenen Büchern

Fastenpredigt über 1. Mose 12,1-4a + 2. Timotheus 1,8b-10 + Matthäus 17,1-9

Markus Nolte (rk)

20.03.2011 in der (ehem.) Klosterkirche Vinnenberg, Kreis Warendorf

Meine lieben Schwestern und Brüder,

 

ist es nicht wunderbar zu sehen, mit welcher scheinbaren Selbstverständlichkeit allmählich das Leben zurückkehrt auf die Felder, in die Gärten und Wälder? Wie langsam, aber beständig das Graue und Düstere des Winters von grünem Flaum überzogen wird? Es tut sich was, draußen in der Landschaft des Münsterlandes, ringsum und im Kloster Vinnenberg. Der Frühling beginnt heute, die Schöpfung reckt sich und streckt sich dem Licht, der Sonne entgegen und will und kann endlich wachsen und gedeihen und herauskommen aus dunkler Erde, aus Korn und neuem Keim und neuer Knospe. Und wer das wahrnimmt und sieht und fühlt und riecht, dem geht das Herz auf, der geht hinaus und wandert durch die wachsende Welt und jeder weiß, dass er ist, was und wer er ist, weil er keimen und knospen und wachsen durfte zur Reife, zur Blüte - mancher jüngst, mancher damals, mancher aufs Neue. Mancher denkt mit Dankbarkeit daran zurück, mancher in Wehmut, mancher in Trauer, mancher freilich - auch das muss und darf gesagt sein - in schmerzlichem Vermissen, das alles nie erlebt zu haben.

 

Womöglich, liebe Schwestern und Brüder, geht es uns Erwachsene deshalb mitunter so merkwürdig melancholisch an, die Jungen reifen zu sehen, wie sie groß werden und sprießen, manchmal in alle Himmelsrichtungen gleichzeitig, unbändig und ungebunden und frei - denen das Leben noch eine einzige große Möglichkeit aus tausend kleinen ist.

 

Jedenfalls denjenigen unter den Jungen, die das Glück haben, in Liebe aufwachsen und sich entfalten zu können zu voller Pracht. Wo die nicht ist (wer wüsste das nicht), diese frei gegebene und freigebende, freigiebige Liebe, aus welchem Grund, aus welchem biographischen Zufall auch immer, aus welcher Schuld und aus welchem Zwang auch immer, da mag zwar so mancher wohl erzogene Mensch dabei heraus kommen, aber eben ein von anderen gezogener, herangezogener, ein aufgezogener; daraus mag ein Mensch groß und stark und erfolgreich geworden sein, aber reifen konnte er womöglich nicht; da mag einer der Jugend entwachsen sein, aber ahnt doch schmerzlich, dass es ihm nicht genügt, ausgewachsen und fertig zu sein, solange dies eine fehlt: wirklich er, wirklich sie, wirklich ich sein zu können, zu dürfen.

 

Mir ist aufgefallen, dass diese Tage Vätertage sind. Gestern das Fest des heiligen Josef, diese merkwürdig und immer wie ein Zugeständnis klingende Gestalt in der Menschenbiographie dessen, den wir Jesus, Bruder und Herr zugleich nennen. Morgen das Fest des heiligen Benedikt von Nursia, den Schwestern und Brüder an diesem Ort über Jahrhunderte als ihren „heiligen Vater“ verehrten in der Form ihres Lebens - als, wie man so sagt, Söhne und Töchter Benedikts, des „Patrons des Abendlandes“. Und dann, heute im Evangelium, wahrhaftig die Stimme Gottes, Gottvaters um genau zu sein: „Dies ist mein geliebter Sohn.“

 

Die Theologie spricht an dieser Stelle groß und hoch und tief davon, hier zeige sich Jesus eben nicht nur als Menschensohn und -bruder, sondern werde leuchtend vom Vater als „Gott unter uns“ proklamiert wie einst auf einem anderen Berg Jahwe dem Mose im brennenden Dornbusch, als „Selbstmitteilung Gottes“, als Offenbarung Gottes, kurz: als Gott selbst - und zwar so schlicht wie ergreifend eben als Liebesbekenntnis: „Dies ist mein geliebter Sohn“. Gott teilt seine Liebe, teilt seine Liebe mit, seine Liebe zu seinem Sohn, als sein Sohn, als reine Liebe. Gott ist Liebe, und darum ist alle Liebe Gott. Das ist heute ein für allemal noch einmal gesagt. Gott ist die Liebe, und darum ist alle Liebe Gott.

 

Das alles in Vollkommenheit: Drei Jünger, drei strahlende, göttliche Personen, drei Hütten: dreimal Menschliches, dreimal Göttlich-Himmlisches, dreimal Irdisches: drei Jünger, drei Propheten, drei Gottpersonen, drei Häuser. Perfekter geht es kaum: dreimal drei - das ist das Zahlensymbol der Vollendung, der Fülle. Das alles oben auf einem dem Alltäglichen, dem Flachen, Platten entwachsenen, „hohen Berg“, den die Tradition auf dem Tabor zwischen See Gennesaret und Nazaret ansiedelt. Heute steht dort eine Kirche, neoromanisch, und immer wieder taucht die Dreizahl in ihrer Architektur auf: drei Bögen, drei Kirchenschiffe, drei Stockwerke - Ganzheit, das Ganze schlechthin. Das alles allerdings auf einem Berg, der in biblischer Sicht übelste Schlachten gesehen hat, wo dereinst „Armageddon“ geschehen soll, der letzte Kampf der Apokalypse, und den bis heute Kampfjets der israelischen Armee mit bedrohlich kreischenden Turbinen im Tiefflug umkreisen - so wie uns auch heute in diesem Hochamt ähnliche Bilder aus Libyen umkreisen, aus Japan mit all ihrem Schrecken. Inmitten also solcher Bilder von Kampf und Verteidigung, Gericht und Gewalt heute wie damals wie morgen ruft die Himmelsstimme ihr Liebesbekenntnis: „Dies ist mein geliebter Sohn.“

 

So naiv, so abstrus, so völlig am Kern vorbei es klingt, dass Petrus angesichts solch überwältigender Botschaft spontan drei Hütten bauen will: Mir klingt als Kern dieser Tabor-Erfahrung die dichte Nähe von Liebe und Angst durch: Unmöglich! Soviel Liebe ist unmöglich! Soviel Gott ist unmöglich! Aber sei‘s drum: Bauen wir was drumrum, bauen wir Hütten, drei am besten, halten wir‘s fest, mauern wir‘s ein, machen wir ein Haus draus. Ausgerechnet Petrus, der Fels, der Fels der Kirche. Ja, das könnte uns so passen: Die Kirche - so scheint es mitunter - würde bauen, einmauern, umfriesen, festhalten, Strukturen schaffen, Pläne machen. Gott einfangen womöglich. Und die Liebe sichern und festschreiben in Grenzen und Mauern und Hütten und Palästen.

 

Doch: Nichts von alldem. Nichts als das Bekenntnis, nichts als Offenbarung, nichts als Liebe - da, wo Gewalt alles umfliegt, Gericht, Urteil, Weltuntergang gar. 

 

Aber, machen wir uns nichts vor: Ruft nicht ausgerechnet dieser Jesus, heute noch auf dem Berg Tabor vom Vater als geliebter Sohn tituliert, in wenigen Wochen vom Berg Golgota schier verzweifelnd demselben Vater entgegen: „Warum hast du mich verlassen?“ - Machen wir uns nichts vor, liebe Schwestern, liebe Brüder: Klingt in der Sehnsucht danach, geliebt zu sein, nicht immer auch die Angst mit, diese Liebe zu verlieren? Oder sie womöglich gar nicht verdient zu haben, ihrer nicht wert zu sein? Sie nicht halten zu können? Wie verständlich ist es, dass solche enge Angst alles daran setzt, die Liebe in den Griff zu bekommen, sie zu domestizieren in selbst gebauten Hütten, einem gemütlichen Zuhause, idealen Zuständen, besten Voraussetzungen, die doch alles bieten, was zu einer guten, liebevollen Familie gehört - Ein- und Auskommen und Kinder, wohlerzogene womöglich...

 

Das Evangelium spricht eine andere Sprache. Es kennt Josef, den Ziehvater, es kennt die Verkündigung einer Geburt durch eine Jungfrau - das feiern wir am Freitag - , es kennt einen Sohn, der seine Mutter zurückweist und alle seine Brüder und Schwestern seine Familie nennt; es kennt einen Lieblingsjünger, den der Sohn der Mutter unterm Kreuz gewissermaßen an die Brust legt, zur Adoption übergibt.

 

Es ist ein merkwürdig anrührendes Wort: „Dies ist mein geliebter Sohn.“ Ein Sehnsuchtswort, denn ich weiß von vielen, die ein Leben lang darauf warten, dass einer diesen Satz über sie ausspricht. „Das ist mein geliebter Sohn. Da ist meine geliebte Tochter.“ Wie viele warten auf diesen Satz, dass er ausgesprochen wird über sie? - Einmal und für immer, und dann und wann zwischendurch, als Erinnerung ... Wie viele auch in der Kirche warten auf diesen Satz, dass er stärkend und bleibend über sie gesprochen wird? Offensichtlich ist es leichter, den Stab zu brechen und die Augen zu verschließen als zu sagen: Auch du bist geliebter Sohn, geliebte Tochter Gottes. Manche aber - und es sind nicht wenige - erleben stattdessen Abkehr, und es sind nicht sie, die sich wegwenden und einfach fortgehen.

 

Abkehr aber ist kein Wort Gottes. Weil es immer um die Liebe geht in der Frohen Botschaft für diese Welt, weil er selber diese Botschaft der Liebe, diese Liebe selber ist - darum ist Abkehr kein Wort des Evangeliums. Darum gibt es bei Gott keinen lieblos hergezeigten Rücken, kein Weggehen, kein Stehenlassen im kalten Wind.

 

Wohl ein Gehenlassen. Manchmal in großer Traurigkeit, von der das Evangelium etwa beim reichen Jüngling erzählt, der von Jesus wegging, weil er nicht bereit, womöglich noch nicht reif genug war, alles sein zu lassen und Jesus zu folgen, ihm nachzugehen. Stattdessen geht er weg, traurig, wie es heißt, und weil das Markus-Evangelium ausdrücklich sagt, dass Jesus ihn liebte (Mk 10,21) - trotz allem -, stelle ich mir vor, dass Jesus ihn nicht gehen ließ, ohne ihm nachzusehen. Oder besser: Begleitet von Jesu Blick im Rücken, konnte dieser reiche Jüngling nicht nur weg-, sondern weitergehen, seinen Weg. Ein Weg, ein Wandeln im Blick Jesu, in der Liebe, die Gott ist, wird es allemal gewesen sein. Jesus, Gott, hat ein Nachsehen mit uns, darum hat bei Gott nie jemand das Nachsehen, sondern immer, stets und immer: Ansehen - selbst da, wo wir in andere Richtungen sehen und gehen.

 

Liebe Schwestern und Brüder, darum müssen wir unbedingt über die Vater-Sohn-Geschichte schlechthin sprechen, die nicht ohne Grund ihren Ort in jeder Fastenzeit, in jeder Österlichen Bußzeit hat, auch wenn sie uns an den Fastensonntagen dieses Jahres nicht begegnet: das Gleichnis vom Verlorenen Sohn oder vom Barmherzigen Vater. Denn der Kern dieser vertrauten Fastenzeit-Geschichte ist zuallererst die Freigiebigkeit des Vaters, den Sohn überhaupt ziehen zu lassen. Schließlich fügt er sich nicht einfach dem Willen dieses aufmüpfigen Heranwachsenden, er gibt ihm tatsächlich auch sein Erbe mit, wohlwissend, dass der Sohn es verschleudern wird. Was für ein Zutrauen! Wieviel Liebe! Wieviel Ziehenlassen!

 

Ich glaube übrigens nicht, dass der Vater sehnsüchtig am Fenster stand und auf die Rückkehr seines Sohnes gewartet hat. Ich glaube nicht, dass er gewartet hat, aktiv. Er hat schlicht und ergreifend weiter geliebt - und den Sohn hinausgehen lassen. Und indem er ihm sein Erbe mitgegeben hat, ermöglichte er ihm sein Aus-Kommen ...

 

Ausziehen, Weggehen, das Heimische verlassen - erzählt davon nicht auch die erste Lesung heute, die Abrahams-Geschichte? Oder die Moses-Geschichte? Die Elija-Geschichte? Die Geschichte des Volkes Israel, die uns, der Kirche doch so tief eingeprägt ist - bis in den Namen: die Kirche, die ekklesia - das sind die Herausgerufenen. Die, die das Gewohnte verlassen, bevor es gewöhnlich wird, die Neuem, wenn auch Verheißenem so doch auch Unbekanntem entgegenwandeln. Im Wandel steckt die Wandlung. Durch die Zeit, durch die Welt und unser Leben wandelnd wandeln wir uns, werden gewandelt, reifen heran - von Söhnen zu Vätern, von Töchtern zu Müttern, und bleiben und dürfen bleiben doch immer dies: Kinder Gottes. Das ist eine Ehrentitel, eine Würde. Kinder Gottes.

 

Dies sei noch gesagt, meine Schwestern, meine Brüder: Weil alles Wandeln zur Wandlung bereit ist, gehört zu unserem Lebenswandel auch die Wende, die Umkehr, die Hinkehr - und die Heimkehr; niemals aber die endgültige Abkehr, die ewige Abwendung. Am Ende steht das Fest, so wie heute, so wie hier, mit der Wandlung dessen, was auf unseren Feldern wuchs und reifte und Frucht wurde, zum Unterpfand, zum himmlischen Erbe schon hier - in Leib und Blut. Am Ende steht das Fest, das uns erinnert an den Ring des Festes, von dem im Gleichnis vom Verlorenen Sohn die Rede ist als Willkommensgruß des Vaters. Es ist der Ring des Festes einer großen Liebe, einer treuen Liebe, die wachsen lässt, die hinausgehen lässt und stets und immer willkommen heißt.

 

Ob der Sohn im Gleichnis übrigens geblieben ist, wissen wir nicht. Dass er gehen konnte, schon. Vermutlich geht vielmehr unter dem Himmel, als manche meinen. Es geht um viel mehr. Es geht um Herkunft und um Heimkunft, manchmal um Unterkunft für eine Zeit - und sei es in drei Hütten. Aber dann geht der Weg weiter, hinab vom Tabor, hinab in die Ebene, hinauf nach Jerusalem, hinauf nach Golgota, ins Grab, in den blühenden Ostergarten und zurück nach Galiläa. Weite Wege durch Frühling, Sommer, Herbst und Winter, ein Leben lang - doch in der Liebe können wir nie zu weit gehen. Denn einer wird uns immer vorausgehen.